Früher oder später würde es Thema werden! So konnte es nur falsch sein, nun zu lügen und Unschuld vorzuspielen, die es nicht gab. Natürlich war sie beobachtet worden, andernfalls wäre Hermine nie in diese Situation geraten.

Snape sah sie völlig entgeistert an, sekundenlang, dann räusperte er sich und presste die Lippen aufeinander. Die Furcht vor konkreteren Nachfrage konnte sie vorerst wohl vergessen. Das war nun schon fast amüsant für sie! Ganz offensichtlich war das nicht das Gesprächsgebiet, auf dem Professor Snape mit Provokationen glänzte. So räusperte auch sie sich. Eher aus Erleichterung als aus Peinlichkeit. Vielleicht würde all das wesentlich leichter werden, als sie es befürchtet hatte.

Wobei, ganz eindeutig war sein Verstand messerscharf. Regelrecht beängstigend war der Gedanke, welche Motive ausgerechnet Snape in dieser Erinnerung erkannt zu haben glaubte. Nie hätte Hermine gedacht, dass er so etwas wie Feminismus würde nachvollziehen können. Diesen Gedanken aufgreifend sagte sie:

"Auf der Liste stehen Männer und Frauen. Vielleicht sind es ja auch mehrere Beteiligte. Dolores Umbridge, Pansy Parkinson und Astoria Greengras sehe ich als Kandidaten, die am ehesten verdächtig sind. Sie haben die besten Motive."

Hermine seufzte und begann mit ihrer Erklärung. So oft hatte sie die Argumente schon hervor gebracht. Nicht für diese Geschichte, sondern generell.

"Umbridge kann immer noch hoffen, dass sie einer lebenslangen Haftstrafe entkommt, gerade dann, wenn Sie als Belastungszeuge entfallen. In diesem Fall ist leider damit zu rechnen, dass kein Schwein sich aus seinem Loch heraus trauen wird. Sie werden nicht gegeneinander aussagen, der schlimmste Schmutz bleibt verborgen, keiner will seine Haut retten, in dem er Umbridge mit reinzieht. Sie ist die schlimmste von allen! Sie ist fest mit dem Ministerium verwurzelt, weshalb selbst Kingsley sich nicht traut, tiefer zu bohren. Es ist schrecklich, aber er fürchtet, die Hälfte der Beamten müsste gehen, wenn man wirklich tief forschen würde und sei es nur wegen Bestechlichkeit. Ich kann das nicht mehr hören."

An dieser Stelle musste sie abbrechen, um sich nicht in Rage zu reden. Sie war Teil einer wahrlich schönen Organisation geworden! Und Argumente schienen nicht zu reichen, um etwas zu verbessern.

"Pansy will vermutlich Marcus Flint vor dem Gefängnis retten. Bei ihr käme insbesondere auch wieder die Darstellung von Ihnen ins Spiel-" An diesem Punkt fiel ihr der bis dahin schweigsame Professor ins Wort.

"Erklären Sie das näher!", forderte er, worauf Hermine mit den Schultern zuckte und es zunächst mit der einfachen Interpretation seiner Worte versuchte.

"Sie ist mit Marcus so gut wie verlobt-", wieder ließ er sie nicht ausreden. "Das weiß ich! Was hat das mit mir zu tun."

Scheinbar wusste er es tatsächlich nicht. Nun gut, dann würde sie ihm dieses Detail, was so gut ins Bild passte eben präsentieren.

"Pansy hatte eine Schwäche für Sie."

Da schnaubte er, hörbar amüsiert. "Das ist Unsinn. Wo auch immer Sie das her haben, es kann kaum möglich sein."

"Warum sollte es Unsinn sein? Und ich habe es selbst gehört."

Er blieb bei seiner Meinung. "Ganz sicher nicht! Sie müssen sich verhört haben. Die Familie Parkinson hatte nicht viel für mich übrig. Neider in den Reihen der Todesser waren sie."

Hermine nickte und erklärte voller Sarkasmus: "Klar, das erklärt alles! Die Meinung ihrer Familie hat sie bestimmt immer sehr interessiert, deshalb hat sie sich auch von ihnen losgelöst. Und den Satz 'Wenn es um Snape ginge, wäre ich zu allem bereit, im Zweifel würde ich es mir sogar in seinem gruseligen Büro oder auf dem Schreibtisch im Klassenraum besorgen lassen' kann man sicher auch anders interpretieren. Unabhängig von der derzeitigen Entwicklung."

Damit war sie in der Wortwahl weiter gegangen, als ursprünglich beabsichtigt. Sie hasste es, wenn man Ihre Einschätzung anzweifelte und das führte häufig zu einem unkonzentrierten Redefluss. Snape erwiderte nichts mehr.

"Dann bleibt noch Astoria. Sie ist jung, aber es geht um viel! Viel Geld. Sie wird Draco heiraten und ich denke, dass wirkt aussichtsreicher, wenn die Malfoys nicht ihr ganzes Vermögen verlieren. Was den Kreis zu Lucius Malfoy schließt, der ebenfalls reich bleiben will und zudem nach meinem Kenntnisstand ein Meister der geistigen Manipulation ist. Er könnte mit Sicherheit eine Erinnerung extrahieren und verändern."

Snape schwieg noch einige Sekunden lang. Dabei musterte er Hermine eingehend, so durchdringend, dass sie den Blick senken musste. Schließlich sagte er, dabei unbehaglich auf seinem Stuhl hin und her rutschend: "Sie überraschen mich, Miss Granger. Das ist erneut eine sehr fundierte Analyse. In einer außergewöhnlichen Situation getroffen. Ein Detail umschiffen Sie aber. Wie sollte einer dieser drei Verdächtigen an eine so pikante und Ihren Worten nach realistische Erinnerung mit Ihnen gekommen sein?"

Da war er also doch, der wirklich unangenehme Teil. Die Erleichterung hatte also zu früh eingesetzt. Wie verpackte man nun die Wahrheit, ohne sich selbst zu sehr zu beschmutzen? Hermine tat einen tiefen Atemzug und stieß dann aus: "Das geht Sie eigentlich nichts an! Aber gehen Sie davon aus, dass es Gelegenheiten gab, in denen ich nicht in meiner von Bannen geschützten Wohnung war."

Das war sehr allgemein formuliert. Sie sah Snapes Augenbrauen in die Höhe wandern und sofort kroch die unangenehme Röte wieder ihren Hals hinauf. Entschieden stieß sie aus: "Weder Harry noch Kingsley wissen davon! Ich hätte nie gedacht, dass überhaupt jemand davon weiß. Ich hoffe, ich muss Sie nicht an Ihr Ehrenwort erinnern?"

Einen Moment ließ er sie zappeln, für Hermine dehnte sich dieser Moment zu einer gefühlten Ewigkeit aus. Dann: "Das müssen Sie nicht. Findet sich der Partner auch auf der Liste?"

Die Hexe verkniff sich den Kommentar, dass es schon sehr vermessen von ihm war , von einem Partner auszugehen. Das würde diese merkwürdige Situation aber noch sehr viel mehr verschärfen. Sie schüttelte den Kopf und stieß dann aus: "Letztlich könnte jeder ein Abbild von mir erschaffen haben."

"Durchaus. Aber Sie waren es, die von Realismus sprach." Regelrecht süffisant sprach er diese Worte. Schnell schien er den Schock verdaut zu haben und nun diesen Moment zu genießen. Er fügte hinzu: "Wenn Sie sich und Ihr Gebaren in dieser Szene erkannt haben, muss Ihnen wohl tatsächlich jemand zugesehen haben."

Da löste sich sein bohrender Blick von ihr und ging stattdessen zu der Liste, die bisher unbeachtet vor ihm lag. Einige Sekunden las er sie, wieder und wieder wanderte sein Blick über die Worte. Dann stieß er aus: "Wo wollen wir anfangen?"

Sie seufzte. "Malfoy würde ich gern so schnell wie möglich hinter mich bringen."

Umbridge war die schlimmste von allen, da war sich Hermine sicher. Aber eher im Allgemeinen. Mit Malfoy und gerade mit dessem Anwesen, wo die Familie gerade unter Hausarrest logierte, verband Hermine den größten persönlichen Horror.

Snape nickte es ab.