Die wahre Geschichte, wie ich mich mit Büchern stritt, als ich versuchte, Draco Malfoy aus dem Weg zu gehen
Bereits seit Tagen ging ich Draco aus dem Weg: Verließ er den Speisesaal, ging ich hinein. Saß er im Gemeinschaftsraum, war ich meistens im Innenhof. Nutzte er einen der westlichen Korridore, nahm ich einen östlichen. Unsere Begegnung im Badezimmer war mir nach wie vor peinlich und der Gedanke daran, wie er es genossen hatte, dass ich mich zu seinem nackten Antlitz angefasst hatte, ließ mich vom Hals bis zu den Ohren rot werden.
Die Fluchtversuche funktionierten auch super, bis mir einer meiner Essays wieder in die Quere kam. Ich musste über die unterschiedlichen Zusammensetzungen und Funktionsweisen von Liebestränken schreiben und da mir nur Amortentia ein Begriff war, war ich gezwungen, in die Bibliothek zu gehen.
„Mal sehen…Belladonnaessenz", murmelte ich, während ich die Abteilungen nach dem richtigen Buch absuchte. Zwischenzeitlich scannten meine Augen die Regale auch nach Büchern zu Aschwinderinnen-Eiern und Liebstöckel. So schlecht ich in Zaubertränke eben war, türmten sich schnell acht Bücher auf meinem Tisch. „So und jetzt noch das neunte. Dann müsste ich alle Informationen haben!". Ich streckte mich nach einem besonders dicken, roten Buch und zog es mit einem kräftigen Ruck heraus, bereute dies aber schnell, als ein platinblonder Haarschopf dahinter zum Vorschein kam. Mit einem panischen Schrei schmiss ich das dicke Ding regelrecht ins Regal zurück. „Das ist aber nicht nett von Ihnen, Miss", schnauzte das Buch mich mit tiefer, knurriger Stimme an. „Psst, sei still!", forderte ich es auf und legte einen Finger auf die Lippen. „Na, wer wird denn gleich unfreundlich werden", grummelte das Buch weiter, meine panischen Blicke ignorierend. „Sei jetzt still, oder ich klebe alle deine Seiten einzeln zu", zischte ich. War ich gerade wirklich mit einem Buch am diskutieren? Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, kam es auf mich zugeflogen, holte aus und klatschte mir voller Wucht Seite 276 ins Gesicht. Meine Wange brannte.
„Hab ein bisschen Respekt! Ich bin immerhin 200 Jahre alt". Ich streckte trotzig meine Zunge raus und hätte wahrscheinlich sogar zurückgeschlagen, wären nicht Schritte in meine Richtung zu hören gewesen.
„Shit", fluchte ich und huschte hastig zwei Reihen weiter. Dort kauerte ich mich unter ein Schreibpult und kroch in die letzte Ecke. Innerlich flehte ich, Malfoy würde nicht hier langlaufen und mich bemerken. Ich ertrug seine Anwesenheit derzeit einfach nicht.
„Junges Fräulein, Sie erdrücken mich", ertönte eine gedämpfte Stimme. Im Eifer des Gefechts hatte ich mich soweit zurückgezogen, dass ich quasi im Bücherregal saß. Ein kleines, blaues Buch steckte zwischen meinen Rippen und meinem Arm. „Ruhe jetzt", ermahnte ich auch diesen unfreiwilligen Gesprächspartner. „Aber Sie sind schwer!". „Und du staubig. Shhhh jetzt!". „Na, wer wird denn…", doch weiter kam das Buch nicht. „…gleich unfreundlich werden?", beendete ich den Satz. „Das wäre dann wohl ich. Lina Livingsten. Mea culpa. Und jetzt Ruhe, bei Merlins Bart".
Das kleine blaue Ding plusterte sich auf, sagte aber tatsächlich nichts mehr. Aus Dank befreite ich es sogar aus seiner „engen" Lage und stellte es fein säuberlich ins Regal zurück. Keine Sekunde zu früh, denn jetzt bog tatsächlich Draco um die Ecke, sah sich ein paar Mal suchend um und wandte sich dann zu einem Regal. „Mist, er wird mich tatsächlich gehört haben". „Ach, glauben Sie", der sarkastische Vorwurf des blauen Buches war nicht zu überhören. Ich erdolchte es mit meinen Blicken. „Sei du gefälligst nett. Immerhin habe ich dich befreit". Das Schriftstück ließ ein verächtliches „Tch" hören. „Befreit? Klar, nachdem Sie mich mit ihrem breiten Arsch fast plattgesessen hätten!".
Mit meiner flachen Hand gab ich dem Buch einen Klaps auf den Rücken. Nicht stark aber deutlich genug um zu verstehen zu geben, dass ich jetzt keinen Streit gebrauchen konnte. Malfoy stand nur eine Armlänge entfernt und wälzte in einem Werk über Mumifizierung.
„Darf der hübsche junge Mann etwa nicht wissen, dass Sie hier sind?". Ich schüttelte mit dem Kopf.
„Warum?", fragte es hartnäckig. Merlin, warum waren die Bücher hier alle so geschwätzig?
„Das geht dich überhaupt nichts an", raunte ich dem kleinen Ding zu.
„Schon wieder so unfreundlich!".
„Natürlich! Schließlich hast du meinen Arsch als fett bezeichnet".
Ich hätte heulen können. Und das nicht nur, weil ich unter einem Schreibpult kauerte und mit einem Buch eine sinnlose Diskussion führte. Ich war durchgeschwitzt, weil Malfoy praktisch neben mir stand, hatte Hunger und war genervt, weil ich mit meinem Essay noch kein Stück weitergekommen war.
„Sie sind nicht gerade die angenehmste Gesprächspartnerin", nörgelte mein Sitznachbar und so langsam war ich mir nicht mehr sicher, ob Draco uns tatsächlich nicht hörte oder es einfach dezent ignorierte.
„Keine Sorge. Du bist auch nicht gerade die beste Gesellschaft", versicherte ich.
„Gut, dann können Sie ja gehen". Das kleine Ding glitt aus seinem Platz im Regal und begann, mit seinem Buchrücken nach mir zu schlagen und mit den Seitenecken vogelartig nach mir zu picken und stechen.
„Aua, spinnst du?", jammerte ich, doch das Buch hörte nicht auf. Ich musste mit beiden Händen danach greifen, um es mit aller Kraft festzuhalten.
„Verschwinden Sie aus meinem Regal!".
„Du weißt, warum das nicht geht!". Wieder versuchte es nach mir zu schnappen, aber ich konnte es im Zaun halten. Eine gefühlte Ewigkeit dauerte unsere Rangelei.
„Wer ist da?", unterbrach uns schließlich Malfoys schneidende Stimme. Er saß zwei Pulte weiter, ebenfalls eingedeckt mit Büchern.
„Shit", flüsterte ich, während ich noch immer krampfhaft versuchte, das Buch zu bändigen.
„Wer. Ist. Da", seine Stimme klang frostig und autoritär, wie vor ein paar Tagen im Bad der Vertrauensschüler. Zu allem Überfluss schob er auch noch seinen Stuhl zurück und kam mit festen Schritten auf das Schreibpult zu, unter dem ich saß. Kalter Schweiß stand mir auf der Stirn und mein Herz raste wie der Hogwartsexpress.
„Jetzt zeigen Sie sich ihm endlich und hören Sie auf, so ein Theater zu machen", raunte das Buch mir zu.
„Das Theater ist vorbei, wenn ich es sage", entgegnete ich.
„HEY, HIER IST JEMAND", schrie mein Wrestlingpartner plötzlich. Mit großen Augen sah ich das Buch an.
„Bist du bescheuert? Hör auf".
„Erst, wenn du aus meinem Regal verschwindest!".
„Niemals".
Draco sah sich ein paar Mal um, als müsse er erst lokalisieren, wo die Stimme eben herkam. Seine Miene verfinsterte sich zunehmend. Er war pissig, sehr sogar.
„Wo ist ‚hier'?", fragte er.
„NA HIER". Wieder schrie das Buch. Doch diesmal fragte ich erst gar nicht, ob es noch alle Hufen am Zentauren hatte. Stattdessen nahm ich es und setzte mich einfach drauf. Matte Schreie waren unter meinem Rock zu hören aber ich dämpfte sie so gut es ging. Als das Buch anfing rumzuzappeln, setzte ich mich noch fester darauf und hielt es zusätzlich mit den Händen in Schach. Irgendwann war es still und kurz fürchtete ich, das kleine Ding erdrückt zu haben.
„Ein letztes Mal: Wo. Ist. Hier?", Bei Dracos kühler Stimme fröstelte ich, als sei ein Dementor mit im Raum. Noch ein Grund mehr, nicht aus meinem Versteck zu kommen.
„KOMM RAUS!", brüllte er plötzlich und zwar so laut, dass die Bibliothekarin Irma Pince um die Ecke gestürmt kam.
„Junger Mann, was fällt Ihnen ein?".
„Tch", Draco schnalzte missbilligend mit der Zunge, „irgendjemand schleicht hier herum".
„Schleichen ist gut, dann brüllt derjenige wenigstens nicht wie ein Bergtroll, so wie Sie!".
„Ich finde das sehr merkwürdig", sagte Draco, ohne weiter auf Mrs. Pince forsche Bemerkung einzugehen.
„Ich nicht im Geringsten! Und jetzt kommen Sie". Sie packte Draco am Umhangkragen und schleifte ihn mit sich den Gang hinunter.
„Loslassen Sie altes Weib", schimpfte der Blondschopf.
„Keine Sorge, junger Mann. Ich begleite Sie nur zur Tür".
Langsam verstummten die schweren Schritte der beiden auf dem alten Holzboden. Das letzte, was ich hörte, war, das Draco Mrs. Pince mit „Warten Sie bis mein Vater davon erfährt" drohte. Dann war es still. Mit einem Seufzer atmete ich die Luft aus, die ich bis dahin angehalten hatte. Sie hatten furchtbar nah neben mir gestanden. Entsetzlich nah. Nur eine Armlänge entfernt.
Vorsichtig kramte ich das Buch unter meinem Allerwertesten hervor und begutachtete es mitleidig.
„Lebst du noch?", fragte ich es. Keine Antwort kam.
„Bist du tatsächlich tot oder schmollst du nur mit mir?".
„Stellen Sie mich einfach in das Regal zurück und hauen Sie dann ab", zischte es verächtlich. Ich tat wie mir geheißen und krabbelte anschließend unter dem Schreibpult hervor. Ich war staubig und der Rücken tat mir weh.
„Das war's. Ich leihe mir die Bücher aus und verkriech mich in mein Bett. Ich hab keine Lust mehr!", jammerte ich, während ich mir einen Wirbel massierte. Oder ich ging erst zu Madame Pomfrey. Das klang auch nach keiner schlechten Idee.
„Wir wollen uns nicht von euch ausleihen lassen, junges Fräulein", schimpfte ein besonders altes Buch.
„Genau, Ihr seid ein Monster!", jammerte ein hässlich orangenes.
„Ihr habt euch auf unseren Freund gesetzt. Pfui, schämt euch", meckerte ein gräuliches mit hoher Frauenstimme. Seufzend suchte ich ein Lineal aus meiner Schultasche und verabreichte jedes einen ordentlichen Klaps.
„Seid still, seid still, seid still", fuhr ich sie an und tatsächlich gab keines der Bücher einen weiteren Mucks von sich. „Ihr habt alle nicht zu bestimmen, wer euch ausleihen darf und wer nicht". Gott sei Dank war Mrs. Pince mit Draco draußen und sah nicht, wie ich ihre Bücher behandelte. Sie hätte mich an den Ohren am Astronomie-Turm hinaufgezogen.
„Wir werden der Bibliothekarin erzählen, wie du mit Büchern umgehst. Dann darfst du nie wieder eines von uns ausleihen!".
„Und ich erzähle Professor Dumbledore wie hoffnungslos veraltet ihr alle seid und dann werdet ihr ausgemustert und im Kamin verfeuert".
Meine Drohung wirkte: Diesmal hielten tatsächlich alle Werke ihre Klappe. Sie regten sich noch nicht einmal.
Um einiges entspannter, aber mit unfertigen Hausaufgaben, verließ ich schließlich die Bibliothek. Penibel darauf bedacht, weder Malfoy noch Mrs. Pince über den Weg zu laufen.
