Die wahre Geschichte, wie ich Draco Malfoy den Laufpass gab

Wiederwillig ließ ich mich auf das Bett im Krankenflügel sinken. Dabei achtete ich stets darauf, Malfoy keines einzigen Blickes zu würdigen, geschweige denn, mit ihm zu sprechen. Entsprechend angespannt war die Atmosphäre im Raum und auch das Schweigen zwischen uns war schwer wie Blei. Nur einmal fing ich aus dem Augenwinkel einen kurzen Blick seinerseits auf und bereute dies sofort. Er war wütend, eisig, mordlustig. Keine gute Kombination.
„Was, bei Merlins Bart, geht hier vor?", fragte Madame Pomfrey entsetzt, als diese zuerst mich erblickte und dann die ziemlich demolierte Pansy, die, von Davis gestützt, in den Raum taumelte.
„Eine kleine Auseinandersetzung, nichts weiter", erklärte Malfoy ihr betont ruhig.
Madame Pomfrey musterte Pansys Gesicht, vor allem ihre Nase.
„Sie nennen das eine kleine Auseinandersetzung? Das Blut will ja nicht aufhören zu fließen. Legen sie sich hin, meine Liebe. Aber sofort!"
Was dann mit Pansy passierte, wusste ich nicht, da Madame Pomfrey eine Trennwand zwischen uns schob. Nur noch das Geraschel von Bettwäsche und einige hastige Bemerkungen der Heilerin waren zu hören. „Nasses Tuch…wie passiert…Dumbledore", waren einige davon.
Mit einem Seufzer vergrub ich das Gesicht im Kissen und zählte langsam bis zehn. Mich aufzuregen brachte nun wirklich nichts, dafür war es zu spät. Dennoch: Ich wollte nicht, dass Dumbledore eine Eule zu mir nach Hause schickte. Meine Eltern würden mich in ein Stück Kohle verwandeln. Ganz sicher!
„Erklären Sie, Mr. Malfoy", sagte Madame Pomfrey irgendwann und das Gewusel auf Pansys Seite des Vorhangs erstarb.
„Entwaffnungszauber. Einige von uns haben das neue Unterrichtsthema etwas zu ernst genommen", erklärte der Blondschopf.
„Und seit wann richtet man Entwaffnungszauber auf die Nase seines Gegenüber?"
„Warum schauen Sie mich so an? Ich war das nicht", meckerte Malfoy.
„Welcher Professor?"
„Mad-Eye", entgegnete Malfoy knapp.
Madame Pomfrey ließ ein genervtes „Ach du meine Güte" hören und lief dann in schnellen Schritten davon. Ob sie wohl zu Dumbledore ging? Oder Mad-Eye selbst? Doch bevor ich weiter darüber nachdenken konnte, packte man mich am Handgelenk und drehte mich mit einem schmerzhaften Ruck im Bett um. Draco. Auch ein Todesblick meinerseits hielt ihn nicht davon ab, mich mit seinem Schraubstockgriff in die Matratze zu drücken.
„Du tust mir weh", jammerte ich.
„Rede mit mir!", zischte Malfoy mich an.
„Tue ich doch gerade. Aua!", zischte ich zurück.
Er löste sich von mir und entfernte sich ein Stück, ließ mich aber nicht aus den Augen.
„Du gehst mir aus dem Weg. Warum?"
„Ich weiß nicht was du meinst".
„Denkst du etwa, ich bin blöd? Ich merke doch, wie du vor mir davon rennst".
Meine Wangen wurden heiß und schnell senkte ich meinen Blick. Unfähig, seinen länger Stand zu halten. Draco ließ sein ach so typisches „Tch" hören.
„Würdest du bitte aufhören mich so anzusehen. Das macht mich wahnsinnig", keifte ich ihn an.
„Und würdet ihr beide jetzt mal aufhören euch zu streiten. Ihr macht mich krank", ertönte die Stimme von Pansy hinter dem Vorgang. Die Schrulle hatte ich ja fast vergessen. Jetzt wo ich mir ihrer Anwesenheit wieder bewusst war, hatte ich noch weniger Lust, mit Malfoy zu diskutieren.
„Schon klar…", murmelte dieser gerade laut genug, damit Pansy es hören konnte, und packte mich erneut am Handgelenk. Dann zog er mich hinter sich her zur Tür hinaus. Hier verfrachtete er uns in einen ruhigen Korridor.
„Warum?", fragte er erneut. Ich zuckte nur mit den Schultern.
„Liegt es daran, dass ich wegen dem Furz über dich gelacht habe?"
Röte stieg mir ins Gesicht.
„Oder daran, dass ich vor deinen Augen masturbiert habe?"
Das Rot wurde noch eine Nuance dunkler.
„Oder daran, dass du weißt, dass ich weiß, dass du von Büchern zusammengeschlagen worden bist?"
Bei dieser Frage konnte der Blondschopf sich ein verschmitztes Grinsen nicht verkneifen und hastig hielt ich ihm die Hand vor den Mund. Ich wollte jetzt weder sein Lächeln sehen, noch irgendein Wort von ihm hören. Schlimm genug, dass er mich tatsächlich in der Bibliothek gesehen hatte.
„Jetzt halt endlich die Klappe", raunte ich ihm zu.
Draco schüttelte nur mit dem Kopf und nahm schließlich meine Hand weg.
„Also. Was davon ist der Grund?"
Ich seufzte. „Um ehrlich zu sein, war mit alles sehr unangenehm", entgegnete ich.
Malfoy zog eine Augenbraue hoch. „Tatsächlich? Unser gemeinsamer Ausflug ins Land der Lust gefiel mir sehr gut". Dabei lehnte er sich zu mir und strich eine Haarsträhne aus meinem Gesicht.
Mir stockte der Atem und kurz dachte ich, mich verhört zu haben. Flirtete der Kerl gerade ernsthaft mit mir? „Ausflug ins Land der Lust", war das sein ernst? Und warum interessierte er sich plötzlich so sehr für mich? Oder ärgerte er mich nur wieder? Meine Gedanken kreisten wie wild.
„Hallo? Erde an Lina? Was starrst du mich so komisch an?" Malfoys Stimme riss mich aus meinen Grübeleien.
„Hä?"
Draco verdrehte genervt die Augen. „Ich habe dich was gefragt. Und außerdem, warum bist du so blass? Du siehst aus, als hättest du einen Geist gesehen".
Ich entfernte mich einige Schritte von ihm und musterte ihn skeptisch. Noch immer versuchte ich herauszufinden, was sein Problem war. Interessierte er sich tatsächlich für mich, oder spielte er nur? Draco beobachtete mich indes ebenfalls und zog eine Augenbraue hoch.
„Zunge verschluckt, Livingsten?"
Ich schüttelte den Kopf. „Was ist dein Problem, Malfoy?"
„Bitte?", fragte er irritiert.
„Erst flirtest du mit mir, dann lachst du über mich und dann flirtest du wieder mit mir. Was soll das?"
„Du redest wirres Zeug", sagte Draco sichtlich eingeschnappt. Seine Blicke waren wieder scharf wie Dolche.
„Du weißt ganz genau, wovon ich rede", beharrte ich. „Du gehst mit mir zum Ball, küsst mich sogar, lachst aber über mich. Und im nächsten Moment stellst du dich zwischen Pansy und mir!"
Draco machte einen Satz auf mich zu und legte eine Hand auf meinen Mund.
„Kannst du jetzt mal für zwei Sekunden still sein? Du schreist ja das ganze Schloss zusammen!"
„I pfil ei Anwot", presste ich hervor.
„Nein!"
Mit Mühe konnte ich ihn von mir wegstoßen, sodass er zurück taumelte. Drohend hielt ich ihm einen Finger unter die Nase.
„Bin ich für dich nur ein Spielzeug, um Pansy eifersüchtig zu machen?"
„Rede nicht so ein Blödsinn!"
„Wem hast du heute im Unterricht geholfen? Ihr oder mir?"
Schweigen.
„Wer hat rumerzählt, dass wir zwei gemeinsam im Bad waren?"
Schweigen.
„Malfoy!", brüllte ich ihn an. Ich war stinkwütend und es war mir egal, wer uns alles hören konnte. Der Kerl spielte mit mir und allmählich machte mein Herz dies nicht mehr mit.
„Ich weiß es nicht!", brüllte Draco plötzlich zurück.
„Was weißt du nicht?"
„Einfach alles. Was ich von dir halten soll, was ich von Pansy halten soll oder woher das Getratsche kommt". Seine Stimme klang weinerlich und sein immer blasses Gesicht hatte die Farbe von Kalk angenommen. Kurz hatte ich Mitleid. Aber nur für eine Sekunde.
„Du spielst mit zwei Frauen. Weißt du eigentlich wie lächerlich das ist?", knurrte ich.
Schweigen.
„Und warum, bei Merlins Bart, hast du mich vorhin mit Blicken getötet?"
„Weil ich wütend auf dich war", er klang kleinlaut.
„Wieso?"
„Weil du mich ignoriert hast und ich nicht wusste wieso!"
„Komisch. Jetzt rede ich mit dir und du weichst mir aus", sagte ich.
Dieses ganze Gespräch war lächerlich. Wir tänzelten nur umeinander rum zu und kamen nicht auf einen Nenner.
„Ich sagte doch, ich kann dir keine Antwort geben. Ich weiß doch selber nicht, was los ist".
Ich seufzte, müde, von der ganzen Rangelei.
„Halte dich von mir fern, bis du weißt, ob du mich jetzt magst oder nicht", sagte ich. Ich schrie ihn nicht mehr an, aber meine Stimme hatte nichts von ihrer Härte verloren.
Draco ließ ein „Tch" hören. „Ich mich von dir fern halten? Wenn hier jemand ein Meister im Davonrennen ist, dann du. Denk mal drüber nach, Livingsten!".
Jetzt drehte der Blondschopf mir den Rücken zu und ging schnellen Schrittes davon. Ich schaute ihm hinterher, bis er um eine Ecke bog. Dann war ich alleine. Plötzlich überkam mich eine Welle der Erschöpfung und als alle Anspannung sich löste, musste ich mich erst mal hinsetzen. Ich hatte das Recht gehabt, mich aufzuregen und ihm meine Meinung ins Gesicht zu sagen. Fand ich. Doch warum fühlte ich mich dann so mies?
„Weil du keine Antworten auf deine Fragen bekommen hast und ganz nebenbei dem Typen, auf den du stehst, vor den Kopf gestoßen hast", beantwortete ich meine Frage selbst. Das Bedürfnis, mir selber in den Hintern zu treten, unterdrückte ich.
Als sich dann die Türen der Unterrichtsräume öffneten, stand ich auf und machte mich auf die Suche nach Millicent.