Die wahre Geschichte, wie Millicent mir den Laufpass gab

Ich fand Millicent auf der Mädchentoilette im ersten Stock. Sie hatte es sich in einer Ecke unweit der Waschbecken bequem gemacht und kaute genüsslich auf einem Lakritzzauberstab herum. Ich hob die Hand zum Gruß, was Millicent erwiderte, wenn auch nur halbherzig.
„Alles in Ordnung?", fragte ich. Sie zuckte mit den Schultern. „Das gleiche könnte ich dich fragen!"
Ich seufzte schwer und bediente mich nun ebenfalls an ihren Naschereien. Millicent runzelte eine Augenbraue, ließ meinen Mundraub allerdings unkommentiert.
„Ich habe mich mit Malfoy gestritten", fing ich an zu erzählen.
„Was ganz Neues!" Meine Freundin bemühte sich nicht einmal, den spöttischen Ton in der Stimme zu verbergen.
„Diesmal war es aber anders als sonst. Irgendwie schlimmer!", erzählte ich weiter. Millicent ließ ein „Mmh" hören und schob dabei ein Stück Lakritze von einer Seite ihres Mundes zur anderen.
„Es ging um uns…ihn, Pansy und mich."
Millicent seufzte. „Es geht doch immer um Pansy und dich!"
„Wenn sie nun mal so eine blöde Stinkmorchel ist, bei Merlins Bart." Ich krallte die Fingernägel in meinen Umhang, um vor Frust nicht irgendwo gegenzuschlagen. Alleine der Gedanke an Pansy machte mich wahnsinnig. „Malfoy soll sich endlich entscheiden ob er sie will oder mich!"
„Wenn er schlau ist, entscheidet er sich gegen euch beide", antwortete Millicent leicht gereizt.
„Er sagte, er weiß nicht, was er von Pansy und mir halten soll…", sagte ich kleinlaut und die Erinnerung an das Gesagte machte mich traurig. Millicent, die endlich mit ihrer Tüte Lakritzzauberstäbe fertig war, packte eine Kürbispastete aus und bis herzhaft hinein.
„Am besten geht er euch aus dem Weg", schmatzte sie.
Millicent war mir seitdem ich zur Tür rein gekommen bin kühl und abweisend vorgekommen. Erst hatte ich dem wenig Beachtung geschenkt, aber jetzt ging mir ihr Getue ziemlich auf den Zeiger. Ich setzte mich im Schneidersitz vor sie hin, sodass sie mich ansehen musste, und schaute sie streng an.
„Was ist dein Problem, Bullstrode?", fragte ich und stemmte dabei meine Hände in die Hüften, um dem scharfen Ton in meiner Stimme mehr Ausdruck zu verleihen.
„Keine Ahnung, was du meinst", entgegnete sie. Ihre noch immer leicht gereizte Stimme passte dabei nicht wirklich zu ihrem Blick, den sie beschämt auf ihre Hände senkte.
„Seitdem ich hier bin benimmst du dich unterkühlt. Ich versuche mich mit dir zu unterhalten, aber ich bekomme nur einsilbige Antworten!"
„Können wir das Thema wechseln?", fragte sie.
„Welches Thema?"
„Pansy…und Malfoy. Der Schönling interessiert mich nicht und auf Pansy musst du auch nicht immer rumhacken. Das ist fies!", beschwerte Millicent sich und sah mir dabei fest in die Augen. Ihre beschämte Haltung von zuvor war verschwunden.
„Ich bin bislang immer zu dir gekommen, wenn ich Probleme mit der Kröte hatte", sagte ich.
Millicent seufzte schwer. „Weißt du…ich habe keine Probleme mit Pansy, ich komme sogar sehr gut mit ihr zurecht."
„Und?"
„Jedes Mal, wenn ihr euch streitet, gebt ihr mir das Gefühl, mich für einen von euch beiden entscheiden zu müssen und das frustriert mich", antwortete Millicent.
„Nun du bist meine Freundin. Ich kann ja wohl verlangen, dass du auf meiner Seite bist!"
Für mich war es immer eine Selbstverständlichkeit gewesen, mich bei Millicent ausweinen zu können.
„Pansy ist aber auch meine Freundin", sagte Millicent. „Außerdem fand ich euren Kleinkrieg im Unterricht echt überflüssig. Hätte Moody nichts gesagt, hätte ich wahrscheinlich keinen von euch beiden zum Krankenflügel begleitet."
Das verletzte mich wirklich sehr!
„Bist du deshalb so abweisend? Weil wir dich vor die Wahl stellen", fragte ich und auf ihrem Gesicht machte sich ein entschuldigender Ausdruck breit.
„Weißt du, hin und wieder muss man aber mal eine Wahl treffen", keifte ich sie an.
„Mag sein. Aber ich werde mich sicherlich nicht zwischen meinen zwei Freundinnen entscheiden, nur weil ein Kerl auf der Bildfläche erschienen ist!"
„Hast du Pansy dasselbe gesagt?"
„Ja!", antwortete Millicent mit fester Stimme.
Daraufhin sagte erstmal niemand mehr etwas. Ich starrte ungläubig Millicent an, die aß seelenruhig ihre Pastete zu Ende.
„Und jetzt?", fragte ich Millicent als sie endlich fertig war mit kauen.
„Jetzt will ich erstmal meine Ruhe haben", antwortete sie.
„Deine Ruhe?"
„Ja. Vor Malfoy, Pansy und dir", entgegnete sie.
„Tch", konnte ich daraufhin nur erwidern.
„Wir sehen uns."
Millicent schulterte ihre Tasche und verließ den Raum, ich blieb alleine zurück. Ich setzte mich auf einen der Toilettensitze und vergrub das Gesicht in den Händen. „So ein Scheißtag", flüsterte ich.