Die peinliche Geschichte, wie ich beim Quidditch
eine Bruchlandung hinlegte

Mit nervösem Magen saß ich auf der Bank und hörte auf die Anweisungen vom Kapitän. Wir spielten zwar „nur" gegen Ravenclaw, aber trotzdem wollte Flint keine Punkte verschenken und „den Strebern in den Arsch treten".
Mir persönlich war es relativ egal, wer hier wem in den Hintern trat. Ich hatte andere Probleme. Erheblich andere! Tatsächlich sind mir Myrtes Worte noch zwei volle Tage endlos durch den Kopf gewandert, sodass ich am Ende wirklich der Idee erlag, irgendetwas cooles zu tun, um Draco endgültig für mich zu gewinnen. Doch das würde sich schwierig gestalten: Der blonde Schönling hatte mir seit Snapes Unterricht keines Blickes mehr gewürdigt. Stattdessen mied er mich, wie die Ratte das Gift. Auch jetzt, wo wir hier so saßen, wandte er mir den Rücken zu und konzentrierte sich darauf, was Flint zu sagen hatte.
Ich unterdrückte einen Seufzer.
„Noch irgendwelche Fragen?", bellte Flints Stimme.
„Ja, Kapitän. Wann schaffe ich es endlich, nicht immer in jedes Fettnäpfchen zu treten, das sich mir in den Weg stellt", dachte ich bei mir, sprach die Frage aber nicht laut aus. Stattdessen schnappte ich mir meinen Besen und betrat mit den übrigen Spielern das Feld. Die Ravenclaws und Madame Hooch waren bereits versammelt.
„Ihr seid zu spät", meckerte Madame Hooch, was Flint nur mit einem Schulterzucken kommentierte. In seinen Augen flackerte der Mordlust. Er wollte nicht nur gewinnen, sondern die Ravenclaws von ihren Besen prügeln. Das bemerkte nicht nur ich, sondern auch Roger Davies, Ravenclaws Team-Kapitän, der Flint einen garstigen Blick zuwarf, als wir alle in Position gingen.
„Hals und Beinbruch, Livingsten", raunte Malfoy mir zu, als er neben mir Stellung bezog.
Er schaute mich noch immer nicht an und seine Stimme klang gequält, aber dennoch freute ich mich, dass er endlich wieder etwas zu mir gesagt hatte.
„Danke, dir auch", raunte ich zurück. Mit klopfendem Herzen schoss ich auf meinem Besen in die Höhe. Motiviert wie nie, Dracos Herz zu gewinnen.
Die erste Viertelstunde Spielzeit gestaltete sich recht langweilig. Keine Tore fielen und der Quaffel wurde nur von einer Spielfeldhälfte in die nächste bewegt. Auch Malfoy zog in einiger Entfernung zu den anderen Spielern ungeduldig seine Bahnen. Den Schnatz nicht in Sichtweite, hatte er nicht gerade viel zu tun.
Zeit also, Myrtes Plan in die Tat umzusetzen. Und da ich noch immer keine genaue Vorstellung davon hatte, wie ich das anstellen sollte, flog ich einfach drauf los.
Schnell, aber trotzdem elegant, schnappte ich den Ravenclaws den Quaffel vor der Nase weg, flog im Slalom um die beiden Treiber rum zu und erhaschte ebenso elegant die ersten zehn Punkte für Slytherin. Von der Tribüne ertönten laute Jubelschreie und Flint klopfte mir anerkennend auf die Schulter.
Nur Malfoy blieb unbeeindruckt und würdigte mir noch immer nicht eines Blickes. Also schön, dann musste ich mich also noch ein bisschen mehr anstrengen. Ich wiederholte meine waghalsige Aktion noch ein paar Mal und endlich: beim fünften Tor in Folge hielt Draco es für nötig, seinen Besen anzuhalten und zu mir rüber zu schauen. Er stieg sogar in das Klatschen der Teammitglieder mit ein, wenn auch nur halbherzig. Aber es war schon mal ein Anfang und ich würde mich definitiv bei Myrte für den guten Tipp bedanken, so viel stand fest!
Aber das zu einem späteren Zeitpunkt. Jetzt wollte ich erstmal eine weitere Reaktion aus Malfoy rauskitzeln. Er konnte doch bestimmt noch mehr außer gucken und klatschen, oder? Vielleicht sogar lächeln? Gott, wie gerne würde ich sehen, wie er mich anlächelt.
Ich erhaschte also ein weiteres Mal den Quaffel und machte mich auf den Weg zu den Ringen der Ravenclaws. Von ihrer Tribüne aus waren Buhrufe zu hören, aber ich versuchte, mich davon nicht aus dem Konzept bringen zu lassen. Wieder umflog ich zahlreiche Spieler und war nur wenige Meter von weiteren zehn Punkten für Slytherin entfernt, als es passierte: Ich übersah Jeremy Stretton, ein Jäger, der sich mir von der Seite näherte. Er streckte den Arm in Richtung Quaffel und kam mir bei dem Versuch, den Ball zu greifen, so nahe, dass unsere Besen sich berührten und wir beide durch den Aufprall das Gleichgewicht verloren. Stretton fiel fast vom Besen, konnte sich aber gerade noch retten. Bei mir sah es hingegen schlechter aus. Durch unseren Zusammenstoß prallte ich mit meinem Besen nach links ab und kam in den Radius von Grant Page, dem Hüter der Ravenclaws. Er versuchte noch, durch eine Ausweichbewegung unseren Zusammenstoß zu verhindern, was aber nur dazu führte, dass sich unsere Besen am hinteren Ende verkeilten und wir im Kreis geschleudert wurden.
Unsere unfreiwillige Karussellfahrt endete am mittleren der drei Ringe, wo wir beide gegengeschleudert wurden. Page stieß sich den Kopf an und fiel sofort bewusstlos zu Boden. Ein Schrei ging durch die Ravenclaw-Tribüne. Ich hingegen prallte mit dem rechten Arm gegen den Ringpfosten, wodurch ich nicht mehr in der Lage war, den Besenstiel vernünftig festzuhalten. Ich rutschte ab und stürzte mehrere Meter in die Tiefe, wo ich neben Page liegenblieb.
Der Schmerz im Arm war nicht einmal das Schlimmste, wesentlich fieser war das pochende Gefühl im Rücken und an den Rippen, denn ich war rücklings auf dem sandigen Boden aufgekommen. Vor meinen Augen war alles verschwommen und sämtliche Geräusche klangen, als würden sie von sehr weit weg kommen. Ich meinte, Madame Hooch auf uns zufliegen zu sehen aber ich war mir nicht sicher. „Blut", „Krankenflügel", „Wie schlimm?" und „Ach du scheiße" waren Wortfetzen, die zu mir durchdrangen. Jemand Blondes packte mich am Arm. „Lina? Hast du schlimme Schmerzen? Kannst du aufstehen?", fragte mich eine Stimme. Gehörte sie zu Malfoy? Ich wünschte es mir, war mir allerdings nicht sicher.
Ich schüttelte den Kopf, ohne zu wissen, welche der Fragen ich konkret damit verneinte. Dann wurde meine Sicht schwarz und die Geräusche verstummten.