Die wahre Geschichte, wie Malfoy und ich uns küssten
Ich kann nicht genau sagen, wie lange ich ausgeknockt gewesen bin. Zehn Minuten? Eine Stunde? Der dicken Beule nach zu urteilen, könnte es auch länger gewesen sein. Ich unterdrückte ein Stöhnen, während ich die schmerzende Stelle an meinem Hinterkopf rieb und versuchte, mich aufzurichten. Worauf ich allerdings nicht gefasst war, waren zwei Hände, die mich an den Schultern packten und mich zurück aufs Kissen drückten.
„Das solltest du erstmal bleiben lassen!"
Malfoy saß auf einem Stuhl neben meinem Bett und sah mich nahezu ausdruckslos an. Wäre da nicht der klitzekleine Sorgenschimmer in seinen Augen gewesen, der mein Herz zum Pulsieren brachte.
„Draco … was machst du hier?"
In einer fließenden Bewegung erhob er sich vom Stuhl und beugte sich über mich. Mit den Händen zu beiden Seiten meines Kopfes abgestützt, kam er meinem Gesicht mit seinem immer näher, bis unsere Nasenspitzen nur noch Millimeter voneinander entfernt waren. Meine Wangen wurden heiß und in meinem Hals formte sich ein dicker Kloß. Er wollte mich doch nicht etwa küssen?
Malfoy grinste süffisant. „Meistens bis du echt niedlich. Jetzt, nach deinem Sturz, siehst du einfach nur beschissen aus", raunte er mir zu. Ich grummelte genervt und schob ihn von mir weg. Dem frechen Grinsen folgte jedoch quasi von einer Sekunde auf die andere ein garstiger Gesichtsausdruck, wie er sogar für Malfoy-Verhältnisse selten war. „Bist du eigentlich bescheuert, Livingsten? Du hast der Mannschaft einen riesigen Schrecken eingejagt. Flint ist stinksauer, weil wir hinterher in Unterzahl weiterspielen mussten", keifte der Blondschopf.
Wie konnte ich nur so blöd sein? Natürlich wollte Malfoy mich nicht küssen. Er war wie immer nur gekommen, um mich zu ärgern und mir Vorwürfe zu machen. Und unser fast-vielleicht-Kuss? Nur Spielerei von ihm! Mir platzte der Kragen:
„Was ist dein Problem, Draco?"
„Was meinst du?"
„Jedes Mal meckerst du nur an mir herum, machst mir Vorwürfe oder blamierst mich und kurz darauf flirtest du mit mir. Scheiße noch eins, du sitzt hier sogar an meinem Krankenbett. Also entweder du erzählst mir, was für ein verkorkstes Spiel du mit mir spielst, oder du kannst dich künftig von mir fernhalten", schnauzte ich ihn an.
„Ich habe kein Problem, danke der Nachfrage", entgegnete er.
Ich warf ihm einen trotzigen Blick zu, den er stur erwiderte. Als Malfoy nach einer gefühlten Ewigkeit wieder den Mund öffnete, umspielte ein bitterböses Grinsen seine Lippen.
„Aber vielleicht habe ich ja doch ein Problem und zwar, dass du mir ständig hinterherrennst und mich anschmachtest, wie eine alte Jungfer, die sich nach Liebe sehnt."
Darauf war ich nicht gefasst. Entsprechend klappte mir auch sogleich die Kinnlade herunter.
„Ich laufe dir ganz bestimmt nicht hinterher, du Arsch. Tu nicht immer so, als würde sich die ganze Welt nur um dich drehen!"
Malfoy kicherte. Mein dezenter Wutausbruch schien ihn überhaupt nicht zu stören.
„Und was hatten deine waghalsigen Flugmannöver dann zu bedeuten? So oft wie du mich dabei angeschaut hast war doch sofort klar, dass du die Show nur für mich abgezogen hast", entgegnete er. Ich fühlte mich immer unwohler, wo hingegen er die besten zehn Minuten seines Lebens zu haben schien. Er amüsierte sich bestens, das sah man ihm an.
„Es ist unglaublich, was du dir alles einbildest", wies ich ihn peinlich berührt zurecht.
„Willst du mir unterstellen, dass ich ein Lügner bin, Livingsten?"
Ich schüttelte den Kopf. „So war das nicht gemeint!"
„Sondern?", wollte er wissen.
„Du bist unfassbar frustrierend. Du kommst mir näher, um mich dann wieder wegzustoßen. Und kurz darauf wieder das gleich Spiel … wo stehen wir Draco?"
Der Schönling musterte mich mit gerunzelter Stirn, während er aller Anschein nach eine günstige Antwort abzuwägen versuchte. Dann seufzte er schwer.
„Ich weiß es nicht. Wirklich!", sagte er.
„Ist das dein verdammter Ernst?", schrie ich plötzlich auf. Der Kerl hatte so viel Zeit und Möglichkeiten gehabt, um nachzudenken, und jetzt saß er hier und zuckte mit den Schultern.
„Beruhige dich!", schnauzte er mich an.
„Ich will mich aber nicht beruhigen! Ich frage dich nochmal: Was ist dein verdammtes Problem, Malfoy!"
Ich hätte heulen können. Alles was ich wollte, war zu wissen, wie es mit uns weitergehen sollte. Ob er mich als Freundin sah oder nicht. Selbst wenn er in diesem Moment gesagt hätte, dass er sich bereits für Pansy entschieden hatte, wäre das vielleicht noch erträglicher gewesen, als weiterhin im Ungewissen zu sein. Er brach mein Herz immer und immer wieder und mittlerweile wusste ich schon gar nicht mehr, womit es überhaupt noch zusammengehalten wurde.
Malfoy vergrub das Gesicht in den Händen. Dann passierte eine Weile nichts, bis er schließlich aufsprang und dem Nachttisch einen gehörigen Tritt verpasste, sodass die darauf befindlichen Gläser und Karaffen nur so wackelten.
„Wenn du es wirklich wissen musst … Du bist mein Problem, Lina. Eigentlich müsste ich mich von dir fernhalten, weil wir in komplett verschiedenen Liegen spielen. Auf der anderen Seite will ich dich aber so sehr, dass es schon fast wehtut", schrie er mich an und ich war fest davon überzeugt, dass man ihn in der Großen Halle hat hören können.
„Und jetzt?", fragte ich kleinlaut. Er hatte mir mehr oder weniger seine Liebe gestanden, was mich schwindelig werden ließ. Andererseits hatte ich ihn aber noch nie so aufgewühlt gesehen, was mich ein wenig verunsicherte.
„Tja jetzt …", sagte er, mehr zu sich selbst, als das seine Worte für mich bestimmt gewesen wären. Es dauerte nahezu eine Unendlichkeit, bis er mich wieder ansah. Dann beugte er sich abrupt zu mir herunter und drückte mir einen Kuss auf die Lippen. Es war weder romantisch, noch besonders zärtlich, sondern eher ruppig. Aber trotzdem schaffte Draco es, damit mein Blut in Wallung zu bringen. Erst, als sich Schritte näherten, beendete der Blondschopf den Kuss.
„Astronomieturm, am Samstag, nach dem Abendessen", raunte er mir zu. Dann stürmte er aus dem Krankenflügel.
