Die wahre Geschichte, wie Malfoy mich auf dem Astronomieturm verführte
Mit zitternden Knien ging ich die Treppe zum Astronomieturm hinauf. Stufe um Stufe und der Gang schien kein Ende zu nehmen. Das Abendessen lag mir schwer im Magen und so verfluchte ich den Blondschopf, ausgerechnet den höchsten Turm des gesamten Schlosses für unser Treffen ausgewählt zu haben.
„Bei Merlins Bart … endlich", japste ich, als ich nach einer gefühlten Ewigkeit oben ankam. Malfoy wartete bereits auf mich. Er stand am Geländer und sah sich die Sterne an. Es war kalt und seine Haare und der Umhang flatterten im Wind. Als ich die alte, marode Tür ins Schloss fallen ließ, drehte er seinen Kopf in meine Richtung.
„Hi", murmelte er und ein schwaches Lächeln umspielte seine Lippen.
„Gleichfalls", gab ich kleinlaut zurück.
Sein Grinsen wurde noch eine Spur breiter. „Was ist, Livingsten? Hast du Angst?"
Ich schnaubte empört. „Vor dir? Niemals!"
In Wahrheit hatte ich höllische Angst! Ich. Alleine mit ihm, einem Malfoy. Hier oben auf dem Astronomieturm. Er könnte mich langsam in Tausend Stücke schneiden und niemand würde meine Schreie hören. Mein Mund wurde trocken und ich schluckte ein paar Mal schwer.
„Keine Sorge, ich tu dir nichts", schien der Blondschopf meine Gedanken zu lesen. Er stieß sich vom Geländer ab, dass den Turm wie eine Art Reling umgab, und kam in geschmeidigen Schritten auf mich zu. Seine Bewegungen glichen denen einer Raubkatze, sein Blick war fest auf mich gerichtet. Gleichzeitig rutschte mir das Herz in die Hose.
„Hör auf zu spielen, Malfoy." Peinlich berührt musste ich feststellen, dass meine Stimme einen fast flehenden Ton angenommen hatte.
Noch immer bewegte sich Draco langsam auf mich zu. Er musterte mich mit zur Seite geneigtem Kopf und ein amüsierter Ausdruck legte sich auf seine Gesichtszüge.
„Ich spiele nicht, ich bin todernst!", versicherte er mir, was ich ihm natürlich nicht glauben konnte. Noch drei Schritte und er würde direkt vor mir stehen. Instinktiv wich ich vor ihm zurück, bis ich das kühle Holz der Tür in meinem Rücken spürte.
„Was willst du von mir?", fragte ich und meine Stimme war nicht mehr als ein Flüstern.
Malfoy zuckte mit den Schultern und kam endlich direkt vor mir zum stehen. Er griff nach einer Locke von mir und ließ sie durch seine Finger gleiten. Dann musterte er mein Gesicht: meine Augen, meine Nase, meine Lippen und schließlich mein Hals, wo eine Ader dicht unter meiner Haut pulsierte und ihm nur allzu bereitwillig preisgab, wie wahnsinnig mich seine Nähe machte.
Eine Weile sah er stumm auf die kleine Stelle direkt unterhalb meines Schlüsselbeins, wo das verräterische Ding saß. Schließlich ließ er meine Locke los und legte stattdessen seine Hand auf genau jene Stelle, direkt über der kleinen Ader. Daumen, Zeige- und Mittelfinger ruhten an meinem Hals. Ich traute mich weder zu schlucken, noch zu atmen. Ich sah den Jungen vor mir einfach nur an. Auch, als er den Druck auf mein Schlüsselbein verstärkte und ich noch mehr in die Tür gedrückt wurde. Holzsplitter bohrten sich in meinen Rücken, ich wimmerte. Und trotzdem sah ich nicht weg.
„Und ob du Angst hast!", stellte Malfoy fest. Für den Bruchteil einer Sekunde meinte ich, Traurigkeit in seinen Augen aufflackern zu sehen. Aber er war schnell, diese kurze Regung einfach wegzublinzeln. Und plötzlich war er wieder da, dieser verspielte Ausdruck auf seinem Gesicht.
„Was willst du, Malfoy", brachte ich hervor.
„Dich!" Er kam mir noch näher, sodass kein Blatt Papier mehr zwischen uns gepasst hätte. Unsere Nasenspitzen berührten sich.
„Warum hier? Warum jetzt?", wollte ich wissen.
„Ich wollte mit dir alleine sein und der Astronomieturm war der einzige Ort, der mir spontan eingefallen ist", raunte Draco mir zu. Er umfasste meine Hüften und verschränkte die Finger im Bund meines Rocks. Ich konnte mich kaum noch bewegen.
„W-wollen wir nicht l-lieber reden? Es gibt noch so v-viele Dinge zwischen u-uns, die ungeklärt sind", stammelte ich und versuchte verzweifelt, ihn ein Stück von mir weg zu schieben. „Zu nah", dachte ich, „viel zu nah".
Er schüttelte den Kopf. „Nicht reden, nicht jetzt. Vielleicht morgen, oder übermorgen, aber nicht jetzt." Dann presste er seine Lippen auf meine.
Der Kuss war schroff: Immer weiter drückte Malfoy mich gegen die Tür. Mein Rücken musste mittlerweile einem Nadelkissen gleichen und das feuchte, kalte Holz ließ mich frösteln. Ich konnte ein Wimmern nicht unterdrücken, was sich als Fehler erwies. Denn sofort nutzte Draco die Gelegenheit und haschte nach meinen leicht geöffneten Lippen. Er knabberte an meiner Unterlippe, als hätte er nie etwas Schöneres gekostet. Die Form meiner Oberlippe, fuhr er mit der Zungenspitze nach. „Mmh köstlich", raunte Draco und hätte er sich nicht immer noch an meinem Rockbund festgekrallt, wäre ich wahrscheinlich zusammengesackt.
„Lina, du machst mich wahnsinnig", sagte er dann und presste ein weiteres Mal seine Lippen auf meine. Diesmal jedoch weniger kraftvoll, wodurch ich es tatsächlich schaffte, meine Hände auf seine Brust zu legen und ihn ein Stück wegzuschieben.
„Und du machst mich irre, Draco", japste ich, denn ich hatte kaum noch Luft in der Lunge. Er zog eine Augenbraue hoch und musterte mich. „Ach, tue ich das?" Seine Stimme klang belustigt.
Ich schüttelte den Kopf. „Im Ernst Malfoy, was ist hier los?", wollte ich endlich wissen.
Malfoy trat zwei Schritte zurück, sagte aber zunächst nichts. Er sah äußerlich nahezu vollkommen ruhig aus. Nur an seinen rastlos umherwandernden Augen konnte ich erkennen, dass in ihm ein Wirbelsturm tobte. Seine Gedanken schienen einen Marathon zu laufen.
Schließlich seufzte er und fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. „Weißt du …", setzte er an, „seitdem ich dich im Krankenflügel besucht habe, frage ich mich, was du mir bedeutest."
Mein Herz rutschte mir plötzlich in den kleinen Zeh. „U-und? Zu welchem Ergebnis bist du gekommen?", stotterte ich.
„Dass du mir eine ganze Menge bedeutest!", entgegnete er leise und streckte eine Hand nach mir aus. Kurz zögerte ich, ob ich sie tatsächlich nehmen sollte.
„Versteh mich nicht falsch, Lina, du bist ein Tollpatsch, bisweilen peinlich und nicht immer die hellste Kerze auf der Torte …"
Beleidigt verschränkte ich die Arme vor der Brust, doch er lächelte nur.
„… Aber du bist auch klug, witzig und überaus hartnäckig und das mag ich an dir."
Ich blinzelte ein paar Mal erstaunt. „Du verarscht mich doch, Malfoy. Wenn du mich den kompletten Astronomieturm heraufgescheucht hast, nur um dich hier über mich lustig zu machen, dann Gnade dir Gott!"
Draco hob beschwichtigend die Hände. „Es ist wahr. Anfangs war ich ziemlich genervt von dir, denn egal wo ich war, plötzlich tauchtest du auf. Und dann die ewigen Zankereien mit Pansy, ich hatte es so satt! Aber Fakt ist, ich fand dich schon immer sehr attraktiv und als ich dich dann besser kennenlernte, stellte ich fest, dass du nicht nur hübsch, sondern auch überaus interessant bist."
Das Wort „Überrascht" beschreibt nicht annähernd, wie ich mich in dem Moment fühlte. „Ich … du …", mehr brachte ich nicht über die Lippen.
„Ich wollte mich hier mit dir treffen, um zu reden. Ungestört. In den letzten Tagen habe ich mir haargenau zurechtgelegt, was ich dir sagen wollte. Und dann standst du hier in der Tür und ich sah deine Augen und deine Lippen und plötzlich habe ich mein ganzes Vorhaben über den Haufen geworfen …"
„… und mich geküsst", brachte ich seinen Satz zu Ende.
Er nickte. „Genauso war es."
Wieder kam Draco auf mich zu. Diesmal aber nicht, um mich zu küssen, sondern um meine Hand zu nehmen. Erwartungsvoll sah er mich an. „Was sagst du dazu?"
„Wow … einfach wow", brachte ich hervor. Noch immer hatte mein Hirn nicht alles verarbeitet, was der Blondschopf zu mir gesagt hatte.
„'Wow' ist ein ziemlich passender Ausdruck. Ich bin auch immer noch ganz durcheinander", gestand er mir.
Ich lächelte. „Schön, dass ich ausnahmsweise mal nicht die Einzige bin, die komplett von der Rolle ist!"
Damit war Draco an der Reihe, zu lachen. „Gleiches Recht für alle, oder nicht?"
Er drückte meine Hände etwas fester und auf einmal fühlte es sich unglaublich richtig an, dort oben mit ihm zu stehen. Alleine. Unsere Finger verschränkt.
„Okay", sagte ich dann, meine Stimme erstmals wieder gefestigt.
„Okay?"
„Lass es uns versuchen, eine Beziehung meine ich."
Erwartungsvoll sah ich ihn an. Denn nie hatte ich mir etwas anderes gewünscht.
Draco blickte mir eine Weile tief in die Augen. Dann nickte er. „Wenn du es versuchen möchtest! Aber ich bin nicht leicht zu händeln, glaub mir das."
Draco zwinkerte mir zu, woraufhin ich kichern musste.
„Du weißt, dass bin ich auch nicht!"
Er nahm mein Gesicht zwischen seine Hände und gab mir einen Kuss auf die Stirn.
„Keine Sorge, ich werde dich schon zügeln", flüsterte er mir ins Ohr.
„Was macht dich da so sicher?"
„Ich bin ein Malfoy. Unterschätz mich nicht!"
