Die peinliche Geschichte, wie Draco und ich uns
vor unseren Vätern verantworten mussten

Die Turmuhr schlug Punkt 19 Uhr, als Draco und ich am Freitagabend vor Snapes Bürotür standen. Auf uns warteten zwei Stunden Kesselschrubben unter Snapes Aufsicht und wie wir ihn kannten, hatte er wahrscheinlich die dreckigsten und ekeligsten Exemplare rausgesucht, die es im gesamten Schloss zu finden gab.
Gequält betrachtete ich Draco, der sofort nach meiner Hand griff. Mit einem aufmunternden Lächeln drückte er mir einen Kuss auf die Fingerknöchel. Ich holte noch einmal tief Luft, dann klopfte ich an die schwere, alte Kellertür.
„Herein", hörten wir seine schmierige Stimme.
„Los geht's", dachte ich still bei mir, ehe Draco die Tür öffnete. Uns erwartete ein Anblick, mit dem wir im Leben nicht gerechnet hätten. Snape saß an seinem Schreibtisch und vor ihm Lucius Malfoy und mein Vater. Als die beiden sich zu uns umdrehten, musterten sie uns mit strengen Blicken.
„Setzen Sie sich", befahl Snape und rückte mit einer schnellen Bewegung seines Zauberstabs zwei Stühle heran. Nervös nahm ich Platz. Ich kannte den Blick meines Vaters. Er war wütend. Sehr sogar!
Der erste, der die bleierne Stille brach, war Lucius Malfoy. Er knallte den bekannten Zettel auf den Schreibtisch. „Ich verlange eine Erklärung", sagte er streng. Draco zog eine Augenbraue hoch. „Und was genau möchtest du hören?", entgegnete er trotzig. Sein Vater funkelte ihn bitterböse an. „Wie es zu dieser Verunglimpfung des guten Namens unserer Familie kommen konnte!" „Und des guten Namens Livingsten", erhob nun auch mein Vater das erste Mal das Wort. Lucius musterte ihn von der Seite und nickte dann zustimmend.
„Wir haben doch überhaupt nichts gemacht", protestierte ich, woraufhin beide Männer mich anstarrten. „Junge Dame, ‚überhaupt nichts gemacht' sieht anderes aus", ermahnte mich mein Vater und tippte zur Verdeutlichung mehrmals mit dem Finger auf das Stück Papier. Snape kräuselte belustigt den Mund.
„Ja, wir haben etwas gemacht", kam Draco mir zur Hilfe, „allerdings waren wir nicht an der Veröffentlichung und Verbreitung dieses Bildes beteiligt!" Den letzten Teil des Satzes zischte er fast, so angespannt war er.
„Ist das so?", fragte Snape gelangweilt. Es war offensichtlich, dass er uns nicht glaubte.
„Denken Sie wirklich, Professor, dass ich Spaß daran habe, mich beim Sex beobachten zu lassen und dann auch noch zum Gespött der Schule zu werden?" Die Frage des Blondschopfes klang mehr wie eine Drohung.
„Draco!", herrschte Lucius Malfoy ihn an.
„Lina, stimmt das, hattet ihr wirklich …?" Mein Vater brachte den Satz nicht zu Ende. Dennoch wusste ich, was gemeint war. „Ja", piepste ich mit verlegener Stimme. Meine Wangen brannten förmlich. Ich musste rot sein wie eine Tomate. Dad seufzte und fuhr sich mit der Hand durch das Gesicht.
„Sexuelle Handlungen auf dem Schulgelände sind untersagt und werden bestraft. Aber das hatte ich Ihnen beiden ja bereits gesagt", meldete sich Snape wieder zu Wort.
„Und da wir auf jeden Fall nachsitzen möchten, haben wir uns dabei fotografieren und die Bilder verbreiten lassen", fuhr der Blondschopf ihn an, was Snape nur mit einer hochgezogenen Augenbraue quittierte.
„Draco!", ermahnte Lucius seinen Sohn ein weiteres Mal, doch dieser zuckte nur mit den Schultern.
Mein Vater schluckte schwer. Ihm war die Konversation genauso unangenehm wie mir.
„Professor Snape", wandte sich Lucius Malfoy von seinem Sohn ab, „wir alle wissen, dass Draco und Miss Livingsten gegen die Schulregeln verstoßen haben und das Vergehen bestraft werden muss."
Snape grinste.
„Dennoch glaube ich meinem Sohn, wenn er sagt, dass er unseren Familiennamen nicht freiwillig beschmutzt hat! Daher frage ich Sie, ist bekannt, welche weitere Person zur Rechenschaft gezogen werden muss?"
Snapes Lächeln erstarb und es trat eine Stille an, die mich noch unruhiger werden ließ. Insofern das überhaupt möglich war. Nervös rutschte ich auf meinem Stuhl hin und her, bis Draco nach meiner Hand griff und sie drückte. Mein Vater bemerkte dies, sagte aber nichts.
„Nein!", entgegnete Snape nach einer gefühlten Ewigkeit. Lucius Malfoy ließ ein verächtliches „Tch" hören. Ähnlich wie das, was Draco nahezu perfekt beherrschte.
„Lächerlich!", sagte mein Vater. „Es kann der Schule doch nicht egal sein, was in diesem Badezimmer passiert ist!"
Lucius Malfoy nickte zustimmend meinem Vater zu.
„Pansy Parkinson", sagte ich mit leiser Stimme. Die Blicke der Männer im Raum schnellten zu mir. „Wie war das, mein Kind?", fragte Dad mich. „Pansy Parkinson", sagte ich nochmal, dieses Mal lauter und überzeugter. „Sie war es, die das Foto gemacht und es veröffentlicht hat."
„Und was bringt Sie zu der Annahme, junge Dame", wollte Lucius Malfoy wissen.
„Seit dem ersten Schuljahr schikaniert sie mich, wo sie nur kann. Dann haben wir beide uns in Draco verliebt und als sie von meinen Gefühlen Wind bekam, hat sie ständig versucht, mich zu sabotieren, damit Draco sich von mir fernhält."
„Inwiefern hat sie versucht, dich zu ‚sabotieren'?", fragte mein Vater ehrlich besorgt.
„Im Zaubertrank-Unterricht habe ich mal nicht aufgepasst und da hat sie etwas mit meinem Kessel angestellt, sodass der Trank zu einer ätzenden Flüssigkeit wurde und den Kessel geschmolzen hat."
Entsetzt sah mein Vater zu Snape herüber. „So etwas dulden Sie in Ihrem Unterricht?" Er war fassungslos. Doch Snape zuckte nur mit den Schultern. „Ich kann meine Augen schließlich nicht überall haben", entgegnete er ungerührt.
„Außerdem hat sie eine Weihnachtskarte, die ich verschicken wollte, in einen Heuler verwandelt, sodass dieser meinen Text durch den gesamten Gemeinschaftsraum gebrüllt hat, und Draco und mir gedroht", fuhr ich fort.
„Das ist Mobbing. Eindeutig", schrie mein Vater Professor Snape an. „Zachary, beruhige dich", sagte Lucius Malfoy zu Dad, der wütend die Arme verschränkte, sich in seinem Stuhl aber wieder zurück lehnte.
„Das sind schwere Anschuldigungen bezüglich Miss Parkinson", richtete sich nun Lucius Malfoy seinerseits an Professor Snape. Dieser schüttelte nur mit dem Kopf.
„Wie gesagt, ich kann meine Augen nicht überall haben und was die weiteren Beschuldigungen betrifft, kann ich nur sagen, dass mir nichts dergleichen zu Ohren gekommen ist."
Jetzt fixierte Snape Draco und mich mit seinem Blick. Missbilligung flackerte darin auf.
„Was allerdings an mich weitergetragen wurde ist, dass sich Miss Livingsten und Miss Parkinson einen hübschen Kleinkrieg in Verteidigung gegen die dunklen Künste geleistet haben!"
Beide Väter starrten mich an. „Was bedeutet das?", wollte mein Dad wissen.
„Dass beide Schülerinnen wie zwei Wilde Flüche aufeinander losließen und am Ende im Krankenflügel landeten", antwortete Snape an meiner Stelle.
„Lina!", herrschte mein Vater mich an. Er war sichtlich entsetzt.
„Pansy hat angefangen", kam Draco mir zur Hilfe, verstummte aber, nachdem sein Vater ihm einen herablassenden Blick zuwarf.
„Dad, bitte, Draco und ich haben nichts Falsches getan. Wir sind bloß ineinander verliebt. Warum sollen wir deswegen bestraft werden?" Ich sah meinen Vater flehend an. Er war noch immer wütend, allerdings entspannten sich seine Gesichtszüge allmählich. Draco fasste wieder nach meiner Hand und küsste demonstrativ meine Fingerknöchel. Dabei sah er unsere Väter und Snape herausfordernd an. Lucius Malfoy hielt den Blick seines Sohnes eine Weile ausdruckslos stand. Dann ließ er ein spöttisches „Tch" hören. „Liebe … was ihr nicht sagt …", murmelte er vor sich hin, wobei er mehr mit sich selber zu reden schien, als einen von uns anderen Anwesenden zu meinen.
„Professor", wandte er sich schließlich wieder an Snape. „Als Elternvertreter ist es meine Aufgabe, die Anliegen der Erziehungsberechtigten zu vertreten. Und da es mein und auch Zacharys Anliegen ist, herauszufinden, was hier tatsächlich passiert ist, beantrage ich eine Prüfung von Miss Parkinson was ihre Beteiligung in dieser Sache betrifft."
„Wie Sie meinen", antwortete Snape, der immer noch nicht zu glauben schien, dass Pansy in die Sache verwickelt sein könnte. „Dennoch gehen Sie beide mit mir konform, dass Mister Malfoy und Miss Livingsten Strafarbeit verrichten müssen."
„Inwiefern?", wollte mein Vater wissen.
„Kesselschrubben, und zwar für die nächsten sechs Wochen. Wegen sexuellen Handlungen auf dem Schulgelände, Unruhestiftung und, in Miss Livingstens Fall, gewalttätigen Ausschreitungen im Unterricht", sagte Snape und sah mich dabei grimmig an. „Absolut angebracht", waren sich beide Väter einig, woraufhin Snape wieder sein gehässiges Grinsen Draco und mir gegenüber aufsetzte.
„Wenn Sie erlauben, Professor, würden wir jetzt gerne mit unseren Kindern alleine reden", ergriff Lucius Malfoy das Wort. Snape zog eine Augenbraue hoch. „Bitte!", setzte Lucius in einem befehlenden Tonfall hinterher.
Snape erhob sich und ging zur Tür. „Ich gebe Ihnen zehn Minuten. Dann hätte ich gerne mein Büro wieder zurück!"
Nachdem er dies sagte, fiel die Tür ins Schloss und Draco und ich waren mit unseren Vätern alleine. „Wie lange Seit ihr schon ein Paar", wollte Lucius Malfoy wissen. „Nicht lange. Vielleicht zwei oder drei Wochen", schätzte Draco grob. „Und diese Beziehung ist euch beiden ernst?", harkte sein Vater nach. „Sehr ernst!", bestätigten Draco und ich.
Lucius sah meinen Vater an, der abzuwägen schien, was er am besten sagten sollte.
„Ihr beiden wisst, dass Lucius und ich hoch angesehene Persönlichkeiten im Ministerium sind?"
Wir nickten.
„Und ihr beiden wisst, dass die Familien Malfoy und Livingsten jeweils einem sehr bedeutenden, reinblütigen Stammbaum entspringen?", fuhr mein Vater mit seinen Fragen fort.
Wieder nickten Draco und ich.
„Wenn dem so ist, kann ich nur betonen, dass ich eine Verbindung der Malfoys und Livingstens sehr begrüßen würde." Dieser Satz von meinem Vater zauberte mir ein Lächeln ins Gesicht.
„Allerdings billige ich keine Eskapaden mehr! Sex. An einem öffentlich zugänglichem Ort. Was habt ihr euch dabei gedacht?" Mein Lächeln erstarb und beschämt ließ ich den Kopf hängen. Mein Dad wusste jetzt, dass ich kein kleines Mädchen mehr, sondern eine Frau war. Schrecklich. Das hätte ich ihm niemals freiwillig wissen lassen.
„Viele Eltern eurer Mitschüler sind Ministeriumsmitarbeiter. Stellt euch nur mal vor, wie die Malfoys und Livingstens dastehen, wenn sich euer Fauxpas rumspricht", ermahnte uns Lucius Malfoy.
„Es tut uns leid", sagte ich kleinlaut.
Dracos Vater musterte mich von oben bis unten. Dann schnalzte er mit der Zunge.
„Allerdings wüsste ich auch nicht, was gegen eine Verbindung der Malfoys mit den Livingstens sprechen würde", sagte er und wandte sich dann meinem Vater zu: „Beide Familien sind reinblütig und gut situiert. Nicht wahr, Zachary?"
„Durchaus", kommentierte mein Vater.
„Ihr befürwortet also unsere Beziehung?", fragte Draco. Lucius Malfoy grinste spöttisch und schüttelte dann mit dem Kopf.
„Vorerst dulden wir sie. Und auch nur so lange, wie euer schulischer Ehrgeiz und unsere Reputation nicht darunter zu leiden haben", erklärte er. „Sollten wir wieder wegen eines Fehlverhaltens euerseits nach Hogwarts zitiert werden, unterbinden wir eure ‚Liebelei'", fügte mein Vater an.
Draco und ich senkten beide die Köpfe. Wir wussten, dass unsere Dads die Drohungen ernst meinten. Plötzlich, öffnete sich die Tür. „Die zehn Minuten sind um." Snape klang genervt. Die Väter erhoben sich.
„Wir konnten mit den Kindern alles klären. Ich hoffe, Sie werden Miss Parkinson tatsächlich unter die Lupe nehmen." Lucius Malfoy bedachte Snape mit einem Blick, der keine Wiederworte zuließ. „Ich werde mich mit Dumbledore beraten und entsprechende Schritte einleiten", versicherte Snape.
Unsere Väter nickten ihm zum Abschied zu. Draco und mir warfen sie beim Hinausgehen allerdings vielsagende Blicke zu, die bedeuteten, dass wir uns gefälligst am Riemen zu reißen hatten. Als ihre Schritte im Korridor verhallt waren, trat Snape auf uns zu. „Die nächsten Wochen will ich Sie beide jeden Freitagabend in meinem Klassenzimmer sehen. Sie werden Kessel putzen, bis Ihnen beide Hände abfallen", zischte er. „Wie Sie wünschen", antworteten Draco und ich synchron.
In den Augen von Snape tobte die pure Wut. Wegen uns war er von Lucius Malfoy abgekanzelt worden und durfte sich jetzt mit Dumbledore und Pansy auseinander setzten. Dafür hasste er uns, das war offensichtlich!
„Uns jetzt verschwinden Sie gefälligst. Sonst verdoppele ich die Zeit Ihrer Strafarbeit!", knurrte er. So schnell wie Dracos und meine Füße uns tragen konnten, hasteten wir aus dem Raum.