Kapitel 5: Ein frohes neues Jahr
Boston 1964/1965
Elsa Mars POV
Nachdenklich blicke ich aus dem Fenster und lasse die Lichter von Boston an mir vorbeiziehen. Noch immer habe ich Tränen in den Augen und kann das eben gehörte nicht glauben. Ich will es nicht glauben.
Massimo und ich wollten den Jahreswechsel gemeinsam in Boston verbringen, ich hatte in einen Nachtclub einen Auftritt und somit haben wir beide beschlossen, den Silvesterabend in Boston zu verbringen. Es war unfassbar, dass Massimo und ich nun schon 12 Jahre zusammen waren, es war als hätten wir all die verlorenen Jahre nachgeholt. Es war kurz nachdem wir Jupiter verlassen hatten, da machte mir Massimo schon einen Heiratsantrag. Ich war so glücklich, wie oft hatte ich in den Jahren seiner Abwesenheit davon geträumt? Es war eine kleine Trauung ohne Gäste. Wem sollten wir auch einladen? Massimo hatte keine Familie mehr und ich auch nicht….nicht mehr. Es ist kaum vorstellbar, dass ich meine Liebchen vor 12 Jahren zuletzt gesehen hatte und ich vermisste sie, jeden einzelnen von ihnen. Wie oft frage ich mich, was wohl aus ihnen geworden war. Waren sie noch in Jupiter? Unwahrscheinlich. Gab es die Freak Show überhaupt noch? Ich hoffe jeden Tag, dass es ihnen gut ginge.
Mein Traum ein großer Star zu werden, hatte sich nicht erfüllt. Aber das war auch nicht wirklich wichtig für mich, ich habe viele Auftritte vor einem kleinen Publikum und sie lieben mich. Es sind niveauvolle Menschen in teuren Lokals, die einen echten Star noch zu schätzen wissen. Ich wollte nie wirklich ein Fernsehstar sein, ich war schon immer eine Frau der Bühne. Massimo begleitete mich fast zu jeden meiner Auftritte und ich liebe den stolzen Ausdruck in seinen Augen, wenn er mich singen hört. Alles im allen, habe ich ein wunderschönes Leben mit dem Mann, den ich immer geliebt habe.
Nach meinem Auftritt und einen tosenden Applaus, erblickte ich in der Menge das Gesicht einer Frau, die mir wage bekannt vorkam. Sie hatte schulterlanges rotes Haar und war so betrunken, dass sie sich fast neben ihren Stuhl gesetzt hätte. Zuerst wusste ich nicht genau, woher ich sie kannte aber dann fiel es mir ein. Rita Gayheart, die Schwester meiner süßen kleinen Pepper. Fast hoffnungsvoll blickte ich mich um, in dem naiven Glauben meine Pepper vielleicht zu entdecken. Natürlich sah ich meinen kleinen Engel nicht, aber ich wollte wissen wie es meinem Liebchen ginge und ob sie überhaupt noch am Leben war. Menschen wie Pepper hatten in der Regel keine sehr hohe Lebenserwartung und doch gab ich mich der Hoffnung hin, dass es Pepper gut ginge. Langsam ging ich auf die Frau zu und sprach sie lächelnd an. Ich werde nie diesen Blick vergessen. Es war eine Mischung aus Abscheu und Wut.
„Wenn das nicht die Frau ist, die mir den Teufel ins Haus gebracht hat."
Das waren die Worte, die diese widerliche Frau für mich übrig hatte. Ich verstand nicht was sie meinte, sie konnte unmöglich von meiner Pepper reden.
„Sie haben unser Leben zerstört, indem Sie dieses Monster in mein Haus gebracht haben."
Sie war so betrunken, dass sie mich beim Reden fast anspuckte, aber das ignorierte ich. Ich wollte doch nur wissen wie es Pepper ging, doch noch bevor ich sie fragen konnte, begann diese verachtenswerte Frau mir die unglaublichsten Geschichten zu erzählen.
Meine Pepper eine Mörderin? Noch dazu an einem Baby? Nein, das war unmöglich. Meine Augen füllten sich voller Wuttränen und ich wollte diese Frau ihr dreckiges verlogenes Mundwerk stopfen.
„Wo haben Sie Pepper hingebracht? Wo ist meine Pepper."
Ich schrie sie so laut an, dass alle Blicke im Saal sich auf mich richteten, doch es war mir egal. Ich spürte plötzlich Massimos Hände auf meinen Schultern und er zog mich zu sich und weg von dieser Frau. Er kannte mich zu gut und wusste, dass nicht mehr viel fehlte und ich würde meine Selbstbeherrschung verlieren.
„Sie ist da, wo alle Missgeburten hingehören! In einer Irrenanstalt. Ich habe dieses Monstrum nach Briarcliff gebracht und ich hoffe sie ist da elendig verreckt."
Tausende Bilder schossen mir durch den Kopf und ich hatte das Gefühl den Boden unter den Füssen zu verlieren. Was hatte ich nur getan? Ich brachte Pepper zu dieser widerlichen Frau und nun war mein Liebchen schon seit Jahren in einem Sanatorium. Einsam und allein. Oh Gott, ich will nicht daran denken, was sie ihr dort alles angetan haben könnten. Wie in Trance ließ ich mich von Massimo nach draußen bringen. Immer wieder flüsterte er beruhigende Worte und brachte mich zu unserem Auto.
„Massimo, wir müssen nach Briarcliff. Sofort! Ich muss meine Pepper holen."
Massimo sah mich mit seinen liebevollen Augen an und nickte.
„Wir werden fahren, wenn du willst gleich morgen früh."
Ich schüttelte nur den Kopf, ich wollte jetzt fahren. Ich musste sofort zu Pepper.
„Elsa…Elsa, hör mir zu. Wir wissen doch nicht einmal wo diese Einrichtung ist. Ich verspreche dir, wir fahren gleich morgen früh."
Er gab mir einen Kuss auf die Stirn und wir machten uns auf den Weg zu unserem Hotel. Als ich aus dem Fenster schaute, sah ich die bunten Lichter am Himmel und hörte das Knallen des Feuerwerks.
Ein frohes neues Jahr! Ich betete in diesen Moment für ein frohes neues Jahr.
