Kapitel 11: Zufall oder Schicksal?
Massimo spürte wie Elsas Hand anfing zu zittern bei den Namen Judy Martin und er wusste nicht was er davon halten sollte. Er kannte Elsa nun schon so lange und beide hatte eine lange gemeinsame Vergangenheit. Sollte diese Frau wirklich in irgendeiner Art mit Elsa verwandt sein, so war es mehr als unwahrscheinlich, dass Elsa davon wusste.
„Ich glaube, wir sollten uns setzten." sagte Massimo und deutete auf einen leeren Tisch in mitten des Raumes. Für so eine Situation wäre ein Gespräch im Privaten Umfeld sicher geeigneter gewesen aber das war an einem Ort wie diesen wohl nicht möglich. Massimo umfasste Elsas Taille und führte sie zu den freien Tisch. Elsa ließ sich Wortlos von Massimo führen, sie brauchte einfach noch einen Moment um ihre Gedanken zu ordnen. Sie konnte nicht verstehen, was hier los war und fühlte sich vollkommen verloren. Elsa Mars war nie eine Frau gewesen, der es so leicht die Sprach verschlug, doch in diesem Moment war sie völlig überfordert. Sie setzte sich auf einen der Stühle und atmete einige Male tief ein und aus, wobei sie nie die Hand ihres Mannes losließ.
Jude blickte Elsa und Massimo nach und überlegte, ob sie sich wirklich dazu setzten sollte. Ihr Leben hatte sich im Laufe einer Woche komplett verändert und damit klar zukommen, war schon schwer genug. Vielleicht sollte sie einfach den Raum verlassen und diese Begegnung vergessen, aber würde sie das auch können? Wahrscheinlich würde Elsa Mars von jetzt an für immer in ihrem Kopf herum spucken. Wie war das nur möglich? Wie konnte sie einer vollkommen fremden Frau so verdammt ähnlich sein? Völlig hilflos stand Jude da und spürte die Blicke der anderen Patienten auf sich. Gott, wie sehr sie es hasste so angestarrt zu werden.
„Mit kommen…"
Es war Pepper, die wieder nach Judes Hand gegriffen hatte und die frühere Nonne mit großen Augen ansah. Das erste Mal, sah Jude Pepper richtig in die Augen und wo sie früher nur Schande und Schwachsinn sah, erkannte sie plötzlich etwas ganz anderes. Sie sah etwas Gutes, etwas Anständiges und etwas Liebevolles. Wieso hatte sie das alles früher nicht gesehen? Jude fühlte sich schrecklich, wenn sie daran dachte wie sie Pepper behandelt hatte. Wie oft hatte sie ihr, auf den kleinen spitzen Kopf geschlagen und sie als Schwachkopf bezeichnet.
„Mit kommen….da…..Elsa."
Pepper lächelte Jude breit an und zog sie mit sich zu den Tisch an dem Elsa und Massimo saßen. Erst jetzt nahm sich Pepper Zeit, den Mann an Elsas Seite genau zu betrachten. Er hatte etwas Warmes und Einfühlsames an sich und Pepper mochte ihn sofort. Sie nahm den Stuhl neben Massimo und sah ihn breit grinsend an, während Jude sich unsicher auf den Stuhl gegenüber von Elsa setzte. Sie blickte die Frau die ihr so unglaublich ähnlich sah an und überlegte, wie sie das Gespräch beginnen sollte. Sie musste wissen, wer diese Frau namens Elsa war. Es war nicht nur die äußerliche Ähnlichkeit die Judes Neugier weckte, es war auch etwas anderes. Etwas mystisches, es war als würde sie ein unsichtbares Band verbinden. Es verging einige Zeit und niemand sagte ein Wort, wieder. Dieses Schweigen machte Jude langsam wahnsinnig.
„Sind Sie verwandte von Pepper?" fragend sah Jude zu Pepper und dann zu Massimo und Elsa.
Elsa wagte wieder einen Blick auf Jude und ein leichtes Lächeln spiegelte sich auf ihren Lippen „So zusagen. Pepper ist wie mein eigenes Kind für mich, dass war sie immer."
„Wissen Sie, Elsa hatte früher eine Freakshow und Pepper war ein Teil dieser Show." fügte Massimo hinzu und bemerkte erst jetzt, wie breit grinsend ihn Pepper ansah. Er hatte keine Erfahrung mit Menschen wie Pepper, aber er wusste wie sehr Elsa diese kleine Frau liebte und somit schloss auch er Pepper sofort in sein Herz. Sie blickte ihn an, wie ein erwartungsvolles Kind.
Jude sah wieder zu Pepper, die immer noch den Mann anstarrte, der sich als Massimo vorstellte. Eine Freakshow? Jude hielt diese Art von Unterhaltung immer für etwas fragwürdig. Sie verstand nie warum Menschen Geld dafür bezahlten um sich missgebildete Mitmenschen anzusehen.
„Verzeihen Sie, aber als Pepper bei uns eingeliefert wurde, da hat sie meines Wissens ihre Schwester hier abgegeben. Sie sagte, dass Pepper…."
Noch bevor Jude ihren Satz beenden konnte, fiel Elsa ihr ins Wort und ihre Stimme war so stark und klar, wie sie es immer war „Das ist gelogen! Ich weiß, was diese verabscheuungswürdige versoffene Person erzählt hat, die gleiche Lüge hat sie mir auch erzählt aber das ist gelogen. Pepper würde niemals jemanden etwas antun. Ich kenne Pepper seit vielen vielen Jahren und sie hat niemals jemanden etwas angetan. Sie hat es nicht verdient hier zwischen Verrückten und Verbrechern zu sitzen."
Elsa hielt innen, als sie bemerkte was sie gerade gesagt hatte und vor allem in welcher Lautstärke. Etwas unsicher sah sie sich um, aber niemand der Insassen schien wirklich Notiz davon genommen zu haben. Bis auf zwei Personen im Raum, die wie Elsa jetzt sah wohl sehr interessiert an diesen Treffen waren. Sie sah wieder zu Jude und schüttelte den Kopf.
„Nun, nicht alle hier sind Verrückte Miss Mars." Sagte Jude in einem strengen Ton und fühlte sich beleidigt. Sie wusste dass sie es nicht sein sollte, jeder der hierher kam würde zuerst vermuten sie alle wären Irre oder Verbrecher oder beides zusammen. Sie selbst saß hier wegen Mord und auch wenn sie unschuldig war, war genau das was die Leute als erstes in ihr sahen. Eine Mörderin.
„Es tut mir leid, ich wollte Sie nicht beleidigen. Darf ich Sie etwas fragen?" Elsa sah Jude skeptisch an. Jude schien etwas Strenges und Energisches an sich zu haben, aber sie wirkte auf Elsa keineswegs geisteskrank oder bösartig. Elsa hatte schon immer eine besondere Gabe besessen, die Gabe hinter der Fassade eines Menschen schauen zu können. Es war als könnte sie die Seele eines Menschen sehen. Es gab eine Zeit, da hatte Elsa diese Gabe verloren und der Wunsch ein Star zu werden hatte ihr Urteilsvermögen getrübt. Doch seitdem sie und Massimo Jupiter verließen, war es als würde sie wieder alles ganz klar sehen und in Jude, sah sie keinen bösen Menschen.
Jude lächelte traurig und nickte „Sie wollen wissen, warum ich hier bin. Ist es nicht so?" Sie brauchte keine Antwort um es zu wissen. Sie hatte es selbst noch nie laut ausgesprochen und es fiel Jude unheimlich schwer, weil sie nicht wusste wie sie es sagen sollte. Sollte sie sagen ‚Ich bin eine Mörderin'? Das wäre gelogen. Jude überlegte, wie sie es am besten formulieren sollte.
„Nun…man sagt, ich hätte jemanden ermordet."
Elsa, Massimo und Pepper sahen alle gleichzeitig zu Jude und sie versuchte, die Gesichter zu deuten. Angst? Ungläubigkeit? Abscheu? Sie wusste nicht, was sie in den Gesichtern der anderen sah. Plötzlich begann Pepper zu kichern und schüttelte heftig den Kopf.
„Neeeein…."
Jude blickte Pepper etwas irritiert an. Der kleine Spitzkopf sah sie freundlich an und sah dann zu Elsa und wiederholte ihr ‚nein'.
Elsa wusste, dass niemand ohne Grund in einem Sanatorium landete aber sie wusste auch, dass nicht jeder schuldig war. Das beste Beispiel war Pepper. Sie lächelte ihren kleinen Engel an und streichelte Peppers Wange.
„Wie mir scheint, glaubt meine Pepper das nicht. Die meisten Menschen denken, Pepper wäre dumm und würde nicht verstehen, was um sie herum geschieht aber ich sage Ihnen was, Pepper sieht die Welt viel klarer als viele von uns."
Irritiert sah Jude von Elsa zu Pepper. Wie konnte es sein, dass ausgerechnet diese kleine eigenartig aussehende Frau ihr Glauben schenkte?
„Sie scheinen Pepper genau zu verstehen." Sagte Jude mit einem Hauch von Bewunderung in ihrer Stimme.
Elsa lächelte breiter und nickte „Ich habe meine Pepper immer verstanden und das auch ganz ohne Worte. Wenn man in ihre Augen sieht, dann versteht man Pepper."
Jude war fasziniert von der engen Beziehung zwischen Elsa und Pepper. Offenbar sah Elsa in Pepper etwas anderes, als es alle anderen taten….auch sie.
„Sie sagten, man sagt Sie hätten jemanden gemordet. Ich gehe dann davon aus, dass Sie uns damit sagen wollen, dass Sie es nicht waren." Es war Massimo, der wieder sprach und noch skeptisch Jude begutachtete.
„Was ich sage, spielt keine Rolle mehr." antwortete Jude traurig.
„Es spielt eine Rolle! Für mich spielt es eine Rolle." Sagte Elsa und sah Jude tief in die Augen. Es war als würde sie in ihre eigenen Augen blicken und es war für Elsa beunruhigend und gleichzeitig so vertraut.
Jude lehnte sich zurück und verschränkte die Arme vor sich. Da saß sie, an einem Tisch mit zwei vollkommen fremden Menschen und einem Spitzkopf und sie schienen ihr mehr zu glauben, als die Leute die sie seit Jahren kannte. Menschen denen sie vertraute, Menschen die sie ohne Rücksicht auf Verluste in eine Schlangengrube stießen.
„Fein, Sie wollen es wissen? Bitte! Nein, ich habe niemanden umgebracht. Sagen wir, ich wurde für einige Leute hier zu unbequem. Ich kann es nicht beweisen, weil alle Aussagen gegen mich sind und ich nicht einmal die Chance hatte mich zu verteidigen. In den Augen des Staates, bin ich eine verrückte Mörderin die kein Recht auf Verteidigung hat." Jude kämpfte mich sich selbst und schluckte ihre Tränen herunter.
Elsa studierte das Gesicht von Jude. Sie kannte sie nicht aber etwas tief in ihr, sagte ihr das Jude unschuldig war. Sie griff nach Judes Hand und drückte sie leicht „Ich glaube Ihnen."
Wieder spürten Elsa und Jude dieses seltsame Gefühl von Vertrautheit, als ihre Hände sich berührten.
„Es ist schön zu wissen, dass nicht alle mich für ein Monster halten." lachte Jude freudlos und legte ihre andere Hand auf die von Elsa.
Massimo saß still neben Elsa und beobachtete die beiden Frauen. Er wusste schon jetzt, was Elsa als nächstes planen würde und er würde ihr helfen, so wie er es immer tat.
„Darf ich Sie fragen, wo Sie herkommen?" fragte Massimo plötzlich.
Jude sah den Mann mit den starken italienischen Akzent fragend an. Sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte, aber an einem Tag wie diesen würde sie wohl nichts mehr überraschen.
„Die interessanter Frage ist wohl, wo kommen Sie her? Sie sind Italiener, dass höre ich sofort. Aber…." Jude sah wieder zu Elsa. Auch sie hatte einen ausländischen Akzent, den Jude jedoch nicht zu ordnen konnte „….aber Ihren Akzent, erkenne ich nicht. Ich komme aus einem kleinen Ort, nicht sehr weit von Boston. Ich bin seit meiner Geburt nie weit von hier weggekommen."
„Also wurden Sie hier auch geboren ja?" fragte Massimo wieder.
Jude hatte langsam das Gefühl, der Mann wollte auf etwas hinaus und sie hatte auch eine Ahnung auf was, aber diesen Gedanken schüttelte sie schnell ab. Es war für sie undenkbar, in ihren vollkommen verdrehten Leben nun auch noch herauszufinden, dass auch ihre Vergangenheit nichts war als eine Lüge.
„Nun….sicher…." Jude war sich jedoch plötzlich nicht mehr so sicher. Als ihre Mutter starb, hatte sie sich das erste Mal mit allen Unterlagen im Haus beschäftigt. Nicht dass es viele waren. Ihre Mutter hielt nicht viel von Ordnung und so war es damals für Jude auch keine Überraschung, keine Geburtsurkunde zu finden.
Elsa spürte die Unsicherheit von Jude und wechselte das Thema „Ich komme aus Deutschland. Ich lebe aber schon sehr lange in Amerika. Ich kam 1936 hierher und die erste Zeit, lebte ich sogar in Boston. Ich arbeitete bei einem Zirkus, aber eigentlich bin ich Sängerin."
Jude sah Elsa verblüfft an „Sängerin? Wirklich?"
Etwas überrascht und auch beleidigt über die Aussage, der anderen Frau zog Elsa die Augenbrauen hoch „Ja, warum sagen Sie das so?"
„Ohhh es ist nichts, es ist nur…..nun…ich habe früher auch gesungen. Ich bin in vielen Nachtclubs aufgetreten."
War es wirklich möglich, das zwei Frauen die sich nie zuvor sahen und die aus völlig verschiedenen Orten dieser Welt kamen, so viel gemeinsam hatten. War das alles nur Zufall, oder gab es tatsächlich so etwas wie Schicksal?
