Kapitel 15: Geist aus der Vergangenheit
Mary Eunice grinste zufrieden, als sie den Gemeinschaftsraum betrat. Morgen früh, würde sie Franks Treue ihr gegenüber auf die Probe stellen. Er sollte derjenige sein, der Jude zu ihrer ersten Elektroschocktherapie bringen sollte. Dann würde sie ein für alle Mal wissen, ob er immer noch dieser Schlampe treu ergeben war. Mary Eunice war geradezu euphorisch, wenn sie an Judes zitternden und zappelnden Körper dachte, es erfüllte sie mit einer Vorfreude, wie sie sie nie zuvor verspürt hatte.
‚Heute back ich, morgen brau ich, übermorgen brenn ich Judy ihr Hirn heraus;
ach, wie gut, dass niemand weiß, dass ich Mary Eunice heiß!'
Kichernd sang Mary Eunice in Gedanken, den Reim aus dem Märchen Rumpelstilzchen. Doch sie wusste, sie musste versuchen ihre Vorfreude zu bremsen. Sie war immerhin die Gute hier. Sie ließ ihre Augen durch den Gemeinschaftsraum wandern und erblickte dann Jude an einen der Tische. Mit den Rücken zu ihr, saß eine blonde Frau und ein Mann, der geradezu von der schwachsinnigen Pepper angehimmelt wurde. Gespannt darauf, die Frau namens Elsa Mars zu sehen, ging Mary Eunice schnell zu den Tisch herüber und setzte ihr lieblichstes Lächeln auf, was sie zu bieten hatte.
„Wie ich sehe, hat nicht nur Pepper heute Besuch bekommen sondern auch unsere liebe Judy." Hämisch sah sie zu Jude herunter und blickte dann zu der anderen Frau. Für einen kurzen Moment entglitt ihr ihr falsches Lächeln, als sie Elsa sah. Sie hielt die Schilderungen der Ähnlichkeit zwischen den beiden Frauen für übertrieben, doch jetzt wo sie Elsa sah, konnte sie es kaum glauben. Diese Art von Ähnlichkeit konnte ein Zufall sein. Mary Eunice wollte verdammt sein, wenn diese zwei Schlampen keine Schwestern waren. Zudem verfluchte sie auch Arden. Warum hatte er seine Arbeit nicht richtig gemacht und diese deutsche Hure beseitigt?
Elsa sah zu den neuen Besucher am Tisch und musterte die junge Nonne. Sie hatte nie verstehen können, warum eine junge Frau auf alle Freuden des Lebens verzichtete für ein Leben als Nonne.
„Darf ich fragen wer Sie sind? Wie Sie sehen können, ist das eine private Unterhaltung!" feindselig blickte Elsa die Nonne an und sah dann wieder zu Judy Martin. Elsa erkannte sofort, wie sich der Blick der anderen Frau verändert hatte. Es war ein Blick zwischen Unsicherheit, Hass und Verzweiflung.
Mary Eunice schluckte die Wut über die Arroganz dieser Frau herunter und lächelte wieder „Verzeihen Sie, aber hier ist nichts privat. Es dient auch nur den Schutz unserer kleinen verlorenen Lämmchen. So, wie ich hörte sind Sie bekommen um unsere Pepper zu besuchen. Die Kleine ist wirklich ein Segen für uns gewesen, eine absolut vorbildliche Patientin. Wissen Sie, ich habe Pepper damals hier aufgenommen und wenn ich ehrlich bin, ich habe nie an ihre Schuld geglaubt und sie immer gut behandelt….ganz im Gegensatz zu meiner Vorgängerin!" sie warf einen Blick auf Jude, die sie mit keinen Blick ansah.
‚Dir wird deine Arroganz noch vergehen.'
„Oh verzeihen Sie, mein Name ist Schwester Mary Eunice. Darf ich fragen, ob Sie mit Miss Martin verwandt sind?"
Elsa wusste nicht was sie von der jungen Frau halten sollte. Sie schien freundlich und zuvorkommend aber dennoch war da etwas, etwas in ihren Augen was Elsa erschaudern ließ.
„Nun, ich hätte Ihnen das gleich sagen können! Leider wusste ich nicht, dass meine Pepper hier ist. Egal was Peppers Schwester gesagt hat, es ist gelogen und deswegen…"
Noch bevor Elsa alles erklären konnte, auch ihren Bezug zu Judy, hob Mary Eunice lachend die Hände „Aber bitte, Sie müssen mir nichts erklären. Auch wir sind hier zu dem Entschluss gekommen, dass Pepper unschuldig ist. Wir wollten sie schon entlassen aber fanden niemanden der sie aufnehmen würde. Der verehrte Monsignore Howard, hat einer Entlassung schon vor langer Zeit zugestimmt."
Jude glaubte sie würde träumen. Was zum Teufel erzählte sie da? Sie wusste nicht, was das zu bedeuten hatte aber es würde nichts Gutes sein.
Elsa warf einen überraschten Blick zu Massimo, der ebenso erstaunt war. Keiner hätte gedacht dass es so einfach wäre, zu einfach.
„Nun, mein Mann und ich möchten Pepper natürlich nach Hause holen." Sagte Elsa und sah zu Pepper.
„Wir würden Pepper natürlich sofort in Ihre Obhut legen. Sie müssen nur noch einige Dokumente ausfüllen, ich brauche ihre Ausweise und schon kann Pepper ihren Koffer holen."
Pepper saß beobachtete den Austausch zwischen Elsa und Mary Eunice. Mit ängstlichen Augen sah sie Massimo an und drückte seine Hand ganz fest um seine Aufmerksamkeit zu bekommen. Als Massimo sich zu ihr drehte, schüttelte sie nur ängstlich mit den Kopf und deutete auf Mary Eunice.
Massimo kannte Pepper nicht gut genug und verstand nicht, was sie ihn sagen wollte.
„Sie meinen, wir können Pepper noch heute mitnehmen?" ein ungläubiges und aufrichtiges Lächeln bildete sich auf Elsas Gesicht „Oh Pepper, hast du das gehört? Wir fahren nach Hause."
„Ich habe die Entlassungspapiere schon vorbereitet. Bitte zeigen Sie mir nur noch Ihre Ausweise und schon können Sie diesen Ort für immer Lebewohl sagen."
Elsas Lächeln verschwand und sie begann zu grübeln. Eines stand fest, diese Frau wollte sie um jeden Preis hier heraus haben und sie glaubte den Grund zu kennen.
„Aber nein Liebchen, wir werden natürlich oft herkommen um Judy zu besuchen." Grinsend sah Elsa hoch zu Mary Eunice und wartete die Reaktion ab. Und es war genauso wie sie dachte, kaum hatte sie Judy erwähnt, da schwand das Lächeln der jungen Nonne.
„Ist das so? Nun, ich werde so viel Besuch nicht gestatten können. Es stört den normalen Ablauf und der ist sehr wichtig. Gerade für Menschen wie Miss Martin, die sehr verwirrt sind."
Von Jude kam in diesen Moment nicht mehr als ein herablassendes Seufzen.
„Ich würde sagen, ich werde Ihnen jetzt Pepper mitgeben und alles was Miss Martin angeht, klären wir bei Ihren nächsten Besuch. Bitte die Ausweise."
Langsam wurde Mary Eunice ungeduldig, sie wollte diese Leute einfach nur loswerden.
„Natürlich." sagte Elsa und wandte sich an Massimo „Unsere Ausweise sind im Auto, holst du sie bitte?"
Massimo lächelte Elsa an und drückte ihre Hand „Sicher, wenn mich deine Pepper loslässt."
„Sie mag dich." Elsa nahm Peppers Hand von Massimo weg und nahm sie in ihre „Er kommt gleich wieder Liebling."
Massimo stand auf und gab Elsa einen Kuss auf die Stirn „Bis gleich."
Dann verließ er den Gemeinschaftsraum und ging durch die große Halle. Massimo kam die ganze Situation mehr als komisch vor. Nie hätte er gedacht, dass sie ihnen Pepper einfach so mitgeben würden. Der Tag hätte ohnehin nicht seltsamer sein können. Er dachte wieder an Judy Martin. Sie und Elsa mussten in irgendeiner Weise zusammen gehören, jetzt mussten sie nur herausfinden wie. Schnell lief er zu seinem Wagen und holte seinen und Elsas Ausweis. Er wollte Elsa nicht zu lange dort allein lassen, denn immerhin war dieser Ort ein Sanatorium. Wieder betrat er die Vorhalle von Briarcliff und wollte gerade wieder den Gemeinschaftsraum betreten, als ein Mann in Uniform plötzlich auf ihn zukam.
„Verzeihen Sie, aber sind Sie der Mann der mit seiner Frau wegen Pepper hier ist?" Frank sah den anderen Mann fragend an und hoffte nun doch einen Weg gefunden zu haben, mit den Leuten in Verbindung zu treten.
„Ja, darf ich fragen wer Sie sind?" Massimo sah Frank prüfend an.
Frank sah sich um, um zu sehen ob noch jemand hier war „Hören Sie, ich kann nicht lange sprechen. Man darf mich nicht mit Ihnen sehen. Sie, ihre Frau und auch Jude…Miss Martin sind in Gefahr. Hier arbeitet ein Arzt, der ihre Frau noch aus Deutschland kennt. Er nennt sich Arthur Arden aber ich glaube nicht, dass es sein richtiger Name ist. Er sagte er habe…"
Noch bevor Frank zu Ende reden konnte, rief ihn Schwester Johanna.
„Frank….?"
„Verdammt…lassen Sie sich nichts anmerken. Bitte, helfen Sie Jude….wenn Sie wissen, wer er wirklich ist, dann müssen wir ihn als das was er ist entlarven."
Er gab Massimo noch einen bittenden ernsten Blick und lief dann zu Schwester Johanna, bevor sie ihn mit Massimo sehen konnte.
Massimo jedoch, stand noch eine Weile bewegungslos da. Ein Arzt aus Deutschland? Der Elsa kannte? Er verspürte ein schreckliches Gefühl und eine schlimme Ahnung breitete sich in ihm aus. War es möglich, dass ein böser Geist aus der Vergangenheit hier sein Unwesen trieb?
