Kapitel 19: Wer ist Arden?
Massimos Worte hallten in Elsas Verstand, wie ein Echo. Ein Echo aus der Vergangenheit. Plötzlich war alles wieder da, jede schreckliche Erinnerung an den Mann, der ihr Leben auf so drastische Art verändert hatte. Er hatte ihr mehr genommen als nur ihre Beine, er nahm ihr die Würde. Elsas Hände fanden langsam den Weg zu ihren Beinen, an jene Stelle die sie mit ihren hölzernen Beinen verband. Der Schmerz…..über die Jahre hatte sie den Schmerz vergessen, doch nun war er wieder da. Sie konnte das Geräusch der Kettensäge hören, das Lachen der Schlächter, das Blut welches auf sie spritze. Sie hörte wieder die Stimme von Gruper, ganz klar und deutlich.
‚Das andere ganz langsam.'
Elsa wüsste nicht wie lange sie für ihr zweites Bein brauchten aber es war für sie eine Ewigkeit. In diesen Moment wollte sie nur eines tun, sterben. Sie betete, dass diese Monster sie einfach töten würden, doch diese Gnade gaben sie ihr nicht. Wie ein Stück Vieh, ließen sie sie dort zurück um allein und langsam zu sterben. Sie wusste noch, wie sie den jungen Soldaten anflehte sie zu töten um ihren Qualen ein Ende zu setzten, doch er rettete sie. Lange hatte ihn Elsa dafür gehasst, sie wollte kein Leben als Krüppel und sie wollte lieber sterben als ohne Beine leben zu müssen. Doch dann änderte sich alles, als Massimo in ihr Leben trat. Schon damals war er ihr Fels gewesen, an dem sie sich immer anlehnen konnte. Er liebte sie vom ersten Moment an, auch wenn Elsa damals nicht verstehen konnte warum.
Massimo, auch er musste unter Hans Gruper Höllenqualen erleiden. Nie hatte er Elsa alles erzählt was Gruper mit ihm tat. Die Scham und der Schmerz waren zu groß und er wollte nicht, dass Elsa noch mehr böse Erinnerungen und Gedanken verarbeiten musste. Sie wusste nur, dass er ihn gefoltert hatte aber nicht wie. Niemals hatte Massimo es jemanden erzählt und das würde er bis zu seinem Tode auch nicht tun. Dieses schreckliche Geheimnis, diese Demütigungen würde er mit ins Grab nehmen.
„Elsa?"
Es war Massimos Stimme, die Elsa aus der Dunkelheit ihrer Gedanken zurückholte. Sie hatte nicht einmal bemerkt, dass sich Tränen in ihren Augen gebildet hatten. Schnell wischte sie die Tränen weg und sah in Massimos besorgtes Gesicht.
„Wie? Wie kommst du darauf, dass es Gruper ist?" Elsa wollte nicht glauben, dass sie mit ihrem Schlächter zusammen in einem Gebäude war und dass er sein grausames Werk an armen Geschöpfen wie Pepper praktizierte.
Massimo seufzte und sah Elsa tief in die Augen „Dieser Wachmann sagte, er habe gehört wie er über dich sprach und das er dich aus Deutschland kennen würde. Elsa, ich weiß es nicht genau aber mein Verstand sagt mir, dass es Gruper ist. Du darfst unter keinen Umständen jemals wieder nach Briarcliff gehen. Er weiß, dass du dort warst und wenn er denkt, dass er in Gefahr ist, wird er versuchen diese Gefahr auszulöschen."
Elsa hörte Massimo genau zu und plötzlich wurde ihr etwas bewusst „Oh mein Gott Massimo, wir müssen Jude dort unbedingt rausholen. Wenn dieses Monster auch nur eine Verbindung zwischen uns erahnt, wird er sie nicht am Leben lassen. Über die Jahre sind so viele Mitglieder der NSDAP untergetaucht und nie gefunden worden und das nicht ohne Grund. Massimo, wir müssen Jude dort rausholen, sofort." Völlig panisch lief Elsa auf und ab und versuchte sich mit zitternden Hände ihre Zigarette anzumachen.
„Elsa, hör zu! Wir können Jude nicht einfach daraus holen und das weißt du auch. Ohne Beweise können wir nichts tun. Ich habe lediglich seinen Namen und damit müssen wir beginnen. Er nennt sich Dr. Arden." Massimo lief Elsa nach und nahm ihr die Zigarette aus dem Mund und zündete sie für sie an.
Elsa zog lange an ihrer Zigarette und schüttelte den Kopf „Ich kann das noch nicht glauben Massimo, das ist doch alles nur ein Alptraum, oder?" weinerlich sah sie ihren Mann an und wieder bildeten sich Tränen in ihren Augen.
„Es ist kein Traum Elsa, auch wenn ich das gern glauben würde." Massimo zog Elsa zu sich und umschloss sie in eine feste Umarmung, immer wieder küsste er ihren Kopf und musste seine eigenen Tränen unterdrücken „Vielleicht, ist jetzt die Zeit gekommen, dass dieses Monster bekommt was es verdient. Vielleicht bekommen wir beide doch noch Gerechtigkeit."
Pepper bekam von dem Gespräch der beiden zunächst nichts mit, die kleine Frau war zu überwältigt von dem Blick der sich ihr bot. Zuhause, sie würde endlich wieder ein Zuhause bekommen. Doch als sie den Name Arden hörte, reagierte Pepper und drehte sich zu Elsa. Mit einen seltsamen Blick voller Angst und Schmerz, ging sie auf Elsa und Massimo zu und zog an Elsas Rock, wie ein kleines Kind. Sie sah, dass Elsa weinte und sie wusste nicht warum. Fragend blickte sie die schöne blonde Frau an.
„Elsa traurig…?" sie zog wieder an Elsas Rock und sah sie eindringlich an „Arden….böööööse…böser böser Mann."
Elsa und Massimo sahen beide gleichzeitig zu Pepper, langsam kniete sich Elsa vor Pepper hin und nahm ihre Hände.
„Hör mir zu Liebchen, ich will dass du mir jetzt antwortest und das so gut wie du kannst, in Ordnung?" Elsa wartete das kurze Nicken von Pepper ab und lächelte gezwungen „Du bist ein liebes Mädchen! Was hat Arden getan? Du sagst er sei böse, warum sagst du das?"
Pepper quälte sich sehr, die richtigen Worte zu finden. Auch wenn sie alles im Kopf hatte, so konnte sie es nie ganz nach außen kommunizieren.
„Böser Mann….viele….viele….weg" Pepper versuchte es noch einmal „Viele…Menschen weg….Arden böser Mann."
Vielleicht hätten andere Leute Pepper nicht verstanden, aber Elsa verstand sie. Sie blickte zu Massimo und auch er schien zu verstehen. Elsa betete in diesen Moment nur für eines, dass Jude nicht auch plötzlich verschwinden würde.
„Massimo, wir müssen alles über ihn herausfinden, ich meine du musst alles herausfinden. Du suchst alles über Arden und ich werde versuchen alles über den Verbleib von Gruper herauszufinden. Und das kann ich am besten an einem Ort und ich muss auch dort herausfinden, was wirklich damals mit Jutta geschah."
Massimo schüttelte den Kopf. Er ahnte, dass Elsa etwas Derartiges vorhatte „Wo willst du hin?" fragte Massimo obwohl er die Antwort schon kannte.
„Ich werde nach Berlin fliegen, nur dort finde ich Antworten."
