Kapitel 21: Aufbruch in die alte Heimat
Der nächste Morgen war herangebrochen und Elsa saß in einem Flugzeug, das sie nach Deutschland bringen sollte. Noch am Vortag hatte sie einen Flug nach Berlin gebucht, um Licht in die Dunkelheit zubringen. Nicht nur was sie und Jude betraf, sondern auch um heraus zu finden was aus Hans Gruper wurde, nachdem das Dritte Reich gefallen war. Es fiel Elsa schwer sich von Massimo zu verabschieden, in den letzten Jahren hatten sie kaum einen Tag ohne einander verbracht. Beide hatten viele Jahre verschenkt und so etwas sollte nie mehr geschehen, aber Massimo konnte sie nicht begleiten. Ein Grund dafür war Pepper, ihre liebe kleine Pepper. Sie brauchte jetzt ein Zuhause und eine stabile Umgebung nach allem was sie durchgemacht hatte und Massimo würde sich gut um sie kümmern, dessen war sich Elsa sicher. Zudem wollte Massimo auch mehr über diesen Arzt herausfinden ….Dr. Arden. Er musste hier alles im Auge behalten, während sie in Deutschland war.
Es war nun fast 31 Jahre her, seitdem Elsa ihre Heimat verließ um in Amerika ein neues Leben zu beginnen. Sie wollte nie mehr zurückkehren und doch war sie jetzt auf den Weg zurück nach Deutschland. 1934 hatte Elsa ihren Koffer gepackt und hatte Deutschland den Rücken gekehrt. Nach Hindenburgs Tod trat das Ermächtigungsgesetz in Kraft und Elsa war sich der schmerzlichen Tatsache bewusst, dass sie hier unter diesen Umständen niemals eine Zukunft haben würde…..so wie viele andere Menschen auch. Wenn sie jetzt an ihr Leben zurück dachte, hatte sie nie etwas anderes in Deutschland erlebt als Leid. Als Kind hatte sie den ersten Weltkrieg miterleben müssen, danach kam die Weimarer Republik unter der es ihr und den Rest der Bevölkerung schlechter denn je erging und dann übernahmen die Nationalsozialisten die Macht. Nein, Elsa hatte keine schönen Erinnerungen an Deutschland. Sie seufzte auf, als sie an all die totgeglaubten Geister dachte, die sie nun wieder erwecken würde. Würde sie Berlin überhaupt noch erkennen? War ihre Tante überhaupt noch am Leben? Was wenn sie keinerlei Antworten fand?
Sie dachte seit langer langer Zeit wieder an ihre vermeintlich tote Schwester. Jutta Mars, wie lange hatte sie an diesen Namen nicht mehr gedacht? Jutta war ein Tabuthema in ihrer Familie, es war als hätten sie durch Schweigen versucht, die Geschehnisse ungeschehen zu machen. Nie war sie mit ihren Eltern an Juttas Grab gewesen. Gab es das überhaupt? Waren sie deswegen nie auf dem Friedhof? Weil Jutta gar nicht tot war! Aber wieso sollten ihrer Eltern das erfunden haben? Elsa wusste es nicht, sie wusste eigentlich gar nichts mehr.
Sie schloss die Augen und atmete tief durch, in etwa 8 Stunden würde sie in Deutschland sein und bis jetzt, war sie sich nicht sicher, ob sie das alles allein überhaupt durchstehen würde.
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In Briarcliff machte sich Mary Eunice unterdessen auf den Weg zu Frank, um ihn mitzuteilen, dass er das große Vergnügen haben würde, Jude zu ihrer Elektroschocktherapie zu bringen. Es war eine große Freude für Mary Eunice, da sie wusste das Jude Frank immer für einen Freund hielt. Sie freute sich schon so sehr, auf ihre nach Hilfe bettelnden Augen, wenn sie auf der Liege festgeschnallt werden würde.
‚Niemand wird dir mehr helfen.'
Aber es gab noch einen anderen Grund, warum sie Frank ausgesucht hatte. Er war ein guter Mitarbeiter und schien nie Illoyal zu sein, aber dennoch hatte sie den Verdacht, dass er ein falsches Spiel spielte. War er auf ihrer Seite oder doch auf der von Jude? Das würde sie heute herausfinden. Wenn er sie verraten würde, würde er sterben. Mit kalten Blick ging Mary Eunice auf den älteren Mann zu und setzte ihr liebstes Lächeln auf.
„Guten Morgen Frank, schön dass Sie so pünktlich hier sind. Bitte holen Sie Miss Martin aus ihrer Zelle und bringen Sie sie zu Dr. Arden."
Lange blickte sie Frank an und beobachtete genau seine Reaktion. Schock, Angst, Schuld oder Mitleid, Mary Eunice studierte sein Gesicht nach irgendwelchen Anzeichen von zögern, doch Frank rührte sich kaum. Mit einem fast ausdruckslosen Gesicht, sah er die junge Nonne an und ließ keinerlei Gefühle an die Oberfläche durchdringen.
„In Ordnung." Sagte er kalt und dabei hatte er wirklich Mühe, seine Gefühle zu unterdrücken. Er würde Jude zu dieser Therapie bringen und auch wenn er wusste, dass der Apparat kaputt war, so wusste es Jude nicht und er würde es ihr auch nicht sagen können. Er betete, dass Jude ihn dafür nicht hassen würde, aber wenn er sie weiterhin beschützen wollte, dann dürfte niemand einen Verdacht schöpfen. Ihm brach das Herz, wenn er daran dachte Jude abzuholen und sie in den Glauben zu lassen, dass sie gleich unter Strom gesetzt werden würde.
Frank machte sich auf den Weg zum Frauentrakt und hörte die Schritte von Mary Eunice hinter sich. Natürlich würde sie alles beaufsichtigen und Frank wusste, dass er Jude wahrscheinlich nicht einmal ein aufmunterndes Lächeln schenken konnte. Gemeinsam betraten sie den Frauentrakt und gingen direkt zu Judes Zelle und während Frank langsam immer übler wurde, konnte Mary Eunice es kaum erwarten.
„Guten Morgen Miss Martin, es ist Zeit." Sagte sie fröhlich, als sie Judes Tür öffnete.
Jude hatte fast die ganze Nacht kein Auge zugetan. Die Angst vor der Behandlung ließ ihr keine Ruhe. Das Blut in ihren Adern gefror zu Eis, als sie Mary Eunice hörte. Langsam drehte sie sich um und erblickte neben Mary Eunice einen Mann…..Frank. Völlig geschockt sah sie zu ihn und sah seinen leeren kalten Blick. Nein, das konnte nicht sein. Er würde das nicht tun, nicht nach diesen Brief gestern. Oder war das nur ein grausamer Scherz?
„Es wird Zeit Miss Martin." Sagte Frank und versuchte seine Stimme streng und emotionsfrei klingen zu lassen, dabei zerriss es ihm innerlich. Ihre schockierten Augen würden ihn ewig verfolgen.
Judes Herz raste wie wild und sie hatte das Gefühl gleich das Bewusstsein zu verlieren. Sollte sie sich wehren? Sollte sie schreien und um sich schlagen? Was würde das noch bringen? Wie ferngesteuert ging sie auf Frank und Mary Eunice zu und ließ sich zu Arden bringen. Es gab also doch niemanden mehr. Tränen bildeten sich in ihren Augen, als sie Frank ansah und keinerlei Reaktion von ihm bekam. Zusammen gingen alle drei zu Ardens Folterkammer und Jude hoffte, dass sie bald von all dem erlöst werden würde. Sie wollte das alles nicht mehr ertragen. Sie konnte es nicht mehr ertragen.
