Kapitel 22: Die Behandlung

Dr. Arden erwartete schon voller Sehnsucht seine nächste Patientin. Es war nicht nur, dass er diese Therapie durchführen wollte, um sich selbst zu retten. Nein, gerade bei Miss Judy Martin war es ihm ein besonders großes Vergnügen. Vom ersten Moment an, hatte er diese arrogante Person gehasst. Sie war alles, was er an einem Menschen verabscheute. Er hielt sie für unrein und eine Hure, dazu war sie herablassend und würdigte seine Arbeit in keinerlei Weise. Arden selbst, hielt sich für ein Genie und er genoss es, wenn Menschen genau das in ihm sahen. Als er damals Mary Eunice kennen lernte, da war sie für ihm ein Lichtblick in dieser verabscheuungswürdigen Welt voller Zweifler, Missgeburten, Verrückter und menschlichen Abschaums. Sie bete ihn an und seine Wissenschaft, sie sah in ihn einen großen Mann. Ganz anders als Jude, die ihn als eine Art Barbar ansah und über ihn lächelte. Er hasste es, wenn Menschen über ihn lachten. Aber heute, heute würde sie nicht lachen. An diesen Tag würde er lachen, wenn er den Strom durch ihren verkommenen Körper fließen lassen würde. Er selbst hätte sie gern für das eine oder andere Experiment benutzt, aber die Hand des Monsignore war dabei noch im Spiel. Er würde nicht zulassen, dass er seine kleine Nonnenhure entstellen würde. Er dachte an Shelly…wie gern hätte er diese „Behandlung" auch bei Jude durchgeführt. Vielleicht würde er zu einem späteren Zeitpunkt noch in den Genuss kommen, aber jetzt musste er sich mit der Elektroschocktherapie zufrieden geben.

Das hat sie sich selbst zu zuschreiben.'

Arden hörte Schritte die sich ihn nährten und er begann breit zu grinsen. Die Tür öffnete sich und er erblickte Mary Eunice, die ihn grinsend ansah. Offenbar hatte die junge Nonne ebenso viel Freude wie er selbst. Kurz nach Mary Eunice betrat Jude den Raum, sie war kreidebleich und ihr Gesicht war eine Maske aus Schmerz. Fast hätte sie einen leidtun können…..fast.

„Ahhhh guten Morgen Miss Martin, ich habe Sie schon erwartet. Darf ich Sie bitten, sich hinzulegen oder müssen wir noch einige Pfleger dazu holen?"

Frank stand in der Tür und blickte in das falsche Gesicht von Arden, er hasste diesen Schlächter und er kämpfte mit den Drang, ihn grün und blau zu schlagen. Am liebsten hätte er Jude gepackt und hätte sie in die Arme genommen, ihr gesagt das sie keine Angst haben müsse und ihr ins Ohr geflüstert, dass er immer für sie da sein würde. Doch das war nicht möglich und es zerriss ihn innerlich. Jude war so blass, so geistesabwesend, so verloren…..dachte sie er hätte sie verraten? Wahrscheinlich.

Bitte vergib mir.'

Jude rührte sich langsam und ging ohne Arden oder Mary Eunice anzusehen in Richtung Liege. Sie hatte Angst, schreckliche Angst. Sie wusste, dass sie ihr die schlimmste Behandlung von allen geben würden. Sie wusste, welche Auswirkungen schon eine schwache Therapie haben würde. Was würde geschehen, wenn sie den Apparat völlig auslasten würden? Würde sie jemals wieder normal werden? Nein, denn darum ging es hier! Wie ferngesteuert setzte sich Jude auf die Liege und blicke zu Frank, der in der Tür stand. Warum tat er das? Warum gab er ihr Hoffnung und brachte sie dann hierher? Hatte sie ihn all die Jahre falsch eingeschätzt? Nein, Frank war kein böser Mensch. Oder doch? Jude wusste es nicht mehr, sie sah noch einmal hilfesuchend zu Frank, doch er wandte den Blick ab. Tränen brannten in ihren Augen, als sie begriff, dass er ihr nicht helfen würde. Sie hatte also auch ihn verloren. Alle Männer auf die sie hätte zählen können, hatten sich abgewandt. Zuerst Timothy und nun auch noch Frank.

„Es ist schön, dass Sie so eine einsichtige Patientin sind." Arden ging um die Liege herum und sah zu Jude. „Bitte legen Sie sich hin…..ich muss Ihnen die Therapie ja nicht erklären. Sie haben mir ja damals selbst bei Miss Winters assistiert. Welche Ironie!"

War das ihre Strafe? Arden hatte Recht, sie selbst hatte Lana dieser Tortur ausgesetzt. Vielleicht war das die Strafe für all ihre Sünden. Sie legte sich mit geschlossenen Augen auf die Liege zu begann zu beten.

„Frank, bitte schnallen Sie Miss Martin fest." Die süße Stimme von Mary Eunice ertönte und Jude wagte nicht die Augen zu öffnen. Sie wollte nicht Frank dabei zu sehen, wie er sie festschnallen würde. Sie würde es nicht verkraften. Sie schloss die Augen so fest sie konnte und gab sich ihrem Schicksal hin. Sie fühlte plötzlich Frankes Hände an ihren Knöcheln und wie er die Manschetten fest schloss. Judes Herz raste wie wild, ihr wurde übel und ihre Atmung wurde unkontrolliert. Jetzt gab es keinen Ausweg mehr. Als nächstes spürte sie, wie ihre Hände festgeschnallt wurden und sie wusste, dass es gleich so weit sein würde.

Frank selbst konnte kaum glauben, was er hier gerade tat. Er hasste sich selbst dafür, aber hatte er eine andere Wahl? Die Augen von Mary Eunice und Arden verfolgten ihn die ganze Zeit, sie wollten ihn testen, ganz ohne Zweifel. Er wagte nicht, Jude ins Gesicht zu schauen. Die Angst vor ihren Blick war zu groß, er wusste nicht ob er weiter machen könnte, wenn er sie ansehen würde.

„Schwester, Sie dürfen mir heute assistieren." Arden deutete mit den Finger, auf etwas was Frank nicht sehen konnte. Aber das war auch egal, beide waren abgelenkt und wandten ihn den Rücken zu, dass war Franks Chance. Seine einzige…Er nutzte den Moment und nahm Judes Hand in seine und drückte sie einen Moment, während sein Daumen über ihren Handrücken streichelte. Das war die einzige Geste, die er ihr jetzt geben konnte und er betete, dass sie ihn verstehen würde. Doch als sie völlig irritiert die Augen öffnete und ihn ansah, da wusste er dass sie ihn verstanden hatte. Er blickte zu Arden und Mary Eunice, die immer noch mit den Rücken zu ihm standen und sah wieder zu Jude. Er musste seine eigenen Tränen herunter schlucken, als er ihn ihre Augen sah. Er schenkte ihr ein kurzes lächeln und strich ihr noch einmal über ihre Hand. Doch schnell würde sein Blick wieder ernst, als er Arden hörte.

„Sie müssen also nur genau auf die Schläfen halten."

Mit einem freudigen lächeln ging Mary Eunice zum Kopfende der Liege und blickte auf Jude herab. Darauf hatte sie so lange gewartet.

„Vielen Dank Frank." Sagte Arden und betätigte den Stromschalter. Doch statt das so wohlbekannte Geräusch des summenden Apparates zu hören, gab das Gerät keinen Ton von sich. Verwundert drehte sich Arden um und versuchte es noch einmal. Doch wieder nichts. Wieder und wieder betätigte er den Hebel und nichts geschah.

„Das darf doch nicht wahr sein!" rief er wütend und schlug mit der Faust dagegen.

Auch Mary Eunice' Lächeln verschwand „Dr.? Was ist los?" fragte sie ungeduldig.

„Wie es aussieht, ist es kaputt. Beim letzten Stromausfall muss eine Leitung durchgebrannt sein oder so etwas." Sagte Arden bitter und blickte zu Mary Eunice.

Jude konnte es nicht glauben! Gab es vielleicht doch einen Schutzengel der über sie wachte? Der ihr diese Qualen ersparen wollte? Sie blickte zu Frank, der ihr ein kurzes Augenzwinkern gab. Es war kein Engel der sie beschützt hatte, es war Frank. Sie wusste nicht was er getan hatte, aber sie wusste jetzt eines und das war wichtiger als alles andere. Frank war für sie da, nach wie vor.

Hinter sich hörte Jude wie Mary Eunice wütend zu toben begann, aber das war jetzt nicht wichtig für Jude. Auch das die „Behandlung" ihr vorerst erspart bleiben würde, war im Moment nicht so wichtig. Wichtig war, dass sie Frank nicht verloren hatte. Das bedeutete ihr mehr, als alles andere.