Dieses Kapitel wird für mich ein ganz besonderes Kapitel und ich freue mich schon sehr lange darauf es endlich zu schreiben. Zuerst wollte ich die Menschen in Berlin mit einem Berliner Akzent schreiben, da aber einige von euch übersetzten, habe ich diese Idee verworfen. Für alle die nicht übersetzten, ihr könnt euch gern die Berliner mit unseren schaurig schönen Akzent vorstellen :-)

Kapitel 25: Wieder in Berlin

Während Jude allein den Tag in ihrer Zelle verbracht und Franks Worte nicht aus den Kopf bekam, war Elsas Flugzeug im Landeanflug auf Berlin Tegel. Aus dem Fenstern des Flugzeugs konnte sie schon einen Blick auf ihre alte Heimat werfen. 29 Jahre war es nun her, seit Elsa zuletzt Berlin gesehen hatte und sie verspürte ein seltsames Gefühl in der Magengegend. Sie war hin und her gerissen zu dem Ort zurück zu kehren, an dem sie das größte Leid ihres Lebens erfahren hatte. Nie wieder wollte sie einen Fuß nach Deutschland setzten und nun war sie hier und es gab kein Zurück mehr. Sie wünschte sich, sie hätte Massimo an ihrer Seite und er würde ihr Kraft geben ihrer Vergangenheit in die Augen zu schauen. Als die Maschine landete und die Passagiere sich von ihren Plätzen erhoben, atmete Elsa tief durch und war die letzte, die das Flugzeug verließ.

Kaum hatte sie das Flugzeug verlassen, überkam sie ein ungutes Gefühl und sie hätte am liebsten gleich den nächsten Flug zurück genommen. Aber das konnte sie nicht, sie musste Antworten finden und das nicht nur für sich sondern auch für Judy. Sie hatte ihr versprochen zurück zukommen und das würde sie nicht ohne Antworten. Nachdem Elsa ihren Koffer hatte, verließ sie langsam und unsicher das Flughafen Gebäude. Um sich herum vernahm sie die Stimmen der vielen Menschen und es war lange her, dass Elsa so viele Menschen Deutsch sprechen hörte. Sie selbst hatte einige Wörter nie abgelegt und sprach auch noch nach vielen Jahren in Amerika immer wieder einige Sätze auf Deutsch. Doch jetzt wieder gänzlich auf ihrer Muttersprache einzugehen war ein seltsames Gefühl. Sie ging einige Minuten zu Fuß durch die Straßen und warf einen Blick auf das neue Berlin. Es hatte kaum noch etwas von dem düsteren Ort, den sie aus der Weimarer Republik in Erinnerung hatte. Fröhliche Menschen füllten die Straßen und Elsa konnte kaum glauben, dass sie wirklich in Berlin war. Die Stadt war nicht wieder zu erkennen. Nervös zündete sich Elsa eine Zigarette an und blickte sich um, sie fühlte sich wie eine Stecknadel im Heuhaufen…verloren. Sie kannte hier niemanden mehr und die einzige Person die sie kannte, hatte sie immer gehasst. Elsa lief es kalt den Rücken herunter, als sie an ihre Tante dachte.

‚Augen zu und durch.'

Elsa konnte nicht sagen, sie freute sich ihre Tante zu sehen aber nur sie konnte ihr sagen, was wirklich damals mit Jutta geschehen war. Sie wollte wissen, ob ihre Schwester wirklich tot war. Doch tief in ihrem inneren ahnte sie schon, dass es nicht so war. Von der ersten Sekunde an, hatte sie das Gefühl, dass sie und Judy mehr verband als nur diese unglaubliche Ähnlichkeit.

Nach einer halben Stunde durch die Straßen Berlins, rief sich Elsa ein Taxi und begann ihre Suche an den einzigen Ort, wo sie eine reelle Chance sah Informationen zu bekommen. Zwar wusste sie weder ob ihre Tante noch lebte und ob sie noch an dem gleichen Ort wohnte aber wenn nicht, so konnten die Leute dort ihr vielleicht sagen, wo sie jetzt lebte.

„Wohin soll es gehen mein Fräulein?" fragte der Taxifahrer und sah Elsa durch den Rückspiegel an.

„In die Sophie-Charlotten-Straße 73 bitte."

Der Taxifahrer nickte freundlich und fuhr los. Auf dem Weg passierten sie viele Straßen, die Elsa noch allzu gut kannte und mit jedem Meter, das das Auto fuhr kam ihr die Gegend vertrauter vor. Sie passierten den Schlossgarten und einige andere Orte an die sich Elsa noch erinnern konnte, als wäre es erst gestern gewesen. Nach 15 Minuten hielt das Taxi und Elsa bezahlte mit dem Geld was sie zuvor am Flughafen getauscht hatte.

Fast 30 Jahre…..Elsa konnte es nicht glauben, dass sie tatsächlich hier stand. Völlig verloren stand Elsa vor dem Haus in dem früher ihre Tante lebte und vielleicht heute noch lebte. Sie wusste nicht wie lange sie dort stand aber anscheinend lange genug um Aufmerksamkeit zu erregen. Ein junger Mann kam auf sie zu und blickte sie freundlich an.

„Kann ich Ihnen helfen Fräulein?"

„Was?" Elsa schüttelte entschuldigend den Kopf und lächelte nervös „Ja vielleicht, ich bin auf der Suche nach Frau Hedwig Mars. Wissen Sie ob sie noch hier lebt?"

„Frau Mars? Aber sicher, sie wohnt von uns allen am längsten hier. Ich wohne auch in diesem Haus aber bisher habe ich nie gesehen, dass die alte Frau Besuch bekommt. Kommen Sie, ich lasse Sie rein."

Elsas Herz schlug wie wild und sie wünschte, sie hätte jetzt einen Schnaps zur Beruhigung.

„Danke!" Elsa folgte den jungen Mann in das alte Haus und glaubte immer noch zu Träumen.

„Sie wohnt in der dritten Etage, sie verlässt ihre Wohnung selten. Die Frau ist nicht mehr so gut zu Fuß."

Mit einen einfachen Kopfnicken bedankte sich Elsa und ging langsam die Stufen nach oben. Vielleicht war es unhöflich den netten jungen Mann einfach so stehen zu lassen aber Elsa hatte jetzt weder die Zeit noch die Nerven für Freundlichkeiten. Stufe für Stufe kam Elsa dem Ziel ihrer Reise näher bis sie vor der Tür mit dem Namen Mars stand. Elsa schluckte und ihre Hände waren kalt und zitterig. Nun war es also soweit…

Elsa klopfte einige Male an die Tür, bis sie Schritte vernahm die sich der Tür nährten. Immer heftiger schlug ihr Herz, als sich die Tür öffnete und eine alte Frau Mitte 80 vor ihr stand. Ihr fragendes Gesicht blickte die jüngere Frau vor der Tür an.

„Kann ich Ihnen helfen junge Frau?" fragte sie und hatte bis jetzt Elsa noch nicht erkannt.

Elsa jedoch erkannte ihre Tante sofort. Sie war alt und grau geworden, doch die Augen waren die gleichen. Durchdringend, kalt und emotionslos.

„Ich bin es Tante Hedwig….Elsa." Elsa war selbst erstaunt darüber, wie fest und selbstsicher ihre Stimme klang, denn sie fühlte sich gerade alles andere als selbstsicher.

Mit großen weit aufgerissenen Augen blickte die alte Frau auf ihre Nichte und rieb sich die Augen „Elsa?" Eine Weile musterte sie die blonde Frau vor ihrer Tür von Kopf bis Fuß und ein freudloses Lachen entkam ihrer Kehle „Wer hätte das gedacht? Fräulein Elsa Mars schafft es nach 30 Jahren doch einmal ihre arme alte Tante zu besuchen. Komm rein mein Kind."

Menschen, die Hedwig Mars nicht kannten, hätten womöglich gesagt die alte Frau hätte ihre Nichte mit offenen Armen empfangen aber Elsa wusste es besser. Sie wusste immer wie verschlagen und bösartig ihre Tante sein konnte. Mit einem gemischten Gefühl betrat Elsa die Wohnung und rümpfte die Nase, es roch nach kaltem Rauch und abgestandener Luft.

„Also Elsa, was führt dich nach all den Jahren wieder hierher? Sicher nicht der Wunsch deiner lieben alten Tante einen Besuch abzustatten. Man sagte mir du wärst nach Amerika gegangen um ein großer Star zu werden. Hast du deinen Traum verwirklicht? Ich bekomme viele Zeitungen aber deinen Namen habe ich in keiner gelesen." Finster blickte Hedwig zu Elsa und ein hinterhältiges Grinsen bildete sich auf ihrem Gesicht „Tröste dich mein Kind, nicht jede kann eine Marlene Dietrich sein."

Elsa war noch keine 2 Minuten hier und schon begann sie innerlich zu kochen. Warum musste sie ausgerechnet die Dietrich ansprechen? Elsa ermahnte sich selbst Ruhe zu bewahren und schluckte ihren Ärger herunter.

„Ich arbeite nicht für das Fernsehen. Ich singe in Clubs falls dich das wirklich interessieren sollte."

Hedwig betrachtete Elsa von oben bis unten und gab ihr einen verächtlichen Blick „Das sieht man." Sie ging zu ihrer Couch und deutete Elsa, sich zu setzten „Also, was willst du hier Elsa?"

Elsa setzte sich und atmete tief durch „Ich muss dich etwas fragen und ich möchte, dass du mir ehrlich antwortest, egal wie sehr du mich hasst!" sie sah ihre Tante einen Moment an und sprach dann weiter „Ich möchte wissen, was damals wirklich mit Jutta passiert ist. Meine Schwester ist nicht gestorben….nicht wahr?"

Das erste Mal sah Elsa eine emotionale Reaktion ihrer Tante, die sie mit schockierten und großen Augen ansah.

„Jutta?"