Kapitel 26: Juttas Geschichte
Hedwig Mars starrte Elsa mit großen Augen an und konnte nicht ganz glauben, was sie da hörte. Über 50 Jahre hatte sie nicht mehr über Jutta gesprochen, das Thema war ein Tabu und das sollte es auch bleiben. So viele schmerzliche Erinnerungen hingen an diesen Namen. Wieso kam Elsa nach all diesen Jahren her und wollte Juttas Geschichte hören? Wie kam sie darauf, dass ihre Schwester nicht gestorben war? Es dauerte einen Moment bis Hedwig sich gesammelt hatte und alle Emotionen, die Elsa eben noch gesehen hatte verschwanden und eine eiskalte Maske des Schmerzes und der Trauer spiegelte sich auf ihrem Gesicht wieder.
„Was soll das Elsa? Warum kommst du nach so vielen Jahren nach Berlin zurück und reißt alte Wunden auf? Was interessiert es dich, was damals geschehen ist? Du hattest doch nie Interesse an Jutta gezeigt, warum jetzt?"
Elsa spürte sofort, dass ihre Tante ihr ausweichen wollte und dafür war ihr jedes Mittel recht, sogar eine Lüge.
„Du weißt sehr wohl, dass das nicht wahr ist. Ich habe so oft nach Jutta gefragt. Ich wollte sie an ihrem Grab besuchen gehen, ein Bild von ihr sehen….irgendwas. Aber nie hat mir jemand etwas erzählt. Warum waren wir nie an ihrem Grab? Kann es sein, dass gar kein Grab existiert? Weil Jutta nicht gestorben ist, so wie ihr es mir immer erzählt habt?" Elsa blickte ihre Tante wütend an, sie hatte ein Recht darauf zu erfahren was wirklich geschehen war. Um ihre Nerven zu beruhigen, suchte Elsa in ihrer Handtasche nach ihren Zigaretten und zündete sie mit zitternden Fingern an.
Hedwig spürte wie ihr Herz immer schneller schlug und sie wollte vor Elsa keinesfalls einknicken, nicht vor ihr! Dieses Mädchen hatte nichts als Schande und Leid über die Familie Mars gebracht und wenn Elsa unbedingt alles wissen wollte, dann sollte sie auch die ganze Geschichte bekommen. Mit Augen so kalt wie Eis, sah sie ihre Nichte an und lehnte sich zurück.
„Nun mein Liebchen, du willst also die Geister der Vergangenheit nicht ruhen lassen? Fein, ich erzähle dir etwas über deine Schwester aber ob du dich danach besser fühlst, wage ich zu bezweifeln." Hedwig atmete tief durch und zündete sich selbst eine Zigarette an, während sie Elsa keine Sekunde aus den Augen verlor. Sie wusste, dass das was sie jetzt erzählen würde Elsa wahrscheinlich in Stücke reißen würde, aber das störte Hedwig nicht. Ganz im Gegenteil, hatte Elsa jemals an ihre Familie gedacht? „Weißt du Elsa, alles was deine Eltern jemals wollten, war ein Baby. Fast drei Jahre haben sie vergeblich auf ein Baby gehofft und deine Mutter, ist in dieser Zeit fast verzweifelt. Sie wollte ein Kind haben und sie betet jeden Tag dafür, dass sie endlich Schwanger werden würde. Die Monate vergingen und irgendwann hatten deine Eltern die Hoffnung aufgegeben, jemals ein Baby zu bekommen. Aber dann…..dann plötzlich war es so weit und deine Mutter erfuhr, dass sie Schwanger war. Ich habe noch nie zuvor eine so stolze werdende Mutter gesehen, wie es deine liebe Mutter war. Sie war so glücklich und als Jutta geboren wurde, da war sie ihr Wunderkind. Und das war sie auch." Ein Lächeln bildete sich auf Hedwigs Gesicht, als sie an diese Zeit zurück dachte „Jutta war ein Engel. Sie war ein so schönes Baby und ein Sonnenschein, nie hat man dieses wunderschöne kleine Mädchen schreien gehört. Sie war ein Segen für deine Eltern und sie liebten sie so sehr. Es war das Bild einer perfekten Familie, bis zu einen Tag im Juni 1909. Jutta war noch kein Jahr alt aber ihr erster Geburtstag stand kurz bevor und deine Eltern wollten eine große Feier für ihren Engel geben. Vielleicht war es leichtsinnig von deinen Eltern aber sie wollten, dass alles perfekt werden würde und so ließen sie eine enge Freundin der Familie mit Jutta in den Park gehen. Die junge Frau muss wohl auf einer Bank eingeschlafen sein und als sie wieder wach wurde, war der Kinderwagen noch da…..aber das Baby war weg. Überall suchten wir nach Jutta und auch die Polizei suchte in ganz Berlin nach ihr, aber sie war weg. Wir haben nie wieder etwas von Jutta gehört."
Elsa hörte ihrer Tante aufmerksam zu und konnte es nicht glauben. Jahrelang hatte sie mit einer Lüge gelebt….Jutta war nicht tot, sie wurde als Baby entführt. Elsas Herz zog sich zusammen und sie verspürte so viele Gefühle gleichzeitig in sich, dass sie selbst nicht mehr wusste was sie fühlte. Als Elsa anfing zu sprechen, war ihre Stimme leise und doch konnte man den Hauch eines Vorwurfs heraushören.
„Also hatte ich Recht, meine Schwester ist nicht gestorben, so wie ihr es mit immer erzählt habt."
„Oh doch, dass ist sie. Für deine Eltern war Jutta tot, sie konnten mit der Ungewissheit was aus ihrem Engel wurde nicht leben, also beschlossen sie einen Schlussstrich zu ziehen. Sie ließen Jutta sterben, damit sie weiter leben konnten." Hedwigs Gesichtszüge veränderten sich wieder und sie blickte Elsa mit Abscheu an „Und dann…..dann kamst du! Deine Mutter versuchte alles um sich auf ihr neues Baby zu freuen aber der Schmerz über Juttas Verlust saß zu tief und als du dann geboren wurdest, war der Schmerz schlimmer denn je. Du warst das Ebenbild deiner Schwester und das zerriss deine Eltern nur noch mehr, immer wenn sie dich sahen, da sahen sie Jutta. Aber du warst nicht wie sie. Du warst von Anbeginn ein kleiner Teufel. Du hast unaufhörlich geschrien und geschrien. Und als du älter wurdest, da wurde es nur noch schlimmer. Du hast alles getan um die Aufmerksamkeit und die Liebe deiner Eltern zu bekommen. Es war nicht die Schuld deiner Eltern, dass sie dich nicht lieben konnten. Du warst wie ein dunkler Schatten aus der Vergangenheit, der deine Eltern keine Ruhe lassen wollte."
Verbittert blickte Hedwig zu Elsa, die alle Mühe hatte ihre Tränen zurück zuhalten. Elsa konnte sich gut erinnern, wie sehr sie als Kind um die Zuneigung ihrer Eltern gekämpft hatte. Eine liebevolle Umarmung, ein Kuss oder auch nur ein ‚ich habe dich lieb' hätte gereicht um ein Lächeln auf Elsas Gesicht zu zaubern. Nie hatte sie die Liebe bekommen, die sie verdient gehabt hätte und nun wusste Elsa auch warum. Die nächsten Worte ihrer Tante schnitten ein so tiefes Loch in Elsas Herz, dass sie das Gefühl hatte selbst dort hinein zufallen.
„Du Elsa, hättest nie geboren werden dürfen! Ich danke Gott, dass deine Mutter so früh verstarb um nicht die Schande miterleben zu müssen, die dein Vater erdulden musste und die ihn auch ins Grab brachte. Du hast nicht nur das Leben deiner Eltern zerstört sondern auch deinen Vater umgebracht." Hedwigs Stimme wurde immer lauter und sie funkelte Elsa voller Hass an „Du bist eine Hure Elsa! Glaubst du wirklich, dass wir nicht gewusst haben wie du dein Geld verdient hast? Du hast dich von Männern für all mögliche Perversionen bezahlen lassen und dein Vater schämte sich so sehr für dich."
Elsa fühlte sich mit allen vollkommen überfordert und sie wusste nicht mehr, ob das alles vielleicht doch nur ein böser Traum war. Sie wollte aufwachen und sich in Massimos Armen wieder finden. Massimo, nie hatte sie ihn so sehr gebraucht wie jetzt. Elsa hatte alles getan um ihre Tränen zurück zuhalten aber sie war an ihre Grenzen gestoßen. Dicke Tränen liefen ihr über ihre Wangen und ihre Stimme gebrochen und dennoch bedrohlich „Das ist doch alles Scheiße was du da sagst! Ich habe meinen Vater Jahrelang nicht gesehen, bevor ich nach Amerika gegangen bin."
Hedwig beugte sich nach vorn um Elsa besser in die Augen sehen zu können „Aber er hat dich gesehen! Dein großer Auftritt in diesen Film war in aller Munde. Als dein Vater sah, dass man dir vor laufender Kamera die Beine abgeschnitten hatte, da bekam er einen Herzstillstand."
Elsas Herz stand für einen Moment still und sie schlug sich die Hand vor dem Mund. Sie wusste, dass der Film gezeigt wurde aber sie hatte nie gedacht, dass jemand aus ihrer Familie ihn gesehen haben könnte.
„Du hast wirklich alles getan für Aufmerksamkeit, oder?"
Elsas Schockzustand löste sich, als sie die Worte ihrer Tante vernahm. Mit geballt Fäusten stand Elsa auf und sie sah ihre Tante mit verweinten Augen an. Nicht etwas mit Tränen des Schmerzen oder des Schams, es waren Tränen der Wut und des Hasses. Zulange hatte Elsa ihr Temperament im Zaum gehalten und nun hatte sie keine Selbstbeherrschung mehr übrig. Mit einen wütenden lauten Schrei stieß sie den Tisch um und begann Hedwig anzuschreien, dass man sie wohl im ganzen Haus hören würde. Aber das war Elsa egal.
„Fahr doch zur Hölle du verfluchte alte Schabrake. Du stellst dich hin und glaubst über mich urteilen zu können? Hm? Ich will dir mal was sagen, du weißt einen Dreck über mich und über das was damals passiert ist. Du bist nichts weiter als eine hässliche, alte, einsame und verbitterte Frau, die allein ihr ihrer stinkenden Wohnung vor sich hin vegetiert. Fahr zur Hölle…..Fahr zur Hölle….oh Gott, ich verfluche dich!"
Hedwig blieb schockiert sitzen und konnte sich keinen Zentimeter mehr rühren, während Elsa mit geballten Fäusten vor ihr stand und sie anschrie wie eine besessene. Ja, Hedwig hatte in diesen Moment eine Todesangst vor Elsa und wie konnte die jüngere Frau nicht mehr berechnen. Wie versteinert blieb sie sitzen und sagte kein Wort.
Elsa spürte wie ihre Hände zu kribbeln begannen und sie hätte dieses Miststück am liebsten gewürgt, aber das war sie nicht wert. Ganz langsam ging Elsa einen Schritt zurück, ohne jedoch ihren Todesblick von Hedwig abzuwenden.
„Ich werde jetzt gehen, sonst tue ich noch etwas was mir später vielleicht Leid tut. Aber eines sollst du noch wissen, bevor ich gehe." Elsa beugte sich etwas zu der alten Frau herunter und blickte ihr tief in die Augen „Weißt du woher ich wusste, dass Jutta nicht tot ist? Ich wusste es, weil ich sie gesehen habe! Ich habe Jutta gesehen und weißt du was? Der kleine Engel von damals, sitzt in einem Sanatorium für geisteskranke Kriminelle!"
Mit diesen Worten verließ Elsa die Wohnung ihrer Tante für immer.
