Kapitel 28: Ausweglos

Es war bereits spät am Abend, als Timothy Howard nach Briarcliff zurückkehrte. Den ganzen Tag war er nun schon weg und war die meiste Zeit ziellos umhergefahren. Nie zuvor war er in solch einer verzweifelten Situation. Er musste den Kopf frei bekommen und genau überdenken was er tun sollte, wenn die Frau aus Deutschland wieder kommen würde. Timothy wusste nicht wieso, aber er hatte das Gefühl das sie wieder kommen würde, um Jude mit sich zunehmen. Seinen Rara Avis! Er wollte und konnte Jude nicht gehen lassen. Nicht nur weil sie zu viel wusste und somit eine Gefahr für ihn und seine ganze Zukunft wäre. Er konnte sie auch nicht gehen lassen, weil er sie brauchte. Ihre bloße Anwesenheit vermittelte ihm steht's ein Gefühl von Vertrautheit und Trost. Sie hatten einmal einen gemeinsamen Traum geteilt und waren sich so nahe! Nicht so nahe wie ein Mann und eine Frau normalerweise waren. Denn auch wenn er es sich das eine oder andere Mal vorgestellt hatte, so war eine körperliche Nähe zu ihr ganz ausgeschlossen. Er war ein Würdenträger der Kirche und sie war eine Nonne…..sie WAR eine Nonne. Beide standen über den fleischlichen Freuden, denen sich die meisten Menschen hingaben. Ihre Verbundenheit war Emotional und auf einer geistigen Ebene. Er hatte Jude steht's respektiert und ihre Intelligenz geschätzt, sie war eine ganz besondere Frau und Timothy hatte das sofort gesehen. Sie war nicht wie die anderen Nonnen, die er zuvor kannte. Da war etwas in Judes Augen, was ihn faszinierte und gleichzeitig auch abschreckte. So oft hatte er bemerkt, wie ihr Temperament am überkochen war und sie dadurch vergaß, dass sie mit einen Mann sprach. In Timothys Welt, stand die Frau unter dem Manne, so wie es Gott gewollt hatte und dennoch hatte er bei Jude oft das Gefühl, dass sie diese Ansicht nicht teilte. Das machte Jude zu eine Art Unruhestifter in den eigenen Reihen und doch auf der anderen Seite so besonders! Sie war sein seltener Vogel…..sein Schatz und er würde sie nicht gehen lassen.

Timothy sah auf seine Uhr und seufzte, Arden wollte am Morgen die Elektroschocktherapie bei Jude durchführen und das war jetzt einige Stunden her. Innerlich verfluchte er sich, weil er nicht den Mut hatte einzuschreiten aber was hätte er tun sollen? Mit all dem Wissen was Jude hatte, war sie eine wirkliche Gefahr und konnte mit nur wenigen Worten, alles zerstören für das er sein Leben lang gearbeitet hatte. Doch der Gedanke im gleichen Gebäude wie sie zu sein, wenn der Strom durch ihren Körper floss, war mehr als er ertragen konnte. Er wusste, es musste sein aber das bedeutete nicht, dass er anwesend sein musste.

Langsam stieg er aus seinen Wagen und betrat die Vorhalle des Sanatoriums. Vielleicht sollte er gleich zu Jude gehen, um ihr etwas Trost zu spenden und für sie zu beten. Aber konnte er das jetzt ertragen? Er hatte Patienten gesehen nach einer Behandlung von Arden und der Gedanke Jude in diesen Zustand vorzufinden ließ ihn innerlich zusammen zucken. Er hatte Angst, Angst davor was er sehen würde. Er schüttelte den Kopf und ging die Stufen nach oben, er konnte das jetzt nicht. Er wollte sich einfach nur in sein Bett fallen lassen und für einige Stunden all das hier vergessen. Wie konnte sein Leben nur so aus den Fugen geraten? Gerade als er die Tür zu seinen privaten Räumen öffnen wollte, hörte er Schritte hinter sich und erkannte sofort wer es war.

„Sie waren den ganzen Tag weg Monsignore!" Ardens Stimme hallte durch den leeren Flur von Briarcliff und der ältere Mann sah Timothy herablassend an.

Timothy atmete tief durch und drehte sich zu Arden „Ich hatte einiges zu tun! Kann ich etwas für Sie tun Doktor?"

„Oh, wie mir scheint sind Sie etwas gereizt. Ich dachte, Sie wollten vielleicht wissen, wie es Ihrer Lieblingspatientin geht! Wollen Sie gar nicht wissen, wie die Behandlung gelaufen ist?" Arden kam langsam näher und sah Timothy prüfend an.

Timothy spürte wie er immer unruhiger wurde. Wieso hatte Arden gewartet? Warum sollte er ausgerechnet jetzt mit ihm darüber reden? War etwas schief gelaufen?

„Ich…..nein….Was?" Timothy musste sich zusammen nehmen und versuchte wieder einen klaren Gedanken zu fassen „Was ist passiert? Umsonst warten Sie doch nicht auf mich zu dieser Tageszeit. Was haben Sie getan? Ist Jude etwas zugestoßen?"

Timothy war selbst überrascht wie kraftvoll seine Stimme klang und er konnte sehen, dass Arden nicht weniger überrascht war.

„Ob etwas passiert ist? Ganz im Gegenteil….nichts ist passiert! Gar nichts! Ich konnte die Behandlung nicht durchführen, wie mir scheint hat sich jemand am meinen Arbeitsmaterialien zu schaffen gemacht. Einige Drähte waren durchgeschnitten. Zuerst dachte ich, es wäre ein Kurzschluss aber nein, jemand hat meine Arbeit sabotiert."

„Was?" Timothy wusste nicht ob er erleichtert oder schockiert sein sollte. Jude ging es gut und das war eine unglaubliche Erleichterung für ihn aber anderseits, war diese Behandlung dringend nötig um zu verhindern, dass Jude reden würde „Und wer war es?"

Arden musterte Timothy genau und trat näher „Nun, anscheinend jemand, der eine große Sympathie für Miss Martin hegt…..jemand der über diese Behandlung Bescheid wusste und das waren nur Schwester Mary Eunice, Sie und meine Wenigkeit. Sagen Sie verehrter Monsignore, wieso waren Sie den ganzen Tag unterwegs? Hatten Sie wirklich etwas Wichtiges zu tun und hatten Sie Angst, man würde Ihnen ihr schlechtes Gewissen ansehen?"

Mit großen Augen sah Timothy zu Arden und funkelte ihn ungläubig an „Was soll das heißen? Sie verdächtigen mich? Wieso sollte ich so etwas tun?"

Arden stand nun gefährlich nahe bei Timothy und sah ihn mit kalten Augen an „Ihre Gefühle für diese Frau beeinträchtigen ihr Urteilsvermögen! Sie haben ein Auge auf diese Frau geworfen und ob Sie es zugeben wollen oder nicht, ich kann sehen dass Sie Gefühle für sie hegen. Völlig unangebrachte Gefühle, die uns alle in Gefahr bringen. Ich warne Sie Timothy, wenn ich herausfinde dass sie mich betrügen und meine Arbeit sabotieren, dann werden Sie es bereuen. Schwester Mary Eunice sieht das wie ich und wir beide werden Sie im Auge behalten. Ich gebe Ihnen einen gut gemeinten Rat, als Freud so zu sagen….legen Sie sich nicht mit mir an."

Mit diesen Worten drehte sich Arden um und verschwand in der Dunkelheit. Timothy aber stand noch einige Minuten regungslos da und spürte wie seine Hände zitterten. Was sollte er jetzt tun? Er hatte gesehen zu was Arden im Stande war und er wollte keinesfalls wie Shelly enden. Wenn Timothy bisher dachte, er war in einer ausweglosen Situation, so bekam dieses Wort erst jetzt eine wahre Bedeutung….Ausweglos!