Kapitel 33: Bittere Enttäuschung
Elsa hatte in der vergangenen Nacht kaum ein Auge zugetan, zu viel war am Tag zuvor geschehen und Elsa musste versuchen alles irgendwie allein zu verarbeiten. Zuerst die Erkenntnis, dass ihre Schwester nicht verstorben war, so wie sie es immer geglaubt hatte. Dann die Begegnung mit ihrer Tante, die so viele alte Wunden aufgerissen hatte, von denen Elsa glaubte sie wären für immer verheilt gewesen. Und schließlich das Gespräch mit Professor Hinze über den Verbleib von Hans Gruper. Für Elsa war es schockierend zu erfahren, dass ausgerechnet dieses Monster überlebt hatte, aber noch mehr schockierte sie, dass dieses Monster bei ihrer Schwester war. Elsa wusste besser als jeder andere Mensch, zu was Gruper alles in der Lage war. Nicht auszudenken, was passieren würde wenn Jude in seine Hände fiel. Er musste gefasst werden und zwar so schnell wie möglich. Nervös drehte sich Elsa hin und her in ihrem Bett und fühlte sich so schrecklich einsam. Wie gern hätte sie jetzt Massimo an ihrer Seite gehabt. Ihren geliebten Massimo, der immer für sie da war und sie vom ersten Moment an geliebt hatte, so wie sie war. In all den Jahren, nachdem Elsa die Freak Show verlassen hatte, hatte ihr Massimo immer zur Seite gestanden und war immer für sie da. Verzweifelt klammerte sie sich an ihr Kopfkissen und versuchte noch etwas zu schlafen. Der nächste Tag würde nicht leichter werden und sie musste einen klaren Kopf behalten. Es war bereits 3 Uhr morgens, als Elsa endlich einschlief und in einen unruhigen Schlaf fiel.
Am Morgen, fühlte sich Elsa mehr als grauenhaft. Sie hatte nicht viel mehr als 3 Stunden geschlafen und die Zeitumstellung machte ihr zu schaffen. Sie wusste sie musste um 9 Uhr bei dem Mann von dem Bundeskriminalamt sein und ihre Aussage machen. Sie hoffte wirklich dass man sie ernst nehmen würde, den je länger Gruper auf freien Fuß war, umso mehr Menschen würden sterben oder ein ähnliches Schicksal erleiden wie sie selbst. Nachdem sie sich fertig gemacht hatte und noch eine weitere Tasse Kaffee getrunken hatte, fuhr Elsa mit dem Taxi zu Professor Hinze, der sie begleiten wollte.
Vor dem großen Gebäude des Bundeskriminalamtes, sah Elsa schon den Professor stehen und sie spürte wie sie immer nervöser wurde. Sie atmete tief durch und ging auf den Mann zu, der sie mit einem seltsamen Blick der Bewunderung und Ehrfurcht ansah.
„Guten Morgen Fräulein Mars. Sind Sie bereit?"
Mit einem erzwungenen Lächeln sah Elsa den Mann an und zuckte mit den Schultern „Ich weiß es ehrlich gesagt nicht, aber ich weiß, dass ich es tun muss."
Mit einem Nicken hielt Professor Hinze Elsa den Arm hin und ging mit ihr gemeinsam zum Büro des leitenden Ermittlers. Die Absätze von Elsas Schuhen hallten durch die leeren Gänge und doch hatte Elsa das Gefühl, ihr Herz schlug noch um so vieles lauter.
„Wir sind da! Geht es Ihnen gut?" fragte Professor Hinze und bemerkte wie blass und nervös Elsa war.
„Ja, ich will es nur hinter mich bringen."
Und gerade als Elsa ihre Worte zu Ende gesprochen hatte, ging dir Tür auf und ein junger Mann erschien vor ihnen.
„Guten Morgen, ich nehme an, Sie sind Fräulein Mars! Ich glaube wir beide haben einen Termin! Kommen Sie herein, ich bin Oberkommissar Lang."
Elsa nickte und ging an dem Kommissar vorbei. Hinter sich hörte sie noch, wie Professor Hinze und er noch einige Worte sprachen und dann die Tür zuging.
„Bitte mein Fräulein, nehmen Sie Platz. Kann ich Ihnen einen Kaffee anbieten?"
Elsa setzte sich und schüttelte den Kopf „Nein vielen Dank, ich möchte einfach nur meine Aussage machen."
Mit einem nicken setzte sich Lang hinter seinen Schreibtisch und sah Elsa an „Also, wie Sie wollen! Mein guter Freund Professor Hinze, hat mir schon gesagt um was es geht. Er sagte, Sie hätten Informationen über Doktor Hans Gruper. Ich bin schon eine Weile an diesen Fall dran und ich hatte schon eine zuverlässige Quelle, leider ist mein Informant durch einen…nunja…..Überfall ums Leben gekommen. Also bitte, erzählen Sie mir alles was Sie über Gruper wissen. Einfach alles."
Elsa atmete tief durch und holte eine Zigarette aus ihrer Tasche „Darf ich?"
„Aber sicher!" Kommissar Lang holte ein Feuerzeug aus seiner Tasche und lehnte sich zu Elsa vor.
Ein langer und tiefer Zug von ihrer Zigarette ließen Elsa gleich ruhiger werden „Sie wollen also alles wissen?"
„Ja bitte mein Fräulein. Von ihrer ersten Begegnung bis jetzt. Jede Information ist wichtig für mich."
Elsa leckte sich die Lippen und schloss einen Moment die Augen „Also alles von Anfang an."
Und so begann Elsa ihre Geschichte zu erzählen. Von der ersten Begegnung mit Gruper, wie sie ihre Beine verlor und wie sie viele Jahre später hörte, dass Gruper jetzt als Arden in Briarcliff arbeitete. All die schlimmen Erinnerungen aus vergangenen Tagen kamen wieder hoch und plötzlich hatte sie sogar das Gefühl, dass ihre Beine wieder zu schmerzen begannen. Elsa wusste es waren nur Phantomschmerzen und doch schmerzte es so, als wären ihre Beine gerade erst abgetrennt worden.
Kommissar Lang hörte Elsa die ganze Zeit über aufmerksam zu und schrieb alles mit. Es war unglaublich, was diese Frau durchgemacht hatte und das sie trotzdem noch in der Lage war weiter zu machen. Sein Onkel selbst hatte im Krieg ein Bein verloren und er wurde nie wieder der Alte. Er versank in Selbstmitleid bis es ihn zerstörte, aber diese Frau hatte weiter gemacht und Kommissar Lang konnte nichts anderes für sie empfinden als Bewunderung. Es verging über eine Stunde und endlich hatte Elsa es geschafft, sie hatte einem fremden Mann alles über ihr Leben erzählt und obwohl sie sich gedemütigt und schwach fühlte, verspürte sie auch eine gewisse Erleichterung.
„Wie geht es nun weiter?" fragte Elsa und zündete sich eine weitere Zigarette an.
„Wie ich schon sagte, wir ermitteln schon eine Weile gegen Gruper aber bislang hatten wir nicht genug Informationen. Wir werden jetzt Amtshilfe beantragen und dann hoffen wir, dass unsere Kollegen in den USA schnell reagieren werden. Ich muss Ihnen sagen Fräulein Mars, es kann eine Weile dauern. Es liegen viele Behördenwege dazwischen und ….."
„Moment! Was bedeutet eine Weile? Wir reden hier über einen gemeingefährlichen Mann, der in einem Sanatorium als Arzt praktiziert?" Elsa sah den Mann vor sich völlig entrüstet an.
„Nunja, es kann einige Monate dauern, bis alle Behördenwege gegangen sind!"
„Monate? Das ist doch wohl ein Witz, oder? Hören Sie mal zu, meine eigene Schwester ist in diesem Sanatorium und der Willkür von diesem Monster ausgesetzt. Ich habe es gesehen, ich habe es erlebt, ich habe es gespürt zu was er in der Lage ist. Nie werde ich seine Augen vergessen, den Blick den er hatte nachdem er sein Werk vollendet hatte. Er sah auf meine abgetrennten Beine, als wäre es eine Art Kunstwerk. Jemand wie Gruper, hört nicht auf nur weil der Krieg vorbei ist. Er hat eine völlig gestörte Faszination für seine „Arbeit". Er kann nicht noch Monate so weiter machen, in dieser Zeit werden Menschen dort sterben und das nur wegen Behördenwege?" wütend sah Elsa den Mann an und wusste nicht ob sie weinen sollte oder ihn schlagen.
„Hören Sie, ich versuche mein Bestes. Ich verspreche es, aber ich bin auch nur ein kleiner Fisch hier."
Elsa nahm völlig außer sich ihre Tasche und lief zur Tür, doch bevor sie den Raum verließ, drehte sie sich noch einmal um „Sollte meiner Schwester in dieser Zeit etwas passieren, dann haben Sie in mir einen schlimmeren Feind als Gruper!"
Mit diesen Worten stürmte Elsa aus dem Büro und lief achtlos an Hinze vorbei. Sie wollte jetzt mit niemanden mehr reden. Sie hatte ihre ganze Vergangenheit offenbart und wofür?
‚Monate? Das ist doch alles ein schlechter Witz!'
Elsa verließ das Gebäude und machte sich auf den Weg zum Standesamt. Sie betete, dass wenigstens dort keine Enttäuschung auf sie warten würde. Sie musste zurück und dass so schnell wie möglich. Wenn die Behörden nichts gegen Gruper unternehmen wollten, dann würde sie es tun. Aber vorher musste sie Jude dort herausholen und das konnte sie nur, mit einem Beweis und den würde sie finden. Sie würde beweisen, dass Jude ihre Schwester ist und sie vor Gruper retten.
