Kapitel 35: Freunde und Feinde
Der Tag verging für Jude wie in Zeitlupe. Seitdem sie Frank im Gemeinschaftsraum gesehen hatte, waren mehrere Stunden vergangen und noch immer hatte sie keine Chance gehabt mit Frank zu sprechen. Aber über was genau wollte sie mit ihm sprechen? Frank war ihr Freund und das seit einigen Jahren schon, sie hatte ihm private Dinge anvertraut und ihm unter Tränen eine ihrer schlimmsten Kindheitserfahrungen erzählt. Wahrscheinlich kannte Frank McCann sie besser als jeder andere Mensch und sah etwas in ihr, was andere nicht sahen. Nein, mehr als das… er liebte sie und Jude wusste noch nicht wirklich, wie sie damit umgehen sollte. Was sollte sie sagen, wenn sie die Chance bekommen würde mit ihm zu reden? Sie selbst wusste ja nicht einmal was sie fühlte. Ihre gesamte Gefühlswelt war vollkommen aus den Fugen geraten. In nur kurzer Zeit wurde aus Schwester Jude wieder Judy Martin…eine Wahnsinnige in einer Irrenanstalt, die man beschuldigte Mutter Claudia ermordet zu haben. Dann hatte sich auch noch ein Mann gegen sie verschworen und gegen sie ausgesagt, für den sie alles getan hatte….wirklich alles. Das hatte Jude schon aus der Bahn geworfen, aber dann ging es weiter und Elsa trat in ihr Leben. Eine Fremde Frau, die sie nie zuvor gesehen hatte und zu der sie doch eine starke emotionale Bindung hatte, als würde sie sie schon ewig kennen. Und gerade als Jude begann Licht in der Dunkelheit zu sehen, erfuhr sie, dass ausgerechnet Timothy Howard für sie die unmenschlichste aller Behandlungsmethoden gewählt hatte. Es riss eine so tiefe Wunde in Judes Seele, dass sie dieser geradezu körperlich spüren konnte. Sie hatte für diesen Mann gelogen und eine unschuldige Frau hier einsperren lassen und das alles nur für ihren Traum…nein, für seinen Traum! In der Welt von Timothy Howard gab es kein WIR, es gab nur ihn und für seinen Erfolg würde er alles tun, auch Leute verraten, die ihn bedingungslos liebten. Zu spät hatte Jude erkannt, was hinter der Fassade des rechtschaffenden und keuschen Timothy verborgen war. Ein eiskalter und egoistischer Mann, der nicht einmal annährend der Mann war den Jude glaubte zu kennen.
Wer war wirklich noch ihr Freund und wer war ihr Feind?
Jude fühlte sich wieder, als hätte sie jemand in ein großes schwarzes Loch gestoßen und sie würde auf ewig in die Dunkelheit fallen, die sie langsam verzerren würde. Doch in dem Moment, als sie glaubte unaufhörlich zu fallen, spürte sie eine starke Hand die sie wieder aus der Dunkelheit zog und sie vor dem schlimmsten Alptraum bewahrt hatte.
‚Frank'
Die Zuneigung, die Jude für Timothy empfunden hatte, hatte sie blind für alles andere gemacht. Selbst Lana war damals schon aufgefallen, dass Frank Gefühle für sie hegte. Wahrscheinlich war es jedem aufgefallen nur ihr nicht. Jude schüttelte den Kopf, als sie daran dachte wie oft sie Frank damals Anweisungen gegeben hatte und das ohne ihn auch nur eines Blickes zu würdigen. Sie hielt ihn für Selbstverständlich, doch das war er nicht…..das war er ganz und gar nicht.
Judes Gedanken wurden unterbrochen, als eine der Nonnen den Gemeinschaftsraum betrat und laut in die Hände klatschte.
„So meine Lieben, fürs erste ist der Gemeinschaftsraum geschlossen und ihr werdet gleich in eure Zellen gebracht. Schwester Mary Eunice plant eine Umstrukturierung und ihr alle sollt lernen, dass es auch hier nichts mehr umsonst gibt. Schon lange bin ich der Meinung, dass ihr selbst dafür verantwortlich sein solltet, euren Dreck allein weg zumachen statt das Personal putzen zu lassen. Leider…..leider hat die Vorgängerin von Schwester Mary Eunice darauf bestanden, dass wir für euch putzen, damit es auch immer sauber hier ist." Missmutig starrte die ältere Nonne zu Jude und warf ihr ohne Vorwarnung einen Putzlappen in ihr Gesicht „Da Sie ja immer schon so sehr auf Reinlichkeit bedacht waren MISS MARTIN, wäre es doch eine Schande, wenn Sie nicht mit guten Beispiel voran gehen würden, finden Sie nicht? Also los! Die anderen stellen sich auf und begeben sich zu ihren Zellen und je schnell Miss Martin ihre Arbeit erledigt hat, desto früher könnte ihr wieder zurück. Frank? Jason? Ich möchte das Sie beide Miss Martin im Auge behalten und dafür sorgen, dass sie ihre Arbeit auch richtig erledigt, haben Sie verstanden?"
Jude hörte wie Frank zusammen mit einem anderen Wachmann angewiesen wurde auf sie aufzupassen und Jude war wirklich erleichtert, wenn auch etwas nervös. Franks Nähe spendete ihr ungemein viel Trost aber dennoch wusste sie nicht, was sie zu ihm sagen sollte. Sollte sie überhaupt etwas sagen?
Langsam verließen alle Insassen den Raum, bis nur noch Frank, Jason und Jude anwesend waren. Jason war ein junger Wachmann, der die meiste Zeit damit verbrachte in einer Ecke zu stehen und alles von weiten zu beobachten. Der junge Mann hatte Angst vor den Insassen von Briarcliff, seit dem ersten Tag hier vor 2 Wochen. Er war fehl am Platze und niemand schien ihn wirklich für voll zu nehmen. Auch Frank hatte das schon bemerkt und er wusste, es würde ein leichtes werden ihn loszuwerden. Frank stellte sich dicht hinter den anderen Mann und klopfte ihn auf die Schultern.
„So mein Junge, dann überlasse ich Sie mal ihrer ersten Schicht allein hier und mache Feierabend. Sie wissen ja wie alles läuft….also dann….." Frank drehte sich um und ging einen Schritt in Richtung Ausgang, als er schon hörte wie Jason sich panisch umdrehte und ihm nachlief.
„Hey warten Sie mal Frank, wir beide sollen auf sie aufpassen. Sie können doch jetzt nicht einfach gehen….."
„Ja, ich habe es auch gehört aber wenn wir beide ehrlich sind, ist das Zeitverschwendung. Zwei Wachmänner sollen hier Stundenlang sitzen und einer Frau beim putzen zu sehen? Das ist lächerlich. Oder haben Sie etwa Angst?" mit hochgezogenen Augenbrauen und einem Blick voller Mitleid sah Frank den jüngeren Mann an.
„Was? Nein….naja…." nervös blickte sich Jason um und sah einige Male zu Jude, die mit dem Rücken zu ihnen stand „Ich habe gehört, sie hat einer Nonne die Kehle durchgeschnitten. Wissen Sie, für mich wirkt diese Frau relativ normal und das finde ich eigentlich noch gruseliger. Als ich diesen Job annahm, dachte ich alle hier wären in Zwangsjacken oder in Zellen gesperrt. Ich wusste ja nicht, dass die frei rumlaufen…gerade Menschen wie Miss Martin die so gefährlich sind."
Frank wusste, dass er Angst vor den Patienten hatte aber erst jetzt sah Frank, dass er kurz davor war davon zu laufen und das würde Frank mehr als gelegen kommen.
„Wenn Sie dachten, das hier wäre ein sicherer Job, dann kann ich Ihnen nur sagen Sie sollten ganz schnell ihre Sachen packen und sich etwas anderes suchen. Sie sind erst 2 Wochen hier und hatten bisher Glück, aber ich sage Ihnen eines. Es passiert ständig, dass einer von uns, von einem der Patienten angegriffen und wirklich schwer verletzt wird. Manchmal beißen sie und manchmal stehlen sie sogar Messer und Gabeln aus der Bäckerei und versuchen einen damit zu verletzten oder sogar zu töten."
Die Augen des jungen Mannes weiteten sich mit jedem Wort mehr und auf seiner Stirn bildeten sich Schweißtropfen. Er wollte nur etwas Geld verdienen aber dafür wollte er nicht sein Leben lassen.
„Ich gebe Ihnen jetzt einen guten Rat mein Junge. Verlassen Sie Briarcliff und suchen sich eine Arbeit an einem Ort wo jemand wie Sie auch hingehört. Ein Sanatorium ist kein Kindergarten, auch wenn man das Ihnen vielleicht so gesagt hat. Ich bin schon lange Wachmann hier und ich brauche Leute auf die ich mich verlassen kann. Wenn Sie mir jetzt sagen, Sie haben Angst auf nur eine Insassin aufzupassen, dann sollten Sie jetzt wirklich besser gehen." Streng blickte Frank zu den anderen Mann und hoffte, er würde den Köder geschluckt haben und verschwinden. Doch statt einer Antwort erhielt Frank nur ein peinlich berührtes Kopfnicken und mit dieser Geste und gesenktem Kopf, verschwand der junge Mann aus dem Gemeinschaftsraum und verließ heimlich still und leise Briarcliff.
Frank spürte wie sein Herz immer schneller schlug, als er mit Jude nun endlich allein war. Es war das erste Mal, dass sie allein waren nachdem er ihr gesagt hatte, dass er sie liebte und noch wusste Frank nicht, wie sie jetzt reagieren würde. Langsam ging Frank auf Jude zu, die noch mit dem Rücken zu ihm stand und er fühlte die Nervosität in ihm aufsteigen.
Jude hörte Franks Schritte und sie wusste, dass sie allein waren. Was sollte sie jetzt tun? Sie atmete tief durch und wollte sich zu Frank drehen, doch sie tat es nicht. Sie konnte es nicht. Wie angewurzelt blieb sie stehen und wagte es nicht sich umzudrehen, bis sie seine Hand auf ihrer Schulter spürte.
„Jude?"
