Kapitel 36: Alles nur ein Trugbild?
Jude stand noch immer mit dem Rücken zu Frank und wagte nicht sich umzudrehen. In ihrem Inneren wurde Jude von Emotionen und Gefühlen geradezu überschwemmt, doch ihr Körper ähnelte dem einer Statue. Schwer und regungslos und ohne jegliche Möglichkeit anderen zu zeigen, wie sie sich fühlte. Sie spürte Franks warme Hand auf ihren Schultern und hörte wie er ihren Namen ein zweites Mal wiederholte. Er hatte eine so warme und liebevolle Stimme und Jude wusste immer noch nicht, wie das alles passieren konnte. Wie konnte er sie lieben? Wie konnte er sein Leben für sie riskieren? War sie das alles überhaupt wert? Bisher hatte sie allen Menschen in ihrem Leben nur Unglück gebracht, warum sollte es dieses Mal anders sein?
Eine einzelne Träne bahnte sich den Weg über Judes blasse Wange. Sie hatte früher so verzweifelt nach Liebe gesucht und hätte alles getan um auch nur ein klein wenig von dem zu fühlen, was sie jetzt fühlte. Es war nicht so, dass Jude unfähig war Menschen zu lieben, ganz im Gegenteil! Die Menschen waren einfach nicht im Stande sie zu lieben. So oft hatte Jude in ihrem früheren Leben ihr Herz an einen Mann verloren, der sie aber nach nur kurzer Zeit wie einen Lappen in den Müll warf.
Schon als kleines Mädchen hatte Judy Martin nach Liebe und Zuneigung gesucht….doch immer vergebens. Sie hatte keinen Vater der sie liebte, sie hatte keine Mutter die für sie da war und so hatte Judy früh angefangen sich mit Jungs zu treffen, die immer in ihr ein hübsches Mädchen sahen, aber niemals mehr. In den ersten Jahren war es Judy egal, denn sie bekam wenigstens ein wenig Aufmerksamkeit nach der sie sich so sehnte. Später als sie älter wurde, erkannte sie das sie für die Jungs nicht weiter war, als ein hübsches kleines Spielzeug…doch auch das war besser als allein zu sein. Als junge Frau glaubte sie endlich am Ziel all ihrer Wünsche angekommen zu sein. Sie traf einen Mann, der sie liebte…..wirklich liebte! Das glaubte sie jedenfalls bis zu dem Tag, als ein Arzt bei ihr Syphilis diagnostizierte und all ihre Träume von einem glücklichen Leben wie ein Kartenhaus in sich zusammen fiel. Alles wovon sie geträumt hatte war nun für immer verloren und so fiel Judy in ein schwarzes Loch voller Depressionen, Alkohol und Männer. Sie gab es auf, auf etwas zu hoffen, was niemals geschehen würde. Niemals würde sie geliebt werden.
Nein, niemals würde sie geliebt werden und sie gab sich auch keine Mühe mehr geliebt zu werden. Als Nonne in Briarcliff war sie von den meisten gefürchtet, nicht nur von den Insassen sondern auch von dem Personal. Wie konnte es sein, dass sich ein so liebenswerter Mann wie Frank ausgerechnet in das Miststück Schwester Jude verliebt hatte? Was sah er in ihr? Jude wusste es nicht und sie wusste auch nicht ob sie es wissen wollte. Vielleicht wäre es besser Frank von sich zu stoßen, denn welche Zukunft würde er mit ihr haben?
‚Dreh dich um und sag ihm, dass du ihn nicht liebst! Er hat keine Zukunft mit dir. Du wirst diesen Mann zu Grunde richten…er verdient was Besseres als dich! Du verdienst Frank nicht!'
Doch so wie diese Gedanken in Judes Kopf allgegenwärtig waren, war da noch eine andere sanftere Stimme die zu ihr sprach.
‚Sieh in seine Augen, du musst doch sehen wie sehr er dich liebt. Er hat so viel riskiert für dich und tut es wieder. Es ist noch nicht zu spät für dich Judy…..du kannst noch glücklich werden…..wirf es nicht weg.'
Noch immer mit dem Rücken zu Frank gerichtet, fand in Jude ein Kampf statt und sie wusste nicht wer gewinnen würde. Sollte sie egoistisch sein und versuchen ein neues Glück an Franks Seite zu finden? Oder sollte sie ihn wegstoßen weil sie tief in ihrem Inneren wusste, dass sie ihn zugrunde richten würde?
Mit einem tiefen Atemzug drehte sich Jude langsam zu Frank um und sah ihn in die Augen. Judes Kehle war trocken und es war als würde ihr etwas die Luft zum Atmen nehmen. Doch sie musste jetzt etwas sagen, Frank verdiente eine Antwort. Jude schloss kurz die Augen und nahm all ihren Mut zusammen.
„Frank….ich…..ich kann nicht sagen, dass ich Sie liebe….."
Frank hatte plötzlich das Gefühl von einem Blitz getroffen worden zu sein. All seine Zuversicht und sein strahlen in den Augen verschwand und hinterließ nichts als eine tiefe Leere. Wie konnte er nur so dumm gewesen sein? Was hatte er erwartet? Das Jude sich ihn in die Arme wirft und ruft er solle sie heiraten? Er hatte der Frau die er so sehr liebte seine Liebe gestanden und etwas in ihn sagte ihm die ganze Zeit, dass auch sie ihn mochte…..war das alles nur ein Trugbild?
Frank wandte den Blick von Jude ab und trat einen Schritt zurück, was sollte er jetzt nur tun?
So meine Lieben, was denkt ihr? J
