Kapitel 37: Das was wir heute sind

Jude sah wie Frank zurücktrat und der Glanz in seinen lieben Augen zu schwinden drohte. Er wirkte so verloren und traurig. Sie hatte ihm etwas sagen wollen und hatte ungewollt den falschen Ansatz gewählt. Jude schüttelte den Kopf und trat zu Frank heran und griff nach seiner Hand.

„Das was ich versuche zu sagen ist, dass ich es nicht sagen kann…also, dass ich es jetzt nicht sagen kann. Verstehen Sie? Es ist so viel geschehen und mein ganzes Leben ist völlig außer Kontrolle geraten. Alles ändert sich von einen Tag auf den nächsten und ich weiß nicht, wie ich damit umgehen soll. Ich weiß ja manchmal selbst nicht, wer und was ich noch bin…und Sie wissen es auch nicht."

Jude drückte Franks Hand kurz und drehte sich dann um. Sie wusste selbst nicht, wie sie alles was sie sagen wollte zum Ausdruck bringen sollte. Mit einen Seufzer ließ sie sich auf einen der Stühle nieder und blickte ratlos zu Frank.

„Wie können Sie mich lieben Frank? Sie wissen doch gar nicht, was für ein Mensch ich wirklich bin. Ich habe so viele Dinge in meinen Leben getan für die ich mich so entsetzlich schäme, aber die für immer ein Teil meiner Vergangenheit sein werden. Als ich vor 15 Jahren entschied ein Leben als Dienerin Gottes einzuschlagen, da glaubte ich die Sünden der Vergangenheit zu begraben, doch die Vergangenheit stirbt nie. Es kommt der Tag, an dem sie einen einholt und eiskalt erwischt. Ich habe schlimme Dinge getan, Frank! Wirklich schlimme Dinge von denen Sie nichts wissen und ich weiß, dass sollten Sie jemals alles über mich erfahren…..das Sie…Sie könnten mich einfach nicht mehr lieben."

Es kostete Jude ungemein viel Kraft den letzten Satz auszusprechen. Sie mochte Frank sehr, vielleicht sogar schon etwas mehr als das und es wäre nicht fair, ihm im ungewissen zu lassen. Jude wusste, wenn Frank alles über sie wissen würde, dann würde er sie voller Abscheu fallen lassen und Jude hatte Angst davor. Doch sie hatte noch viel mehr Angst davor, Frank das Herz zu brechen sollte er viel später einmal die Wahrheit erfahren. Dann sollte die Seifenblase doch lieber gleich zerplatzen, bevor man sich einer Illusion hingab, die früher oder später zerstört werden würde.

Frank stand völlig hilflos da und wusste nicht was er jetzt tun sollte. Er wollte Jude in die Arme nehmen und ihr sagen, dass ihre Vergangenheit keine Rolle für ihn spielte. Er wollte ihr sagen, dass er die Frau liebte, die jetzt vor ihm saß. Doch kaum hatte Frank versucht etwas zu sagen, da sprach Jude schon weiter und sah ihn fragend an.

„Was sehen Sie in mir Frank?"

Langsam bewegte sich Frank auf Jude zu und ging in die Knie um ihr direkt in die Augen zu sehen. Die Antwort war für Frank mehr als eindeutig.

„Ich sehe die Frau, in die ich mich verliebt habe." Frank nahm Judes Hände in seine und hielt sie fest in seinen „Hören Sie Jude, wir alle haben eine Vergangenheit auf die wir nicht immer stolz sind. Auch ich habe dunkle Flecken in meiner Vergangenheit, die immer ein Teil von mir sein werden. Aber alles was wir erlebt haben, hat uns zu die Menschen gemacht die wir heute sind. Was sie getan haben, ist nicht wichtig für mich…..ich liebe die Frau die ich vor 3 Jahren hier kennengelernt habe."

Ein freundloses Lächeln erschien auf Judes Gesicht und sie schüttelte verzweifelt den Kopf „Es ist nicht wichtig? Vor Ihnen sitzt eine Frau, die ein kleines Mädchen überfahren hat und es dann verletzt auf der Straße liegen ließ. Die ganze Nacht, allein im Dunkeln, verletzt und voller Schmerzen. Während ich total betrunken Zuhause in mein Bett fiel und am nächsten Morgen in meinem eigenen Erbrochenem wach wurde. Ich bin kein guter Mensch Frank….ich bin ein Feigling, scheinheilig und eine Schlampe, die sich nicht einmal an ihr Keuschheitsgelübde halten konnte."

Jude machte sich keine Mühe, sich die Tränen aus den Augen zu wischen, die nun unaufhörlich aus ihren Augen quollen. Sie konnte Frank nur noch verschwommen erkennen und wahrscheinlich war das auch besser so. Sie würde seine Abscheu noch früh genug zu sehen bekommen.

„Ich bin nicht das, was Sie glauben zu lieben! Wissen Sie noch unser Gespräch? Das wo ich Ihnen von dem Eichhörnchen erzählte und kurz darauf Briarcliff verließ? Wissen Sie was ich in dieser Nacht tat?"

Frank hörte Jude mit einer Mischung aus Erstaunen, Schock und Verwirrtheit zu. Er ahnte fast was sie jetzt sagen würde, doch er konnte es nicht glauben….nein, er wollte es einfach nicht glauben. Nichts von all dem wollte Frank glauben und doch wusste er, sie sagte die Wahrheit.

„Ich ging in eine Bar und es dauerte keine 5 Minuten, bis mich ein Mann ansprach und mich fragte was ich trinken wollte. Ich weiß nicht seinen Namen oder wie er aussah und es war mir egal. Ich trank einen Drink mit ihm und dann noch einen….und noch einen….und dann, dann passierte das gleiche was immer passierte wenn ich betrunken war. Ich wachte in einem fremden Bett auf, neben einen fremden Mann, der wahrscheinlich genau das in mir sah was ich war, eine Hure. Ich verschwand einfach und kam hierher zurück, zog mein Habit an und spielte allen die gute Nonne vor…..auch Ihnen Frank. Mein ganzes Leben ist eine Lüge Frank. Ich bin ein verlogenes und scheinheiliges Miststück und Sie verdienen etwas Besseres als mich."

Jude schüttelte noch einmal den Kopf und sah weg, sie starrte einfach nur auf ihre Hände, die noch immer von Franks umschlossen waren. Es war so seltsam, doch auch wenn sie innerlich so aufgewühlt und verzweifelt war, so fühlte sie eine Erleichterung tief in sich. Nie hatte Jude über das Mädchen gesprochen…..oder über den Mann aus der Bar…..es war, als wäre eine große Last von ihren Schultern genommen worden.

Jude starrte immer noch mit verschwommenen Blick auf ihre Hände und wartete darauf, dass Frank seine Hände wegziehen würde. Doch stattdessen spürte sie, wie sein Daumen sanft über ihren Handrücken streichelte. Völlig verständnislos blickte sie auf und sah, dass Frank sie ernst aber immer noch voller Liebe ansah. Jude verstand es nicht, wieso sah er sie noch so an? Wieso war er noch hier?

Franks Herz zog sich mit jedem Wort von Jude mehr und mehr zusammen. Er konnte nicht glauben, wie sie sich selbst sah. Es brach ihm das Herz, dass sie sich selbst als Hure bezeichnete und mehr und mehr wurde Frank bewusst, dass das Leben ihr bisher nichts geschenkt hatte. Sie sah in sich selbst nichts weiter als Dreck und Frank wollte nicht einmal wissen, wie oft andere Leute ihr eben dieses Gefühl gaben. Erst jetzt erkannte Frank wie verletzt Judes Seele war und dennoch war sie stärke als die meisten anderen Menschen auf dieser Welt.

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.'

Oft war Frank aufgefallen, dass auch wenn sie lächelte, das etwas Trauriges in ihren Augen war und jetzt wusste er warum. Er wollte Jude einmal richtig lächeln sehen und Frank nahm es sich als Ziel vor, genau das zu erreichen. Aber vorher musste er selbst noch seine eigenen bösen Geister bekämpfen und Jude zeigen, dass auch er kein Heiliger war.