Kapitel 38: Das was wir heute sind / Teil 2

Frank wusste nicht, wie viel Zeit ihnen noch bleiben würde, bevor eine der Nonnen zurückkam. Doch er wollte und musste Jude jetzt von dem Tag erzählen, er sich für immer in seinen Kopf eingebrannt hatte. Dem schlimmsten Tag seines Lebens, der 6 Juni 1944.

Frank seufzte laut auf und nahm allen Mut zusammen um Jude zu erzählen, was vor fast 21 Jahren geschehen war. Er hielt weiterhin ihre Hand in seiner und schaute ihr tief in die Augen.

„Jude, glauben Sie mir, auch ich weiß, dass die Vergangenheit einen nicht in Ruhe lässt. Auch ich habe etwas getan, was mich bis heute in meinen Alpträumen verfolgt. Ich nehme an, Sie wissen was der 6 Juni 1944 für ein Tag war?"

Jude konnte noch immer nicht vollständig Franks Gesicht erkennen und sie sah lediglich seine verschwommenen Umrisse. Doch sie hörte seine Stimme klar und deutlich. Mit noch gebrochener Stimme antwortete sie Frank „Ja sicher, damals begann die Schlacht in der Normandie aber…oh mein Gott…..Frank, haben Sie etwa in der Normandie gekämpft?"

Frank nickte still und vor seinem inneren Auge, sah er wieder all die Grausamkeiten, die er mitansehen musste und die er selbst auch begangen hatte „Ja, das habe ich. Dieser Tag hat nicht nur mein Leben verändert, er hat mich verändert. Ich hatte nie in meinem Leben zuvor so viel Angst und Wut gleichzeitig verspürt. Mein jüngster Bruder stand direkt neben mir, er war erst 23 und die letzte Erinnerung die ich an ihn habe, ist sein schrecken verzerrtes Gesicht, als die Landungsklappen aufgingen und der Kugelhagel begann. Scott ….also mein Bruder schaffte es nicht einmal aus dem Boot. Es war ein Moment, dem man nicht beschreiben kann. Ich kann nicht länger als 2 Sekunden zugesehen haben, wie die Kugeln meinen Bruder durchlöcherten aber es kam mir vor wie eine Ewigkeit. Ich sah alles wie in Zeitlupe und dennoch war ich nicht im Stande etwas zu tun. Scotts Leiche blieb einfach in dem Boot liegen, während die anderen Soldaten über ihn drüber rannten als würde er nicht existieren. Sie können sich nicht vorstellen, was es für ein Gefühl ist, so von einem Menschen so Abschied zu nehmen, den man liebte."

Frank schluckte und versuchte seine Emotionen im Zaum zu halten. Seit diesem Tag, hatte er nie über Scott gesprochen. Er sah Jude in die Augen, die ihn schockiert und voller Bedauern ansah.

„Ich weiß nicht mehr, was ich in diesen Moment empfand. Ich rannte einfach nur los und schrie. Neben mir, vor mir, hinter mir….überall verlor ich mehr und mehr Kameraden im Kugelhagel der Maschinengewähre. Die ersten von uns die es zum Strand geschafft hatten, erwischten die Mienen die unter dem Sand versteckt waren. Ich sah so viel schlimme Dinge Jude….Dinge die ich noch heute vor mir sehe, als würden sie gerade erst geschehen. Blut, zerfetzte Körper und Tod. Ich rannte und rannte, ich weiß es nicht aber ich glaube ich habe mir sogar in die Hosen gepinkelt…..ich hatte als ich rannte mit meinem Leben schon abgeschlossen, doch anscheinend war meine Zeit noch nicht gekommen. Ich weiß nicht wie ich es geschafft habe aber ich drang durch und die Nahkämpfe begannen. Es war ein Schlachtfeld wo es nur eine Regel gab, töte oder du wirst getötet. Ich war wie von Sinnen und schoss völlig unkontrolliert auf die deutschen Soldaten und dann sah ich ihn, den Jungen der mich noch heute in meinen Alpträumen verfolgt. Plötzlich stand dieser junge deutsche Soldat vor mir, fast noch ein Kind…..er kann nicht älter als 18 oder 19 gewesen sein. Er stand da und sah mich an mit seinem ängstlichen Kindergesicht. Er ließ die Waffe fallen und hob die Hände, er sagte etwas auf Deutsch doch ich verstand es nicht und ich wollte es auch gar nicht. Wieder sah ich meinen toten kleinen Bruder vor mir und die Wut packte mich. Wie ein wildes Tier schrie ich und entlud meine Maschinenpistole auf den Jungen."

Frank musste eine Pause einlegen und versuchen stark zu bleiben, doch die Erinnerungen übermannten ihn und in binnen von Sekunden begann er Tränen zu weinen, die er so viele Jahre zurück gehalten hatte.

„Verstehen Sie Jude? Ich habe den Jungen erschossen…ein halbes Kind welches sich ergeben wollte…..ich sehe diesen Jungen so oft in meinen Träumen und er klagt mich an. Blutverschmiert sieht er mich an und zeigt mit dem Finger auf mich. Ich höre seine Stimme nicht aber ich weiß, er nennt mich Mörder…..und genau das habe ich getan, ich habe ihn ermordet."

Frank ließ Judes Hand los und sah zu Boden, während er zum 1000sten mal um Vergebung betete.

Jude hatte Frank aufmerksam zugehört und ihr Herz zog sich zusammen. Nie hatte sie Frank so gebrochen gesehen…so voller Schmerzen. Sie wusste, dass viele Soldaten traumatisiert aus dem Krieg Heim gekommen waren aber nie hatte sie von jemanden seine Geschichte gehört. Es war alles so echt. Sie wischte sich ihre eigenen Tränen aus dem Gesicht und legte ihre Hand vorsichtig auf Franks Schulter „Ohhhh Frank…..es tut mir so leid." sagte sie aufrichtig und rutschte von ihrem Stuhl auf den Boden um Frank besser sehen zu können. Sie wusste nicht, ob sie zu weit ging aber sie verspürte den Drang Frank in die Arme zu nehmen und ihn nur einen Bruchteil des Trostes zu spenden, den er ihr gab seitdem sie hier war. Sie nahm Franks Gesicht zwischen ihre Hände und lehnte sanft seine Stirn gegen seine. Hier waren sie, zwei gebrochene Seelen, die den Schmerz des anderen nur allzu gut verstehen konnten. Vielleicht war das Band zwischen ihnen doch stärker, als Jude immer gedacht hatte.

Was uns nicht umbringt, macht uns stärker.'