Kapitel 46: Wer ist die Schlange?

Jude fühlte Timothys Körper so nah an ihrem, viel zu nahe. Sie wollte von ihm wegtreten, doch sein Griff war fest und unnachgiebig. Sie schaute tief in seine Augen und erkannte die Wut in ihnen und dann wurde es Jude klar, er wusste es. Doch woher? In Jude keimte Panik auf und Angst….Angst um das was jetzt passieren könnte und Angst um Frank. Er war ein so guter Mensch und Jude wollte nicht dafür verantwortlich sein, wenn ihm etwas zustoßen sollte. Hier in Briarcliff war einfach alles möglich. Jude öffnete den Mund um etwas zu sagen, doch es kam kein einziges Wort heraus. Ihre Kehle war trocken und sie hatte für einen Moment das Gefühl, sie würde keine Luft mehr bekommen. Ihr Gesicht wurde kreidebleich und sie befürchtete, dass sie das Gleichgewicht verlieren würde.

Timothy starrte Jude anfangs nur starr an, aber als er ihr aschfahles Gesicht sah und spürte, dass sie begann zu taumeln, wurde ihm selbst erst bewusst, was er gerade gesagt hatte. Sofort bereute er seine Worte. Nicht nur das eine derartige Erpressung Jude nicht gerade von seinen Tugenden überzeugen würde, er hatte sich gerade selbst entlarvt. Doch die tiefe Enttäuschung über Judes Verhalten, hatte seinen Verstand übertrumpft und nun musste er versuchen, aus dieser Situation das Beste zu machen. Er lockerte den Griff um Jude Handgelenke und sah sie entschuldigend an. Ohne ein Wort zu sagen, zog er Jude vorsichtig mit sich und drückte sie geradezu auf den Stuhl vor seinen Schreibtisch zurück. Wortlos goss er ihr ein Glas Wasser ein und reichte es ihr. Er war nun in einer prekären Situation und musste einen Weg finden, sein eigenes Gesicht zu wahren und trotzdem die Oberhand zu behalten.

„Jude…hören Sie….ich will nicht, dass wir wieder streiten….ich."

Weiter kam Timothy nicht, als Jude ihn mit zitternder Stimme unterbrach „Was wissen Sie?"

Timothy schloss die Augen und seufzte, dass verlief nicht einmal annährend so, wie er es sich vorgestellt hatte.

„Sie sehen blass aus Jude, trinken Sie bitte etwas…."

„Ich möchte nichts trinken, ich will wissen, was Sie damit meinten! Was glauben Sie zu wissen?" Jude hatte Angst vor der Antwort, obwohl sie sie bereits kannte. Doch sie brauchte Gewissheit. Sollte Timothy wirklich über sie und Frank Bescheid wissen, dann war er in großer Gefahr. Arden würde womöglich herausfinden, dass Frank es war, der seine Arbeit manipuliert hatte, an Mary Eunice gar nicht zu denken. Frank würde womöglich auf die gleiche Art und Weise zum Schweigen gebracht werden, wie einst Mutter Claudia. Ihr Tod war für Jude nur schwer zu verkraften, doch sollte Frank etwas zustoßen und das wegen ihr, würde sie sich das niemals verzeihen …niemals.

Timothy kniete sich wieder zu Jude herunter und versuchte sich mit dem was ihm am besten lag aus der Affäre zu ziehen, mit Manipulation.

„Mir ist durchaus bewusst, dass Sie keine Nonne mehr sind und das dieser Ort ein einsamer Platz ist. Ich kann mir gut vorstellen, dass Sie einsam waren, in der Annahme ich hätte Sie fallen gelassen aber das habe ich nie. Ich habe vielleicht Fehler gemacht, aber ich habe nie aufgehört in Ihnen meine Seelenverwandte zu sehen. Sie waren immer da, wenn ich einen Rat brauchte und nun möchte ich für Sie da sein, damit Sie nicht weiter in den tiefen Abgrund der Sünde fallen. Verstehen Sie nicht, dass ich Sie vor noch mehr Unheil bewahren will? Es gab hier schon oft derartige Vorkommnisse zwischen Patienten und dem Personal….unchristliches Tun …..unkeusche Handlungen. Damals wusste jeder über das Treiben zwischen Shelley und Carl Bescheid. Ich will nicht, dass Sie in das gleiche Licht gerückt werden, wie Shelley. Sie sind nicht so!"

Jude starrte Timothy nur sagte kein Wort, der Schock über das was Timothy anscheinend wirklich wusste, saß zu tief.

„Es gibt noch einen Ausweg Jude! Wenn Sie mir vertrauen und wenn Sie mir gestatten Ihnen zu helfen, dann kann alles besser werden. Ich habe Einfluss, jetzt mehr als früher und ich kann dafür sorgen, dass Sie ein Leben haben werden. Ein lebenswertes Leben, an meiner Seite. Dafür müssen Sie mir aber bedingungslos vertrauen und mit dem Schluss machen, was Sie zur Süde trieb. Ohhh Jude, ich kenne Sie doch, ich weiß was für ein Mensch Sie sind…..was für ein wundervoller und tugendhafter Mensch. Ich weiß, dass Sie sich der Sünde nicht freiwillig hingegeben haben und das Sie dazu verführt wurden."

Timothy nahm Judes Schweigen als gutes Omen und sprach weiter, wobei er nicht ahnte, dass das was er jetzt sagen würde, genau das Gegenteil in Jude bewirkte.

„Wir wissen beide, wer hier die wirkliche Schlange ist. Frank McCann ist kein Mann von Ehre. Er hat Ihre Verletzlichkeit und Ihre Einsamkeit schamlos ausgenutzt. Wie ein Fuchs hat er gelauert bis zu dem Moment, an dem er zuschlagen würde."

Und kaum hatte Timothy den Namen von Frank erwähnt, verdunkelten sich Judes Augen und sie sah den Mann den sie einst liebte voller Abscheu an. Ihre Stimme war leise aber fest und entschlossen, als sie sich erhob und von oben herab auf Timothy blickte.

„Wie können Sie es wagen? Ich kann Ihnen eines sagen Monsignore, Frank McCann hat mehr Anstand und Ehre in seinen kleinen Finger, als Sie jemals haben werden. Anders als Sie, war Frank nie ein Lügner und Heuchler. Ja, genau das sind Sie….ein Heuchler. Sie glauben die Schlange zu kennen? Dann sollten Sie genau jetzt in den Spiegel blicken und Sie werden sie sehen."

Timothy war völlig überrumpelt von der plötzlichen Wende und erhob sich langsam. Er wollte sich nicht klein und unbedeutend fühlen. Er war ein ehrenwerter Mann der Kirche und sie nur eine Patientin, wie konnte sie sich die Frechheit nehmen und auf ihn herabblicken?

„Sie haben mir offenbar nicht zugehört Jude. Ich biete Ihnen einen Ausweg aus all dem hier…"

„Ich habe Sie genau verstanden, aber ich verzichte darauf. Wissen Sie, es gab Zeiten, da hätte ich ohne zu zögern alles und jeden geopfert um bei Ihnen sein zu können, doch jetzt nicht mehr. Jetzt sehe ich endlich, dass alles was ich liebte….das alles an was ich glaubte, nur eine Illusion war. Ich lebe nicht länger in dieser Seifenblase." Jude entfernte sich rückwärts von Timothy und hielt seinen Blicken stand „Mit eines haben Sie jedoch Recht, ich bin keine Nonne mehr und werde es auch niemals wieder sein. Sollte es jemals ein ‚Jude und Timothy' gegeben haben, so wurde es heute endgültig getötet."

Timothy starrte Jude völlig schockiert an, er verstand noch nicht was hier gerade passierte. Er sah Jude nach wie sie sich von ihm wegdrehte und mit schnellen Schritten die Tür erreichte. Sie wollte nicht wieder von ihm aufgehalten werden, sie wollte nur weg von ihm.

„Wissen Sie Timothy, Sie sollten sich selbst eine Frage stellen." Jude drehte sich ein letztes Mal zu dem Monsignore um „Hatten Sie wirklich vor mich zu retten oder sich selbst?"

Mit diesen Worten verließ Jude das Büro und ließ Timothy einsam zurück. Einsam in seinem Büro und einsam in seinem Herzen.

Review?:-D