Kapitel 4

Donnerstag, 1. August 2002
Abendessen

Der Schulleiter genoss die von den Hauselfen gebotene Mahlzeit an diesem Abend sehr. Interessanter war es für ihn jedoch, die gesamten anwesenden Mitarbeiter der Regency-Woche zu betrachten, und von seinem Platz am Kopf des Lehrertisches beobachtete er ihre Interaktionen mit all der Gerissenheit, derer er sich in seinen Jahren als Dumbledores Mann bedient hatte, wenn auch nicht im selben Maß an Dringlichkeit. Miss Granger saß in der Mitte des Tisches mit Potter an einer und Weasley an der anderen Seite, genauso wie zu den Zeiten, als sie und ihre Taten ihn des Schlafs beraubt hatten, was für seine Gesundheit und sein Wohlergehen viel zu oft vorgekommen war. Longbottom saß an Potters linker und George Weasley an seines Bruders rechter Seite. Ihnen gegenüber fanden sich das Lovegoodmädchen, Cho Chang, Lavender Brown und die Patilschwestern. Näher bei ihm waren Lucius und Leticia zu Severus' Rechten und Draco und Pansy zu seiner Linken. Penelope Clearwater, deren naive Jagd auf ihn er ziemlich entnervend fand, saß neben Leticia und versuchte verzweifelt, in dem Fuß zu fassen, was sie für den 'inneren Zirkel' des Schulleiters hielt – zumindest war es das, was er als ihre Absicht gesehen hatte, als er während seines täglichen 'Fortschrittsberichts' an diesem Morgen skrupellos in ihren Geist gespäht hatte.

Minerva McGonagall saß am unteren Ende des Tisches; die anderen Professoren, die sich dafür entschieden hatten, im Sommer hierzubleiben – trotz der drohenden Regency-Woche –, saßen um sie herum. Besonders Slughorn genoss den Wein, Hedonist, der er war. Die Stimmung war leicht feierlich, zweifellos unterstützt vom Sekt, den Severus aus dem Vorrat des Schulleiters spendiert hatte, und einige am Tisch waren schon ein wenig angetrunken. Lediglich Hermione Granger hatte ihr Weinglas nicht angerührt, außer, um es bei den Trinksprüchen zu heben: einmal, um den Abschluss der Arbeit zu feiern und dann wieder auf den erhofften Erfolg der Regency-Woche.

Miss Granger hatte während des Diners Anzeichen schwindender Geduld gezeigt; mit jedem Glas, das Weasley trank, und mit jedem Anschwellen der Lautstärke seiner ungebetenen Beobachtungen und Meinungsäußerungen wurde ihr Gesichtsausdruck stürmischer. Da er sie genau beobachtet hatte, war Severus überzeugt, dass das Mädchen keineswegs glücklich war. Über die nagende Frage, warum ihn das kümmern sollte, war er nicht nachzudenken bereit, und er scheute davor zurück wie ein Frettchen von einem Hippogreif.

Der jüngere Weasley, der mehr Wein als Essen konsumiert hatte, war laut und unerträglich, aber es war nichts, was Severus von dem Jungen nicht schon früher gesehen hatte.

„… solch eine verschrobene Idee", verkündete Ronald Weasley seinem Bruder, der ihn mit resigniertem Gesichtsausdruck ansah. „Warum sollte jemand dafür bezahlen, sich mit diesen dämlichen Klamotten herauszuputzen? Eine Woche damit zubringen, sich wie ein Pack Regencywichser zu benehmen? Was, Trinkgelage und Glückspiele und das verdammte Menuett tanzen?"

Miss Granger stieß ihren Stuhl zurück und rauschte das Podium entlang zum Seiteneingang, den Blick geradeaus, die Lippen zu einem verärgerten Stich aufeinandergepresst. Dennoch wurde ihr Abgang vom fast lautlosen Schließen der Tür abgeschlossen statt des Krachens, das Severus von Hermione Granger erwartet haben mochte, als sie seine Schülerin gewesen war. Offensichtlich hatte das Mädchen in den Jahren, seit er sie unterrichtet hatte, einige Selbstbeherrschung gewonnen …, vielleicht sogar etwas Finesse.

Der Gedanke war leicht irritierend.

„Gut gemacht, Ron", sagte sein Bruder scharf. „Hermione redet nicht mehr mit dir, daher brauchst du dich für den Pokerabend nicht wegzuschleichen."

Es schien dem Schulleiter, als erwarte der ehemalige Zwilling bei seinem Geplänkel noch immer, dass sein Bruder, der seit vier Jahren tot war, seine Sätze beendete und seine Empfindungen widerspiegelte.

Der jüngere Bruder schaute finster in seinen Kelch. „Sie ist jetzt seit einem Jahr von dieser Chose besessen!", sagte er verteidigend. „Weißt du, wie viel ich mir davon anhören musste? Sie war nicht in der Lage, an irgendetwas anderes zu denken."

Lavender Brown kicherte schrill. „Ich wusste, dass sie es nicht schaffen würden", sagte sie zu niemand Bestimmtem und warf Weasley von unten einen ziemlich boshaften Blick zu.

Longbottom ergriff eilends das Wort, als ob er hoffte, dass dann niemand den gehässigen Kommentar des Brownmädchens hörte.

„Ja, es ist der vierte Dienstag im Monat. Und ich fühle mich heute Abend wie ein Glückspilz, nachdem ich zwei Morgen über zwei Meter hoher Hecken in weniger als einer Woche habe wachsen lassen!"

Longbottom grinste die jungen Frauen an, die ihm am Tisch gegenübersaßen, dann stand er auf und nahm die ironischen Glückwünsche von George Weasley entgegen, der bei dem Projekt seine rechte Hand gewesen war. George klopfte Longbottom auf die Schulter und schaute über seine eigene zu Potter.

„Wohin können wir uns … zurückziehen, um den Pokerabend vorzubereiten?", fragte er.

Der Schulleiter grinste. Obwohl er es geschafft hatte, die meisten der Einladungen auszuschlagen, die Potter ihm zum monatlichen Kartenspiel geschickt hatte, hatte seine einzige Erfahrung ihn gelehrt, dass die jungen Kriegsveteranen Trunkenheit für ein notwendiges Attribut hielten, um hartverdientes Gold in ihren sogenannten Pokerabend-Plünderungen gegeneinander zu verwetten.

Potter schaute den Tisch hinunter zu Severus. „Professor Dumbledores Portrait schließt sich uns am Grimmauld Place immer an", sagte er. „Wo sind seine Portraits hier im Schloss?"

Severus ließ seinen innerlichen Seufzer nicht über seine Lippen kommen. „Am besten ziehen wir uns in mein Büro zurück", sagte er. Während er den Tisch hinunterschaute, schloss er Longbottom und die Weasleys in seine nächsten Worte ein. „Geht mit Potter. Er kennt das Passwort." Verdammt wollte er sein, wenn er es vor all diesen Leuten herausgäbe!

Pansy Parkinson ergriff das Wort mit anklagendem Tonfall. „Ich nehme an, es sind nur die Gryffindors zu dem Kartenspiel eingeladen."

Potter lachte, als er hinter Severus' Stuhl vorbeiging. „Warte, ich bleibe hier, wenn du Severus wieder einen Gryffindor nennst."

„Oh, sie lassen die Leute mitspielen, die über ihnen stehen, solange sie genügend Galleonen mitbringen", sagte Draco. „Es ist die Weiblichkeit, die sie nicht dabeihaben wollen, Liebes."

Dann stand Penelope Clearwater auf, und ihre sanfte Stimme hob sich fröhlich, auch wenn sie gezwungen klang. „Oh, als ob wir bei all dem Trinken und Spielen dabei sein wollten! Wir Frauen haben heute Abend eigene Pläne!" Zu der Gruppe, die immer noch gegenüber von Ronald Weasley saß, rief sie hinunter, „Nicht wahr, Mädels? Cocktails im blauen Salon?"

„Wir haben dort alles vorbereitet", antwortete Miss Chang. „Herpie hat versprochen, uns pünktlich um neun einen Eimer Eis zu bringen." Sie schubste eines der Patilmädchen an, vermutlich diejenige, die in Ravenclaw gewesen war, Changs eigenem Haus. „Padma braut einen fabelhaften Stachelbeermartini."

Severus konnte jedoch Dracos grauäugigen Blick nicht erkennen, der über seinen Kopf gerichtet war – wahrscheinlich auf Potter. „Ich glaube, ich hätte gern einen Martini", sagte Draco. „Du solltest dich den Mädchen anschließen, Narbengesicht."

Severus widerstand dem Drang, über seine Schulter zu blicken, um Potters Gesicht zu sehen.

„Du bist … willkommen beim Kartenspielen, Frettchen."

Die Stimme des Jungen klang so gepresst, dass es überraschend war, wie er überhaupt etwas aus seiner Kehle herausbringen konnte – aber man musste es Potter lassen, dessen Freundlichkeit zu Außenseitern so etwas wie legendär in seiner Schulzeit gewesen war –, so wenig er Draco bei seinem Kartenspiel dabeihaben wollte, konnte er es nicht über sich bringen, seinen alten Schulfeind abzuweisen.

Draco grinste höhnisch. „Lieber putze ich Klos."

Potter schnaubte. „Ich sage es Hermione – sie wird den Hauselfen mit Vergnügen die Nacht freigeben."

Draco schaute beleidigt, aber Pansy legte ihre Hand auf seine, und er hielt den Mund. Lucius fing Severus' Blick auf, und er wusste, dass es an der Zeit war, die Party aufzuheben, ehe eine Schlacht in größerem Umfang ausbrach.

„Das Kartenspiel beginnt auch um neun", erklärte er und stand auf. „Ladies und Kollegen, ich verabschiede mich." Er nickte den ehemaligen Schülern, die sich in der Mitte des Tischs scharten, freundlich zu und wechselte einen vielsagenden Blick mit Minerva, die ihre Kollegen in ihre Wohnung zu einem Glas Sherry einlud.

Leticia Mortelle erhob sich. „Ich glaube, ich schließe mich Professor McGonagall an und gehe früh zu Bett."

Lucius erhob sich ebenfalls; graue Augen blickten fast direkt in strahlend blaue. Severus schaute auf Leticias Füße, die in schwarzen Lederpumps steckten, um deren extrem hohe Absätze sich goldene Schlangen wanden. Sie war der einzige Mensch, den er kannte, dessen Menge und Qualität an Schuhwerk Lucius' übertraf.

„Ich hatte gehofft, Sie würden mit mir in Mr Longbottoms frisch gewachsenen Sträuchern spazieren gehen", sagte Lucius und nahm Leticias Hand.

Fasziniert stellte Severus fest, mit welcher Leichtigkeit seine Kollegin sich losmachte, und wie sein Freund ein strahlendes Lächeln zum Trost erhielt. „Ich fürchte, ich bin dafür nicht passend gekleidet", sagte sie freundlich. „Vielleicht ein anderes Mal."

Lucius neigte seinen Kopf und akzeptierte diese sanfte Zurückweisung mit Gleichmut. „Dann darf ich zweifellos Anspruch auf Ihre Gesellschaft erheben, wenn Miss Granger einen Tag mit Freiluftaktivitäten anberaumt."

Leticias sorgfältig betonte Augenbrauen hoben sich. „Das ist ziemlich gerissen von Ihnen", sagte sie, und es war klar, dass dies von ihr ein großes Kompliment bedeutete.

Lucius neigte ihr seinen Kopf zu und blieb in der Haltung, bis sie von ihm wegging und ihre Absätze auf dem Boden klickten. Dann sprach er zu seinem Sohn.

„Draco, ich sehe dich nachher zu Hause?"

Draco schüttelte den Kopf. „Die Hauselfen haben mein Zimmer hier schon vorbereitet, Vater. Ich bin die ganze Zeit über im Schloss."

Severus schlüpfte zur Tür hinaus, während die anderen Pläne für den Abend schmiedeten. Miss Grangers Abgang machte ihm zu schaffen. Wenngleich Draco und Potters Sticheleien, Weasleys Trunkenheit und Miss Browns Boshaftigkeit unangenehm gewesen waren, war es Grangers Elend, das ihm im Sinn blieb. Ehe er beim Pokerabend anwesend sein musste, war noch reichlich Zeit, sie zu finden und … seine Pflicht zu tun. Ganz klar, das Wohlergehen der Leitung der kommenden Feierlichkeiten war von höchster Wichtigkeit.

~oo0oo~

Er fand sie im Lehrerzimmer, wo sie neben dem Lehnstuhl stand, in dem er am Nachmittag gesessen und vorgegeben hatte, eine Zeitschrift zu lesen, während sie und Ronald sich gestritten hatten. Jetzt hielt sie dieselbe Zeitschrift in der Hand. Er erkannte die Gefahr.

Bei seinem Hereinkommen schwenkte ihr Kopf herum, ihre scharfen Augen durchbohrten ihn mit ihrem Blick. Sie hatte sich die Mühe gemacht, sich zum Abendessen umzuziehen und trug ein Kleid, das sie für einen Besuch in einem gehobenen Muggelrestaurant gewählt haben könnte. Der enganliegende Stoff und der kurze Rock brachten ihre physischen Vorzüge gut zur Geltung – und es war schwarz, seine Lieblingsfarbe.

„Das haben Sie niemals gelesen", sagte sie anklagend und schob ihm die Zeitschrift zu, als sei sie eine Waffe, die er fürchten sollte. „Hexenwoche?"

Er nahm die Zeitschrift aus ihrer Hand entgegen, sorgfältig darauf bedacht, sein Gesicht ausdruckslos zu halten. Es durfte niemals passieren, dass sie ihn dabei erwischte, wie er sie betrachtete. Blickkontakt vermeidend starrte er stattdessen auf die lächerliche Titelseite der Zeitschrift, die einen lächelnden Potter von der Taille an aufwärts zeigte zusammen mit Portraitfotos von Weasley, Longbottom und Severus in Ovalen am Rand der Seite.

„Aber es ist die Preis-für-das-charmanteste-Lächeln-Ausgabe", betonte er vernünftig. „Sicher glauben Sie nicht, dass ich nicht mein Weiterkommen gegen Potter verfolge."

Granger schnappte das Magazin aus seinen Händen. „Für einen Abend habe ich genug Gespött gehabt", schnappte sie und schwenkte dabei herum, um die Zeitschrift auf den Tisch zu werfen.

Severus betrachtete ihren gesenkten Kopf und ihre hängenden Schultern und fragte sich, warum er den Drang verspürte, die zaubertrankgeglätteten braunen Wellen ihres Haars zu berühren. Konnte er das tun, ohne dass sie es bemerkte?

Zornig schüttelte er sich und wandte seine Aufmerksamkeit stattdessen dem aktuellen Problem zu. Das Ziel war, sie gleichzeitig zu ermutigen und zu amüsieren, eine Kombination von Einflüssen, die seiner Erfahrung nach selten zu viel Selbstbeobachtung seitens des Empfängers führte. Tatsächlich erreichte er oft sein Ziel, ohne den Empfänger seine Manipulationen bemerken zu lassen.

„Sagen Sie, Miss Granger, was hat sie dazu gebracht, die 'Regency-Woche' als Ihr Haupt-Geldbeschaffungprojekt zu wählen?"

Sie richtete sich auf, hob das Kinn und straffte die Schultern, ehe sie sich umdrehte, um ihn anzusehen.

Gutes Mädchen, dachte er beifällig.

Nur zur Sicherheit hob sich ihr Kinn um ein weiteres Stückchen, ehe sie sprach. „Ich habe recherchiert", sagte sie, als sei dies eine vollständige und vernünftige Erklärung.

„Ich habe Ihre Recherchen gelesen", erinnerte er sie. „Sie hatten andere Möglichkeiten – Möglichkeiten, die sich eventuell als weniger … unangenehm für einige Ihrer Mitstreiter herausgestellt hätten." Er brachte ein kleines, ironisches Lächeln zustande. „Einer meiner persönlichen Favoriten war die 'Hotel Ozean-Kreuzfahrt'. Ich glaube, Sie hätten einen außergewöhnlichen 'Kreuzfahrt-Direktor' abgegeben."

Das erhoffte Lächeln als Antwort erschien nicht. Tatsächlich stampfte sie mit einem kleinen, hochhackig beschuhten Fuß auf. Er hatte ihr Schuhwerk zuvor nicht bemerkt; die Absätze schmeichelten ihren Waden ganz besonders …

„Hören Sie auf, sich über mich lustig zu machen! Und lassen Sie es endlich sein, auf meine Beine zu schauen!"

Er hob ausdruckslose Augen zu ihren. „Seien Sie nicht so selbstgefällig, Granger", sagte er. „Es ist nur, dass ich keine erwachsene Frau mit dem Fuß stampfen habe sehen seit … Nun, lassen Sie uns sagen, dass die Hexe in meinem Bekanntenkreis, die so etwas gerne getan hat, einen unglückseligen Unfall durch das Ende von Molly Weasleys Zauberstab erlitten hat."

Das Mädchen hatte den Anstand zu erröten, sehr zu seiner Erleichterung. Er würde sich mehr Mühe geben müssen, sie nicht zu … bemerken.

„In Ordnung", sagte sie und nahm ihn huldreich von der Verachtung aus, die sie für Zauberer reservierte, die es wagten, ihre Reize zu bewundern. „Der Grund, weshalb ich die Regency-Woche von allen Möglichkeiten ausgewählt habe, ist, dass sich das Schloss meiner Meinung nach besonders für dieses Thema anbietet." Dann schwenkte ihre Aufmerksamkeit wieder zur Rücklehne des Lehnsessels, und sie zeigte eine unerklärliche Faszination für die Naht, wo der Stoff aneinandertraf, und ihre Finger strichen mit sorgfältiger Aufmerksamkeit darüber. „Außerdem", fügte sie hinzu und sprach dabei in Richtung ihrer unruhigen Finger, „bin ich ein Fan der Literatur dieser Ära."

Severus ertappte sich dabei, dass auch ihn die Polsterung der Kissen fesselte, während er sie beobachtete, wie sie über die Kante des geblümten Materials strich und es untersuchte. „Wollen Sie damit sagen, dass dieses ganze Unternehmen ein Ergebnis Ihrer Lesevorlieben ist?"

Sie riss ihre Hand zurück und ließ die Erforschung der Materialstruktur sein. „Natürlich nicht!", widersprach sie heftig. „Das Interesse an den Werken von Jane Austen befindet sich derzeit auf einem Höhepunkt in der Moderne! Muggel produzieren mehr denn je zuvor Filme und Fernsehprogramme auf Basis ihrer Bücher. Selbst Männer haben dank des ausführlichen Materials betreffend Admiral Nelson, den Duke of Wellington und Napoleon Bonaparte an der Zeitperiode Interesse."

Er sah ihr ins Gesicht und bemerkte, dass sie nicht mehr niedergeschlagen zu sein schien; sie war viel zu sehr damit beschäftigt, ihr Projekt zu verteidigen. „Ich verstehe", murmelte er und versuchte, den Anschein zu erwecken, als sei er ordentlich gescholten worden. „Jetzt verstehe ich."

Ihre Augen, braun wie warmer Honig, verengten sich misstrauisch. „Sie verspotten mich immer noch", stellte sie fest.

Der Impuls, sie umzustimmen, flackerte in seinem Bewusstsein, und er drängte ihn weg. Dies wäre nur sinnlose Zeitverschwendung.

„Ich glaube, die jungen Hexen sammeln sich in dem Raum, der der „Blaue Salon" genannt wird, informierte er sie und wechselte ruhig das Thema. „Falls Sie es vorziehen, die Professorinnen McGonagall und Mortelle treffen sich mit einigen anderen Lehrern in McGonagalls Räumen."

Sie ließ sich ablenken. „Und welcher der beiden Gruppen werden Sie sich anschließen?", fragte sie.

„Ah", sagte er. „Keiner. Sehen Sie, ich bin Gastgeber für das monatliche Pokerspiel in meinem Büro."

Ihr Unterkiefer fiel hinunter, und ihre Augen blitzten plötzlich vor Heiterkeit. „Nein!"

Für einen Moment schloss er die Augen und erlaubte ihr, sein Bedauern zu sehen in dem Wissen, dass es sie amüsieren und ihre Stimmung heben würde, was letztlich das war, was er erreichen wollte.

„Doch", sagte er und öffnete dann die Augen mit einem schmerzlichen Ausdruck. „Und außerdem, wenn Sie einen Funken Anstand besäßen, würden Sie mich mit Freundlichkeit fortschicken statt mit Spott." Er ließ das letzte Wort verletzt klingen und konnte ihr Entzücken sehen, als er ihre Anschuldigung an sie zurückgab.

Sie lachte laut, holte ein gefaltetes Stück Leinen aus einer verborgenen Tasche an ihrer Hüfte und bot es ihm mit einem kleinen Knicks. „Bitte, freundlicher Herr", sagte sie, und ihre gesenkten Augen und höfliche Worte waren Regency in Reinkultur. „Nehmen Sie mein Taschentuch als Glücksbringer mit meinem Wohlwollen."

Als er das Taschentuch entgegennahm, berührten seine Finger ihre, und aus einem Impuls ergriff er ihr Handgelenk und hielt es fest. Wie als Antwort auf seine Gedanken spähte sie unter ihren Wimpern hervor.

„Ich hoffe, Sie können ihnen die Taschen leeren", sagte sie in gedämpftem Ton, und offensichtlich deutlich aufgemuntert segelte sie mit einem vergnügten Lächeln auf dem Gesicht aus dem Lehrerzimmer.

Severus wedelte mit dem bestickten, leicht duftenden Glücksbringer unter seiner kräftigen Nase und atmete ihr Parfum tief ein. Dann steckte er das zarte Stückchen Stoff in eine Innentasche, während seine Aufmerksamkeit von dem seltsam prickelnden Gefühl in seinen Fingern beansprucht wurde, die sie gestreift hatte. Obwohl er der Versuchung widerstanden hatte, ihr Handgelenk zu ergreifen, schien es immer noch, als könne er die feinen Knochen ihres Handgelenks in seiner Hand spüren, und das Gefühl war für ihn so real wie das Taschentuch, das sicher an seinem Herzen ruhte.

„Torheit", brummte er zu sich selbst, und er machte auf dem Absatz kehrt, um seine Verabredung für den Pokerabend einzuhalten.