Anmerkung der Übersetzerin:
Der Begriff „Poker" umfasst eine ganze Gruppe von Spielen in verschiedenen Varianten. Generell werden beim Poker auch im Deutschen viele englische Begriffe gebraucht. Vieles ist selbsterklärend aus dem Text; wo es mir sinnvoll erschien, findet Ihr kurze Erläuterungen in den Fußnoten.
Da meine eigenen Pokerkenntnisse nur rudimentär sind, kann ich leider nicht zuverlässig beurteilen, ob die Spiele im Kapitel realistisch beschrieben sind.
Kapitel 5
Donnerstag, 1. August 2002
Abend – Das Pokerspiel
Severus schritt die Treppen vom Lehrerzimmer im Parterre hinauf und verbannte dabei streng die Erinnerung an seine Interaktion mit Hermione Granger aus seinem Sinn. Stattdessen zwang er sich, an die vor ihm liegende Geduldsprobe zu denken: den Pokerabend.
Nicht alle von Severus' Fähigkeiten, andere Leute abzuwehren – ein Können, das nach den Maßstäben aller anderen gewaltig war –, hatten ausgereicht, um Lilys Sohn davon zu überzeugen, dass Severus weder seine Bewunderung noch seine Freundschaft wünschte. Und trotz Potters lästiger Beharrlichkeit, waren Jahre der Gewohnheit, in denen er den Jungen abgelehnt hatte, nicht über Nacht aufgelöst worden; ihre Bekanntschaft hatte sich langsam entwickelt. Severus' natürliche Verlegenheit, dass jedem, der bei der Schlacht von Hogwarts anwesend war, seine persönliche Geschichte erörtert worden war, war der erste Streitpunkt zwischen ihnen gewesen.
„Du hättest die Klappe halten können, dummer Junge."
Unerschrockene grüne Augen hatten sich geweigert, vor seinem Zorn zurückzuschrecken. „Ich habe Sie sterben sehen, Severus – es ist nicht so, als ob ich erwartet hätte, dass Sie überleben, und dass es Sie kümmert, was ich mit Ihren Erinnerungen angestellt habe."
Also war Severus vor der Welt als liebeskranker Dummkopf exponiert gewesen, nur um festzustellen, dass die Welt ihn dafür verherrlichte. Und irgendwie hatte die Enthüllung seines großen Geheimnisses es ihm endlich erlaubt, die Erinnerung an seine erste Freundin und einzige Liebe loszulassen. Rehabilitation durch den Zaubergamot und den Erhalt des Ordens des Merlin hatte er immer ersehnt, und seine Wiederernennung als Schulleiter von Hogwarts, vom Schulbeirat bestätigt, waren seiner Meinung nach alle zusammen ein Paket. Die nichtsnutzigen Träume eines zornigen jungen Mannes waren für den geehrten, respektierten Mann in der Blüte seines Lebens wahr geworden. Potter zu gestatten, sich mit ihm anzufreunden, war ihm ein geringer Preis zu zahlen erschienen, besonders, weil der Junge direkt zu ihm gekommen war, ohne Tricks und Ausflüchte.
„Ich war im Irrtum über Sie, Sir. Ich verdiene es nicht, aber ich hoffe, Sie können mir verzeihen. Ich denke, meine Mutter würde sich wünschen, dass wir Freunde werden."
Dies hatte ihn und seine Pläne, den Jungen auszuschließen, gründlich ruiniert. Natürlich hatte Potter damit recht: Lily hätte sich gewünscht, dass sie Freunde würden. Severus' Entscheidung, dem Jungen ihn kennenzulernen zu gestatten, war sein letzter Akt der Zuneigung zu ihr gewesen. Die Göttin seiner Träume war eine Erfindung seiner qualvollen Reue gewesen. Die echte, nicht perfekte Lily Evans war eine weitaus interessantere und komplexere Person gewesen, und indem er ihrem Sohn in Freundschaft die Hand reichte, hatte er schließlich zugelassen, dass sie den richtigen Platz in seinem Leben einnahm … als eine Erinnerung aus seiner Vergangenheit.
Als er die steinerne Wendeltreppe zu seinem Büro hinaufstieg, sah er, dass der Schreibtisch des Schulleiters aus dem Weg gehoben worden war, und ein großer, runder Holztisch stand an seiner Stelle unter Dumbledores Portrait. Vor seiner Einführung in die Geheimnisse des Orden-Pokerabends hatte Severus nicht gewusst, dass ein Portrait Karten spielen konnte – welchen Sinn hatte dies? –, aber während des einen Pokerabends, an dem er am Grimmauld Place teilgenommen hatte, hatte er die ausgeteilten Karten in das Portrait fliegen gesehen. Und im nächsten Moment hatte der alte Mann die Karten unter seine krumme Nase gehalten, während er die blauen Augen intensiv auf sein Blatt gerichtet hielt.
„Was verflixt bringt es ihm zu gewinnen?", hatte Severus Arthur Weasley gefragt, dessen Liebe zu Muggel-Kartenspielen der Ursprung dieser albernen Zusammenkünfte war. „Welche Verwendung hat ein Portrait für Gold?"
Arthur hatte um eine dicke kubanische Zigarre herum gegrinst, als er die Karten gemischt hatte. „Wir werfen immer Schokoladenkessel in den Pott, die mit Weinbrand gefüllten. Der alte Herr liebt seine Süßigkeiten, weißt du, und der Alkohol in den Süßigkeiten reicht, um ihn ein wenig beschwipst zu machen. Alles Gold, das er gewinnt, geht an einen wohltätigen Zweck nach seiner Wahl." Er hatte die Stimme gesenkt und hinzugefügt, „Es gibt ihm das Gefühl dazuzugehören, nicht wahr? Die halbe Zeit schläft er mitten im Spiel ein, und wir teilen ihm einfach Karten aus."
Jetzt begrüßte Dumbledores Portrait Severus' Ankunft mit weltmännischer Höflichkeit, als sei es immer noch sein Büro und Severus der Besucher.
„Guten Abend, Severus", sagte der alte Zauberer begeistert. „Ich sehe, du bist heute Abend der Ersatzmann für unseren Freund Arthur. Harry hier hat mir von der Regency-Woche erzählt!"
Severus warf von der Seite einen sardonischen Blick auf Potter, der ihn ungerührt angrinste. Longbottom saß zu Potters Rechten und die beiden Weasleys zu seiner Linken. Severus bemerkte irritiert, dass der Platz direkt unter dem Portrait für ihn freigelassen worden war.
„Ich habe dir jetzt seit fast einem Jahr von der Regency-Woche erzählt", betonte er säuerlich und durchquerte den Raum, um seinen unvermeidbaren Platz einzunehmen. „Und wenn du heute Abend kiebitzt, hänge ich dich für einen Monat in den Kerker!"
Dumbledore lachte gutmütig. „Und zu Recht, mein Junge – zu Recht!"
Karaffen mit Weinbrand und Feuerwhisky standen auf dem Tablett mit Getränken, das auf einem Rollwagen in Severus' Reichweite stand. Die rauchenden Longdrinkgläser vor jedem der jungen Zauberer informierten Severus, welches das Gift ihrer Wahl war – und vom Tenor ihrer Unterhaltung und der Lautstärke ihrer Stimmen war es offensichtlich, dass sie – während er sich des Wohlergehens Miss Grangers versichert hatte – die Zeit genutzt hatten, großzügig dem Feuerwhisky zuzusprechen.
Gut. Das würde seine Chancen erhöhen. Sie hatten ihn dazu gebracht, an dieser Farce teilzunehmen, und sie würden in Kürze ihren Fehler erkennen. Kein Slytherin spielte ein Spiel mit, ohne jeden verfügbaren Vorteil zur Sicherung seines Sieges zu nutzen.
Verdammte Gryffindors, die sich Mut antranken.
„In Ordnung, ihr Verlierer!", sagte Ronald Weasley und nahm den Stoß Karten, die Potter gerade gemischt hatte. „Ich bin startklar, um euch die Taschen zu plündern!"
Longbottom bewältigte ein ziemlich glaubwürdiges Hohnlächeln – Severus war beeindruckt.
„Klappe, Ron!", rief Longbottom fröhlich und nahm einen mannhaften Schluck Feuerwhisky. „Verdammt, wenn ich dich heute Abend mein ganzes Gold gewinnen lasse!"
Der jüngste Weasleyjunge, bekannt für seine Fähigkeiten im Schachspiel, war ebenfalls berühmt dafür geworden, die größten Pötte bei den Pokerspielen zu gewinnen. Severus hatte Arthur sagen hören, dass der Junge sogar regelmäßig sein Einkommen mit seinen Gewinnen aufbesserte.
„Halt du die Klappe, Neville!", antwortete Ronald, teilte George eine Karte auf dem Tisch aus und fuhr um den Tisch herum fort, während seine blitzschnell gelieferten Gaben in den Pigmenten von Dumbledores Portrait verschwanden, ehe sie in den knorrigen Händen des alten Mannes auftauchten. „Dealer calls Five Card Draw[1], Deuces Wild.[2] Einsätze bitte!"
Severus nahm seinen Geldbeutel aus der Tasche, sortierte die Galleonen heraus und stapelte sie vor sich, wie die anderen es getan hatten. Er sah zu, wie Potter dasselbe tat, indem er in den Taschen seiner Jeans grub – aber seine Hand nicht herauszog, ehe er die Goldstücke sorgfältig gezählt hatte, die Longbottom und Ronald auf den Tisch gelegt hatten. Natürlich. Es war wohlbekannt, dass George Weasley in seinem Scherzartikelladen eine Menge Geld verdiente, und der Stapel Galleonen vor ihm widerspiegelte dies. Aber Longbottom und Ronald waren relativ schlecht bezahlte Mitarbeiter in ihren Stellungen, der eine Lehrling bei einem Herbologen, der andere als Auror. Potter hatte den Reichtum von seiner Familie geerbt – die Potters waren immer wohlhabend gewesen –, und er arbeitete jetzt bereits als Assistent des Leiters des Magischen Polizeibüros im Ministerium. Der Junge würde nicht mehr Geld auf den Tisch legen, als seinen Freunden zur Verfügung stand.
Als fünf Galleonen zusammen mit zwei in Folie gewickelten Schokoladenstücken klirrend in die Mitte des Tisches geworfen worden waren, waren sie startklar.
„Möchten Sie eine Zigarre, Schulleiter?", fragte George.
Severus nahm die duftende Zigarre entgegen, gestattete dem jüngeren Mann, sie für ihn anzuzünden, und betrachtete den Spender. George trug einen lächerlichen Hut, der weich und bauschig wie eine Kochmütze und hoch wie ein Zylinder war; seine schmerzhaft farbenfrohe Oberfläche war mit Abbildungen von Kreuz, Karo, Herz und Pik dekoriert, jede Menge Rot und Schwarz auf einem grell grün-weiß-karierten Untergrund.
Während er die Augen gegen die geschmacklose Attacke schloss, ließ sich Severus nieder, um ernsthaft zu spielen.
Innerhalb der ersten Stunde schien das Glück am Tisch ziemlich gut zu verteilt zu sein. Lediglich Potter schaffte es nicht, ein Spiel zu gewinnen, und stieg tatsächlich ziemlich regelmäßig aus, was ihm reichlich Zeit zum Trinken verschaffte, während die anderen setzten und ihre Einsätze gegeneinander erhöhten. Als Herpie mit einer Platte Sandwiches und Tee hereinkam (den niemand außer Severus nahm), hatte Potter ordentlich einen in der Krone, und Ronald, der ewige Konkurrent, hielt Glas für Glas mit ihm mit.
Was Dumbledore betraf, schlummerte er friedlich in seinem Rahmen und steuerte gelegentlich leise Schnarcher bei.
In der zweiten Stunde gab George Weasley ein Spiel mit dem lächerlichen Namen 'Texas Hold'em'[3], und Severus stellte fest, dass ihm die Variante recht gut gefiel. Die jüngeren Zauberer wurden immer betrunkener, und Severus fand sie sehr leicht zu durchschauen – mit Ausnahme von Ronald. Man mochte über Ronald Weasley sagen, was man wollte, er hatte ein überragendes Pokergesicht.
Severus teilte ein Blatt aus und wählte 'Texas Hold'em'. Er teilte jedem Spieler zwei Karten aus, und nach dem Small Blind und dem Big Blind[4] hatte jeder Spieler fünf Galleonen in den Pott gegeben. Der Flop deckte die drei Gemeinschaftskarten auf: Die Karosechs, den Kreuzbuben und die Herzdame. Severus schaute wieder in sein Blatt: die Kreuzzwei und die Herzsechs. Interessant. Er hatte bereits ein Paar*.
Longbottom warf eine Galleone in den Pott und schaute zu Ronald, der eine Münze aufnahm und sie hinschob, ohne hinzusehen. „Ich gehe mit und erhöhe um zwei", sagte er und schnippte zwei weitere Galleonen auf den Haufen.
Die anderen hielten seine Wette, ohne zu erhöhen, und Severus teilte den Turn[5] aus – die Piksechs. Longbottom lachte nervös und brachte seine Aufregung über das Paar, das jetzt in den Gemeinschaftskarten zu sehen war, zum Ausdruck. Severus grinste innerlich genüsslich. Jetzt hatte er einen Drilling*. Wenn sein Glück anhielt, konnte er diesen Pott gewinnen und Longbottoms und Ronald ihr ganzes Gold abnehmen. Potter und George besaßen aufgrund ihrer Gewinne größere Goldstapel, aber sicher würde es das Spiel abkürzen, wenn zwei Spieler ausgeschieden waren.
Mit errötetem Gesicht legte Longbottom fünf Galleonen in den Pott. Ronald setzte ebenfalls fünf und drei weitere ein. Potter warf sorglos seine acht Galleonen auf den Haufen und murmelte, „Ich gehe mit." George und Severus gingen ebenfalls mit, aber Longbottom wankte einen Moment lang, ehe er drei von seinen fünf letzten Galleonen dem Pott zufügte.
Severus teilte den River[6] aus und platzierte die Karte akribisch in Reihe mit den vier Gemeinschaftskarten, die schon zu sehen waren, und der ganze Tisch in seiner Gesamtheit schnappte nach Luft.
Es war die Kreuzsechs.
Severus fühlte einen Rausch freudiger Erregung. Er hatte einen Vierling*! Die einzigen Blätter, die dies schlagen konnten, waren ein Straight Flush* oder ein Royal Flush*; beide Blätter waren mit den Gemeinschaftskarten nicht möglich. Der Pott gehörte ihm; er musste nur die anderen dazu verleiten, das Gold anzuhäufen.
Er griff nach seiner Teetasse und erlaubte seinen Fingern ein Zittern, ehe er den Henkel anfasste. Nachdem er einen Schluck genommen hatte, rieb er mit seinen Fingerspitzen über seine schmalen Lippen.
Longbottom schaute auf seine beiden letzten Galleonen, als ob er wüsste, dass er niemals mit der letzten Wette mithalten konnte. „Check"[7], sagte er, den Kopf über die Karten gebeugt und vorsichtig darauf bedacht, mit den anderen keinen Augenkontakt herzustellen.
Potter grinste die Gruppe an. „Drilling auf dem Tisch!", sagte er aufgedreht. „Lasst uns die Sache interessant halten!" Er schob zehn Galleonen in den Pott.
„Ich steige aus", tönte Longbottom kläglich und ließ seine Karten mit dem Gesicht nach unten auf den Tisch fallen. „Mein Glück hat mich verlassen." Er ergriff sein Glas und leerte es.
Ronald war einen abschätzenden Blick auf sein Gold. Zehn Galleonen würden ein großes Loch in sein Spielkapital reißen. Aber Severus wusste, dass es einem echten Kartenspieler mit einem Drilling in den Gemeinschaftskarten schwerfallen würde, sich zurückzuhalten. Mit einer fast sorglosen Bewegung schob der jüngste Weasleybruder sein Gold in die Mitte des Tischs. „Call"[8], sagte er.
George fügte seine zehn Goldstücke hinzu, und Severus schluckte nervös. Verspätet brachte er ein überlegenes Hohnlächeln auf sein Gesicht. „Ich gehe mit und erhöhe um fünf." Er legte fünfzehn Galleonen in den Pot.
Potter lachte und hielt die Wette. „Dies ist klasse", sagte er und legte den Kopf zurück, um trunken die vergoldete Decke zu betrachten.
Aber keiner der Weasleys lächelte. Die Spannung war extrem hoch, als Ronald und George das erforderliche Gold in den Pott legten.
Potter legte seine Karten nieder. „Drilling und Dame High"[9], sagte er.
Ronald zeigte sein Blatt. „Das schlage ich – Drilling, As und König High."
George fluchte und warf seine Karten hin. „Ich habe nur Zehn High."
Ronald schrie auf und griff nach dem Pott, aber Severus sagte, „Das gehört mir, Weasley."
Ronald schaute aufmüpfig. „Haben Sie ein Full House*?", fragte er zornig.
Severus enthüllte seine Karten. „Nichts so Banales", sagte er und fing an, den Pott zu sich zu streichen. „Vierling."
Potter lachte laut in Richtung des Schulleiters. „Das war gut, Severus!", sagte er so vergnügt, als hätte er selbst gewonnen.
Ronald griff nach seinem Zauberstab und sprang so zornig auf, dass er seinen Drink verschüttete, und sein Zauberstab rote Funken ausspuckte, die seine Karten in Brand setzten.
„Oh, Ron!", schrie sein Bruder, nahm seinen Poker-Glückshut ab und schlug damit auf die Flamme, bis sie ausging. „Würdest du endlich erwachsen werden?"
Die Ohren des jüngeren Bruders wurden so rot wie sein Haar. „Du hast ihn da sitzen gesehen, wie er ganz nervös ausgesehen und seinen Mund gerieben hat!"
Potter schüttelte den Kopf, als ob dies zu tun ihn weniger betrunken machte. Als das fehlschlug, berührte er Ronalds Arm und sprach mit dem lallenden, ernsthaften Ton eines besorgten Betrunkenen. „Er hat dich geblufft, Kumpel. Wie oft hast du das mit uns schon gemacht?"
Severus arrangierte in einer Reihe ordentlicher Stapel die Galleonen, die er gewonnen hatte, während er die Anfeindungen um sich herumfließen ließ wie Flutwasser um einen Felsen. War die Anspannung während seiner letzten Erfahrung mit dem Pokerabend so hochgegangen? So hatte er ihn nicht in Erinnerung. Vielleicht hatte Ronald diese Woche einfach genügend Liebesenttäuschungen erfahren, dass es ihm schwerer fiel, die Niederlage beim Kartenspiel zu verdauen. Darf darüber auch nicht schmunzeln, erinnerte er sich selbst.
George hob die verkohlten Überreste von Ronalds Karten mit widerwillig verzogenem Mund auf. „Ich denke, sie sind noch zu retten", sagte er und nahm seinen Zauberstab heraus. „Es sei denn, jemand hat noch einen Satz Karten?"
Severus sagte seidig, „Wir könnten den Abend beenden, wenn ihr möchtet." Er wusste, es gab nur eine geringe Chance, dass sie seinen Vorschlag annahmen, aber ihn zu machen, konnte nicht schaden.
Ronald lachte rau. „Das würde Ihnen so passen, nicht wahr?"
George zerbrach sich über den Resten verkohlter, nasser Spielkarten den Kopf. „Ich bin nicht sicher, ob das wieder gerichtet werden kann."
„Hermione bekäme es hin", beteuerte sein Bruder. „Ich könnte sie bitten herzukommen …"
„Oh, das wird nicht notwendig sein, Mr Weasley", sagte Dumbledore, und Severus wandte sich um und sah den alten Mann wach – sogar hellwach –, die blauen Augen strahlend hinter seiner Halbmondbrille. „Severus, du findest einen Satz Karten hinten in der untersten Schreibtischschublade."
Severus schüttelte den Kopf. „Es sind keine Spielkarten in meinem Schreibtisch, das versichere ich dir."
Dumbledore schien amüsiert. „Bildest du dir ein, dass du alle Geheimnisse des Schulleiterbüros kennst?" Er wies Richtung Schreibtisch. „Sie sind ziemlich alt, aber ich bin sicher, du wirst sie brauchbar finden."
Severus erhob sich zielstrebig. „Alles, um diesen … Abend voranzubringen", sagte er und hörte dabei klar das Wort Farce in seinem Kopf. Er ging zu seinem Schreibtisch und ergriff den Knauf der untersten Schublade. Obwohl er bestens mit jedem Winkel und jedem Versteck in seinem Arbeitsplatz vertraut war, er würde dem Portrait seinen Willen lassen, oder er würde in dieser Nacht keinen Frieden mehr bekommen.
Die Schublade öffnete sich leicht auf seine Berührung und enthielt immer noch die Dinge, die er erwartete: das Kästchen für Kleingeld, seinen persönlichen Vorrat an Lakritzstangen, Extrafedern, Pergament und Tinte – aber weder alte noch andere Spielkarten.
„Ganz hinten, Severus", schalt Dumbledores Portrait. „Es gibt ein Fach an der Rückseite – ich bin überrascht, dass du es bisher nie bemerkt hast."
Severus erdolchte die animierte Ansammlung von Ölschmieren auf Leinwand mit Blicken, nur um Dumbledores engelsgleichstem Lächeln zu begegnen. „Vielleicht würde ein Enthüllungszauber helfen?", schlug das Portrait vor.
Severus lehnte es ab zu antworten, wie es der alte Bock verdiente, und untersuchte die hintere Oberfläche der Schublade mit ungeduldigen Fingern, spürte den verborgenen Hohlraum, da er jetzt danach suchte, und ließ mit Leichtigkeit die Abtrennung verschwinden. Wie versprochen lag ein in etwas brüchiges Pergament eingeschlagenes Päckchen in dem kleinen Raum dort verborgen.
Warum um Himmels Willen hatte der hinterhältige alte Bastard einen Satz Karten hinter einer magisch geschützten Barriere versteckt? Dumbledore hatte niemals irgendetwas getan, dessen Severus gewahr war, ohne ein künftiges Projekt im Auge zu haben.
Als ob es seine Gedanken läse, bot das Portrait eine Erklärung an. „Diese wurden mir in meiner Jugend von einem alten Hexenmeister gegeben, der einst am Hof Napoleon Bonapartes gedient hat", berichtete er gesprächig. „Sie sind ein Relikt aus seiner Familie – Spielkarten aus dem sechzehnten Jahrhundert."
Severus begann, die Abdeckung zu öffnen; das Pergament zerfiel in seinen Händen und enthüllte einen schwarzen Zugbeutel aus Samt. Er öffnete den Beutel und nahm die Spielkarten heraus. Sie waren etwas schmaler als moderne Sets, auf schwerem Karton, der zu einem Elfenbeinton gealtert war. Die Rückseiten der Karten waren leer, die Vorderseiten waren in Rot-, Blau- und Goldtönen bunt gefärbt. Die Karten ohne Bilder trugen lediglich zwei Herzen oder vier Karos – die erforderliche Anzahl der Symbole jeder Farbe – ohne erkennbare Ziffern.
„Das wird genügen", sagte er entschieden und kehrte zum Tisch zurück.
Aber er saß alleine. Longbottom war aufgestanden und schaute neugierig auf die Aloe Vera-Pflanze, die Severus auf der Fensterbank hielt, eine Gewohnheit aus seinen Tagen als Zaubertrankmeister, als Verbrennungen kein ungewöhnliches Vorkommnis in seinem Klassenzimmer waren. Die Weasleybrüder unterhielten sich leise auf der anderen Seite des Raums, und Potter war verschwunden.
„Sind wir eigentlich fertig für heute?", fragte er.
„Regen Sie sich nicht auf, Snape", sagte Ronald, den sein Verlust offensichtlich noch immer schmerzte. „Harry ist auf's Klo gegangen."
Severus antwortete nicht – warum sollte er auf Grobheit reagieren? –, sondern er wartete mit aller Geduld, die er aufbringen konnte, auf die Tauben, die zum Tisch zurückkehrten, um gerupft zu werden.
Longbottom wanderte zurück auf seinen Platz und stocherte mürrisch in dem, was von seinem Gold übrig war. „Ich sollte einfach zu Bett gehen", sagte er. „Ich werde nur eine Runde Einsätze überstehen können!"
George brach seine Unterhaltung ab, nahm die Karaffe in die Hand und lehnte sich über den Tisch, um Longbottom Feuerwhisky nachzuschenken. „Aber du willst, dass wir dein Gold bekommen, Neville", sagte er. „Trink aus und verliere wie ein Mann."
Longbottom begann, wie ein Mädchen zu glucksen, und provozierte George einzustimmen, und Dumbledores Portrait kicherte, nur Ronald nicht. Er war viel zu beschäftigt damit, den Stapel von Severus' Gewinnen zu betrachten, während Feindseligkeit in Wellen von ihm ausstrahlte. Potter lieferte eine Ablenkung, indem er von der Toilette zurückkam, und seine Miene liebenswerter Trunkenheit war einem Ausdruck von Unbehagen gewichen.
„Ich hätte Malfoy dazu bringen sollen, Karten zu spielen", sagte er. „Er wollte kommen, aber er dachte, wir wollen ihn nicht."
George schnaubte. „Malfoy hatte recht. Wir wollen ihn nicht."
Potter stellte sich aufrechter hin und strich mit einer Hand über sein verstrubbeltes Haar, als ob er es ordnen wolle. „Er hat genauso das Recht, hier Karten zu spielen, wie wir. Ich gehe ihn suchen und bringe ihn dazu, Poker zu spielen."
Longbottom schüttelte den Kopf. „Weiß nicht, Harry. Ich glaube nicht, dass irgendjemand Draco dazu bringen kann, etwas zu tun, was er nicht tun will."
Potters Gesichtsausdruck verfinsterte sich. „Ich könnte es", sagte er entschieden.
Ronald ergriff Potters Arm, ehe er sich abwenden konnte. „Nein, Harry. Es ist zu spät. Nächstes Mal kannst du ihn dazu bringen zu spielen." Ronald schleppte Potter zum Tisch. „Lass uns unser Gold von Snape zurückgewinnen."
Severus lächelte dünn. „Ja, lasst uns das zu Ende bringen, wollen wir?"
Er mischte die alten Karten, die seltsam steif waren, weitaus weniger biegsam als die glatten Sets, die zu handhaben er gewohnt war. Die jüngeren Zauberer nahmen wieder ihre Plätze ein und fügten ihre Goldstücke dem einen zu, das Severus bereits als Ante[10] in die Mitte des Tischs geschoben hatte.
„Dealer calls Five Card Draw", sagte er und griff zurück auf das erste Pokerspiel, das er auf den Knien seines Vaters zu spielen gelernt hatte.
George nickte, und der lächerliche Hut schwankte auf seinem feurigen Kopf. „Deuces Wild?", fragte er jetzt ganz geschäftsmäßig. „One-eyed Jacks?"[11]
Severus verzog die Lippen. „Ganz sicher nicht. Keine Wildcards. Ihr seid von der Glücksgöttin abhängig – und natürlich von euren offensichtlichen Fähigkeiten." Sein höhnisches Grinsen zeigte klar seine Meinung zu den fraglichen Fähigkeiten.
Das Geplauder ebbte ab, als Severus die Karten auszuteilen begann.
„Du kannst mir dieses Spiel auch austeilen", sagte Dumbledore. „Aber vielleicht könnte mir jemand etwas Schokolade zukommen lassen?"
George warf eine Süßigkeit in das Portrait, und die Spieler nahmen ihre Karten auf, die Brauen in Konzentration gerunzelt.
„Da sind keine Zahlen drauf", sagte Potter und hielt eine Karte auf Armeslänge.
„Zähl einfach die Punkte, Kumpel", riet Ronald.
Potter riss die Augen auf. „Du hast gut reden. Sie bewegen sich dauernd", beklagte er sich.
Dann fielen sie in Schweigen, während sie ihre Karten betrachteten. Severus wartete eine Weile und beobachtete die Gesichter seiner Konkurrenten. Longbottom und Potter sahen beide zufrieden aus, während die Weasleys viel besser darin waren, ihren Gesichtsausdruck zu maskieren. Sicherlich wäre Longbottom, der nur noch eine Galleone zu verspielen hatte, nach diesem Spiel außen vor. Aber derjenige, den Severus besiegen wollte, war Ronald, auch wenn er sich selbst nicht genau erklären konnte, warum das so war. Es gab zugegebenermaßen so viele lästige Leute auf der Welt, aber Ronald Weasley hatte es sich zur Aufgabe gemacht, Hermione Granger zu irritieren und zu verärgern, seit die beiden sieben Tage zuvor Hogwarts betreten hatten. Genau dies verursachte ihre persönlichen Probleme, und Severus hatte kein Interesse an ihrer 'Beziehung' – in der Tat war schon allein das Wort übelkeitserregend sentimental –, aber er brauchte Granger in funktionierender Form, um diese absonderliche Regency-Woche erfolgreich durchzuführen, und Ronald gefährdete ihren Gemütszustand. Severus konnte den Jungen nicht aus dem Schloss werfen, so sehr er auch versucht war, dies zu tun, aber er konnte den Welpen abstrafen, indem er ihn des Extragoldes beraubte, das er am Pokerabend jeden Monat zu gewinnen gewohnt war. Wenn das bewerkstelligt war, würde die Geduldsprobe 'Regency-Woche' am Morgen beginnen, und wenn sie vorüber war, würden sie alle verschwinden und ihn in Frieden lassen.
Wie er es zu tun pflegte, nahm er seine Karten eine nach der anderen auf, und sortierte sie in seiner Hand nach Farbe in absteigender Reihenfolge.
Der Herzkönig.
Die Herzzehn.
Das Herzas.
Der Herzbube.
Alte Schutzgewohnheiten lassen sich schwer überwinden, selbst dann, wenn man sich nicht in akuter physischer Gefahr befindet. Severus okkludierte mit aller Kraft, als ob sich der Dunkle Lord ihm drohend näherte, bereit, seine Gedanken unter die Lupe zu nehmen. Er griff nach seiner fünften Karte. Wenn es eine Dame wäre, hätte er einen Straight*. Wenn es ein Herz wäre, hätte er einen Flush*. Wenn es die Herzdame wäre … so etwas würde mir nie passieren, ich bin Severus Snape, und das Universum hat Regeln zu der Art von Blättern, die ich ausgeteilt bekomme … nun, wenn es die Herzdame wäre, hätte er nicht nur einfach einen Straight Flush*, sondern einen Royal Straight Flush*, das höchste Blatt, das man beim Poker haben konnte. Er nahm die letzte Karte auf.
Die Kreuzzwei.
Longbottom warf seine letzte Galleone hin. „Ich setze eine", sagte er mit einem Grinsen, als habe er sich mit seiner bevorstehenden Niederlage schon abgefunden.
Potter warf eine Galleone hin; er war ein zu netter Kerl, um derjenige zu sein, der Longbottoms Kartenspielabend ein Ende setzte. Ronald hatte keine solchen Gewissensbisse. „Ich gehe mit und erhöhe um zwei", sagte er mit kühlem Selbstvertrauen.
„Ich bin raus", erklärte Longbottom und warf seine Karten mit dem Gesicht nach unten hin. „Viel Glück euch allen."
George, Severus, und Potter gaben ihre drei Galleonen in den Pot.
Severus sah Potter fragend an.
„Ich nehme drei Karten", antwortete der Junge.
Weasley warf zwei Karten ab, und Severus gab die Ersatzkarten. George bat um drei Karten.
„Dealer nimmt eine", sagte er und legte seine Kreuzzwei mit dem Gesicht nach unten auf den Stapel abgelegter Karten.
Beide Weasleys sahen ihn scharf an; es kam ziemlich selten vor, dass jemand nur eine Karte bei einem Blatt von Five Card Draw verlangte. Grundsätzlich deutete dies auf ein gutes Blatt hin – es sei denn natürlich, man bluffte.
Potter schaute auf seine Karten und schob Gold zum Pott. „Zwei Galleonen", sagte er.
Ronald fegte sein restliches Gold in den Pott, und mit fester Stimme, seine Worte trotz seines heftigen Trinkens kaum gelallt, er sagte, „Ich gehe mit und erhöhe um zwanzig."
George pfiff, und Severus sah Ronald in die Augen. Ronald gab den abschätzenden Blick kühl zurück, als Dumbledores Portrait sagte, „Oh, dies ist so aufregend!"
Aber Severus hörte ihn kaum, denn er hatte seine Karte aufgenommen.
Die Herzdame.
Mit seinen Okklumentikschilden an Ort und Stelle, als ob er sich für eine Einzelaudienz beim Dunklen Lord bereit machte, war sein Gesicht eine undurchschaubare Maske – diese Fertigkeit in der Okklumentik war seine größte Stärke als Spion für den Orden des Phönix gewesen –, aber seine innere Stimme faselte zusammenhanglos in seinem Verstand.
Er hielt einen Royal Straight Flush in der Hand, nicht nur das beste Blatt, das er je gehabt hatte, sondern auch das beste, das er jemals in einem Pokerspiel gesehen hatte, das er gespielt oder beobachtet hatte.
Tobias Snape war ein gewalttätiger, ungebildeter Nichtsnutz gewesen, dessen einziger Beitrag zur Ausbildung seines Sohnes ein enzyklopädisches Wissen über Kartenspiele gewesen war. Wenn Severus' Mutter zur Arbeit gewesen war, und es in Tobias' Verantwortung gelegen hatte, auf ihn aufzupassen, hatte sein alter Dad ihn in heruntergekommene, raucherfüllte Pubs und Spielhöllen mitgeschleppt. Dort hatte Severus zugesehen, wie Tobias an fleckig-grünen Tischen, die mit Pokerchips bedeckt und von Verzweiflung, Elend und Zigarettenrauch überhangen waren, das Haushaltsgeld verloren hatte.
Wieder hob Severus die Augen, um Ronald noch immer sein Gesicht fixierend zu sehen, und die blauen Augen des Jungen waren berechnend.
Potter warf seine Karten auf den Tisch. „Zu viel für mich", sagte er und stand leicht unsicher auf. „Muss auf's Klo", fügte er hinzu und schlängelte sich in genereller Richtung der Toilette davon.
George zog seinen Poker-Glückshut tiefer in die Stirn. „Ich gehe mit", sagte er und schob seine restlichen fünfzehn Galleonen in die Mitte des Tischs, dann kritzelte er einen Schuldschein auf den Block, der zu diesem Zweck bereitlag, und fügte ihn dem Stapel zu.
Severus entschloss sich, der Sache ein Ende zu machen. Er nahm seinen Zauberstab und schickte sein ganzes Gold, gut hundert Galleonen, in den Pott. „Ich gehe mit, Gentlemen, und erhöhe um einhundert."
George wandte sich ihm ungläubig zu. „Sind Sie verrückt?", fragte er. „Einhundert ist die Obergrenze für diese Pokerspiele! Niemand wettet jemals so viel."
Severus steckte seinen Zauberstab wieder weg und hob eine Augenbraue, aber er hielt den Mund. George konnte es sich sicher leisten, so hoch zu spielen, aber hatte er ein so gutes Blatt? Zumindest würde Ronald pleite sein und nicht weitermachen können.
Ronalds Gesicht war unter seinen zahlreichen Sommersprossen weiß geworden, und um seinen Mund lag ein hässlicher Zug. „Lass ihn doch", fauchte er. „Welchen Unterschied macht es? Er hat uns alle ausgenommen. Und mit diesem Blatt hätte ich ihn schlagen können!" Wütend wedelte er mit seinen Karten.
Severus schaute betont auf die Uhr über dem Kamin, die zeigte, dass es jetzt nach Mitternacht war. „Wie sonst könnte ich diese nervtötende Angelegenheit beenden?", fragte er und legte Langeweile in seinen Ton. Er erlaubte seinem frostigsten Lächeln, auf seinen Lippen zu erscheinen. „Wenn Sie sich Ihres Blattes so sicher sin, können Sie mir natürlich einen Schuldschein schreiben."
George schnaubte. „Wenn er fünf Galleonen in seinem Gringottsverließ hat, fresse ich diesen Hut." Er zog den fraglichen Gegenstand von seinem Kopf und warf ihn auf den Haufen.
Severus warf George von der Seite einen Blick zu. „So sehr ich es genießen würde, dies zu sehen, Mr Weasley, glaube ich irgendwie nicht, dass sie gebeten werden, ihr Versprechen einzulösen."
Ronald sprang auf die Füße und schob seine Hand in die Hosentasche, als ob er glaubte, darin weitere hundert Goldstücke zu finden, die sich dort versteckten. Stattdessen zog er ein leicht zerknittertes Pergament hervor, das mit eleganter Kalligraphie bedeckt war.
Longbottom, der den Interaktionen mit der leicht getrübten Aufmerksamkeit eines Mannes, dessen durchgeweichtes Hirn kaum zu fokussieren in der Lage war, sagte, „Was ist das, Ron?"
Ronald warf es angeekelt von sich. „Es ist mein verdammter persönlicher Zeitplan – er zeigt jede Scheißminute des Tages, die ich mit Hermione als ihr Begleiter verbringen soll – sie hat jede einzelne verdammte Kleinigkeit darauf, außer, wann ich furzen und wie lange ich pissen soll."
Severus beobachtete, wie das Stück elfenbeinfarbenen Pergaments durch die Luft segelte, sanft schaukelte, als ob Luftströmungen es absichtlich durch das Büro des Schulleiters bliesen mit dem ausdrücklichen Zweck, die Reise interessanter zu gestalten. Als es herabsank, hatte er eine blitzartige Vision von Granger, glücklich, guten Mutes, die all ihre Energie daran setzte, ihr Geldbeschaffungsunternehmen zum Erfolg zu führen – Granger, mit einer unangreifbaren Entschuldigung, dass sie Ronalds ärgerliches Gejammer nicht hinnehmen musste – Granger in seinen Händen statt in denen ihres unfähigen Freundes. Und als der Zeitplan seine Reise auf Georges Poker-Glückshut beendete, hochgehalten von dem Haufen Gold darunter, wusste Severus, was er tun musste.
„Also gut, meine Herren", sagte er ruhig. „Ich akzeptiere Ihre Einsätze."
Für einen langen Moment blieb das Schweigen ungebrochen, während auf Ronalds Gesicht Begeisterung und Misstrauen miteinander fochten. Schau dir den Dummkopf an! Er war verzweifelt, den Haufen Gold zu gewinnen, aber traute Severus' Motiven nicht.
Der Junge war definitiv nicht so dumm, wie er aussah.
Dann hörten sie das Geräusch der Toilettenspülung, und der Moment des Schweigens war gebrochen.
„Oh, gut gemacht, Severus", schwärmte Portrait-Dumbledore. „Sehr großzügig von dir, muss ich sagen."
Severus warf dem alten Mann einen vernichtenden Blick zu und warf einen Schokoladenkessel mit viel mehr Nachdruck als unbedingt nötig in das Portrait. „Stopf deinen Mund damit", sagte er. „Nächstes Mal werden sie mit Traumlosem Schlaf statt mit Weinbrand gefüllt sein!"
Dumbledore pellte die Folie von seinem Leckerbissen und zwinkerte ermutigend. „Eben darum, Schulleiter Snape."
Potter fiel auf seinen Stuhl. „Also, wer hat gewonnen?", fragte er. „Sind wir fertig?" Er gähnte ausgiebig. „Ich bin platt."
Longbottom lehnte sich dicht zu ihm. „Snape hat gerade hundertfünfundzwanzig Galleonen gesetzt", flüsterte er, als sei die Information ein Geheimnis. „Und George hat seinen Glückshut gewettet und Ron hat seinen Regency-Woche-Zeitplan in den Topf geworfen."
Potter schüttelte den Kopf. „Das ist dumm", sagte er. „Severus wird diese Wetten nicht annehmen." Er warf einen strengen Blick auf Ronald, doch der Effekt davon war durch seine gelallten Worte etwas vermindert, mit denen er seinen besten Kumpel schalt. „Wenn Hermione herausfindet, dass du auch nur so getan hast, als ob du sie in einem Pokerspiel verwettest, reißt sie dir den Arsch auf."
Ronald hob eine Schulter zu Potter und schaute düster drein. „Sie wird es nicht erfahren, wenn du es nicht ausplauderst – und du bist besser auch still, Neville."
Longbottom hob friedfertig die Hände in die Höhe, aber George lachte nur, als der wütende Blick seines Bruders auf ihn fiel. „Komm schon, Klein-Won-Won – drohe mir."
„Fick dich, George", murmelte Ronald.
Severus wurde das Gezänke langweilig – er war erpicht drauf, dass diese Flegel sein Büro verließen.
„Ich habe eure Einsätze akzeptiert", sagte er in tadelndem Ton. „Ihr müsst jetzt eure Karten zeigen." Von oben herab schaute er auf Ronald. „Das ist es, wie Erwachsene das Spiel spielen, wissen Sie."
Potters Ausruf des Unglaubens blieb jedoch unbeachtet; alles, was zählte, war das Aufdecken der Karten.
„Ich habe zwei Paare", sagte George. „Sechsen und Neunen." Er grinste anzüglich. „Neunundsechzig! Klar?"
Longbottom kicherte wieder, aber Severus hatte nur Augen für Ronald. Der jüngere Zauberer hob das Kinn. Severus konnte sehen, dass der Junge äußerst selbstsicher wirken wollte – sicher der Überlegenheit seines Blattes –, aber Severus hatte ihn schon einmal geblufft, und er kämpfte um sein Pokergesicht.
„Das kann ich übertreffen", sagte er und legte seine Karten hin: Herzzwei und -drei, Kreuzvier und -fünf und Piksechs. „Ich habe eine Straße*. Schlagen Sie das, Snape."
„Sicher", sagte Severus und legte seinen perfekten Royal Flush hin; das Rot der Herzen leuchtend auf den elfenbeinfarbenen Karten.
„Ich werd verrückt", hauchte George.
Ronald sprang auf die Füße, und sein Stuhl fiel um. „Niemand bekommt so ein Blatt! Sie haben geschummelt!"
Potter stand auf und legte eine Hand um Ronalds Arm. „Sei nicht blöd, Ron."
George tat dasselbe auf der anderen Seite. „Du machst dich zu einem noch größeren Trottel als gewöhnlich", informierte er seinen jüngeren Bruder. „Entschuldige dich, oder ich trete dir in den Hintern."
Dumbledores Portrait ergriff das Wort, und es war ein wenig amüsant für Severus zu sehen, wie viel Autorität Öl auf Leinwand ausüben konnte. „Niemand hat geschummelt, Mr Weasley. Ein Wort der Entschuldigung, und die Angelegenheit ist vergessen."
Ronald schüttelte seine Kumpels ab, die ihn festhielten, und brachte Potter dazu, auf Longbottoms Schoß und George auf seinen kürzlich verlassenen Stuhl zu taumeln. Ronald griff über den Tisch. „Dafür können Sie keine mögliche Verwendung haben", sagte er, aber als seine Finger das Pergament berührten, zuckte er mit einem geschrienen Fluch zurück. „Sie haben mich verbrannt!"
Severus ergriff das Pergament und steckte es in die innere Tasche zu Miss Grangers Taschentuch. Dann nahm er auch den Hut und warf ihn in das Portrait, wo Dumbledore ihn entgegennahm und prompt gegen seinen Zaubererhut austauschte.
„Nur ein Stachelzauber", verspottete Severus Ronald. „Und ich brauche keine Entschuldigung, Mr Weasley, ich kann jedoch nicht für Ihre Freundin antworten."
„Fick dich, Snape!", schrie der Junge außer sich vor Zorn.
„Nun, Sie haben großartige Arbeit damit für sich selbst geleistet", beobachtete er trocken.
Ronald wandte sich um und stürmte aus dem Raum, und Severus schüttelte amüsiert den Kopf, während er das Gold vom Tisch in die kleine Kassette aus seiner Schreibtischschublade schaufelte.
„Nacht, Severus", sagte Potter aus dem Türrahmen, der Einzige seiner Gäste, der mit ihm sprach, ehe er den Raum verließ.
Severus ging zu ihm hinüber. „Geh ins Bett", riet er. „Du siehst beschissen aus. Hast du noch den Katertrank, den ich dir gegeben habe?"
Potter grinste. „Ohne ihn gehe ich nicht aus dem Haus."
Severus deutete ungeduldig mit seinem Kopf Richtung Tür, und der Junge salutierte ironisch, ehe er die Treppen hinunterging.
Als Severus endlich allein in seinem Büro war, schaute er zu Dumbledore hinüber. „Nun, das ist gut gelaufen", sagte er.
Der alte Mann, der mit dem lächerlichen Poker-Glückshut völlig absurd aussah, grinste ihn wie ein Kind mit seinem ersten Schokofrosch an. „Du hast keine Ahnung, wie gut, Severus."
–––––––––––––––––––––––––––––––
* Werte mit Beispielen findet Ihr hier:
www dot poker-abc dot ch / wertigkeit dot aspx
[1] Die Zauberer spielen „Dealers's Choice", d.h. der Kartengeber sagt an („calls"), welche Pokervariation – in diesem Fall „Five Card Draw" – in der jeweiligen Runde gespielt wird.
[2] Deuces Wild: die 2er gelten als Joker
[3] Texas Hold'em: Eine Variante, bei der es fünf Gemeinschaftskarten gibt, und jeder zwei eigene Karten bekommt.
[4] Small Blind / Big Blind: Pflichteinsatz vor dem Verteilen der Karten
[5] Turn: vierte Gemeinschaftskarte
[6] River: fünfte Gemeinschaftskarte
[7] Check: Weiterschieben ohne Einsatz
[8] Call: Spieler geht mit
[9] High: höchste Einzelkarte
[10] Ante: erster Einsatz vor Beginn des Spiels
[11] One-eyed jacks: Pik + Herzbube dienen als Wildcard/Joker
