Kapitel 9
Freitag, 2. August 2002
Abend
Hermione gestand sich eine Stunde zu, um sich zum Abendessen anzukleiden, da ihre Abendfrisur etwas komplizierter war als diejenige, die sie tagsüber trug. Sie scheitelte ihr Haar am Hinterkopf, indem sie den oberen Teil vom unteren trennte. Den oberen Teil teilte sie in drei Abschnitte und flocht jeden davon sorgfältig zu einem Zopf. Sie steckte die Zöpfe aus dem Weg, dann kämmte sie den unteren Teil des Haars nach oben und wand es zu einem Knoten. Die Zöpfe wurden dann oberhalb und an jeder Seite des Knotens zu Halbkreisen gelegt und festgesteckt, sodass der Knoten wie das Zentrum einer großen Blüte aussah und die Zöpfe wie drei Blütenblätter. Die übrigen Haare vorn formte sie geduldig an jeder Seite ihres Gesichts zu Korkenzieherlöckchen.
Während sie arbeitete, dachte sie über den bevorstehenden Abend nach. Heute Abend gab es keine ausgearbeiteten Pläne für die Unterhaltung der Gäste. Nach dem Abendessen würden sie Gesellschaftsspiele spielen, und Hermione würde die Damen spätestens um halb zehn nach oben zum Zubettgehen geleiten. Natürlich würde von niemandem verlangt, früh schlafen zu gehen. Sie waren alle Erwachsene und konnten ihre Schlafenszeit selbst bestimmen. Aber morgen würde der Unterricht im Tanzen und Reiten beginnen, die beide einige physische Energie erforderten, und sie wollte nicht, dass ihre Gäste zu müde waren, um die Zeit mit den Tanz- und Reitlehrern zu genießen.
Zufrieden mit ihrem Haar wählte sie ein Kleid aus ihrer Garderobe und schlüpfte hinein. Vor dem Spiegel blieb sie stehen, um den vollen Effekt ihrer Kleidung einzuschätzen; ihre Hand hob sich nervös zu ihrer Brust. Wie in aller Welt waren solch enthüllende Ausschnitte den Frauen angenehm gewesen? Vielleicht war die Mode für die flachbrüstigeren nicht ganz so beängstigend gewesen, aber für ein Mädchen mit einem richtigen Busen war sie sehr freizügig.
„Mach dir keine Sorgen, Schätzchen!", ermutigte sie der Spiegel. „Du bist ein Augenschmaus!"
„Du hast gut reden", antwortete Hermione giftig. „Es ist nicht deine Brust, die vor aller Welt zur Schau gestellt wird!"
Sie zupfte am Stoff, besorgt, dass der enge Rock zu viel von ihren Hüften und ihrem Hinterteil zeigte – weshalb konnten die Regency-Kleider keine weiterenRöcke haben, um jemandes Problemzonen zu kaschieren?
„Nein", erklärte der Spiegel ungefragt, „es lässt deinen Hintern nicht zu dick aussehen!"
Sie blieb nicht stehen, um weitere Spiegelweisheiten zu hören, hängte sich ihr Ridikül ums Handgelenk und verließ ihr Zimmer.
Die Gäste hatten sich im Hauptsalon im Erdgeschoss versammelt und hielten Apéritifs in den Händen. Miss Granger hatte darauf beharrt, Ratafia, Madeira und Sherry anzubieten, aber Severus hatte eingegriffen und entschieden darauf bestanden, dass für die zahlenden Gäste moderne Getränke ebenfalls verfügbar waren.
„Je mehr sie trinken, desto glücklicher werden sie sein", hatte er sie informiert, und das Mädchen hatte der Schlagkraft seines Arguments beigepflichtet.
Der Schulleiter stand im hinteren Teil des Raums, einen Ellenbogen auf den Kaminsims gestützt, ohne einen Drink in der Hand. Bei ihm stand Lucius, und sie tauschten lakonische, säuerliche Kommentare über die umherschweifende Menge in ihren ungewöhnlichen Kostümen aus.
„Kapieren sie nicht, dass Kleider keine Leute machen?", klagte Lucius, während sein kritischer Blick auf Fortescue Parkinson lag, der unaufhörlich an seiner Krawatte zupfte und an den fünf Zentimetern Weste herumfummelte, die unter der hochgeschnittenen Front seines Rocks hervorsahen. „Ein Mann kleidet sich an, versichert sich seiner Perfektion und verlässt sein Zimmer, um keinen weiteren Gedanken auf seine Kleidung zu verschwenden."
Severus warf ihm von der Seite ein sardonisches Grinsen zu. „Ist das der Grund, weshalb ich dich so regelmäßig dabei ertappe, wie du dich im Spiegel bewunderst?"
Lucius starrte ihn an. „Es besteht ein deutlicher Unterschied zwischen seine eigene Erscheinung zu bewundern und daran herumzufummeln", informierte er seinen Freund. Er trat einen Schritt zurück und begutachtete Severus genau. „Ich muss sagen, dieser Kleidungsstil steht dir."
Severus stimmte dem nicht laut zu; eigentlich sprach er nie über seine Erscheinung. Aber er widersprach Lucius' Beobachtung nicht. Die Mode dieser geschichtlichen Epoche, die von Napoleon Bonaparte dominiert wurde, sah an einer hochgewachsenen, schlanken Gestalt gut aus, und er war mit seinem Spiegelbild nicht unzufrieden, obwohl er sich nie um das Stück oberhalb des Halstuchs kümmerte, außer dafür zu sorgen, dass er ordentlich rasiert und gekämmt war.
Um das Thema zu wechseln, nickte er der Gruppe Lehrer zu, die in der Nähe des Fensters saßen, wo das frühe Abendlicht durch die hohen Glastüren hereindrang. „Professor Mortelle sieht heute Abend gut aus."
Bereitwillig wandte Lucius seine Aufmerksamkeit der kupferhaarigen Hexe zu. „Sie ist einfach erstaunlich", sagte er ruhig.
Severus' Augenbrauen hoben sich überrascht. „Was, keine bombastischen Erklärungen?", stichelte er. „Geht es dir gut?"
„Mir geht es wirklich sehr gut." Lucius sah weiter mit unergründlichem Gesichtsausdruck zu Professor Mortelle hin.
„Das ist einmal etwas Neues!", sagte Severus. „Hast du dein Streben aufgegeben? Schließlich zeigt die Lady noch immer keine Anzeichen, dass sie deine … Beachtung erwidert."
Lucius wandte sich ihm zu, und seine grauen Augen glänzten. „Aber du warst heute nicht mit uns im Irrgarten, nicht wahr?", fragte er mit einem Anflug von Stolz.
Severus lachte. „Du hast dich der Dame im Gebüsch aufgedrängt? Das hört sich wie eine Benimm-Komödie an! Tatsächlich ein Skandal!"
Lucius sah ihn mit gerunzelter Stirn an. „Für einen Mann, dessen Raffinesse ihm einen Orden des Merlin eingebracht hat, lässt dein Verständnis für die Feinheit des Liebeswerbens erstaunlich zu wünschen übrig, Severus. Man gebraucht beständigen Druck, sicher, aber es ist eine Wirkung aus Bewunderung und Zustimmung, keine schäbige Lüsternheit." Einen Moment lang überlegte er, dann fügte er nachdenklich hinzu, „Man tastet sich langsam heran vom verbalen Liebeswerben zum physischen … in der Tat sehr langsam bei einer gewissen Art Dame."
Severus fühlte, wie sich seine Stirn runzelte, und er focht darum, es zu beenden; seine Rolle in der Regency-Woche war die des umgänglichen Gastgebers, und er wusste genau, wie er in düsterer Stimmung Menschen vergraulte. Trotzdem war Lucius' plötzliches Anmaßung von Großer-Bruder-Manieren – welche Vermessenheit! – höchst unwillkommen, und Severus musste dafür sorgen, dass der andere Mann seinen Irrtum erkannte.
„Bitte, behalte dein Sexualleben für dich", sagte er eisig.
Lucius sah geschockt aus. „Hier geht es nicht um etwas so … so Niedriges. Ich hofiere die Lady ernsthaft!"
Aber Severus schenkte ihm keine Aufmerksamkeit. Hermione Granger hatte den Raum betreten und stand für einen Augenblick auf der Schwelle, um die Gäste zu mustern. Das Lachsrosa ihres Seidenkleides schmeichelte ihr; die Farbe brachte die Wärme ihrer Augen zur Geltung und passte gut zu den leicht glänzenden, kastanienfarbenen Strähnen ihres Haars. Der tiefe, quadratische Ausschnitt – schau ihr ins Gesicht, nicht auf die Brüste!, schalt er sich selbst – war genau wie der Saum mit einer metallischen Goldborte geschmückt, und um die Empiretaille lag ein passendes, gekordeltes Goldband. Ihre Toilette hatte sie mit flachen, golden Slippern, einer Perlenkette um den Hals und Abendhandschuhen abgerundet. Sie war der Epoche entsprechend von Kopf bis Fuß perfekt, und er nicht in der Lage, den Blick von ihr abzuwenden.
Dann ging Lucius an ihm vorbei und mit einem Lächeln auf den Lippen zu Miss Granger, als sei er der Gastgeber – als sei er ihr Begleiter –, und Severus erlebte ein Aufblitzen von etwas, das sich gefährlich wie Eifersucht anfühlte, eine Gefühl, mit dem er viel zu vertraut war.
Ehe er wusste, was er tat, trat er zwischen die beiden, nahm Miss Grangers Hand aus Lucius' Griff und log über seine Schulter, „Ich glaube, Leticia versucht, deine Aufmerksamkeit zu erregen."
Miss Granger lachte; anscheinend war sie ein wenig nervös aufgrund des Andrangs männlicher Aufmerksamkeit. „Guten Abend", sagte sie und lächelte in Severus' Augen hinauf.
Er fühlte, wie sich seine Lippen als Antwort kurvten. Er nahm ihre Hand und führte sie zum Kamin. „Darf ich Ihnen einen Sherry bringen?"
Sie dankte ihm, aber statt von ihr wegzugehen – ja, Lucius befand sich nun hinter Leticias Stuhl und nahm an dem Gespräch mit Minerva McGonagall teil, aber warum sollte er seine Beute aus den Augen lassen? –, winkte Severus einen Hauselfen herbei und nahm zwei Gläser Sherry von dessen Tablett. Eines bot er Hermione an, dann berührte er mit seinem Glas ihres.
„Für Hogwarts", sagte er als Trinkspruch.
Sie lächelte und schien sich darüber zu freuen. „Für Hogwarts!", stimmte sie zu, und sie tranken.
~oo0oo~
Harry gab es auf, sein Haar bändigen zu wollen und eilte aus seinem Zimmer. Er war später dran, als er vorgehabt hatte, und Hermione würde nicht allzu erfreut sein, dass er die Gäste warten ließ. Es hing nur daran, dass er, Malfoy und einige wettfreudige Männer zurückgeblieben waren, um weiter Federball zu spielen, während die anderen hineingegangen waren, um sich zum Abendessen umzukleiden.
„Pssst – Harry!"
Er blieb auf dem Treppenabsatz im ersten Stock stehen, sah sich um und erblickte Ron, der sich in den Schatten verborgen hielt.
„Wo warst du den ganzen Tag?", fragte Harry.
Ron kam ins Licht, und Harry sah, dass er seine Rgency-Kleidung trug.
„Ich war da", sagte Ron vage.
Harry schüttelte den Kopf. „Warum winselst du nicht einfach um Gnade und bringst es hinter dich? Normalerweise tust du das."
Rons Kiefer verkrampfte sich. „Sie hat mir ein Jahr lang keine Aufmerksamkeit geschenkt. Sie ist eine schreckliche Freundin. Ich werde mich nicht entschuldigen, es sei denn, sie tut es."
Aber Harry schüttelte immer noch den Kopf. „Du hast sie in einem Kartenspiel verwettet, Kumpel. Das wäre nicht einmal dann eine gute Idee gewesen, wenn du gewonnen hättest. Sie wäre so oder so sauer auf dich gewesen. Dass du sie verloren hast, macht es nur schlimmer."
Wenn es überhaut möglich war, sah Ron noch aufsässiger aus. „Ich habe nicht sie verwettet", argumentierte er. „Ich habe den Zeitplan eingesetzt, nicht sie."
Harry sah ihn stirnrunzelnd an und versuchte, seiner Argumentation zu folgen. „Schau, Ron, so behandelt man seine Verlobte nicht – als ob sie dir nichts bedeutet."
Ron sah nach unten. „Wir sind nicht wirklich verlobt", murmelte er in Richtung seiner Füße.
Harry war verwirrt. „Aber du hast ihr diesen Ring gegeben – und ich hätte geschworen, dass du gesagt hast, ihr seid verlobt …"
Rons Kopf ging wieder nach oben. „Wir haben ein Einverständnis!", platzte er heraus.
Harry wandte sich angewidert ab. „Jo, Kumpel. Nun, komm mit runter zum Abendessen. Sie wird wütend sein, wenn wir uns wirklich verspäten, weißt du."
„Warte!"
Harry hielt inne. „Was ist jetzt?"
„Ich brauche eine Begleitung zum Abendessen. Ich werde nicht ohne eine Partnerin gehen, wenn sie einen hat." Einen Moment lang sah er hoffnungsvoll aus. „Es sei denn, Snape ignoriert sie, und sie ist ganz alleine?"
Harry schaute ihn mitleidig an. „Severus ist ein anständiger Kerl", sagte er. „Das hast du nie an ihm verstanden. Nein, er ignoriert sie nicht. Ich habe ihn heute überall mit ihr gesehen."
Harry ging die Treppen weiter hinunter, ohne sich darum zu kümmern, ob Ron mitkam oder nicht. Aber Ron folgte ihm und redete immer noch.
„Gehst du mir jemanden suchen, die bei mir sitzen wird?"
„Wen zum Beispiel?"
„Luna!", sagte Ron. „Parvati. Lavender. Ist mir egal, solange es eine Frau ist."
Harry erreichte das Parterre mit Ron auf den Fersen, und sie gingen Richtung Hauptsalon. „In Ordnung, aber danach sorgst du selbst für deine Begleitung!", rief Harry über seine Schulter.
Die Uhr schlug die halbe Stunde, als er den Raum betrat, was bedeutete, dass sie alle jeden Moment zum Essen hineingehen würden. Harry lächelte und nickte den Leuten zu, die ihn grüßten, während er sich durch die Gäste schlängelte, bis er zu einer Gruppe von Helfern kam, die beieinanderstanden und George zuhörten, als er ihnen eine seiner lustigen Geschichten erzählte. Harry ließ sich davon nicht ablenken, er hatte die Pointe schon einmal gehört. Lavender Brown stand etwas von den anderen entfernt und kramte auf der Suche nach etwas in ihrer Stoffhandtasche.
Harry berührte ihre Schulter, und sie sah auf. „Hi, Harry!", sagte sie fröhlich.
„Hör zu, Lavender – Ron möchte wissen, ob du während des Abendessens bei ihm sitzen willst."
Lavender schaute, als habe ihr jemand gesagt, sie habe einen Preis gewonnen. „Hat er mit Hermione Streit?", fragte sie.
„Es ist kompliziert", sagte Harry unbehaglich. „Du könntest ihn fragen. Er wollte nur wissen, ob du mit ihm zum Abendessen gehst und neben ihm sitzt, das ist alles."
Lavender kniff misstrauisch die Augen zusammen, und Harry überlegte schon, wen er deswegen als Nächste ansprechen sollte, als er aus einer unerwarteten Ecke Hilfe bekam.
„Oh, tu dem Jungen den Gefallen, Lav", sagte Malfoy und ging von den Helfern weg, um sich neben Harry zu stellen. „Tu dem Wiesel etwas Gutes."
Lavender kicherte, als hätte Malfoy ihr ein Kompliment gemacht – was, in gewisser Weise stimmte, wie Harry vermutete.
„Draco", sagte sie und berührte das alberne Federarrangement, das sie im Haar trug. „Ich denke, ich könnte das tun …"
Malfoy nahm Lavenders Hand und zog sie durch seinen Arm. „Das ist recht – als ein Gefallen für Harry", ermutigte er sie und führte sie durch die Menge. Harry folgte in ihrem Kielwasser, und das Frettchen sah zu ihm zurück. „Ich nehme an, das Wiesel ist in der Eingangshalle?", fragte er.
Harry nickte und grinste ihn an, während er seine Verwirrung verbarg. Warum sollte Malfoy eingreifen, um ihm auszuhelfen? Wer wusste, was in dieser Slytherinseele vor sich ging? Nun, Harry musste zugeben, wenn er Sport trieb – oder in einer peinlichen gesellschaftlichen Situation aushalf –, war das Frettchen brauchbar.
~oo0oo~
Hermione saß auf einem Stuhl in der Nähe der Tür, und ihre Augen wanderten regelmäßig zu der Uhr auf dem Kaminsims. Das Abendessen war gut verlaufen; den Gästen hatte das Essen geschmeckt – eine Mischung aus alten und modernen Speisen – und besonders der Wein. Die Damen hatten sich danach zurückgezogen, um sich im Salon zu amüsieren, während die Herren Port und Zigarren genossen. Padma Patil hatte sie überrascht, indem sie sich als versierte Pianistin zeigte, und sie spielte ihnen eine beruhigende Sonate vor. Parvati hatte verschiedene Muster für Handarbeiten hergestellt und sie in der Gruppe herumgezeigt, um Interesse an ihrem Handarbeitsunterricht zu erwecken, während Penny dasselbe mit ihren Zeichnungen getan hatte. Parkinson war mit Lavender in eine Ecke geschlendert, wo die beiden sich angeregt unterhielten.
Hermione versuchte, nicht auf Lavender zu starren, aber es fiel ihr schwer. Als Ron mit Lavender Brown am Arm hereinstolziert war, war Hermione sprachlos vor Zorn gewesen. Ihr sogenannter Freund hatte sich den ganzen Tag lang vor ihr versteckt – wahrscheinlich zu beschämt, um sich zu zeigen! –, und als er endlich aufgetaucht war, kam er mit Lavender! Hermione konnte nicht anders als zu bemerken, dass Molly und Arthur Weasley besorgte Blicke in ihre Richtung warfen, und um die Sache schlimmer zu machen, hatte Ron während des ganzen Essens Hermione kein einziges Mal angesehen. Sie hatte einfach keine Idee, wie sie sein Benehmen verstehen sollte. Alles, was er gesagt oder getan hatte, schien ihm kein bisschen leid zu tun. Interessierte er sich gar nicht für sie?
Snape hatte sich beim Abendessen ebenfalls ziemlich seltsam benommen. Von seinem Platz am Kopfende der Tafel aus hatte er sorgsam darauf geachtet, dass Hermiones Glas immer gefüllt war, hatte ihr jedes Gericht zuerst angeboten und sie in jedes Gespräch einbezogen, das er mit denjenigen begonnen hatte, die in seiner Nähe saßen. Tatsächlich hatte er sie so beschäftigt gehalten, dass sie kaum Zeit gehabt hatte, an Ron und dessen Benehmen zu denken, bis sie den Tisch verlassen hatte.
Jetzt wollte sie nur noch, dass der Abend vorüber war. Der Tag war gut verlaufen, ohne Katastrophen, und die Gäste schienen in einer Stimmung zu sein, die sie mit allem zufrieden sein ließ, was eine erfolgreiche Regency-Woche verhieß. Hermione jedoch war von der Anspannung erschöpt, auf jedermanns Wohlbefinden zu achten, und sie war einfach reif für ihr Bett. Ihr Elend wegen Ron kam zu ihrer Erschöpfung noch dazu; sie hegte den Verdacht, dass sie weinen würde, sobald sie alleine war, und wollte es hinter sich bringen.
Die Herren kamen von ihrem Port und den Zigarren herein, und die Damen empfingen sie freudig. Ron stolzierte an Hermione vorbei und sah in seinem Regency-Kostüm besser aus, als ihm von Rechts wegen zustand. Sofort begann er, sich lachend mit Lavender zu unterhalten. Hermione fühlten einen Stich von Eifersucht. Es war nicht das erste Mal, dass Ron sich so verhielt – während sie in der Schule waren, hatte er schließlich ein Techtelmechtel mit Lavender gehabt –, aber es erschien ihr schrecklich unfair ihr selbst gegenüber, dass er das jetzt tat, während sie all ihre Aufmerksamkeit darauf richten musste, das Geldbeschaffungsprojekt zum Erfolg zu führen.
Der Schulleiter blieb neben ihr stehen, und seine schwarzen Augen blickten suchend. „Alles ist gut verlaufen", bestätigte er, ehe sie fragen konnte.
„Hier drin ebenfalls", sagte sie. „Viele der Damen haben ernsthaftes Interesse an den Zeitvertreiben der Zeit wie Zeichnen und Handarbeiten. Ich glaube, sie werden die Kurse sehr genießen, die wir für sie organisiert haben."
Er nickte. „Sie haben tatsächlich an alles gedacht", versicherte er ihr. „Ich hoffe, ich darf das sagen, aber Sie scheinen sehr müde zu sein. Müssen Sie für die Gesellschaftsspiele bleiben? Könnte Miss Clearwater nicht übernehmen, damit Sie in Ihr Zimmer gehen und sich erholen können?"
Hermione war gerührt. Wer hätte je gedacht, dass Snape ein solch aufmerksamer Begleiter sein könne? Sie blickte auf die Uhr und sah, dass es fast neun war. Sicher konnte sie noch weitere eineinhalb Stunden in Gesellschaft überstehen.
„Danke für Ihre Besorgnis, Sir, aber ich schaffe es", versprach sie. „Ich glaube, ich komme alleine zurecht – es sind nur Gesellschaftsspiele, nichts Ermüdendes oder Schwieriges."
Aus der Eingangshalle hörte man ein Klappern, und Hermione erhob sich von ihrem Stuhl.
„Erwarten wir jemanden?", fragte der Schulleiter.
„Ja, zwei weitere Gäste waren für heute Morgen angesagt, aber sie sind nicht gekommen", erklärte Hermione, ehe sie den kurzen Korridor entlang zur Eingangshalle eilte.
Zwei Hauselfen trugen Gepäck herein, und hellhaariger junger Mann sah sich in dem Raum ehrfürchtig um. Hermione erkannte ihn sofort. „Finbar Quigley!", sagte sie, trat näher und sank in einen korrekten Knicks, der ihn zu verwirren schien. „Willkommen zur Regency-Woche!"
Quigley, der als Treiber in der Irischen Quidditch-Nationalmannschaft spielte, war außerdem Spieler bei den Ballycastle Bats. Hermione war überrascht gewesen, als er geschrieben hatte, um die Woche zu buchen, während Harry und Ron darüber sehr begeistert gewesen waren. Sie erkannte ihn von Zeitungsfotos – und außerdem, das musste sie zugeben, weil sie ihn erwartet hatte.
„Ähm, danke", sagte er verlegen.
Sie lächelte ihr freundlichstes Lächeln. „Ich bin Hermione Granger", erklärte sie.
Anerkennend betrachtete er sie, und sie fühlte, wie ihr die Röte in die Wangen stieg. Dieses verdammte, tiefausgeschnittene Kleid!
„Oh, also du bist Hermione", sagte Finbar mit einem gewinnenden Lächeln. „Das erklärt eine Menge."
Hermione wusste nicht, was sie darauf antworten sollte. Was um Himmels Willen konnte er damit meinen? Und sollte er nicht einen Begleiter haben?
„Ist dein Freund mit dir gekommen?", fragte sie und warf einen Blick auf die massive Holztür, die in der Nachtluft immer noch offenstand, da ein Hauself sie geöffnet hielt, während er in einer tiefen Verbeugung zur Begrüßung verharrte.
„Herm-own-ninny!"
Sie hörte seine Stimme, ehe sie ihn durch die Tür kommen sah, einen teuer aussehenden Besen in der Hand. Viktor Krum drückte ihn einem wartenden Hauselfen in die Hand und eilte auf Hermione zu, nahm sie in die Arme und gab ihr auf jede Wange einen Kuss.
„Grüß dich!", rief er, und sein sonst immer so missmutiges Gesicht war lebendig vor Vergnügen.
Hermione strampelte. „Viktor, lass mich runter!"
Er tat es und grinste ohne Reue auf sie hinab. „Bist du überrascht, mich zu sehen, ja?", fragte er.
Hermione glättete ihr Kleid und machte sich im Geiste eine Notiz, dass tiefausgeschnittene Abendkleider für plötzliche, heftige Bewegungen nicht geeignet waren. Die der Zeit gemäße Unterwäsche war weniger beengend als moderne und verlieh ihr nicht dieselbe Sicherheit hinsichtlich ihrer Fähigkeit, ihre Brüste angemessen bedeckt zu halten.
„Ja", antwortete sie etwas verspätet, „ja, sehr überrascht. Also bist du Finbars Begleiter?"
Viktor nickte und wandte sich seinem Freund zu. „Ich bin jetzt für diese Saison als Quidditchspieler bei den Bats unter Vertrag", erklärte er Hermione, während sein Arm um Finbars Schultern lag. „Es sind unsere Ferien, und als wir deine Anzeige sahen, dachten wir, wir könnten herkommen."
Hermione nickte und fragte sich, wie um Himmels Willen sie zehn Tage lang für die Unterhaltung zweier Profi-Quidditchspieler sorgen sollte.
Viktor schlug Finbar auf den Rücken. „Habe ich dir nicht gesagt, dass sie wunderschön ist?", fragte er laut.
Der Schulleiter trat ins Licht, und Hermione wurde klar, dass er ihr vom Salon gefolgt war und die ganze Zeit in den Schatten gestanden hatte. Der Ausdruck auf seinem Gesicht war vollkommen höflich, aber sie dachte, dass die Höflichkeit seine Augen nicht erreichte. Als er sprach, war sein Ton in der Tat fast bissig.
„Willkommen zurück in Hogwarts, Mr Krum", sagte er, und Hermione fühlte einen Schwall echten Vergnügens, als Snape eine sehr korrekte Regency-Verbeugung machte.
Viktor schien keineswegs überrascht zu sein, denn er antwortete mit einem Hackenschlagen und verbeugte sich ebenfalls. „Sie sind Professor Snape!", stellte der Bulgare fest, und er zog seinen Teamkollegen für eine Vorstellung herbei.
„Fin, dies ist Severus Snape, der Kriegsheld. Ich habe ihn kennengelernt, als ich zum Trimagischen Turnier hier war!"
Hermione sah zu, wie die drei Männer einander begrüßten und den Hauselfen mit Gesten bedeuteten, das Gepäck nach oben zu bringen. Als sich eine Pause im Gespräch ergab, sprach sie sie an.
„Die Gäste spielen im Salon Spiele, und dann nehmen wir unseren Tee vor dem Zubettgehen", erklärte sie. „Möchtet ihr euch uns anschließen, oder zieht ihr es vor, in eure Zimmer zu gehen?"
Fin wies auf die Regency-Kleidung des Schulleiters. „Aber wir tragen keine Kostüme", sagte er.
„Das ist nicht von Bedeutung", sagte der Schulleiter hölzern, und Hermione ermunterte sie ebenfalls.
„Wirklich, wir würden uns freuen, wenn ihr dazukommt."
Eine weitere Gestalt tauchte aus dem Flur auf, und Hermione sah, dass es Harry war. Mit echter Freude kam er dazu und streckte die Hand aus. „Ich dachte, ich hätte deine Stimme gehört!", sagte er und ging auf Krum zu.
Weitere Vorstellungen folgten, und die beiden Neuankömmlinge wurden von dem Jungen, der lebte, triumphierend in den Salon geführt.
Als sie in der Eingangshalle allein waren, schaute der Schulleiter Hermione wieder fragend an. „Gehen Sie jetzt hinauf, um sich auszuruhen?", fragte er. „Ich übermittele Ihre Anweisungen an Miss Clearwater und sage den Gästen, was sie wissen müssen."
Hermione schüttelte den Kopf. Irgendwie hatte die Ankunft der beiden noch fehlenden Gäste ihre melancholische Stimmung von zuvor zerstreut. Warum sollte es sie kümmern, das Lavender sich mit Rons Aufmerksamkeiten brüstete, wenn Hermione Viktor Krum an ihrer Seite haben konnte? Das sollte genügen, um Ron wirklich zu verärgern!
„Ich bin überhaupt nicht müde", versicherte sie dem Schulleiter mit einem abwesenden Lächeln, und mit vergnüglichen Gedanken voller Rache folgte sie den jungen Zauberern zurück in den Salon.
~oo0oo~
Severus blieb für eine volle Minute dort, wo sie ihn verlassen hatte, und außer dem langsamen Zusammenballen und wieder Lösen seiner Faust war kein Anzeichen seines inneren Aufruhrs ersichtlich. Krum war eine hässliche Kreatur, mit fahler Haut, einer krummen Nase und einem seltsamen, entenfüßigen Gang – aber er war ein berühmter Athlet, und Frauen betrugen sich seltsam im Umgang mit solchen Männern. Und Granger hatte eine wundersame Revitalisierung bei der Ankunft der Nachzügler erlebt.
Mit einem Ausdruck grimmiger Entschlossenheit in den Augen schritt Severus zurück in den Salon, sein Augenmerk auf sein Hauptanliegen gerichtet: Hermione Granger vor Ablenkungen durch die Aufmerksamkeiten anderer Männer zu bewahren.
Für Hogwarts.
