Kapitel 12
Sonntag, 4. August 2002
Der Morgen dämmerte so klar, wie sie es sich nur wünschen konnte, und Hermione schlüpfte in ihr bestes Tageskleid aus fein gemustertem Musselin mit kleinen blauen Lilien auf einem weißen Hintergrund. Die Empiretaille, Saum und Ausschnitt waren mit geflochtenen, ultramarinblauen Bändern eingefasst. Als sie in die Eingangshalle eilte, sah sie, dass sie als Erste unten war, genau, wie es sein sollte. Sie ordnete den Registrierungstisch und vergewisserte sich, dass dort alles stimmte, und bald stießen ihre Helferinnen dazu, die alle ihre besten Tageskleider trugen und aufgeregt über den echten Beginn der Regency-Woche waren.
Um acht Uhr ging der Schulleiter die Treppen hinab, makellos gekleidet in seiner Regency-Garderobe. Penny eilte zu ihm, und ihre blauen Augen waren hoffnungsvoll auf ihn geheftet. Hermione näherte sich langsamer und ignorierte dabei das Aufblitzen von Ärger, den sie empfand. Penny hatte echtes Interesse an Snape im Gegensatz zu Hermione, die den Schulleiter einfach brauchte, um ihren Exfreund als Eskorte zu ersetzen.
Ich sollte Pennys persönlichen Moment mit ihm nicht stören, dachte sie.
Allerdings sagte er nichts, bis Hermione neben Penny stehen blieb. „Ich dachte, es ziemt sich für mich, mit Ihnen die Gäste zu begrüßen", sagte er zu Hermione. „Möglicherweise erwarten sie, mich zu sehen – obwohl Potters Anwesenheit willkommener sein könnte", fügte er süffisant hinzu.
Hermione konnte ihr Lachen nicht unterdrücken. „Oh, Harry wird nicht herunterkommen, ehe es Zeit zum Frühstück ist", versicherte sie ihm. „Er ist nicht wirklich ein Frühaufsteher."
Snape neigte zustimmend den Kopf und bot ihr dann seinen Arm. „Sollen wir hinausgehen und unsere Gäste begrüßen?", fragte er.
Hermione warf Penny einen Blick zu, die etwas verstimmt aussah, aber dies hielt Hermione nicht davon ab, den Arm des Schulleiters zu nehmen und mit ihm hinaus in den Augustmorgen zu gehen, um die ankommenden Gäste zu begrüßen.
~oo0oo~
In unmittelbarer Nähe der Großen Halle befand sich ein Raum, den inzwischen alle Violets Vorzimmer nannten, da Violets Portrait darin hing. Nach dem Frühstück gingen George und Luna zu ihrem Tisch im Vorzimmer, bereit für die Anmeldung der Gäste für die Theatergruppe der Regency-Woche. Augenscheinlich waren Theateraufführungen etwas, das die Menschen im Regency während eines Aufenthalts auf dem Lande veranstalteten, und aus irgendeinem Grund hatte George die Aufgabe erhalten, dies zu koordinieren und die Regie zu führen. Er und Luna hatten – natürlich unter Nevilles Leitung – bei dem Projekt zusammengearbeitet, die Hecken für das Labyrinth wachsen zu lassen, und es war nur selbstverständlich erschienen, sie auch zu bitten, ihm bei der Theateraufführung zu helfen. Die Aufführung sollte am Freitagabend stattfinden, was bedeutete, dass George und seine Helferin kaum fünf Tage hatten, kompetente Besetzungen zu finden, damit sie für ihre Mitgäste spielten.
Es gab eine Zeit, die nicht allzu lange zurücklag, als jeder Gedanke und jede Geste Georges von Fred komplettiert und widerspiegelt wurde. Vier Jahre waren seit Freds Tod vergangen.
George setzte sich auf einen Stuhl und öffnete das Regiebuch, worin er sich Notizen zu möglichen Schauspielern für seine Theaterveranstaltung gemacht hatte. Er hatte ausgewählte Szenen aus Ein Sommernachtstraum zu ihrem Projekt erkoren, und er hatte bereits einige Ideen, bei wem er für gewisse Rollen anklopfen konnte.
Im Raum waren noch weitere Tische aufgestellt, an denen die Verantwortlichen für die verschiedenen Projekte saßen: McGonagall für Tanzstunden, Lucius Malfoy für Fechtunterricht, Professor Mortelle für die Sprache der Fächer, Professor Binns für die Geschichte des Regency, Penny für Zeichnen, Parvati für Handarbeiten, Padma für Musik, Parkinson für Umgangsformen und Draco für Reitunterricht. Bis zur Mittagszeit sollten sie am Platz sein, dann konnten sie – so sagte Hermione – einfach ihre Teilnehmerlisten auf den Tischen liegen lassen, damit die Gäste sich eintragen konnten.
Bisher waren nur sehr wenige Gäste in das Vorzimmer spaziert, daher nutzte George die Gelegenheit, zum Tisch für Fechtunterricht zu gehen. Luna folgte ihm auf dem Fuße, bereit, Hilfestellung zu geben.
Lucius Malfoy hob sein Monokel ans Auge und betrachtete die beiden. „Ja, Mr Weasley?", sagte er gedehnt.
George ließ sich von Malfoys selbstherrlichem Gehabe nicht irritieren und grinste unbändig. „Hören Sie zu, Malfoy, ich habe einen Vorschlag für Sie." George beugte sich vor, als wolle er ein großes Geheimnis preisgeben, und Luna beugte sich in genau demselben Winkel parallel zu ihm vor.
Malfoy sah gelangweilt drein. „Sie haben meine … ungeteilte Aufmerksamkeit."
„Ich möchte, dass Sie in unserem kleinen Theaterspiel die Rolle des Theseus übernehmen …", teilte George ihm mit.
„… des Herzogs von Athens", fügte Luna hilfreich hinzu.
Malfoys Augen weiteten sich leicht. „Und warum sollte ich etwas so … Unwahrscheinlichem zustimmen?"
George lehnte sich noch näher, und Luna spiegelte exakt seine Bewegung. „Weil ich Professor Mortelle dazu bringen werde, Hippolyta zu spielen …", vermittelte er.
„… die Verlobte des Herzogs", ergänzte Luna.
Malfoys Blick glitt dorthin, wo Professor Mortelle saß und eine bunte Auswahl von Fächern auf ihrem Tisch arrangierte. „Und haben Sie ihre Zusage sicher?", fragte er nachdenklich.
„Überlassen Sie das mir", versprach George.
~oo0oo~
Hermione spähte vormittags ins Vorzimmer und freute sich, dass es mit einer Schar von Gästen gefüllt war, die alle bereits ihre Regency-Kleidung trugen. Sie schlängelte sich durch sie hindurch und blieb an jedem Tisch stehen, um einen Blick auf die Anmeldungen zu werfen; sie war entzückt zu sehen, wie begeistert alle auf die Angebote reagierten.
Die einzige Liste mit sehr wenigen Namen darauf war diejenige vor dem fast transparenten Professor Binns, der sich die Zeit mit dem Lesen eines Lehrbuchs vertrieb. Er sah nicht auf, als sie an seinem Tisch stehen blieb, aber jemand anders sprach sie an.
„Sagen Sie mir, Miss Granger, haben Sie einen Fluch auf diese Pergamente gelegt?", fragte eine hinterhältige Stimme. „Werden diejenigen, die die Teilnahme versäumen, am Ende hässliche Flecken auf ihren Gesichtern haben?"
Hermione wirbelte zum Schulleiter herum, der mit einem guten Stück Amüsement in seinem Gesichtsausdruck auf sie herabsah, aber seine freundliche Haltung beruhigte sie nicht.
„Ich wollte nie, dass das passiert!", flüsterte sie, entsetzt über seine Anspielung auf die Mitgliederliste von Dumbledores Armee. „Ich wollte, dass die Flecken andauerten, aber ich wollte sie nie permanent machen!"
Snape sprach nicht, sondern er legte ihr eine Hand ins Kreuz und steuerte sie die Treppen hinauf und in die Große Halle, die leer war abgesehen von den Hauselfen, die das Frühstück abräumten.
„Ich habe nur Witze gemacht", sagte er dann und hob mit der Spitze eines langen Fingers ihr Kinn an, dann zog er plötzlich seine Hand von ihrem Gesicht zurück. Seine dunklen Augen waren konzentriert und wachsam, als er sie betrachtete. „Ich weiß, dass Sie nie anhaltenden Schaden beabsichtigt hatten – und ich weiß auch, wer die Behandlung bereitgestellt hat, die schließlich Miss Edgecombs Teint bereinigt hat."
Hermione fühlte, wie ihr Gesicht sich verzog, auch wenn sie gegen die Reaktion anfocht. Hätte Ron sie nicht die meiste Zeit in Aufregung gehalten, würde sie nicht so dazu neigen, regelmäßig in Tränen auszubrechen. Snape drückte ihr ein Taschentuch in die Hand, und ungeduldig trocknete sie ihre Augen.
„Es war ein schrecklicher Zauber – ich hätte ihn niemals benutzen dürfen, ohne sicher zu sein, dass er niemanden verletzen würde", gab sie zu.
Er sah sie ernst an. „Ich habe nie gehört, dass Sie etwas Derartiges wiederholt haben", sagte er ruhig. „Wir alle machen Fehler, wenn wir jung sind."
Sie war überrascht, dass er so etwas sagte, und sie musste dies gezeigt haben, denn in ironischem Ton fügte er hinzu, „Glauben Sie mir, ich weiß das."
Sie versuchte, ihm das Taschentuch zurückzugeben, aber er schüttelte den Kopf. „Behalten Sie es – man weiß nie, wann solch ein Ding nützlich ist." Ein schwaches Lächeln kurvte seine dünnen Lippen. „Außerdem schulde ich Ihnen eines für den Glücksbringer, den sie mir am Pokerabend gegeben haben."
Wieder traf sie das Gefühl der Verwirrung, das sie in den letzten paar Tagen verfolgt hatte, und Hermione schaute nach unten und steckte den feinen, mit seinen Initialen bestickten Batist in ihr Ridikül. „Nun, Sie haben ihn gut verwendet, oder?", fragte sie bei dem Gedanken, dass Snape Rons Zeitplan von ihm gewonnen hatte.
„Wie Sie sagen, Milady", sagte er, und als er das letzte Wort aussprach, lag in seinem Ton etwas zwischen einer Spöttelei und einer Liebkosung.
Erschrocken sah sie auf. „Nennen Sie mich nicht so!", widersprach sie, unsicher, ob sie sich verzweifelt oder alarmiert fühlte.
„Sie wie nennen?" Er zeigte seinen undurchdringlichsten Gesichtsausdruck.
„Sie sind wirklich unmöglich, oder?"
Er machte eine ironische Verbeugung, und sie schnaubte und schritt davon.
~oo0oo~
Nach dem Mittagessen wurde eine verkürzte Tanzstunde abgehalten. Die große Mehrheit der Teilnehmer war bei der vorherigen Stunde nicht dabei gewesen, daher begann McGonagall an diesem Tag mit dem einfachsten und bekanntesten, wenn auch in der Regency-Zeit nicht am meisten getanzten der Regency-Tänze: dem Walzer. Da die Paare Hand in Hand standen und die andere Hand des Mannes an der Taille seiner Partnerin lag, war der Walzer von vielen als 'moralisch locker' angesehen worden, und obwohl er auf Partys in London getanzt worden war, war er auf dem Land erst in späteren Jahren öfter zu sehen gewesen. Clorinda McTavish, eine entfernte Cousine von McGonagall, war eine versierte Pianistin, und ihr war ein sehr großer Preisnachlass für die Teilnahme an der Regency-Woche angeboten worden, wenn sie für den Tanzunterricht und bei abendlichen Unterhaltungen spielte, die solch eine Begleitung benötigen mochten. Sie war gleichaltrig mit McGonagall, hatte kurzgeschnittenes Silberhaar und einen steifen Mund, der einer Trockenpflaume ähnelte. Jetzt spielte sie Walzer für Walzer und betonte dabei stark den Takt, um den fröhlichen – und in manchen Fällen unkoordinierten – Teilnehmern zu helfen, ihn richtig tanzen zu lernen.
Severus wartete vergeblich auf das Erscheinen von Miss Granger. Er zog in Erwägung, einen Hauselfen zu schicken, um sie zu holen, aber er hatte keinen Zweifel, dass sie eine irgendeine Absage wegen Veranstaltungsangelegenheiten zurückschicken würde. Stattdessen sah er der umhertrampelnden Herde zu, die versuchte, einen brauchbaren Walzer zu produzieren, und sein Grinsen ruchlosen Amüsements trug ihm einen wütenden Blick und einen scharfen Tadel von Minerva McGonagall ein.
„Wenn Sie nichts Besseres zu tun haben, Schulleiter, könnten Sie anbieten, mit einer der partnerlosen Damen zu tanzen!"
Er hob eine Hand, als wolle er einen Schlag abwehren. „Frieden, Minerva", murmelte er. „Ich überlasse Ihnen das Feld."
Und er schlüpfte aus dem Raum, um sich in seine Reitkleidung umkleiden zu gehen. Sicher würde er das Mädchen in des Stallungen im Manor treffen, weshalb er dies jedoch so sehr zu tun wünschte, war ein Thema, bei dem er nicht verweilen wollte …
~oo0oo~
Hermione zog ihr geliebtes Reitkleid an, steckte sich ein keckes, gelbes Gänseblümchen ins Knopfloch und machte sich auf gen Malfoy Manor. Sie gesellte sich zu den gestiefelten Gästen, die sich am Kamin des Gesellschaftraums versammelt hatten, und ging voran durch das Flohnetzwerk.
Ohne Protest gestattete sie Draco, sie in Fireflys Sattel zu heben, dankte ihm abwesend und ritt in den Stallhof hinaus. Noch immer litt sie unter Snapes Anspielung auf das Debakel mit Marietta Edgecomb und den Zauber, der das Wort 'Petze' mit geschwollenen Pickeln über das Gesicht des treulosen Mädchens gelegt hatte. Aber noch mehr war sie von der Freundlichkeit verwirrt, die er anschließend an den Tag gelegt hatte, indem er sagte, dass er sicher war, das sie niemals wieder so etwas wiederholt habe – und von dem neckenden Gebrauch des Worts 'Milady'. Was meinte er damit?
Noch wichtiger, warum grübelte sie immer noch darüber nach?
Horologium Black begrüßte die Anfängergruppe, die heute viel größer als am Vortag war, und bemühte sich, sie alle dazu zu bringen, im Schritt um den Paddock zu reiten. Hermione versuchte, alle Anweisungen des Reitlehrers umzusetzen, aber es fiel ihr schwer, auf den Unterricht konzentriert zu bleiben. Es wäre leichter gewesen, hätten nicht die erfahrenen Reiter ihre Sprünge in ihrer Sichtweite geübt. Der schwarzgekleidete Reiter auf seinem ebenso schwarzen Pferd zog ihren Blick mehr als einmal auf sich. Es gab andere Männer zu Pferd, deren Anmut im Sattel die des Schulleiters übertraf, und eine Menge Reiter, die die Hindernisse mit derselben Mühelosigkeit nahmen, die er an den Tag legte, aber es war Snape, zu dem ihr Blick immer wieder zurückkehrte.
Der Schulleiter war zu Fuß im Hof des Stalls, als der Unterricht vorüber war, und obwohl Penelope Clearwater neben ihm stand und mit ihm plauderte, war es Hermione, auf die sein dunkler Blick gerichtet war, als sie Richtung Stallungen ritt.
Er trat vor, als sie zum Halten durchparierte, und betrachtete sie kritisch. „Ihr Sitz ist zufriedenstellend", kommentierte er, „und Sie kommen schon … mit den Zügeln klar."
Hermione war stolz auf das Lob, das sie bekam, und merkte sich das leicht aufgedrehte Gefühl, um es später zu genießen. Sie war es nicht gewohnt, von diesem Mann Lob zu erhalten.
Ihre angenehme Träumerei wurde unterbrochen, als er nach ihr griff. „Kommen Sie – ich helfe Ihnen hinunter."
Es war nicht viel anders, als mit ihm zu tanzen, wie sie es tags zuvor getan hatte, diese Sache, vom Pferderücken heruntergehoben zu werden. Dennoch fühlte sie sich seiner akuter bewusst als zuvor, der Stärke seiner Hände und seines Geruchs, einer Mischung aus männlichem Schweiß und moschusartigem Rasierwasser.
Sie dachte an Snape, als ob er ein Mann war, und das fühlte sich irgendwie überhaupt nicht schicklich an.
Penny stand direkt hinter ihm und plauderte fröhlich mit Hermione über den Ritt, aber Hermiones konnte ihre Worte wegen des Geräuschs in ihrem Kopf kaum wahrnehmen – wie das Brechen von Wellen an Felsen –, nur war es ihr Herz, das so laut in ihren Ohren dröhnte, und sie schien keinen klaren Gedanken fassen zu können, geschweige denn ein vernünftiges Wort.
Snapes Aufmerksamkeit konzentrierte sich auf ihr Gesicht, und ein besorgter – sogar fragender – Blick lag in seinen Augen, aber Hermione trat schnell von ihm weg. Dabei stolperte sie über den langen Rock ihres Reitkleides, ihr Gänseblümchen fiel zu Boden, und sie versuchte dies mit Gelassenheit zu nehmen, auch wenn sie sich ganz und gar verlegen fühlte.
„Danke", murmelte sie.
Der Schulleiter bückte sich, um ihre verlorene Blume aufzuheben, und wie eine Ertrinkende, die Zuflucht suchte, nutzte sie die Gelegenheit, zu Penny zu gehen. „Können wir die Arrangements für die heutige Abendunterhaltung besprechen?", fragte sie die andere Hexe.
Penny warf dem hochgewachsenen, schweigenden Zauberer, der die Mädchen beobachtete, einen wehmutsvollen Blick zu. „Ich war gerade dabei, mit dem Schulleiter darüber zu sprechen", sagte Penny mit einem sanften Lächeln zu Snape.
Hermione zog an Pennys Arm. „Nein, ich meine die Unterhaltung für die Damen", beharrte sie und mied Snapes Augen.
„Ich entschuldige mich, Ladys", sagte Snape gedehnt und mit einer Verbeugung disapparierte er.
Penny seufzte laut. „Ich wünschte, er würde mir vom Pferd helfen", klagte sie traurig.
Hermione schüttelte Kopf, aber sie sprach nicht laut aus, was sie dachte.
Ich will nicht, dass er dich berührt.
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Später am Nachmittag bewegte Hermione Draco dazu, mit ihr zum Labyrinth und zurück einen Spaziergang zu machen, damit sie sehen konnte, wie die Gäste ihre freien Nachmittagsstunden verbrachten.
„Warum kannst du nicht mit Severus gehen?", fragte Draco. „Ich war dabei, Potter zu einem neuen Federballspiel herauszufordern – den Gästen hat das sehr gefallen!"
Hermione beschäftigte sich damit, den Schal neu zu drapieren, den sie um die Schultern trug. Noch immer summten ihre Nerven von ihrem Zusammentreffen mit Snape in den Stallungen, und sie wollte noch nicht wieder mit ihm umgehen müssen – ganz sicher wollte sie mit ihm überhaupt nicht alleine sein. Wer wusste, was er sagen oder tun würde, und wie sie auf ihn reagieren würde?
Draco war die weitaus sicherere Wahl.
„Du hast noch eine Menge Zeit, um mit Harry zu spielen, wenn ich mit dir fertig bin", sagte sie bestimmt und legte ihre Hand in seine Armbeuge.
Sie spazierten zum See hinunter und gingen auf dem Weg an den Gruppen vorbei, die verschiedene Spiele spielten. Die Hauselfen hatten unter den Bäumen Erfrischungen verteilt, und Hermione war mit der gebotenen Auswahl an Getränken und Häppchen zufrieden. Es erfüllte sie mit Vergnügen, die buntgekleideten Regency-Leute zu sehen, die den Sommersonnenschein und die gegenseitige Gesellschaft genossen, während sie der Zeitperiode entsprechenden Amüsements nachgingen.
Dann äußerte Draco einen Ausruf des Ärgers, und Hermione wandte sich um und sah ihn einen jungen Mann mit einer Kamera zur Rede stellen – einen jungen Mann, der gerade ein Foto von ihnen machen wollte.
„Was machst du da?", fragte Draco zornig. „Ich habe nicht gesagt, dass du mich fotografieren kannst!"
Hermione wusste, dass Draco einen Abscheu vor der kleinen, aber lästigen Gruppe von Zaubererpaparazzi hegte; er wünschte nicht, sein Privatleben der Öffentlichkeit preiszugeben, und er war ein ständiger Favorit der Fotografen. Sie hatte ihn oft damit geneckt, dass es dies war, was er dafür bekam, dass er so gut aussah, aber sie wusste auch, dass er mehr als einen Fotografen dafür bezahlt hatte, keine Bilder von ihm mit anderen Männern zu veröffentlichen.
„Eine Menge Gäste haben ihre Kameras dabei, weißt du", begann sie schnell halblaut, und dann erkannte sie den Mann mit der Kamera. „Und das ist Dennis Creevey. Sein Bruder war Fotograf – er starb in der Schlacht von Hogwarts." Sie ging mit einem freundlichen Lächeln zu dem beunruhigten jungen Zauberer. „Hi, Dennis! Natürlich kannst du Fotos machen, aber nicht von Draco, weil er das nicht möchte." Einen Moment später fügte sie hinzu, „Tatsächlich wäre es das Beste, wenn du die Leute fragst, ehe du sie fotografierst."
Dennis nickte und wich zurück, als habe er immer noch ein wenig Angst vor Dracos Rache. „Okay, Hermione. Schön, dich zu sehen!" Er winkte und ging weiter zu der Gruppe, die Bowls spielte, und seine Kamera schwankte an ihrem schwarzen Riemen um seinen Hals.
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Vor dem Diner an diesem Abend war eine Stunde eingeplant, in der sich die Gäste im Salon versammelten, wo die Doppeltüren geöffnet worden waren, um den Nachbarraum anzubinden und für die erhöhte Personenzahl Platz zu schaffen. An einem großen Tisch mit Getränken taten unauffällig Hauselfen Dienst, und jedermann wurde ermutigt, Kontakte zu knüpfen und sich kennenzulernen.
Neville stand kläglich auf einer Seite; ihm war heiß in seinem Kostüm, und er scheute sich davor, sich unter die Leute zu mischen. Das Leben war für ihn leichter gewesen, als er ständig in Harrys Schatten gestanden hatte, aber der Schlangenschlächter hatte nach dem Krieg eine gewisse eigene Geltung erreicht. Fremde Menschen kamen auf der Straße zu ihm und sprachen ihn an, und Neville hasste es. Nie wusste er, was er zu jemandem sagen sollte, den er nicht kannte. Harry und Ron hatten ihm gesagt, dass es eine gute Sache war – dass Mädchen ihn umschwärmen und mit ihm schlafen wollten –, aber Neville fühlte sich damit auch nicht wohl. In vielerlei Hinsicht wünschte er sich, die Dinge wären wie früher.
Während er zur Tür schaute, kam eine junge Frau in den Raum, die er nie zuvor gesehen hatte, und seine Lippen formten ein 'O', als wolle er einen Pfiff ausstoßen. Das Mädchen – denn sicher war sie jünger als Neville – hatte flachsblondes Haar, das in Löckchen um ihren ganzen Kopf lag, und ihre Augen waren ein klares Blau, das so deutlich war, dass Neville die Farbe von seinem Platz an der Wand aus erkennen konnte. Sie trug ein silbriges Kleid, das Neville an herabfallendes Wasser erinnerte. Einen Moment lang zögerte sie im Eingang, und die Quidditchspieler, Fin und Krum, lösten sich aus ihrer Gruppe und näherten sich ihr schnell und zielgerichtet.
Aber das Mädchen ging von ihnen weg, direkt auf zu Neville. Erstaunt richtete er sich auf, wie ihn seine Oma immer anwies, und als die Schönheit vor ihm knickste, erwiderte er den Gruß mit einer Verbeugung. Hatte sie sich verlaufen? Dachte sie, er könne sie Harry vorstellen? Gerade jetzt konnte er das nicht tun, weil Harry und Draco noch immer unten am See waren und Badminton spielten.
Aber das Mädchen streckte eine behandschuhte Hand nach ihm aus und sprach mit leiser, heiserer Stimme, in der ein französischer Akzent lag.
„Du bist Neville Longbottom, ja?"
Neville nahm ihre Hand und starrte töricht in ihr schönes Gesicht, und je länger er starrte, desto sonderbarer fühlte er sich. In der Nähe dieses Mädchens zu sein, brachte ihn dazu, ihre Aufmerksamkeit halten – sie beeindrucken – zu wollen, irgendwie ihre Gunst anstelle aller anderen Männer im Raum gewinnen zu wollen. Ermutigt von einem Impuls, den er nie zuvor gespürt hatte, hob er ihre Hand an seine Lippen, und sie errötete.
„Aber ich kenne deinen Namen nicht", sagte er und hielt immer noch ihre Hand, fasziniert von dem rosa Hauch auf ihren Wangen.
Sie trat einen Schritt näher zu ihm, und er realisierte, wie viel größer er war – wie winzig sie im Vergleich zu ihm war. Eine plötzliche, männliche Entschlossenheit erfüllte ihn, sie vor Unheil zu schützen. Er behielt ihre Hand in seiner und schritt um sie herum wie ein kreisender Satellit, bis sie an der Wand stand und er sich zwischen ihr und dem Rest des Raumes befand.
„Natürlich kennst du ihn", insistierte sie leise, und ihre blauen Augen fixierten noch immer sein Gesicht, als sei er eine Art Gott. „Ich bin Gabrielle Delacour – ich habe dich kennengelernt, als ich zehn Jahre alt war." Als Neville immer noch verwirrt aussah, erklärte sie. „Beim Trimagischen Turnier musste meine Schwester mich aus dem See retten – weißt du noch?"
Und die Identität des Mädchens wurde Nevilles verdattertem Gehirn mit einem Schlag klar. Sie war Fleur Weasleys jüngere Schwester – als er sie zum letzten Mal gesehen hatte, war sie noch ein kleines Mädchen gewesen.
„Natürlich", antwortete er. „Ich erinnere mich."
Sie trat noch dichter zu ihm. „Du bist der Schlangenschlächter", sagte sie, als habe Neville es vielleicht vergessen. „Ich habe jedes einzelne Wort gelesen, das jemals über dich in den Zeitungen gestanden hat. ich glaube, du bist der mutigste Mann, von dem ich je gehört habe.
Neville hatte nicht vor, Harry zu erwähnen, aber dennoch platzte er damit heraus. „Nein, du denkst an Harry Potter."
Gabrielle, die wie die exotischste Blume roch, der Neville je begegnet war, legte ihre schmale Hand auf seinen Arm. „Harry ist ein wundervoller Mensch", sagte sie mit absoluter Überzeugung, „aber du bist mein Held."
Neville hatte sich zuvor gewünscht, sie zu beschützen, aber jetzt wusste er, dass er für sie kämpfen würde – wenn nötig bis zum Tod.
„Gibt es einen Platz, wo wir uns hinsetzen und uns unterhalten können?", fragte sie lieb.
Und er geleitete sie durch die offenen Glastüren in den Rosengarten, den er genau zu diesem Zweck in der Nähe des Schlosses angelegt hatte.
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Ron stimmte in das allgemeine Lachen ein, als Fin und Krum ohne Gabrielle zu ihrer Gruppe zurückkehrten.
„Absichten von Neville vereitelt, ausgerechnet!", gluckste George.
Ron langweilte sich. Hermione sprach nicht mit ihm – nicht, dass er sicher war, dass er mit ihr reden wollte, wohlgemerkt –, und er hatte kein Interesse daran, mit Lavender oder einer der Patilschwestern zu flirten. Wirklich, das hatte er alles schon gemacht. Lieber würde er einem Quidditchmatch zusehen oder unten im Pub mit seinen Kumpels saufen.
Die Regency-Woche stellte sich als genauso sehr langweilig heraus, wie er es erwartet hatte.
Penny Clearwater kam zu ihnen herüber, und sie hatte jemanden bei sich – ein Mädchen, das Ron recht bekannt vorkam, als hätte er einmal für sie geschwärmt –, aber er konnte sie nicht einordnen. Sie war kleiner als Penny, hatte große, dunkle Augen und dunkle Locken, die mit einem saphirblauen Band zusammengebunden waren, in derselben Farbe wie ihr Abendkleid. Von dem, was er in dem langen Rock sehen konnte, hatte sie eine gute Figur; ihre Hüften waren gerundet, und ihre Brust war ein hübscher Anblick. Dann sah er ihr wieder ins Gesicht und wusste, er war dabei erwischt worden, sie zu mustern.
Penny stellte Fin und Krum vor, und trotz seiner Verlegenheit schnappte Ron ihren Namen auf.
„Dies ist Miss Romilda Vane", sagte Penny, und das dunkelhaarige Mädchen machte einen schicklichen Knicks. „Und kennst George und Ron, oder? Sie waren in deinem Haus."
Romilda lächelte beide an, aber es erschien Ron, als blicke sie ihm ein wenig länger als George in die Augen. Die ganze Gruppe bewegte sich langsam zum Getränketisch, und Romilda ließ sich zurückfallen, um neben ihm zu gehen.
„Du hättest nicht aufhören müssen, mich zu betrachten, weißt du", sagte sie und warf ihm einen koketten Blick von unter den Wimpern hervor zu.
„Weiß nicht, was du meinst", log er und nutzte ihre Erlaubnis, um wieder in ihren Ausschnitt zu schielen. Beeindruckend.
Sie lachte. „Wo ist deine Verlobte?", fragte sie.
Ron zuckte mit den Schultern. „Ich bin nicht verlobt", murmelte er. „Wir hatten nur … ein Einverständnis."
Romilda lachte wieder, und Ron war überrascht. Von der Schule erinnerte er sich nicht an sie, aber wer immer sie war, diese Romilda Vane war ein vergnügtes Mädchen – ganz und gar nicht wie die sehr ernste Hermione.
„Kann ich dir etwas zu trinken holen?", fragte er und legte ihr eine Hand ins Kreuz, um andere Kerle abzuschrecken. Diese hier gehörte ihm – zumindest für jetzt.
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Sybill Trelawney saß ruhig auf einem kleinen Sofa in einer dunklen Ecke und richtete ihre verschiedenen Schals und Tücher. Ihr lag nichts daran, aus ihrem Turm herunterzukommen – es verschleierte das Innere Auge, und das war für eine Seherin nicht gut –, aber der Schulleiter hatte hartnäckig verlangt, dass sie sich sehen ließ. So wenig sie ihn mochte, als er jünger war, musste sogar Sybill zugeben, dass Severus Snape sich als Held erwiesen hatte, noch bevor der Krieg vorbei war. Wenn er wollte, dass sie den Gästen zur Verfügung stand, dann würde sie das tun – und wenn er wollte, dass sie ein wenig in die Kristallkugel schaute, um die Schule zu unterstützen, dann würde sie auch dies tun.
Für Hogwarts war kein Opfer zu groß.
„Entschuldigen Sie, aber sind Sie Professor Trelawney?"
Sybill sah zu dem Mann auf, der sie angesprochen hatte. Er war mittelgroß, schätzte sie; das Auffälligste an ihm war eine Menge flauschigen weißen Haars. Er trug ein korrektes Regency-Kostüm, aber er hatte seine Pantalons in einen schillernden Gelbton verzaubert, was ihm ein sehr individuelles Aussehen verlieh.
„Ich bin Sybill Trelawney", antwortete sie und neigte leicht den Kopf. „Kennen wir uns, Sir?"
Mit einer Geste fragte der Gentleman, ob er Platz nehmen dürfe, und Sybill stimmte liebenswürdig zu. Er setzte sich auf die Sofakante und drehte sich zu ihr, und seine leicht vorstehenden Augen strahlten.
„Ich bin Xenophilius Lovegood", sagte er zu ihr, „und meine Tochter, Luna, hat mir oft von Ihnen erzählt."
Er lächelte sie an, ein freundliches, sanftes Lächeln, und Sybill fühlte, wie sich ihre Lippen erwidernd bogen. „Ah, Ihre Luna ist ein sehr braves Mädchen", rief sie, erfreut darüber, dass sie dem Elternteil einer ehemaligen Schülerin Gutes über sie berichten konnte. „Immer so aufmerksam im Unterricht und ziemlich begabt für das Sehen. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie oft Luna sich die Mühe gemacht hat, sich nach mir zu erkundigen, Mr Lovegood, und zu fragen, wie es mir erging." Sie nickte in liebevoller Erinnerung.
„Danke, Madam", antwortete der Gentleman. „Aber bitte, Sie müssen mich Xeno nennen. Ich spüre bereits, dass wir sehr gute Freunde sein werden."
Sybill konnte sich nicht erinnern, wann sie das letzte Mal Zeit mit einem so höflichen, so echten Gentleman verbracht hatte. Sie beugte sich zu ihm und bot ihm ihre Hand. „Und Sie nennen mich bitte Sybill."
Als seine beiden großen, warmen Hände ihre umfassten, wurde Sybill von einem köstlichen, erschauernden Beben überfallen.
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George wartete darauf, dass Lucius Malfoy sich von seiner Begleitung zum Getränketisch entfernte. Dann ging George schnell hin und stellte sich vor Professor Mortelle.
„Guten Abend, Professor", sagte er und lächelte freundlich. „Heute Abend sehen Sie besonders schön aus."
Die Hexe mit den tizianroten Haaren strich mit einer Hand über ihr pfauenblaues Kleid. „Danke, George", antwortete sie süß, aber ihre Augen waren leicht zusammengekniffen, als zweifle sie an seinen Motiven. „Kann ich Ihnen irgendwie behilflich sein?"
George nickte glücklich. „Sie sind eine Frau mit Scharfsinn", sagte er. „Sie können erkennen, wenn ein Bursche etwas im Sinn hat." Er schaute zum Getränketisch und vergewisserte sich, dass Malfoy noch immer anderweitig beschäftigt war. „Professor, ich möchte Sie bitten, die Rolle der Hippolyta in unserer kleinen Aufführung des Sommernachtstraums zu übernehmen. Ich habe Mr Malfoys Versprechen, den Herzog von Athen zu spielen, aber nur, wenn Sie die Rolle seiner Amazonenkönigin übernehmen. Und ehrlich, Ma'am, es gibt sonst niemanden, die ich guten Gewissens bitten könnte, diese Rolle zu übernehmen." Er richtete sich auf und sagte die Wahrheit. „Unabhängig davon, ob Mr Malfoy den Theseus spielt oder nicht, nur Sie können die Königin der Amazonen richtig spielen."
Leticia brach in Lachen aus, aber es war ein sehr damenhaftes Geräusch, wie das Klingen von Glöckchen. „Sie sind ein schlimmer junger Mann", schalt sie ihn, aber trotz all ihrer Spöttelei lag ein spekulativer Ausdruck in ihren blauen Augen. „Also gut, ich werde die Rolle spielen – aber nur, weil es keine anderen Amazonen gibt, die die Rolle übernehmen können."
George stieß die Faust in die Luft. Warte nur, bis Luna das hörte!
„Danke, Professor – Sie haben mich zum glücklichsten Mann in Hogwarts gemacht!"
Und mit einer korrekten Verbeugung eilte er davon, um Luna zu finden und ihr die gute Neuigkeit mitzuteilen.
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Severus beobachtete George Weasleys Interaktion mit Leticia Mortelle und fragte sich, was die Hexe getan hatte, dass der Junge die Faust in die Luft stieß und davoneilte. Lucius hatte sich an diesem Wochenende sicher seltsam benommen; tatsächlich hatte sich seine Faszination von seiner rothaarigen Femme fatale in einem solchen Maße verstärkt, dass Severus sich nicht in beider Gegenwart aufhalten konnte, ohne die Spannung wahrzunehmen. Er beschloss, sich herauszuhalten; was immer sie auskochten, ging ihn nichts an.
Der jüngere Weasley hofierte eine junge Frau, deren einziger Anspruch auf Bekanntheit nach seiner Erinnerung war, dass sie die Schuldige war, die Potter eine Schachtel mit einem Liebestrank versetzter Schokolade geschenkt hatte – dieselbe Schokolade, die Weasley an dem Tag gegessen hatte, an dem er beinahe gestorben wäre. Natürlich war das Gift, das ihn fast umgebracht hätte, in dem Wein enthalten gewesen, den Slughorn ihm zu trinken gegeben hatte, nicht in dem Liebestrank. Aber Potter hatte ihm einmal die Geschichte erzählt, wie lächerlich sich Weasley verhalten hatte, während er unter dem Einfluss des Liebestranks gestanden hatte. War es Weasley klar, dass tief in seinen Zellen Erinnerungen an seine kurze, zaubertrankbedingte Leidenschaft für Romilda Vane lagen? Sollte Severus ihn warnen?
Sicher nicht. Die Aussicht, es laufen zu lassen, war weitaus unterhaltsamer.
Obwohl es beinahe Abend war, war das sommerliche Sonnenlicht draußen noch immer hell, und Severus sah Gabrielle Delacour zwischen den Rosensträuchern, die Longbottom fest in den Fängen hatte. Der Junge war zu einem großen, breitschultrigen Mann herangewachsen, aber während er mit der zauberhaften Miss Delacour auf einer Bank saß, war er dem Irrsinn nah, und sein Mund hing weit genug offen, um Fliegen zu fangen. Longbottom war klug, wenn es um Pflanzen und Pilze ging, aber war ihm klar, wie eine Frau mit Veelablut seine Sinne verwirren und seine Entscheidungen beeinflussen konnte? Sollte Severus ihn warnen?
Dieselbe Antwort.
Trelawney war mit Xeno Lovegood in ein Gespräch vertieft, was auf bizarre Art Sinn ergab. Was Severus viel glücklicher machte, war eine köstlich errötete Miss Clearwater, die Zuwendung von Finbar Quigley erhielt. Es tat seinem Herzen ebenfalls wohl, Pansy Parkinson die Aufmerksamkeit von Viktor Krum erlangen – und behalten – zu sehen. Je weniger alleinstehende Zauberer überall waren, umso besser – seiner Meinung nach.
Aber die Person, nach der er suchte – die Person, an die zu denken er anscheinend nicht aufhören konnte – hatte ihn den größten Teil des Tages gemieden, und er war entschlossen, dies zu beenden. Er konnte ihre Zurückhaltung verstehen – schließlich war sie seit ihrer Schulzeit mit Weasley zusammen gewesen, und plötzlich Single zu sein, musste im besten Fall befremdlich für sie sein –, aber er musste ihre Anwesenheit unter den Gästen zu unterstützen und ihre Funktionstüchtigkeit bewahren.
Für Hogwarts.
Unerbittlich besuchte er jede Gästegruppe, tauschte mit jedem, der ihn grüßte, höfliches Kopfnicken und Begrüßungen aus, aber er blieb nicht zum Plaudern stehen, weil er sich auf der Suche befand. Keine Ecke ließ er uninspiziert, und an Ende durchstöberte er die Küche. Dort hatte sie nichts zu suchen, denn die Elfen waren fieberhaft dabei, das Abendessen zum Servieren vorzubereiten. Aber sie blieb wirklich aus dem Weg; ruhig saß sie in ihrem elfenbeinfarbenen Abendkleid an einem Tisch in der Ecke des Raums, und ihr Clipboard lag vor ihr, als ob sie arbeite.
Als er jedoch näherkam, sah er, dass ihr abwesender Blick nicht auf ihren Organisationsunterlagen lag, sondern auf der Wand vor ihr, und dass ihre unbehandschuhte Hand keine Feder hielt, sondern gedankenlos eine Korkenzieherlocke an ihrer Schläfe zwirbelte.
„Ihre Gäste fragen sich, wo Sie sein könnten", sagte er, nahm ihre Hand und rettete die Locke vor der Verwüstung.
Ihre großen, honigfarbenen Augen betrachteten ihn verhalten, und sachte entzog sie ihm ihre Hand.
„Ich –", begann sie, aber er erlaubte ihr nicht auszusprechen. Er zog sie auf die Füße und sah zu, während sie ihr Clipboard wieder in ihr Ridikül packte. Dann hob er ihren abgelegten Abendhandschuh vom Tisch auf und wartete, während sie ihn wieder überstreifte.
„Ich weiß nicht, warum ich nicht im Salon bin", sagte sie, während sie ihre Aufmerksamkeit stur auf ihren Handschuh richtete.
Er nahm die frisch behandschuhte Hand und zog sie in seinen Arm. „Wissen Sie das nicht, Milady?", fragte er und sah in ihr Gesicht hinunter, während seine Hand ihre Finger bedeckte.
Sie errötete und sah weg. „Ich weiß nicht, was Sie meinen", protestierte sie mit gedämpfter Stimme.
Er sah weiter auf sie hinab, geduldig und so ausdruckslos, wie nur er es schaffte, aber sie hob die Augen nicht wieder zu seinen. Wie konnte er sie der Sicherheit seiner Aufmerksamkeit – seines Interesses an ihrem Wohlergehen – versichern und ihr gleichzeitig sein Desinteresse in jeder fleischlichen Hinsicht übermitteln? Lügner, beobachtete sein innerer Kritiker, aber er ignorierte die Stimme. Jede Bewunderung, die er für Grangers physische Reize hegte, war irrelevant; sie war nicht der Typ Frau, die der Art von amourösen Intrigen frönte, die er bevorzugte – wo gegenseitige physische Befriedigung ohne Bedingungen und ohne Zukunftspläne außer einem herzlichen Adieu im Morgenlicht angestrebt wurden –, und er hatte nicht die Absicht, mit ihr sein Glück herauszufordern. Nein, er würde seine Absichten eher durch sein Handeln als durch Worte klarstellen müssen, und dank ihres schnellarbeitenden Verstandes würde sie die Botschaft verstehen, die er sandte.
Entsprechend sprach er nicht wieder, sondern führte sie durch die Küche und zurück in den Salon.
~oo0oo~
Nach dem Abendessen, währenddessen Hermione zur Rechten des Schulleiters saß und abgelenkt in ihrem Essen stocherte, verteilten sich die Gäste auf die Betätigungen ihrer Wahl. George und Luna veranlassten eine Anzahl ihrer Schauspielteilnehmer dazu, sich am Lesen ihrer Rollen zu beteiligen; viele der älteren Männer verschwanden in den Clubraum, wo sie trinken und Glücksspiele spielen konnten; die älteren Damen trafen sich im Salon, wo sie klatschen konnten und an ihren Stickereien arbeiteten, von denen ein Sortiment zur Auswahl stand; und in dem Raum, wo man sich vor dem Abendessen versammelt hatte, verleiteten viele junge Leute Clorinda McTavish dazu, ihren Platz am Klavier einzunehmen, damit sie ihre Tanzkünste üben konnten.
Hermione bat Harry, nach den Herren zu sehen – da Frauen in der Regency-Zeit niemals einen Herrenclub betreten hätten –, und sie vergewisserte sich, dass der Handarbeitszirkel der Damen es behaglich hatte. Sie scheute sich davor, wieder in den Salon zurückzukehren, weil sie keine Lust hatte, Viktors enthusiastische Versuche abzuwehren, sie zu einem Tanz zu nötigen, noch fand sie den Gedanken reizvoll, Ron dabei zuzusehen, wie er so tat, als sei sie nicht im Raum, während er den alleinstehenden Mädchen nachstellte, die mit ihm tanzen wollten. Während sie noch im Korridor verweilte, wünschte sie, sie hätte ihre Armbanduhr. Sie konnte sie nicht an ihr Abendkleid gesteckt tragen, da dies das Aussehen des Kleides ruiniert hätte, aber es wäre nett zu wissen gewesen, ob es spät genug war, sich selbst weiszumachen, dass es vernünftig wäre, zu Bett zu gehen.
Der Schulleiter war bei ihr, ehe sie auch nur wusste, dass sie nicht alleine im Flur war. Wie konnte der Mann sich so lautlos bewegen?
„Ich bin davon überzeugt, dass Sie sich nicht wohlfühlen, Miss Granger", sagte er ernst.
Hermione setzte sich in Bewegung, denn es schien keine gute Idee zu sein, mit ihm im Halbdunkel eines Innenkorridors im Schloss zu stehen. „Ich habe leichte Kopfschmerzen", log sie. „Ich glaube, ich gehe früh zu Bett."
Er nahm ihre Hand und zog sie durch seinen Arm, aber da sie bei seiner Berührung in Panik geriet, versuchte sie, sich loszureißen.
Sie waren bis zur Eingangshalle gekommen, wo sie stehen blieben und einander anstarrten. Er weigerte sich, sie loszulassen und sah sie finster an. „Bitte vergessen Sie den Gedanken, dass ich ein Auge auf Sie geworfen habe, Granger", zischte er. „In diesem Event sind wir Verbündete … und das ist alles, was unsere Verbindung angeht!"
Hermione hörte ihn gekränkt. Was war mit ihr los? Jedes Mal, wenn Snape auftauchte, schien sie komplett den Überblick zu verlieren, was sie tun sollte, und darüber hinaus war er sich ihrer Verwirrung voll bewusst. Offensichtlich war er nicht so … verwirrt ihretwegen wie sie seinetwegen. Plötzlich machte diese Erkenntnis sie ärgerlich.
Sie hob das Kinn. „Ich weiß nicht, wovon Sie reden", stellte sie fest. „Ich denke nicht über Sie nach, Snape! Und darüber hinaus ist es unfair, dass Sie mich anpflaumen, wenn es mir nicht gutgeht! Ich kann ohne irgendwelche Hilfe von Ihnen in mein Zimmer gehen!"
Augenblicklich war sein Ärger verpufft, als ob es für ihn akzeptabler war, wenn sie ihre Stimme ihm gegenüber erhob, als der Verdacht, dass sie sich von ihm angezogen fühlte.
„Ich habe keinen Zweifel, dass Sie das können", sagte er, hielt ihre Hand fest und ging mit ihr zu den Treppen. „Gleichwohl fühle ich mich besser, wenn ich Sie sicher dort weiß, wie es jedem Gentleman erginge."
Seine Betonung des Wortes brachten Hermione in die richtige Gemütsverfassung zurück. Er blieb in der Rolle des galanten Regency-Aristokraten, und sie sollte ihm den Gefallen erwidern.
„Ich danke Ihnen, Sir", antwortete sie.
Während sie die Treppen hinaufstiegen, sprachen sie über die Geschehnisse des Tages, und Hermione gestand sich ein, dass Snape bei der Regency-Woche nicht der uninteressierte Zuschauer war, wie sie es von ihm erwartet hatte. Von Anfang an hatte er Geringschätzung für das Projekt bekundet – war, so war es ihr oft vorgekommen, während der Planung bei jedem Aspekt anderer Meinung als sie gewesen – und hatte den Eindruck erweckt, dass er bei dem Event nur aufgrund der Notwendigkeit in Erscheinung treten würde. Stattdessen zeigte er sich als Bollwerk der Verlässlichkeit, als unerschütterlicher Verbündeter und – abgedroschene Phrase, die es war – als ein Fels in der Brandung.
Als sie mit ihm an ihrer Tür stand, bot sie ihm ihre Hand und dankte ihm für seine Besonnenheit. Zu ihrer Überraschung und Freude führte er ihre behandschuhten Finger an seine Lippen.
„Natürlich, Milady – für Hogwarts."
Sie schluckte, machte einen kleinen Knicks und entfloh in ihr Zimmer. Das wilde Kreisen ihrer Gedanken um Snape verursachte ihr dasselbe seekranke Gefühl, das sie in einem Muggel-Freizeitpark in einer Achterbahn empfunden hatte – und die Kopfschmerzen, die sie vorgegeben hatte, waren im Anzug. Es war, als könne sie weder eine negative noch eine positive Meinung über ihn länger als fünf Minuten am Stück aufrechterhalten. Sie fühlte sich jenseits von Verwirrung, deutlich im Bereich von Wahnsinn.
Das Schlimmste von allem war die verrückte Erkenntnis, dass sie sich wünschte, sie hätte ihn in ihr Schlafzimmer gebeten.
~oo0oo~
Severus starrte einen Moment lang auf ihre geschlossene Tür; dann schritt er den Korridor hinunter und trat dann in den dunklen Eingang an dessen Ende. Dieses Mal war er nicht überrascht, die orangefarbene Katze zu sehen, wenn er auch ein wenig erschrak, als sie an ihm vorbei in den schlecht beleuchteten Durchgang flitzte. Rannte sie, um Eintritt bei ihr fordern?
Glückspilz.
Er ging zu der hohen Kommode und begann, seine Taschen zu leeren, das erste Ritual seiner Vorbereitung, um zu Bett zu gehen. Aus seinem Rock holte er Ronalds persönlichen Zeitplan, ein zartes Damentaschentuch, einen angelaufenen Silberring, und auf Letzteren legte er ein verwelktes gelbes Gänseblümchen. Nach weiterer Überlegung deponierte er die Blüte zwischen den Seiten des Buches, das er in der Tasche bei sich trug, und presste sie fest zusammen, um sie flachzudrücken.
„Dummkopf", sagte er, aber in seiner Stimme lag wenig Feuer. Seine Idiotie war unbestritten – weshalb hielt er am Besitz all dieser Dinge fest? –, aber er war körperlich zu erschöpft und seelisch zu verwirrt, um sich heute Abend selbst ordentlich zu beschimpfen.
Stattdessen ging er hinüber, um sich einen Schwenker Weinbrand einzugießen und setzte sich in den Sessel, der der Wand am nächsten stand – ihrer Wand – und lauschte nach dem nächtlichen Strömen der Tränen ihres gebrochenen Herzens. Die Fingerspitzen der linken Hand, die ihr am nächsten war, presste er auf das glatte Holz, das sie voneinander trennte, als würde eine sorgsame Untersuchung der Oberfläche die unausgegorenen Fragen in seinem Kopf beantworten.
Als der Weinbrand ausgetrunken war, kam noch immer kein Laut aus dem Zimmer des Mädchens. In gewissem Maße froh über diese Tatsache ging er zu Bett und träumte unruhige Träume, an die er sich nicht erinnern konnte.
~oo0oo~
Anmerkung der Autorin: Das Alter von Gabrielle Delacour wurde verändert, damit sie in dieser Geschichte achtzehn Jahre alt ist.
