Kapitel 13a

Montag, 5. August 2002
Vormittag

In dieser Nacht schlief Hermione nicht gut. Die Tatsache, dass Snape sie bis zu ihrer Tür begleitet hatte, fast, als ob er vorzubeugen wünschte, dass irgendjemand anders es tat, hatte sie nicht davor bewahrt, bis spät in der Nacht wach zu liegen und zu versuchen, ihre Gefühle zu ordnen. Nie zuvor hatte sie sich geweigert, eine von Rons halbherzigen Entschuldigungen zu akzeptieren, und es gab ihr ein sonderbares Gefühl, nicht nachzugeben. Aber wenn sie ihm in der Vergangenheit vergeben hatte, war dies gewesen, weil sie ihn vermisst hatte und wollte, dass er bei ihr war. Jetzt vermisste sie ihn überhaupt nicht, obwohl er so lange ihr Freund gewesen war, dass sie kaum wusste, wie sie ohne ihn über sich selbst denken sollte. Single zu sein würde verändern, wie sie mit Männern umging. Mit der Sicherheit eines festen Freundes an ihrer Seite war sie in der Lage gewesen, zu anderen Männern uneingeschränkt in Beziehung zu stehen, ihres Status als ein Teil eines Paares gewiss. Aber jetzt fühlte sie sich etwas verwirrt von Viktors Flirtversuchen und Fins bewunderten Blicken und ja, sogar von den förmlichen Regency-Ära-Aufmerksamkeiten des Schulleiters ihr gegenüber.

Ganz zu schweigen von dem bizarren Kraftfeld, das sie zu umgeben schien, wann immer Snape bei ihr war, das jeden ihrer Sinne wie in einem Fieberanfall zu verstärken schien.

Als sie im Licht der Morgendämmerung erwachte, das durch ihr Fenster drang, fühlte sie sich überhaupt nicht ausgeruht. Dennoch erhob sie sich und kleidete sich an, steckte ihr Haar auf und mogelte mit ein wenig Make-up, um ihre Blässe zu verbergen. Die beste Kur, die sie für emotionalen Aufruhr kannte, war Arbeit, und davon gab es eine Menge zu erledigen!

Zuerst ging sie in die Große Halle, die sorgfältig für das Frühstück hergerichtet war. Als Nächstes ging sie in die Küche, wo sie Herpie antraf, der sich verbeugte, bis seine Nase seine Knie berührte.

„Ja, Miss, wir kommen sehr gut zurecht", versicherte er ihr. „Miss kann das Essen den Hauselfen überlassen und ihre Mahlzeiten genießen."

Als sie die Treppen zur Eingangshalle wieder hinaufstieg, begegnete sie Snape. Er war zeitig zum Frühstück unten, und eine vertraute Linie erschien zwischen seinen Brauen beim Anblick ihres Gesichts. Sofort trat er zu ihr.

„Geht es Ihnen gut?", fragte er, sein Benehmen fast schroff. „Sie sind blass." Einen Moment lang pressten sich seine Lippen aufeinander, dann sagte er, „Ich dachte, Sie hätten letzte Nacht gut geschlafen."

Hermione hielt überrascht inne und legte ihren Kopf zur Seite, während sie seinen extrafeinen blauen Rock und die Büffelleder-Pantalons betrachtete. „Warum dachten Sie – woher wollen Sie wissen, wie ich geschlafen habe?"

Einige Augenblicke lang sprach niemand von ihnen, und keiner schaute weg. Er betrachtete sie mit zusammengekniffenen Augen, und sie fragte sich, weshalb er so etwas sagen sollte. Schließlich geleitete er sie zu einem unbenutzen Klassenzimmer. Er bedeutete ihr einzutreten und warf einen nicht-stören-Zauber auf die Tür.

„Ihr Zimmer ist in der Nähe meiner Wohnung", sagte er ruhig. „In den letzten paar Nächten gab es Zeiten, in denen ich sie weinen gehört habe – aber letzte Nacht nicht. Nicht, dass ich es hören konnte."

Hatte er sie weinen gehört? Dann hatte er auch ...

Ehe sie fragen konnte, sprach er wieder. „Ich habe auch ihre Auseinandersetzungen mit Weasley gehört – auf jeden Fall die lauten Teile –, aber Sie brauchen sich nicht zu sorgen, dass ich über das reden werde, was ich gehört habe."

Guter Gott, Snape war Zeuge ihrer Streitereien mit Ron gewesen? Konnte irgendetwas noch beschämender sein?

„Warten Sie! Wie kann Ihre Wohnung in der Nähe meiner sein?", fragte sie zweifelnd. „Es gibt auf meinem Korridor nur drei Türen, und Harry und Ron haben die anderen Zimmer dort."

Snape sah etwas fassungslos aus. „Es ist die Tür am Ende des Ganges", sagte er steif. „Sie wird selten genutzt. Aber sie führt in die Wohnung des Schulleiters, die an ihr Zimmer angrenzt."

Sie konnte sich nicht entscheiden, wie sie das fand. An dem Gedanken, dass Snape auf der anderen Seite ihrer Wand schlief, war etwas seltsam Verstörendes, aber nicht auf völlig negative Art. Egal, wie sie über die Situation dachte, daran war nichts zu ändern. Jeder Raum im Schloss einschließlich der Schülerschlafsäle wurde genutzt; diese waren die preiswertesten Betten, die gebucht werden konnten. Da es also keinen Platz gab, wohin sie umziehen konnte, mochte sie die Sache genausogut mit Gleichmut betrachten.

Sie zwang sich, eher fröhlich als kläglich zu klingen und sagte, „Dann ist es keine Mühe für Sie, mich abends zu meinem Zimmer zu bringen."

Einen Moment lang stand er still, die herben Züge seines Gesichtes gelassen. Dann verbeugte er sich. „Wie Sie meinen, Milady."

Wenn ihr der Kosename auch heimlich gefiel, fühlte Hermione sich moralisch verpflichtet zu protestieren. Sie wandte sich von ihm ab und warf mit einiger Komik die Hände in die Luft, als sie es tat.

„Nennen Sie mich nicht so!"

Er ging an ihr vorbei zur offenen Tür. „Wie nennen?", witzelte er mit ausdruckslosem Gesicht, als sie durch die Tür ging.

~oo0oo~

Einige der Kurse trafen sich an diesem Vormittag nach dem Frühstück; dazu gehörte 'Gebrauch und Sprache der Fächer', was Professor Leticia Mortelle unterrichtete. An diesem Morgen sah sie in einem Kleid aus violettem, gänzendem Taft königlich aus, und sie trug einen Fächer aus zierlich bemalter, lavendelfarbener Seide auf Stäben aus Elfenbein. Mehr als zwanzig Damen kamen in ihren Klassensaal im ersten Stock, und sie begrüßte jede von ihnen liebenswürdig und lud sie ein, sich einen Fächer von denen auszusuchen, die auf einem nahen Tisch angeordnet lagen.

Von außerhalb des Eingangs beobachtete Lucius Malfoy sie; sein ganzer Körper sehnte sich schmerzhaft danach, sie zu besitzen – besessen zu werden –, es war alles eines, und er war kaum in der Lage, an etwas anderes zu denken.

Sie war eine exquisite, furchteinflößende Frau, und er hatte sie seit ihrer ersten Begegnung bewundert, aber die Entwicklung echter Anziehung hatte erst an Weihnachten begonnen – und erst vor zwei Tagen hatte die Erleuchtung ihn getroffen, als er sie mit ihrer Reitgerte gesehen hatte, und das Schicksal seiner hilflosen Liebe zu ihr besiegelt. Wo sonst auf der Welt gab es solch eine perfekte Mischung von Rücksichtslosigkeit, messerscharfem Verstand und wilder (wenn auch straff gezügelter) Sexualität?

Nein, er würde keinen Vergleich zu Narcissa ziehen – er würde keinen Gedanken an sie verschwenden.

Nun trat er in Leticias Klassenzimmer, als sie gerade die Tür schließen wollte.

„Kann ich Ihnen helfen, Lucius?", fragte sie freundlich – aber in ihren Augen lag eine Warnung, und er erschauerte dadurch.

„Ich bin hier, um die Sprache der Fächer zu lernen", erklärte er und löste damit einiges Gekicher bei den im Raum versammelten Damen aus.

Leticias Augenbrauen hoben sich. „Fächer sind für Damen", verwies sie. „Herren verwenden sie nicht, daher ist dieser Unterricht kaum nützlich für Sie."

Er ergriff einen Chinoiseriefächer, schwarz mit vergoldeten Figuren auf den Stäben. „Aber Männer haben sie verwendet, Chérie, im achtzehnten Jahrhundert." Er berührte mit dem Griff seine Lippen, und seine grauen Augen blickten ihr aufmerksam ins Gesicht.

Ihr Mund bog sich und die bezaubenden blauen Augen tanzten. „Und schon flirten Sie mit dem Fächer, nicht wahr?" Sie wandte sich von ihm ab und sprach dabei über ihre Schulter. „Setzen Sie sich hierher zu mir, und ich setze sie als Modell ein – Sie dürfen für mich vorführen."

Ein geringerer Mann mochte eine solche Einladung verschmäht haben, aber Lucius war es egal, dass die Frauen hier Leticia sprechen hörten – nur sie zählte, und sie hatte ihn in ihrem Unterrichtsraum willkommen geheißen.

~oo0oo~

Hermione wartete, bis die Damen aus Professor Mortelles Klassenzimmer strömten; dann trat sie mit ihrem Clipboard in der Hand ein – nur um Lucius Malfoy vorzufinden, der mit dem Rücken gegen die Tafel gedrückt stand und die Arme voll Leticia hatte, deren Lippen genauso fest auf seinen Mund gedrückt waren.

Ihr Mund formte ein lautloses 'oh', und Hermione stand erstarrt im Eingang. Sie hatte nicht vor zu stören – sie sollte eigentlich sofort weggehen –, aber sie hatte Mühe, sich von solch einem Anblick ungezügelter Leidenschaft loszureißen. Bohrender Neid befiel sie – wann war sie jemals mit solcher Hingabe geküsst worden? –, und sie sah sich die Art genau an, wie Mr Malfoy seine Dame mit verzweifelten Händen an sich drückte, wie Leticia ihre Finger in das Haar im Nacken ihres Verehrers flocht, als wolle sie damit seine Bewegungen besser kontrollieren, und wie ihre andere Hand, die zwischen ihrer Brust und seinem Körper gefangen war, den leicht zerknitterten, lavendelfarbigen Fächer hielt.

Hermione fand wieder zu ihrem Raum- und Zeitgefühl zurück, als die Hände eines gewissen Mr Malfoy für einen Moment ihre Aufgabe unterbrachen, seine Dame so dicht wie möglich an ihm zu halten, und ihr zu gehen bedeuteten – eher als Bitte denn als ein Befehl –, und Hermione zog sich aus dem Raum zurück und schloss leise die Tür.

Offensichtlich war in Professor Mortelles Unterricht zu Gebrauch und Sprache der Fächer alles gut gelaufen. Sie setzte ein Häkchen auf das Pergament auf ihrem Clipboard und ging weiter.

~oo0oo~

Im Tanzunterricht an diesem Morgen versuchte Professor McGonagall, ihre Schüler die Feinheiten des Menuetts zu lehren. Es mochte an der großen Anzahl Menschen im Raum liegen oder an der relativ frühen Stunde – oder tatsächlich daran, dass die jungen Leute interessierter daran waren, miteinander umzugehen, als ihrer Lehrerin Aufmerksamkeit zu schenken –, aber es gab einen deutlicher Mangel an Fortschritten. Nur ein Paar, wenngleich es zu Beginn der Stunde schüchtern gewesen war, zeigte Verständnis für die Schritte, und Minerva bemerkte schnell dessen Fähigkeiten.

„Sybill", rief sie, als die Musik aufgehört hatte.

Professor Trelawney kam heran, und ihr Partner folgte ihr in diskretem Abstand.

„Du und dein Partner scheint den Tanz zu kennen. Würdet ihr den Gästen die richtige Ausführung demonstrieren?"

Arthur Weasley, der nahe der Frontseite des Raumes stand und die Hand seiner Frau hielt, fiel in die Bitte ein. „Bitte tun Sie es, Professor Trelawney. Molly und ich haben gesehen, wie gut sie das Menuett tanzen können – zeigen Sie uns, wie es geht."

Sybill errötete, die jugendliche Reaktion verlieh ihren schmalen Wangen schmeichelnde Farbe, und sie sah zu Xenophilius Lovegood. Xeno, dessen Hosen für diese Gelegenheit zu einem beängstigenden Chartreuse-Farbton verzaubert waren, verbeugte sich. „Ich habe keine Einwände, liebe Lady."

Sybill lächelte Minerva verschwommen an. „Mr Lovegood und ich haben das Menuett beide in unserer Jugend gelernt, weißt du", sagte sie.

Xeno nahm ihre Hand und führte sie in die Mitte des Raumes. Als Madam McTavish wieder Bachs Menuett in G* zu spielen begann, zeigten Sybill und Xeno den respektvollen Zuschauern, wie man es korrekt tanzte.

~oo0oo~

Hermione schaute nach Parkinson, die ihr mit einer Schroffheit zu verstehen gab, die in der Regency-Zeit als ziemlich unhöflich gegolten hätte, dass ihr Unterricht in Benehmen und Sitten des Regency erfolgreich verlaufen war. Sie betrachtete Hermione mit der Unverfrorenheit, die Hermione sie in der Schule hatte hassen lassen.

„Warum tust du nicht dieses blöde Clipboard weg und genießt zur Abwechslung einfach den Tag?", fragte Parkinson gereizt. „Geh und tanze mit dem Schulleiter oder sonstwas. Ich brauche es nicht, dass du wie eine kleine, emsige Biene um mich herumschwirrst, und ich bin sicher, die anderen Mädchen auch nicht."

Hermione presste die Lippen aufeinander, entschlossen, Parkinson nicht die Meinung zu sagen. Sie drehte sich auf dem Absatz um zum Gehen, aber Parkinson schoss noch etwas hinterher.

„Und bleib von Krum weg, wenn wir schon dabei sind – ich habe selbst vor, einen Vorstoß zu machen."

Das brachte Hermione dazu, zu stoppen und plötzlich interessiert über ihre Schulter zu schauen. „Ach ja?"

~oo0oo~

Draco war die einzige anwesende Person im Klassenraum für Geschichte der Magie, wo Professor Binns mit leiernder, monotoner Stimme über die politischen Auswirkungen für die Muggelregierung in den Napoleonischen Kriegen sprach. Hermione setzte sich an den Tisch neben ihm, wo er mit vor sich ausgestreckten Beinen und überkreuzten Knöcheln lümmelte, die Finger im Nacken verschränkt.

„Was tust du?", flüsterte sie.

„Ich halte ein Schläfchen", antwortete er. „Ich war vorbeigegangen, und der alte Junge leierte, ohne dass jemand hier war."

Hermione machte sich eine Notiz auf ihrem Clipboard, aber so schnell wie eine zustoßende Schlange riss Draco es ihr aus der Hand. „Wirst du damit aufhören?", fragte er gereizt.

Sie griff danach, aber er hielt es über seinen Kopf von ihr weg.

„Draco, gib mir das!", rief sie und ihre Stimme veranlasste Professor Binns, in seinem Monolog innezuhalten und sie anzusehen.

„Entschuldigung, Sir", sagte Hermione.

Binns nickte abgelenkt. „Versuchen Sie, nicht den Unterricht zu stören, Miss Garner", sagte er.

Draco sprang auf und verließ den Raum, und Hermione folgte ihm.

„Gib mir mein Clipboard", forderte sie. „Ich bin für dieses Event verantwortlich, weißt du – ich brauche mein Clipboard, um mich mit allem auf dem Laufenden zu halten!"

Draco ließ es zu, dass sie ihre Finger auf das Clipboard legte, aber er ließ es nicht los. „Hermione, dieses Ding läuft wie eine gutgeschmierte Muggelmaschine. Du hast ein Jahr lang daran gearbeitet. Würdest du einfach lockerlassen und es genießen?"

Sie runzelte die Stirn. „Wenn ich das tue, geht alles in die Binsen."

„Könntest du dir einfach ein einziges Mal selbst trauen?", fragte er und erlaubte ihr endlich, ihr Eigentum wieder an sich zu nehmen.

Sie schüttelte starrsinnig den Kopf.

Draco seufzte, die Hände auf den Hüften. „Fein. Ich mache ein Spiel daraus. Du machst für den Rest des Tages Pause und genießt die Aktivitäten. Morgen bei Frühstück kannst du mir danken – oh, und mir von all den Kerlen erzählen, mit denen du flirtest."

Hermione stolzierte davon, ohne ihm zu antworten, aber er hatte ihr eine Idee eingegeben, und es war nicht einfach, sie abzuschütteln.

~oo0oo~

Hermione ließ ihr Clipboard zurück, als sie das Schloss verließ mit dem Ziel Malfoy Manor. Sie hatte angefangen, ihre Reitstunden mehr zu genießen, als sie für möglich gehalten hatte, und sie hatte eine echte Zuneigung zu Firefly entwickelt, deren Manieren so angenehm waren wie ihre bequeme Gangart. Diejenigen aus der Anfängerstunde, die sich in der Lage gezeigt hatten, im Sattel zu bleiben (was mit Professor Mortelles Zauber nicht schwierig war), die Zügel korrekt zu halten und die Interessse daran geäußert hatten, wurden von Mr Black, dem Squib-Reitlehrer, dazu angewiesen, den Trab[1] zu versuchen.

Hermione runzelte die Stirn, während sie darum focht, den ihr gegebenen Anweisungen zu folgen, aber sie fand die schnellere Gangart holprig und unbequem – sie war sicher, ihr Hinterteil würde am Ende dieser Unterrichtsstunde viel empfindlicher sein! Zusätzlich zu ihrer Unzufriedenheit ritten die fortgeschrittenen Reiter über die Strecke für die bevorstehende Jagd, daher konnte sie nicht nach Belieben zuschauen, wie der Schulleiter und sein schöner Rapphengst durch die Luft über die Hindernisse schnellten, als seien sie ein Geist und ein Körper.

~oo0oo~

Harry stellte fest, dass er Talent dafür besaß, Duds zu reiten. Es flog ihm nicht so mühelos zu, wie es beim Reiten eines Besens gewesen war, aber er gewöhnte sich leicht an den Trab und verstand, wie er leichttraben musste, indem er sich auf und ab bewegte, um die Bewegung abzufedern. Er sah, dass Hermione mehr Schwierigkeiten damit hatte. Wie um alles in der Welt sollte ein Mensch im Damensattel reiten und dabei bei jedem zweiten Tritt aufstehen?

Die mittelmäßigen Reiter wurden entlassen, während die Anfänger noch ritten, und Harry bemerkte Malfoy am Paddockzaun, der ihm zusah. Er parierte durch und ließ Duds im Schritt in dessen Richtung gehen.

Malfoy saß mit lässiger Ungezwungenheit auf seinem Pferd und sah in seiner Regency-Reitkleidung auf seinem seidig glänzenden Schimmel aus wie jemand aus einem historischen Muggelfilm. Es beunruhigte Harry, wie sehr er das Frettchen mochte, wenn sie zusammen den einen oder anderen Sport trieben. Am Sonntagabend waren sie draußen geblieben und hatten Match für Match Badminton gespielt und darum gerungen, Oberhand über den anderen zu gewinnen – aber sie waren gut aufeinander abgestimmt, und sie waren gezwungen gewesen, den Wettbewerb mit einem Unentschieden zu beenden. Sie waren zu spät zum Abendessen gekommen, was ihnen einen bösen Blick von Hermione eingebracht hatte, und hatten den Abend im Herrenclub beendet, wo sie zu viel Portwein getrunken und ein Kartenspiel namens Piquet miteinander gespielt hatten. Das Frettchen hatte gewonnen, daher war Harry entschlossen, besser darin zu werden.

„Du bist nicht schlecht beim Reiten", betonte Malfoy. „Hast du Lust, etwas Netteres als Leichttraben auszuprobieren?"

Harry grinste über solch unqualifiziertes Lob. „Ja", sagte er.

Malfoy saß ab und öffnete das Paddocktor auf der gegenüberliegenden Seite und ließ Harry mit Duds durchreiten. Der Schimmel wieherte Duds leise zu.

„Al und Duds sind Freunde",[2] sagte Malfoy flapsig und zog ein kleines, schwarzes Ding aus seiner Tasche, das er mit einem lautlosen Spruch vergrößerte. Es war ein helmartiger, schwarzer Hut. „Setz den auf", wies Malfoy an und reichte ihn hinauf.

Wenn sie zu Pferd waren, hatte Malfoy die Führung; dies war eine stillschweitende Regel, der sie folgten, daher setzte Harry den schwarzen Helm auf. „Hast du gesagt, der Name deines Pferdes ist Al?", fragte er.

Malfoy schwang sich mit Leichtigkeit wieder in den Sattel, nahm die Zügel wieder auf und wendete sein Pferd. „Richtig heißt er Alabaster Moon, aber ich rufe ihn Al –"

„– weil es kürzer ist", endete Harry für ihn. Das ergab Sinn. Duds folgte Al automatisch, als ob er wüsste, dass Al und Malfoy die Anführer waren, und bald ritten sie Seite an Seite.

„Ich weiß nicht, wie es dir geht, Potter, aber mir ist das ganze im Kreis Reiten langweilig", sagte Malfoy. „Ich werde dir zeigen, wie sehr Reiten dem Fliegen ähneln kann."

Harry konnte sein Grinsen nicht unterdrücken. „Wahnsinn", sagte er beifällig.

~oo0oo~

Obwohl sie ihn nicht gesehen hatte, seit sie in den Ställen angekommen war, wartete Snape auf Hermione, als ihre Reitstunde vorüber war. Er stand neben Apollyon, und als sie sich näherte, trat er zu ihr und nahm Fireflys Trense.

„Leichttraben muss im Damensattel nahezu unmöglich sein", kommentierte er. „Leticia hat mir davon erzählt – sie sagte, manche Damen ertragen die Stöße einfach[3], und andere galoppieren direkt an."

Hermione war sich nicht sicher, was all diese Begriffe bedeuteten, aber sie genoss es, auf den Schulleiter hinunterzusehen, in seiner Reitkleidung und mit der Sonne auf dem Haar, die es fast blauschwarz erscheinen ließ, wie das Fell einen Panthers. Dass er sein Haar zurückgebunden hatte und dabei die Kante seines Kiefers entblößte, der selten hinter dem Haarvorhang zu sehen war, ließ ihn ihr irgendwie anders erscheinen. Und wenn er wie ein anderer Mensch erschien, war es nicht so irritierend für sie, dass sie sich so verflixt von ihm angezogen fühlte.

„Möchten Sie etwas anderes ausprobieren?", fragte er sie.

Zur Hölle, ja. Eine Runde im Heu mit diesem dunklen, leicht gefährlichen, unbekannten Zauberer würde ihren Tag retten. Und ein wenig Stress abbauen.

Aber dieser Gedankengang scheiterte, als Leticia Mortelle herüberkam und zu Hermione hinauflächelte, die Reitgerte unter den Arm gesteckt. „Lassen Sie mich Sie drängen, es zu tun", sagte sie. „Sie haben sehr hart gearbeitet, um dieses Unternehmen erfolgreich zu machen – jetzt ist es Zeit, sich zu entspannen und es zu genießen." Sie trat näher und sagte leiser, als wolle sie den Schulleiter aus ihrer Unterhaltung heraushalten. „Ihre Teilnahme ist an diesem Punkt wichtiger als ihre ständige Überwachung des Events, Miss Granger. Die Damen werden auf Sie schauen, um zu sehen, wie sehr sie selbst in die Vergnügungen der Epoche eintauchen dürfen." Sie wandte sich zum Gehen um und warf über ihre Schulter, „Nur Arbeit und kein Vergnügen machen Hermione zu einem sehr langweiligen Mädchen!"

Hermione sah zu, wie Professor Mortelle davonging, aber als sie wieder zum Schulleiter schaute, sah sie seinen Blick auf sich konzentriert.

„Bitte", sagte sie. „Bitte – lassen Sie uns etwas anderes ausprobieren."

Er nahm die lederne Führleine, die er in der freien Hand hielt – die sie für seine Zügel gehalten hatte – und befestigte sie an Fireflys Zaum.

„Wir werden an der Longe[4] den Kantergalopp[5] ausprobieren", sagte er und führte sie zurück in den Paddock. „Wenn Sie damit zurechtkommen – später in dieser Woche –, können wir einen Ritt über die Felder machen." Mit einem leichten Lächeln auf dem Gesicht sah er zu ihr auf. „Ich glaube, sie werden ihn ... angenehmer finden."

Hermione fühlte, wie ihr Herz schneller schlug, aber sie nickte nur und lächelte zurück. Wenn wie über die Felder ritten, würden sie alleine sein ... alleine.

Alles konnte passieren, wenn eine Frau mit einem Mann alleine war.

~oo0oo~

Anmerkung der Autorin:

Internetquellen zur Sprache des Fächers variieren stark voneinander, aber es scheint eine allgemein angenommene Tatsache zu sein, dass die Stäbe des Fächer and die Lippen zu führen bedeutet: „Küss mich".

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Anmerkungen der Übersetzerin:

* Das Menuett in G stammt aus dem Notenbüchlein der Anna Magdalena Bach und ist eines der bekanntesten Stücke daraus. Ihr findet es auf Youtube z.B. hier:
www . youtube watch?v=RDRGrfIniz

[1] Der Trab ist eine Gangart des Pferdes, bei der es sich in einem Zweitakt mit einer dazwischenliegenden „Schwebephase" (alle vier Füße sind gleichzeitigin der Luft) fortbewegt. Viele Anfänger empfinden den Trab als die schwierigste Gangart, weil er je nach Motorik des Pferdes starke Stöße verursacht.

Grundsätzlich gibt es drei Möglichkeiten, Trab zu reiten:

a) Leichttraben: Hierbei wechselt der Reiter rhythmisch zwischen Einsitzen und Aufstehen im Sattel. Diese stetige Auf- und Abbewegung ist bei einem Pferd, das sehr schwungvolle Bewegungen hat, am leichtesten zu reiten, wenn man erst einmal den Rhythmus gelernt hat. Übliche Reitweise zum Lösen des Pferdes, bei jungen Pferden und im Gelände.

Das Leichttraben im Damensattel ist möglich, aber sehr gewöhnungsbedürftig und sehr viel schwieriger als im Herrensattel.

b) Aussitzen: Hierbei bleibt der Reiter im Sattel sitzen und fängt die Stöße aus der Hüfte ab. Übliche Reitweise in der Dressur. Im Damensattel bei einem Pferd mit weichen Bewegungen gut zu sitzen, bei sehr schwungvollem Trab mit starker Rückenaktion schwierig zu sitzen.

c) Leichter Sitz: Hierbei erhebt sich der Reiter aus dem Sattel und federt die Bewegung des Pferdes über das Fußgelenk ab. Übliche Reitweise beim Springen.

[2] Pferde bilden innerhalb der Herde in der Tat Zweier-Freundschaften. Befreundete Pferde stehen beieinander, fressen und dösen miteinander und betreiben gegenseitige Fellpflege.

[3] Heißt: Sie sitzen den Trab aus, siehe Anm. 1b.

[4] Die Longe ist eine lange Führleine, an der der Longenführer das Pferd auf einer großen Kreislinie um sich herumlaufen lässt. Anfänger werden für ihre ersten Reitversuche häufig zunächst „an die Longe genommen", weil sie sich dabei ganz darauf konzentrieren können, ihr Gleichgewicht zu finden, ohne dass sie das Pferd aktiv steuern müssen.

[5] Kantergalopp ist ein im Deutschen wenig gebräuchlicher Begriff für einen leichten, ruhigen Galopp. Er ist aufgrund seiner schaukelartigen Bewegung im Dreitakt für Anfänger meist sehr viel leichter zu sitzen als der Trab.