Kapitel 14a

Dienstag, 6. August 2002
Vormittag

Ron ging in finsterer Katerstimmung zum Frühstück hinunter. Sein Kopf dröhnte, er hatte schlecht geschlafen, aber das Schlimmste war, dass er sich wie ein Versager fühlte. Hermione wollte nicht einmal mit ihm reden. Seit er elf Jahre alt war, hatte er sie geliebt – sein halbes Leben lang! – und jetzt hatte er sie verloren.

Oder hat sie mich verloren?, dachte er, ließ das Essen stehen und schenkte sich stattdessen eine Tasse starken schwarzen Tee ein. Dad sagt, dass ich vielleicht mehr die Idee geliebt habe, eine Freundin zu haben, als die Person selbst. Aber sie ist die klügste Hexe, die ich kenne, und kein anderes Mädchen kann jemals wie sie verstehen, was wir alles durchgemacht haben.

Er trug den Tee in den Salon, der verlassen lag, öffnete die Glastüren und ging hinaus in den Garten, den Neville dort angelegt hatte, um dem Schloss Landhausflair zu verleihen. Während die Sonne auf ihn schien, trank er seinen Tee und rätselte an den Fakten. Liebte er Hermione? Hölle, ja, das tat er – aber war es die Art Liebe eines Liebhabers? Harry sagte immer, dass er Hermione wie eine Schwester liebte, aber Ron hatte mit ihr geschlafen – und ein Kerl hatte keinen Sex mit seiner Schwester.

Er trank seine Tasse aus, setzte sie auf einer steinernen Bank ab und mit den Händen in den Hosentaschen begann er zu laufen.

Sein Dad hatte aufgezeigt, dass ein Mann nicht immer seine erste Liebe heiratete. Nicht, dass Ron an einer Ehe Interesse hatte – nicht jetzt, er war viel zu jung dafür –, aber eines Tages wünschte er sich eine Frau und Kinder und ein kleines Haus in der Nähe von Ottery St Catchpole. Hermione war mit diesem Plan nie allzu glücklich gewesen. Sie wollte nicht zu nah bei seiner Familie wohnen, weil sie dachte, sie hätten keine Privatsphäre. Und sie wollte keine große Familie. Vielleicht ein Kind, sagte sie, wenn sie Karriere gemacht hatte, und sie sich ein Kindermädchen leisten konnten, das sich um das Baby kümmerte, wenn sie wieder arbeitete – aber das machte Ron Kummer. Eine Hexe sollte zu Hause bleiben und ihre Kinder aufziehen, sie unterrichten, bis sie nach Hogwarts gingen … Hermiones Prioritäten schienen verrutscht zu sein und waren es aus Rons Sicht immer gewesen.

Dennoch erinnerte er sich, wie glücklich sie gewesen waren, ehe sie von der Arbeit so besessen geworden war. Niemand konnte behaupten, dass sie nicht glücklich gewesen waren. Zur Arbeit gehen, nach Hause kommen, um die Kleidung zu wechseln, dann für einen Happen und ein Pint ins Pub hinunter, sich entspannen, mit Freunden trinken … und zurück in ihre Wohnung für eine Runde Sex. Es war verflixt ideal gewesen.

Dann war sie bei der Arbeit befördert worden, und ehe er es wusste, wurden ihrer beider Leben von ihrem Job und ihren Arbeitsprojekten bestimmt. Es machte ihn wieder ganz und gar ärgerlich, auch nur daran zu denken.

Mit zusammengepresstem Kiefer blieb er stehen. Dad hatte ihm in seinem ernsthaftesten Ton erklärt, dass jedes Mädchen es verübeln würde, in einem Pokerspiel verwettet zu werden, und keines von Rons Argumenten, dass es nur ein Pergament und kein Mädchen gewesen war, das er verwettet hatte, hatte die Meinung seines Vaters beeinflusst. Dad ließ das nicht gelten.

Fein. Wenn Ron etwas falsch gemacht hatte, war er willens, seinen Stolz zu schlucken und das Richtige zu tun.

Alles, was er jetzt tun musste, war herauszufinden, was das Richtige war. Er starrte über den See hinaus und dachte lange Zeit nach. Schließlich nickte er. Es schien ihm, als gäbe es Zeiten, wenn alles, was ein Bursche tun konnte, um seiner Hexe seine Liebe zu beweisen, etwas … spektakulär Dummes war …, und er war genau der Richtige, das zu tun.

~oo0oo~

Hermione schlief und gut, ohne verstörende Träume. Als sie erwachte, strömte Licht durch die hohen Fenster in ihr Zimmer, und sie schreckte alarmiert hoch – bis sie sich ihres neuen Projekts erinnerte. Sie musste den Laden nicht mehr schmeißen, weil er ein Selbstläufer war. Nein, sie nahm an der Regency-Woche teil – tauchte selbst Jane Austens Welt ein –, und das bedeutete, dass sie als Letzte statt als Erste unten zum Frühstück erscheinen konnte.

Sie streckte sich und ging zur Waschschüssel auf ihrem Toilettentisch, um sich Wasser ins Gesicht zu spritzen. Sie war von einer ungewohnten Empfindung erfüllt, die sie nicht benennen konnte, die ihr aber willkommen war. Dieses Gefühl schien die Welt heller erscheinen zu lassen, die Farben kräftiger und die Aussicht auf den Tag, der vor ihr lag, wie eine bunte Mischung, aus der sie ihre Wonnen wählen konnte.

Sie nahm ihren Kamm in die Hand und begann, sich zu frisieren, und was sie im Spiegel sah, gefiel ihr. Sie streckte ihrem Spiegelbild die Zunge heraus und kicherte nur, als der Spiegel sie schalt.

„Wenn du keinen Selbstrespekt hast", beklagte er sich, „berücksichtige wenigstens meine Gefühle!"

Hermione wandte sich ab zu ihrem Kleiderschrank. „Du bist ein Spiegel – du hast keine Gefühle!"

Sie kleidete sich an und schlüpfte mit den Füßen in die blauen Ziegenlederschuhe, die bereits Tragespuren zeigten – wie hatten die Regency-Leute ihre Sachen sauber gehalten? –, und öffnete ihre Tür. Sie starrte hinunter ans Ende des Korridors, wo Schatten eine Tür zu den Räumlichkeiten des Schulleiters verbargen. War Severus noch dort? Wäre es zu dreist von ihr zu klopfen, um es herauszufinden?

Nach einem inneren Ringkampf beschloss sie, dass es für Hermione nicht zu dreist wäre, jedoch wäre es undenkbar für Miss Granger, die korrekte Regency-Lady. Daher ging sie zum Frühstück hinunter und fühlte den Drang, auf dem Weg eine fröhliche Melodie zu summen.

Auf dem Treppenabsatz im dritten Stock traf sie Penny. „Du bist spät dran heute Morgen", beobachtete Hermione.

Pennys Lippen pressten sich zusammen. „Ich habe gerade dasselbe über dich gedacht."

Hermione war von ihrem Ton überrascht. „Bist du sauer auf mich?", fragte sie.

Penny zuckte mit den Schultern, eine Geste, die nicht zu ihr passte – Penny war immer so freundlich und … nachgiebig gewesen. Während sie die Treppen hinuntergingen, sah Penny stur geradeaus und sagte, „Du dominierst die Zeit des Schulleiters und all seine Aufmerksamkeit! Ich dachte, dies wäre meine Chance, ihn kennenzulernen, aber du lässt mich nicht!"

Hermione spürte die erste unangenehme Empfindung des Vormittags, und es verärgerte sie, dass so etwas passieren musste. „Er ist meine Eskorte, Penny", verwies sie in leicht scharfem Ton. „Es tut mir leid, wenn dir das nicht behagt, aber was ist, ist. Du wirst ihm später nachstellen müssen, wenn die Regency-Woche vorbei ist. Warum lädst du ihn nicht einfach zum Abendessen ein oder so?"

Penny sah verstimmter denn je aus. „Wenn das so einfach wäre, hätte ich das längst getan!", rief sie.

Sie hatten die Große Halle erreicht, und ohne auf Hermiones Antwort zu warten, schob sich Penny an ihr vorbei, ging hinein und setzte dabei ein Lächeln auf. Hermione blieb einen Moment in der Eingangshalle stehen und bedauerte das Entschwinden ihrer euphorischen Stimmung, und das durch die Person, von der sie es sich am wenigsten hatte vorstellen können. Konnte Penny eifersüchtig auf sie sein?

Allein der Gedanke war lächerlich – Penny war größer und dünner und hübscher und blonder –, aber zumindest brachte es sie zum Lachen.

„Ich freue mich, Sie in so guter Stimmung vorzufinden", murmelte eine seidige Stimme hinter ihr.

Schnell wandte Hermione sich um und sah den Schulleiter. Plötzlich wurde sie Opfer einer Anzahl von Reaktionen – ihr Herz pochte schneller, ihr Bauch schlug einen Purzelbaum, ihre Hände begannen zu zittern, und ihr Atem blieb ihr im Halse stecken. Sie schluckte und kämpfte innerlich um ihre Fassung. Du liebe Zeit, all dieser Aufruhr für einen wie Snape?

Severus, erinnerte ihr Gehirn sie, und ehe sie es aufhalten konnte, erschien ein Lächeln auf ihren Lippen. Sie hob ihre Augen zu seinen und sah, dass er sie intensiv beobachtete. Ja, für Severus – ihren Freund und Partner und Begleiter. Es war nichts Falsches daran, durch die Aufmerksamkeiten eines attraktiven Mannes ein wenig nervös zu werden. Schließlich war es sogar recht regency-esk.

Und mit der Akzeptanz der eigenen Reaktion war ihr Glücksgefühl wieder zurück, einfach so.

„Haben Sie gut geschlafen?", fragte sie ihn, und die Intimität ihres Gespächs vom Abend zuvor war greifbar zwischen ihnen.

Er nickte. „Genau wie Sie. Ich brauche nicht zu fragen, denn die Rosen auf Ihren Wangen sprechen für sich."

Ohne zu fragen, nahm er ihre Hand und führte sie in die Große Halle. Ron war am Tisch; er saß zwischen Romilda und Gabrielle, aber es schien ihm nicht zu gefallen. Tatsächlich beobachtete er Hermione und Severus mit gerunzelter Stirn.

Nun, er würde ihr Vergnügen an diesem Morgen und an ihrer Gesellschaft nicht dämpfen – sie würde es ihm nicht erlauben. Mit Ron zusammen zu sein – mit ihm zu sprechen –, hatte ihr nie das Gefühl von Behaglichkeit und Sicherheit gegeben, das sie in der Nacht zuvor erlebt hatte, als sie mit dem Mann an ihrer Seite Vertraulichkeiten durch die Mauer ausgetauscht hatte.

~oo0oo~

Hermione so zu Snape – Snape! – aufschauen zu sehen, bedeutete für Ron das absolute Ende. Er konnte nicht zulassen, dass dies noch einen Tag weiterging. Der widerliche Depp verzauberte sie irgendwie – vielleicht mit einem Zaubertrank in ihren Getränken –, und es war Rons Pflicht, Hermione vor ihm zu beschützen, wenn sie nicht in der Lage war, es selbst zu tun.

Romilda legte eine Hand auf seinen Arm. „Es ist schwer, eine Ex mit jemand Neuem zu sehen", sagte sie ruhig. „Ich weiß, wie du dich fühlst."

Ron starrte auf sie herunter. „Du weißt überhaupt nichts darüber."

Romilda biss sich auf die Lippe und beugte sich näher zu ihm. „Oh Ron, kannst du es nicht sehen? Sie ist einfach furchtbar zu dir! Sie hat dich nie richtig zu schätzen gewusst – nein, nicht einmal, als ihr noch in der Schule wart!"

Ron fühlte, wie sich sein Inneres vor Selbstverachtung zusammenzog. Möglicherweise war Hermione nicht die beste Freundin gewesen, aber er war auch nicht der beste Freund gewesen, und wenn sie jetzt sauer auf ihn war, war es sein eigener verdammter Fehler – und es war höchste Zeit, dass er etwas dagegen unternahm.

Er erhob sich vom Tisch und ließ dabei Romildas Hand von seinem Arm fallen. „Ich weiß, dass du versuchst, nett zu sein", sagte er zu ihr, „aber du hast keine Ahnung, worum es hier geht."

Er straffte seinen Rücken und ging den Tisch entlang dorthin, wo Snape am Kopfende saß, eine Schale Porridge und eine Tasse schwarzen Kaffees vor sich. Eine sehr verkniffen aussehende Penelope Clearwater saß zu seiner Linken mit Dennis Creevey neben sich, der sein Essen mit großem Enthusiasmus in sich hineinschaufelte. Hermione saß an Snapes rechter Seite und gab Erdbeermarmelade auf ihren Toast, und niemand von ihnen bemerkte Ron, bis er sprach.

„Ich möchte Sie gern sprechen, Snape", sagte er kalt.

Der Schulleiter antwortete träge. „Sicher, Mr Weasley – ich nehme an, Sie möchten das vertraulich tun?"

Snape ließ seinen Blick zu Hermione schweifen, dann zurück zu Ron.

„Das stimmt", bestätigte Ron.

„Sehr gut", sagte der Schulleiter. „Nach dem Frühstück werde ich im Klubraum sein, um die Zeitung zu lesen. Sie können mich dort antreffen."

In Snapes Ton las Abweisung, aber dann sprach Hermione und hielt Ron zurück. „Das wird nicht gehen", erhob sie Einspruch und richtete ihre Bemerkung an Snape. „Nach dem Frühstück ist Tanzunterricht."

Snape hob in seiner anmaßenden Art eine Augenbraue, aber Hermione schien das nichts auszumachen. „Haben Sie vor, dann heute beim Tanzunterricht in Erscheinung zu treten?", sagte er gedehnt.

Daraufhin sah Hermione ihn an wie die Katze, die den Sahnetopf ausgeschleckt hatte. Flirteten sie miteinander? Rons ballte die Fäuste.

„Natürlich", antwortete Hermione mit funkelnden Augen.

Verflixt. Wann hatte Ron sie zum letzten Mal so verspielt gesehen?

„Nun denn, Weasley, ich nehme an, dann wird es bis nach dem Tanzunterricht warten müssen", sagte Snape, aber er schaute immer noch zu Hermione.

„Nein!", widersprach Hermione. „Nach dem Tanzen ist Reiten, und wir müssen an meinem Kantergalopp arbeiten, wenn ich jemals mit Ihnen zusammen reiten soll!"

Ron fühlte sich, als sei er in eine Art alternatives Universum geraten; der ganze Austausch, dessen Zeuge er war – an dem er teilnahm –, war surreal. Es gab keinen anderen Weg, dies zu beschreiben.

Snapes Gesichtsausdruck änderte sich – Ron hätte nicht sagen können, wie genau, denn ganz sicher lächelte er nicht –, aber seine Augen schienen irgendwie wärmer zu werden.

„Natürlich", murmelte Snape, und Hermione kicherte. Ihre Augen trafen Snapes, und es war für jedermann in Sichtweite offensichtlich, dass sie einen vertrauten Moment miteinander teilten

Ron kämpfte gegen den Brechreiz. Penny sah aus, als würde sie gleich weinen.

Als Snape sich darauf besann, von Hermione wegzuschauen, wandte er sich wieder an Ron. „Ich denke, dann wird es nach dem Mittagessen sein müssen", sagte er. Mit einer komischen Pause sah er dann zu Hermione. „Wenn Ihnen das genehm ist, Mil … Miss Granger."

Ron starrte Snape arwöhnisch an. Er war dabei gewesen, sie mit einem anderen Namen anzusprechen – Ron war sich dessen sicher. Und das zufriedene Lächeln auf Hermiones Gesicht – jenes, das sie in ihrer Teetasse zu verbergen suchte – bedeutete, dass sie in irgendeiner Art eben einen Treffer erzielt hatte.

„Durchaus genehm, Sir", murmelte sie.

Es brauchte Rons ganze gute Kinderstube, ihn davon abzuhalten, Snape von seinem Stuhl zu reißen und ihn niederzuschlagen. Als er sich wieder zutrauen konnte zu sprechen, nickte er und sagte, „In Ordnung. Ich treffe Sie nach dem Mittagessen im Klubraum."

Er wandte sich ab, um von ihnen wegzugehen und focht dabei gegen den Drang zurückzuschauen. Seine Sorge war, sie miteinander lachen zu sehen, falls er es tat. Das wäre nicht so schlimm gewesen, wenn er dachte, dass sie über ihn lachten – aber er hatte ein böses Gefühl, dass sie das nicht taten. Tatsächlich war er sich ziemlich sicher, dass er einen sehr armseligen Dritten in dem ganzen Gespräch abgegeben hatte. Seine Anwesenheit war gänzlich überflüssig gewesen außer als eine Rückwand, gegen die Snape und Hermione Testschüsse gegeneinander abfeuern konnten.

Seine Freundin benutzte nicht einen anderen Mann, um ihn eifersüchtig zu machen. Sie dachte überhaupt nicht an ihn.

~oo0oo~

Unter McGonagalls scharfem Blick tanzte Severus mit Hermione im Tanzunterricht das Menuett. Er dachte, dass er nie zuvor gleichzeitig so viele Verbeugungen und Knickse gesehen hatte, und er wäre zutiefst gelangweilt gewesen, hätte seine Partnerin bei der Übung nicht so glücklich ausgesehen. Etwas an ihr hatte sich verändert, das er nicht genau definieren konnte. Zweifellos war sie besserer Stimmung, als sie es vierundzwanzig Stunden zuvor gewesen war. Irgendwann im Verlauf des gestrigen Tages hatte Hermione Granger beschlossen, dass sie ihre eine Woche der Regencyzeit-Aktivitäten genießen würde, und sie hatte dies fortgeführt. Es war eine bemerkenswerte Veränderung – noch dazu eine verdammt hinreißende.

Als der Tanzunterricht vorüber war, eilte Hermione davon, um sich zum Reiten umzukleiden, aber Minerva hielt Severus auf und drängte ihn geschickt in eine Ecke. Wie zum Teufel schaffte die Frau es, wozu kein Todesser jemals in der Lage gewesen war?

„Hast Du Deine Lesung für heute Abend ausgewählt, Severus?", forderte sie und ließ es klingen, als frage sie einen Übeltäter aus dem ersten Schuljahr nach seinen Hausaufgaben.

„Welche Lesung?", forderte er sie heraus und hörte sich selbst so trotzig wie einen ihrer Schüler klingen.

„Heute Abend ist der Dramatische Lesungs- und Musikabend", erinnerte McGonagall ihn in einem Ton, der sauer genug war, um Löcher in Wollstoff zu hinterlassen. „Es steht seit zwei Monaten auf deinem Zeitplan! Ich weiß es, weil ich es daraufgeschrieben habe."

Severus reckte den Hals, um ihr auf der Suche nach einem Fluchtweg über die Schulter zu sehen.

Ihre Stimme wurde lauter, und Severus begann sich zu sorgen, dass die Nachzügler aus dem Unterricht, die den Trophäenraum noch nicht verlassen hatten, hören würden, wie der Schulleiter von seiner Stellvertreterin heruntergeputzt wurde.

„Falls mir Teilnehmer fehlten, Schulleiter, hast du mir versichert, dass ich mich darauf verlassen könne, dass du –"

Severus platzte und zischte die Worte wie Magma. „In Ordnung, in Ordnung, alte Frau! Lass es gut sein! Ich mache es. Jetzt tritt zurück."

McGonagall sah sehr selbstzufrieden aus, als sie die Arme vor der Brust verschränkte und stehen blieb. „Ich wusste, dass du lesen würdest", sagte sie süffisant.

Severus riss der Geduldsfaden, und er trat absichtlich zu dicht an sie heran, und endlich wich sie zurück und ließ ihn an sich vorbei.

„Und denk dran – nichts nach 1820!", rief sie ihm nach.

„Ich kenne die Daten des Regency", murmelte er zornig und flüchtete aus dem Trophäenraum.

~oo0oo~

Harry drückte sich vor der Tanzstunde – er hatte sich jeden Tag davor gedrückt. Das Letzte, was er brauchte, war, dass irgendein Mädchen dachte, er schenke ihr Aufmerksamkeit, und Ideen entwickelte hinsichtlich des Jungen, der lebte. Harry war nicht eingebildet genug zu denken, dass irgendjemand ihn speziell unwiderstehlich finden könnte, aber der Junge, der lebte – diese mythische, heroische Gestalt –, war etwas ganz anderes.

Stattdessen zog er seine Reitkleidung an und reiste über das Flohnetzwerk nach Malfoy Manor.

Während er den Pfad zu den Ställen entlangging, staunte er, wie sehr er innerhalb so kurzer Zeit inzwischen Pferde mochte – und sie zu reiten. Natürlich unterstellte er, dass Vollblüter aus einem Privatstall zu reiten anders war, als im Hyde Park für neunundneunzig Tacken pro Stunde ein Pferd von zweifelhaftem Charakter zu mieten. Und jemand Kompetenten zu haben, der einem die Grundlagen zeigte – wie Sirius' Squibcousin, Horologium Black … oder Malfoy, der als Gefährte gar nicht so übel war, um über die offenen Felder zu galoppieren oder Sport zu treiben oder Karten zu spielen –, nun, jemanden zu haben, der einen unterrichtete und aus Schwierigkeiten heraushielt, war unbezahlbar.

Der Hauptstall lag direkt vor ihm, aber seitlich gab es ein ähnlich gebautes, kleineres Gebäude. Harry hatte sich immer gefragt, was sich darin befand, daher ging er zu der teilweise offenen Tür und spähte hinein. Der Geruch von Pferden, Stroh, sowohl sauber wie beschmutzt, war genau der gleiche wie im Hauptstall – was bedeutete, dass drinnen mehr Pferde sein mussten.

Er schlüpfte hinein und sah, dass die Boxen hier viel größer waren. Hielten sie hier mehr als ein Tier in einer Box? Er lief die breite Stallgasse entlang, und ein paar Pferde streckten ihre Köpfe über die Boxentüren und wieherten ihm leise zu – ein Geräusch, das ihn immer grinsen ließ. Als er jedoch die hinterste Box erreichte, holte er entsetzt Luft.

Das Tier in der Box hatte einen wunderschönen, eleganten Kopf, ein kräftig rotes Fell mit vier weißen Strümpfen. Aber die Mitte seines Körpers war enorm, aufgedunsen – gebläht bis an den Punkt, dass Harry sicher war, dass etwas sich darin bewegte.

„Hast du dich verlaufen, Potter?"

Harry wandte sich Malfoy zu, beinahe erleichtert, ihn zu sehen. „Draco – was ist mit diesem Pferd los?"

Der richtige Name des Frettchens kam aus seinem Mund, ohne dass er darüber nachdachte, und ausnahmsweise einmal erschien es ihm nicht wichtig zu sein, Schwäche … äh, Freundlichkeit gezeigt zu haben.

Malfoy grinste, aber es war kein unangenehmer Ausdruck, denn schnell wurde daraus ein Glucksen, als er zu Harry hinging. „Es ist alles in Ordnung mit Perse – nicht wahr, Mädchen?" Er öffnete die Boxentür und ging zu der Stute hinein, nahm ihr Halfter und streichelte ihr Maul.

Harry folgte zögernd, aber Malfoy warf ihm einen grauäugigen Blick zu, den er nicht zu interpretieren vermochte, dann ergriff er sein Handgelenk und zog seine Hand auf den Hals der Stute.

„Es ist alles in Ordnung mit ihr – sie ist trächtig und kann mit jedem Tag ihr Fohlen bekommen", erklärte Draco und wandte seine Aufmerksamkeit wieder dem Pferd zu, die Augen fest auf die Stute gerichtet.

Harry wechselte von einem Fuß auf den anderen und dachte, dass er zu dicht bei Malfoy stand – aber wenn es Malfoy nicht störte, dann störte es ihn auch nicht. Es war wirklich sehr warm – er war sich ziemlich sicher, dass ihm der Schweiß auf der Stirn stand –, und es fiel ihm schwer zu denken. Aber er zwang sich, sich zu konzentrieren.

Mit großer Mühe brachte er heraus, „Wie heißt sie? Purse? Wie eine Handtasche?"*

„Nun, ihr Name ist Persephone, aber ich –"

Jetzt war Harry an der Reihe zu lachen, und er warf Malfoy einen schrägen Blick zu. „Sag es nicht – ich weiß, wie es läuft. Perse ist kürzer."

Aber Malfoy sah ihn bereits an, und als ihre Augen sich trafen, schien die Box plötzlich kleiner zu sein und keine Luft mehr zu beinhalten. Zusätzlich dazu, dass er sich nicht bewegen konnte, war Harry jetzt auch nicht in der Lage wegzusehen. Er stand erstarrt auf der Stelle, eine Hand streichelte wiederholt die kastanienfarbene Stute, während er den Impuls spürte, stattdessen Malfoy – Draco – zu berühren. Das seidige, weißblonde Haar sah aus, als fasse es sich noch weicher an als das Fell der Stute …

Die Stute warf ihren Kopf hoch, stieß Malfoy an und unterbrach den Starrwettbewerb. Malfoy lachte und gab Perse ein abschließendes Tätscheln. „Kein Zucker für dich, mein Mädchen – du willst wieder in Rennform kommen, sobald der kleine Unbekannte das Licht der Welt erblickt hat."

Harry erkannte einen Fluchtweg, wenn er ihn sah, und zog sich aus dem Stall zurück. Er wandte sich ab und ging aus dem Gebäude wieder in den Sonnenschein, wo das Intermezzo mit Malfoy in seinem Kopf eine traumartige Wertigkeit anzunehmen begann.

Gut. Unter diesen Umständen würde er es bis zum Mittagessen komplett vergessen haben.