Kapitel 15

Dienstag, 6. August 2002
Das Schachspiel und seine Folgen

Severus verlagerte sein Gewicht auf dem hölzernen Stuhl mit der geraden Lehne und widerstand dem Drang, sich den Schweiß von der Stirn zu wischen. Ein leicht parfümiertes Taschentuch – ihr Pfand, das sie ihm vor dem Pokerspiel als Glücksbringer gegeben hatte – steckte in seiner Tasche, um ihn an seine Aufgabe zu erinnern, nicht, um die Schweißtropfen an seinem Haaransatz zu trocknen.

Alles, was er vernünftigerweise tun konnte, um seinen Erfolg sicherzustellen, hatte er getan: Er hatte die Bände der großen Schachmeister in der Schulbibliothek zu Rate gezogen. Als Abschiedsgeste hatte er die Worte des (seiner Meinung nach) bedeutendsten romantischen Dichters von sich gegeben, während er Hermione Granger in die Augen gesehen hatte. Dann hatte er seinem Gegner über dem karierten, hölzernen Brett die Hand geschüttelt und sich niedergesetzt, um sein bestes Spiel zu spielen.

Mehr konnte er nicht tun.

Miss Granger hatte Ronald dafür gehasst, dass er seine Zeit mit ihr im Poker verspielt hatte – würde sie Severus dafür verachten, dass er an diesem Wettstreit teilnahm? Was wusste eine Frau über Tapferkeit und Ehre aus der Sicht eines Mannes? Was wusste überhaupt jemand über diese Dinge in diesen Tagen, in dieser Zeit? Und selbst wenn sie ihm zuhörte, würde Severus sich zu rechtfertigen versuchen?

Er hatte es aufgegeben, sich zu rechtfertigen an dem Tag, an dem er sich Dumbledores Fahne verschrieben hatte und Doppelagent geworden war.

„Sie sind am Zug, Snape."

~oo0oo~

Hermione stieg die acht Stockwerke zu ihrem Zimmer hinauf, und ihre Miene war steinern trotz des Aufruhrs in ihrem Gemüt. Auf dem Treppenabsatz im zweiten Stock warf sie einen Blick in Richtung Bibliothek und sah eine kleine Menschenmenge, die aufgeregt im Korridor umhergingen. Sie würde sich ihnen nicht anschließen – nicht in tausend Jahren – nicht für eine Million Galleonen.

Wie konnten sie nur? Wie konnten die beiden Männer, die ihr am wichtigsten waren, sich ihr gegenüber so durch und durch respektlos verhalten, dass sie gegeneinander nicht einmal, sondern zweimal um ihre Gunst spielten, als sei sie eine – „Eine Heldin aus einem Regency-Roman?", flüsterte ihr Hirn. „Nein!", sagte sie laut. Mehr wie etwas, das die beiden dummen, chauvinistischen Machos als Objekt betrachteten.

Nun, sie würden ihren Fehler erkennen! Sie würde es ihnen zeigen! Sie war eine starke, unabhängige Hexe aus dem einundzwanzigsten Jahrhundert, keine abhängige, machtlose Frau! Wie eine Frau in der Regency-Ära?, fragte die Stimme wieder.

„Es ist nicht dasselbe", argumentierte sie.

Dennoch war die Frage eine Überlegung wert. Selbst Jane Austens Heldinnen waren sich ihres Mangels an Wahlmöglichkeiten im Leben deutlich bewusst. Was gab es wirklich im neunzehnten Jahrhundert, wonach sich eine Frau im einundzwanzigsten sehnen konnte? Warum blickten so viele Frauen in ihren Träumen zurück in eine Zeit, in der Frauen kraft Gesetz und Sitten wenig mehr als Vieh galten? Möglicherweise in Ehren gehalten und geschätzt, aber dafür machtlos – sofern ihnen nicht von einem Mann Macht verliehen wurde.

Zu dem Zeitpunkt, als sie ihr Zimmer erreichte, waren ihre Schritte zögernd. Crookshanks sprang von ihrem Bett hinab und strich um ihre Knöchel, als sie eintrat, aber außer ihn schnell hinter den Ohren zu kraulen, schenkte sie ihm keine Aufmerksamkeit. Stattdessen setzte sie sich an ihren Toilettentisch und starrte in den Spiegel in dem Versuch, ihre Gedanken zu ordnen.

Sie liebte Regencygeschichten und hatte sie als kleines Mädchen schon geliebt – nun, sie hatte sich in Mr Darcy verliebt, als sie Stolz und Vorurteil im Fernsehen gesehen hatte – sie konnte nicht viel älter als sechs oder sieben Jahre alt gewesen sein! Sie liebte die Kleidung, die Manieren, die Höflichkeit, die Verbeugungen und Knickse, und am meisten von allem liebte sie die starken, guten Männer.

Die Anziehung lag in der Romantik. Es war schlicht und einfach die Romantik. Sie und Tausende von Frauen sehnten sich genau wie sie nach diesem Hauch von Romantik in ihren Leben, und ein paar Stunden lang zwischen den Umschlagseiten eines Buches zu leben, das vollgestopft mit Romantik war, gab ihnen die Gelegenheit, sie zu besitzen. Sie biss sich auf die Lippe und starrte auf ihre Hände hinab. In ihrem Umgang mit Ron war wenig Romantik gewesen. Sie zweifelte nicht an seiner Fähigkeit dazu, aber sie hielt es für sehr wahrscheinlich, dass sie einfach nicht der Typ war, der diese Art von Benehmen bei ihm auslöste – vielleicht bei keinem Mann. Dennoch schien das Gefühl, das sich in den letzten beiden Tagen in ihr geregt hatte – die Hingezogenheit zu Severus, gepaart mit einer solch deutlichen Note impulsiver Sorglosigkeit – auch in ihm dieselben Impulse zu wecken. War das nicht der Beweis, dass solche Romantik im Leben existierte? Es waren nicht nur einfach die Kleidung und die Aktivitäten und die höflichen Worte der Regency-Woche, die ihre Gefühle auslösten! Es war Severus Snape selbst, und sie wäre der weltgrößte Dummkopf, wenn sie diesem Weg nicht folgte, so weit er sie führte – zumindest, bis die Regency-Woche endete, und das Leben wieder seinen normalen, langweiligen Gang ging.

War Severus im Unrecht, Ron eine Revanche zu erlauben, um den Zeitplan zurückzugewinnen, der zu ihrem passte? Ja, und sie würde ihm ihre Einwände sicher klarmachen – aber würde sie zulassen, dass dies dem Abenteuer, das sie genoss, ein unnötiges, vorzeitiges Ende setzte?

Zur Hölle, nein! Warum sollte sie?

Sie nahm ihren Kamm in die Hand und begann, ihre Löckchen zu ordnen, während sie vor sich hinsummte, wie sie es vor so vielen Stunden zu Beginn des Tages getan hatte. Wie lange brauchten Männer eigentlich für ein Schachspiel? Sie hatte Ron und Harry Spiele spielen gesehen, die fast vorüber waren, ehe sie richtig begannen, weil Ron so viel besser war im …

Erkenntnis überkam sie, und mit ihr kam schreckliche Angst. Was war, wenn Severus das Spiel verlor? Dachte er, er hätte auch Hermiones Gesellschaft verloren? Was war, wenn er in einer dummen, männlichen Zurschaustellung von Redlichkeit geplant hatte, sich ehrenvoll zu verhalten?

Die schreckliche Möglichkeit vertrieb alles andere aus ihrem Sinn. Wenn das Spiel vorbei war, musste sie Severus finden und ihn irgendwie wissen lassen, dass sie immer noch ihn als Eskorte wollte, egal, wie schnell oder gründlich Ron ihn geschlagen hatte. Und wenn das Spiel noch nicht vorbei war, musste sie herausfinden, wie es lief.

Sie sprang von ihrem Stuhl auf und eilte Richtung Bibliothek.

~oo0oo~

Ron starrte auf das Schachbrett, während Snape über seinen nächsten Zug nachsann, aber es fiel ihm schwer, seine Gedanken beim Spiel zu halten. Wenn er sich nicht vollständig konzentrierte, kehrten seine Gedanken immer wieder zu Romilda und ihren Händen auf seiner Haut zurück. Sie schien ihn gern zu berühren, eine neue Erfahrung für ihn. Romilda war nicht schüchtern darin, ihr Begehren zu zeigen, oder? Und sie begehrte ihn, eine Tatsache, die sie sehr deutlich gemacht hatte. Wie vielen Männern passierte es, dass ein gutaussehendes Mädchen mit einer Flasche Öl in ihrem Zimmer auftauchte und eine Massage anbot?

„Sie sind am Zug, Mr Weasley."

Ron richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf das Spiel. Dies war wichtig. Er musste das Spiel gewinnen, damit er Snape zeigen konnte … zeigte …

Fast auswendig machte er seinen Zug. Überall in der Bibliothek waren Leute, und er war froh, dass er und Snape den Tisch genau in der Mitte für ihr Spiel gewählt hatten. Die meisten Zuschauer trieben sich aus Rücksicht auf die Schachspieler zwischen den Regalen herum, aber manche von ihnen standen direkt in Sichtweite und hofften wahrscheinlich, ihre Wetten zu gewinnen. George sagte, es sei die heißeste Wette der ganzen Woche einschließlich derer, als Harry und Draco mit verbundenen Augen Federball gespielt hatten.

Eine plötzliche Erinnerung an Romildas Parfüm kam ihm ungebeten in den Sinn. Es war moschusartig und blumig, viel schwerer als der Duft, den Hermione manchmal trug. Weil er fremdartig war, fand Ron ihn exotisch … und sexy. Sie hatte angeboten, ihn weiter zu massieren – hätte auf der Stelle Sex mit ihm gehabt –, und er hatte sie aus seinem Zimmer weggeschickt. Was war mit ihm los? Was für eine Art Kerl ließ einen solchen Freifahrtschein für unverbindlichen Sex sausen?

„Mr Weasley?"

Ron seufzte verärgert. „In Ordung. Machen Sie die Pferde nicht scheu!" Er schätzte die Lage auf dem Schachbrett ab, machte schnell einen Zug mit seinem Läufer und schlug einen von Snapes Springern. Als der Gefangene niedergeknüppelt war, war Snape wieder am Zug.

~oo0oo~

Severus wusste, dass Leute umherschlichen, aber er verbannte sie absichtlich aus seinem Kopf. Alles, was er sah, waren das Schachbrett und die Figuren, und während er den Plan ausführte, den er in der Bibliothek peinlich genau recherchiert hatte, spannte er jeden Nerv an, um sich zu konzentrieren. Wenn er sein Bestes gegen Weasleys bestes Spiel gab, würde er geschlagen werden. Wenn er aber in Bestform spielte an einem Tag, an dem Weasley Fehler machte, hatte Severus eine Chance.

Und er wollte die Chance zu gewinnen. In seinem Kopf war dies zu mehr als einem simplen Schachspiel geworden, in dem sie um den Besitz eines Pergamentstücks spielten, das auf dem Tisch zu seiner Linken lag, in gleichem Abstand von beiden Spielern. Es ging um sein Recht auf Hermione – auf den Platz an ihrer Seite –, und da er nun Gefahr lief, dieses Recht zu verlieren, gab es für ihn nichts Kostbareres mehr. Er wusste sehr genau, dass das Stück Pergament nicht die magischen Eigenschaften hatte, die er ihm zusprach – dass das Mädchen entscheiden würde, wen sie als Eskorte wünschte, egal, wer im Besitz des Zeitplans war, der auf ihren abgestimmt war –, aber den Besitz des Pergaments zu erlangen, war der Ausgangspunkt seiner Zeit mit ihr gewesen, und er war nicht willens, es zu verlieren.

Die Falle, die er aufgestellt hatte, war bereit, und allen Erwartungen entgegen hatte Weasley den ersten Schritt hinein gemacht, als er Severus' Springer geschlagen hatte.

~oo0oo~

Die Gruppe außerhalb der Bibliothek hatte den Anstand, beschämt auszusehen, als Hermione mit erhobenem Kinn zwischen ihnen durch zur Tür ging. Sobald sie die Bibliothek betrat, sah sie die Kontrahenten, aber sie wollte von ihnen nicht gesehen werden. Vorsichtig bewegte sie sich nach links und arbeitete sich durch den riesigen Raum mit der Sicherheit einer Frau, die einen Großteil ihrer Ausbildungsjahre genau an diesem Ort zugebracht hatte. Sie kannte jede Nische und jeden Winkel der Bibliothek von Hogwarts, und sie wusste genau, wohin sie wollte – weg von der Masse und an einen Punkt, von wo sie die Gesichter beider, Severus' und Rons, sehen konnte.

Als sie ihren Wunschplatz erreichte, konnte sie beide sehr gut sehen. Severus hatte sein finsterstes Stirnrunzeln aufgesetzt, als ob seine Missbilligung die Spielfiguren dazu einschüchtern könne, seinem Willen zu gehorchen. Ron sah andererseits ziemlich abgelenkt aus – sah in der Tat aus wie bei den meisten tiefschürfenden Diskussionen, die er je mit Hermione geführt hatte.

Bedeutete das, dass er dem Spiel keine rechte Aufmerksamkeit widmete? Dass Severus tatsächlich gewinnen könnte?

Es spielt keine Rolle, wer gewinnt!, informierte ihre innere Feministin sie – und Hermione wusste, dass dies stimmte. Egal, wer das Schachspiel gewann, einzig Hermione würde entscheiden, wen sie als Begleiter erkor. Aber wenn Severus gewann, würde er sich deswegen nachgiebiger verhalten …, zumindest glaubte sie das.

Und während sie ihren Seidenschal enger um sich zog, sah sie zu und wartete.

~oo0oo~

Rons unruhiger Geist fuhr fort, ihn mit Gedanken an Romilda zu plagen, auch wenn das Spiel weiterging. Snape war ein besserer Spieler, als Ron von ihm angenommen hatte; er hatte ein gutes Verständnis für Taktik, und seine Strategie war recht solide. Aber es war für Ron ein wenig schwierig, seine Gedanken bei der Sache zu halten, Snapes Streitkräfte zu dezimieren und seinen König gefangen zu nehmen, wenn ihm dauernd Visionen von Romildas Dékolleté in den Sinn kamen. Sie hatte ihn am allerersten Abend aufgefordert, am Vorderteil hinunterzuschauen – wie viele Frauen würden solch ein Angebot machen? Es war offensichtlich, dass ihr nichts besser gefiele, als Ron zwischen die Laken zu locken, aber sie war nicht einfach scharf darauf – sie war jetzt nicht hinter jedem in Fallfronthosen her, oder? Nein, sie konzentrierte all ihre Bemühungen und Aufmerksamkeit auf Ron Weasley und niemand anderen.

Und so sehr es ihn zuzugeben schmerzte, wenn er wirklich objektiv wäre, musste Ron sagen, dass Romilda hübscher als Hermione war. Ihre Augen waren dunkler, ihr Haar glänzender – und weniger buschig –, und ihre Figur war ein wenig schlanker. Romilda war genau die Art Mädchen –

„Weasley! Könnten wir weitermachen?"

Mit äußerster Willensanstrengung zerrte Ron seine Aufmerksamkeit wieder zurück auf das Spiel. Als er es tat, traf ihn die Aufstellung auf dem Brett mit einem Ansturm aus einer Mischung von Erkenntnis und Grauen.

„Schach", schnarrte Snape.

~oo0oo~

Severus fühlte das erste Aufblitzen von Jubel, als er Weasleys Überraschung sah – schnell gefolgt von konzentriertem Fokussieren. Ah, der Junge war aus seinen Tagträumen zurück, aber wenn Severus sich nicht irrte, war Weasleys schnelle Einschätzung – er sah sich um nach einem Weg, sozusagen die Stalltür zu schließen – zu spät: das Pferd war bereits zu weit weg, um wieder eingefangen zu werden.

Severus setzte eine ausdruckslose Miene auf und blieb völlig regungslos, während er darauf wartete zu sehen, was der Junge tun würde. Es war gut möglich, dass es einen Weg aus der Falle gab, von dem Severus nichts wusste. Aber seine Hoffnung war groß, denn wenn die Glücksgöttin ihm zweimal in einer Woche geneigt war, dann war er in der Tat ein Glückspilz.

Einen Moment später sah Weasley ihn mit einem gewissen Grad von Respekt an. „Sie sind ein Schlauer, Snape."

Severus fühlte, wie die Freude in seiner Brust um eine Stufe anschwoll, während er seinen Kopf neigte, um dieses große Lob zu akzeptieren, wie es jeder Slytherin tun würde. „Es ist freundlich, dass Sie das sagen", antwortete er gedehnt.

„Ah, gut." Weasley machte den einzigen Zug, den er noch hatte, nahm Severus' Läufer und sah zu, wie seine Dame den Läufer mit ihrem Szepter erschlug.

In wild wallender Euphorie nahm Severus Weasleys Dame, und seine Miene enthüllte nichts von seinen Gefühlen. „Ich glaube, dies ist Schachmatt", sagte er höflich.

Weasley prüfte das Brett mit analytischen blauen Augen und sah mit einem reuevollen Verziehen seiner Lippen auf. Guter Gott, würde der Junge ein guter Verlierer sein? Severus hätte einen Wutanfall vorgezogen, denn dann hätte er Weasley wegen mangelnden Sportgeistes verachten können. Solch gutes Benehmen verdiente zumindest Respekt.

„Ich gebe mich geschlagen, Schulleiter. Es ist Schachmatt."

Triumph explodierte in Severus, ein Rausch freudiger Erregung, die so mächtig war, dass er hilflos war, sie unter Kontrolle zu halten. Er wusste, dass die Preisgabe von Emotionen nicht länger ein Todesurteil für ihn bedeutete, aber solche Zurschaustellungen erschütterten ihn immer noch. Er ergriff Weasleys dargebotene Hand.

„Seien Sie gut zu ihr, Sir", sagte Weasley wie ein Muggel-Staffelläufer, der die Verantwortlichkeit für den Stab abgab.

Severus schnappte das Pergament und steckte es penibel wieder auf seinen Platz in seinem Notizbuch – eingebettet zwischen zwei Seiten, die bereits eine gepresste gelbe Blüte beherbergten.

„Seien Sie gut zu sich selbst, Mr Weasley", sagte er unverbindlich – und ein Geräusch in den Regalen zog seine Aufmerksamkeit auf sich. Eine Dame hastete wie eine Verrückte durch die Bibliothek – eine Dame, die Hermiones Seidenschal trug.

„Sie wird fuchsteufelswild sein", sagte Weasley, und sein Ton war seltsam … unterstützend.

„Verdammt!" Severus fluchte, und er schritt ihr hinterher.

~oo0oo~

Sie hörte Severus sprechen – hörte das Wort 'Schachmatt' –, aber dennoch traute sie ihren Ohren nicht. Sie hatte nie davon reden gehört, dass der Schulleiter ein besonders guter Schachspieler war – war es möglich, dass er Ron schlagen konnte?

Wäre es nicht wundervoll, wenn er das könnte?

Nein, es ist schändlich, dass sie auch nur daran denken, eine Revanche um mich zu spielen!, insistierte ihr rationales Selbst, aber Hermione war gerade nicht besonders an Rationalität interessiert. Die ganze, surreale Situation erschien sehr stark wie etwas aus einem Liebesroman, und all ihr Wissen über politisch korrekte Gesinnung konnte sie nicht davor bewahren, sie richtig auszukosten. Sie erinnerte sich an ein albernes Lied, das ihre Mutter auf einem altmodischen Plattenspieler gespielt hatte, als sie ein kleines Mädchen war, in dem die zukünftige Königin sang:[1]

Werden nie zwei um mich tjosten,
für mich des andern Waffe kosten?
Wo sind die Freuden der Mädchenzeit?

Wo sind meiner Weiblichkeit Podest
und Männer, die sich zum Narren machen?
Will mich denn keiner rauben oder zumindest
einen kleinen Krieg entfachen?

Die seltsam passenden Verse waren lächerlich gemeint, aber trotzdem …

Dann sprach Ron. „Ich gebe mich geschlagen, Schulleiter …"

Aber es war nicht Ron, den Hermione beobachtete – es war Severus –, und der wilde, ursprüngliche Ausdruck, der über sein Gesicht zog, traf sie mit einer Welle von Sehnsucht, die so stark war, dass sie auf ihren Füßen schwankte. Sie streckte eine Hand aus, um sich zu stabilisieren und traf ein Bücherregal, das sich unter ihrem Gewicht verschob, und sie war gezwungen, sich an der Kante eines Regalbretts festzuhalten, bis sie ihr Gleichgewicht wiedererlangt hatte.

Als sie sich wieder sicher auf ihren eigenen zwei Füßen fühlte, schüttelten Severus und Ron sich die Hände. Was würde er jetzt tun, außer nach ihr zu suchen? Sie musste gehen – sich verstecken! –, nein, aber sich beruhigen. Um sich auf die Diskussion vorzubereiten, die sie mit Severus führen musste über …

Sie drehte sich um, floh durch die Regalreihen und schlängelte sich ihren Weg durch die Menge, die nahe der Tür zusammengeschart war, und die jetzt kein Interesse an ihr hatte – sie beklagten alle laut den Verlust ihrer Wetteinsätze.

~oo0oo~

Ron sah mit einem seltsamen Mangel an Eifersucht zu, wie Snape in Hermiones Fahrwasser davonging. Das Ende seiner Beziehung mit ihr schien ihm plötzlich in einer Weise endgültig, wie es nicht gewesen war, als sie seinen Ring hingeworfen und sich selbst für „fertig" mit ihm erklärt hatte. Vielleicht war es nichts als ein Trick der Wahrnehmung, denn in Wirklichkeit hatte sich zwischen ihm und Hermione heute Abend nichts geändert. Die einzige Änderung war, dass er jetzt ihre Trennung akzeptierte.

Er war ein freier Mann – ein Single –, und er wusste genau, wem er diese Information mitteilen wollte.

Sie war nicht unter den unzufriedenen Spielern, die darauf gewettet hatten, dass er das Schachspiel gewann – die dämlichen Idioten wussten offensichtlich nichts über Schach, wenn sie dachten, dass jedes Spiel eine sichere Sache war. Daher ging er hinunter ins Erdgeschoss, und er fand sie im Großen Salon plaudernd mit einer Gruppe Mädchen. Alle tranken jetzt Tee, denn die musikalischen Aufführungen waren zu Ende. Ron hatte jedoch kein Interesse daran, Tee zu trinken.

Er schlüpfte hinter sie und murmelte in ihre glänzenden, dunklen Locken. „Komm mit zu einem Spaziergang im Rosengarten."

Romilda wandte sich zu ihm um, ihre dunklen Augen tanzten. Sie sagte nichts, sondern ließ ihre Teetasse auf einem Tisch stehen und schritt in die duftende, sommerliche Dunkelheit, während sie ihren Schal gegen die kühle Nachtluft eng um sich zog.

„Nun?", fragte sie, und als er in ihr Gesicht hinabsah, dachte Ron, dass sie hoffnungsvoll aussah – als ob sie hören wollte, was er ihr zu sagen hatte. „Hast du dein Schachspiel gewonnen?"

Er setzte sein gewinnendstes Grinsen auf. „Nö – ich musste die Revanche der Form halber spielen, weißt du –, aber ich habe mit Absicht verloren."

Sie sah schockiert aus. „Warum solltest du so etwas tun?"

Worte waren für Rons Absichten nicht immer passend, daher entschied er, stattdessen Taten sprechen zu lassen – und Romilda war für seine Erklärungen sehr empfänglich.

~oo0oo~

Sie hörte ihn ihr nachkommen, hörte seine Vorwärtsbewegung sogar trotz ihres donnernden Herzschlags. Warum sie floh, wusste sie nicht, war sich nicht sicher, warum er ihr nachging, aber der Impuls, ihre überstürzte Flucht fortzusetzen, war unwiderstehlich. Als sie den achten Stock erreichte – diese Woche hier zu übernachten musste ihr allein aufgrund der Bewegung fünf Pfund Gewichtsverlust eingebracht haben! –, eilte sie den Korridor entlang zu ihrem Zimmer.

Sie hatte fast ihre Tür erreicht, als er sie ansprach – auf dem ganzen, langen Weg von der Bibliothek bis hierher hatte er nicht einmal ihren Namen gerufen oder sie stehenzubleiben gebeten –, und Hermione erstarrte, die Türklinke fast in Griffweite.

„Warum laufen Sie vor mir weg?"

Sein Ton war beinahe traurig, wie die verwunderte Frage eines Freundes, den ihre Handlungsweise irritiert hatte, und sie antwortete instinktiv darauf, die vorherige Furcht vergessen.

„Ich laufe nicht vor Ihnen weg", protestierte sie und wandte sich zu ihm um.

Innerhalb eines Augenblicks war er neben ihr, und Hermione sah, dass der sanfte Ton seiner Stimme sie in die Irre geführt hatte, denn in seinen schwarzen Augen loderte immer noch das verrückte, jubelnde Licht, das sie in der Bibliothek gesehen hatte. Sie trat einen Schritt von ihm weg und griff hinter sich nach ihrer Tür, und er bewegte sich mit einem seltsamen, gefährlichen Ausdruck um seine dünnen Lippen mit ihr.

„Sie laufen immer noch, Milady – ich frage mich, warum?", fragte er, und seine Stimme war jetzt tief, schlich sich irgendwie in ihren Geist und erweckte wieder das Verlangen, das ihr die Knie weich werden ließ, und das sie schon in der Bibliothek erlebt hatte.

Unerklärlicherweise fühlte ihr Mund sich trocken an, und ihre Stimme reagierte nicht auf ihre Anweisung zu sprechen. Sie hatte – oh Gott, schau auf seine Augen, er starrt meine Lippen an – sie hatte Worte … wichtige Worte – niemand hat mich je angesehen, als wolle er mich verschlingen – wichtige Dinge zu sagen …

„Sie … Sie haben mich wie einen Gegenstand behandelt!", brachte sie heraus, und ihre Stimme war kaum mehr als ein heiseres Flüstern.

An ihren Schulterblättern fühlte sie die Tür, und ihr wurde klar, dass er sie so weit zurückgeschoben hatte, wie sie gehen konnte …, falls sie nicht den Türknopf drehte, aber dann wäre er in ihrem Schlafzimmer …

Er legte seine rechte Hand auf den Türpfosten neben ihrem Kopf, als wolle er einen Fluchtweg blockieren, weil er sie immer noch verfolgte. „Ich war dem Jungen eine Ehrenschuld schuldig, ihm eine zweite Chance zu geben", sagte er, während seine lang bewimperten, gefährlichen Augen über ihr Gesicht glitten, als wolle er es memorieren, aber immer wieder zu ihrem Mund zurückkehrten.

Die Schwäche, die in ihren verräterischen Knien in der Bibliothek begonnen hatte, wanderte nun in andere Teile ihres Körpers, denn sie fühlte sich, als bebe jede Faser ihres Seins – muss ihn haben … kann an nichts anderes denken –, und sogar ihre Stimme verriet ihren besinnungslosen Zustand.

„Ich bin kein Ding, das man verwetten kann – gewinnen und verlieren", flüsterte sie und zwang die beinahe abgerissenen Worte von ihren Lippen, die sich nach einer anderen Betätigung sehnten.

Wieder wanderten seine Augen von ihrem Mund zu ihren Augen. „Die meisten Frauen wären geschmeichelt, so … begehrt zu werden", informierte er sie, und seine Stimme sprach nur für ihre Ohren. „Sehen Sie mich an und sagen Sie mir, dass Sie sich nicht ein wenig … umworben fühlen."

Hermione befeuchtete ihre Lippen, um sprechen zu können, und seine erhöhte Aufmerksamkeit auf das Erscheinen ihrer Zungenspitze wirkte wie ein weiterer Riss in den Fetzen ihrer Zurechnungsfähigkeit. „Ich kann nicht", gab sie zu. „Ich kann das nicht sagen."

Etwas wie Verteidigung verzog seinen Mund, und mit seiner linken Hand riss er das Pergament, das Rons Namen trug, aus einer Innentasche seines Rocks. „Ändern Sie das!", zischte er. „Schreiben Sie meinen Namen darauf!"

Hermione zog ihren Zauberstab und wünschte, ihre Hand würde nicht so deutlich zittern. „Natürlich", murmelte sie, und nach einem nicht ganz perfekten Schlenker erschien Severus Snape am Kopf des Pergaments in großer, fetter Schönschrift, begleitet von einem verirrten Tintenklecks, der vage wie ein Herz geformt war.

Ehe sie noch einen Versuch machen konnte, den peinlichen Tintenklecks zu entfernen, schaute er mit unverhohlener Befriedigung auf das Pergament.

„Meins", grollte er, und dann waren seine Augen wieder auf ihrem Gesicht, während das possessive Wort wie eine Feststellung zwischen ihnen hing.

Hermione, deren Inneres für so lange Zeit in Aufruhr gewesen war, dass sie angefangen hatte, dies für normal zu halten, wurde von neuer Panik erschüttert, als sich seine schweren Augenlider auf Halbmast senkten. Sie hob eine Hand zu seiner Brust in dem Gedanken, ihn abzuwehren, aber ihr Instinkt überrollte wie ein Feuersturm ihre noch verbliebene Vernunft, und stattdessen glitt ihre Hand nach oben, während sie sich auf die Zehenspitzen stellte, ihr Gesicht hob, und ihr ganzer Körper dem Ansturm seines heftigen Kusses entgegenkam.

Mit einem Ruck wurde sie gegen seinen schlanken, festen Körper gezogen und in den berauschenden Duft von Severus Snape gehüllt – seine würzige Rasierlotion, männlicher Schweiß, der schwache Zigarrenrauch, der aus dem Clubraum an seinem Haar haftete. Das Erlebnis, das sie sich in den letzten Tagen in Gedanken schon zigmal vorgestellt hatte, war eine solcher Kulminationspunkt von Erwartung und Ausschüttung von Gefühlen, dass Hermione nichts zurückhalten konnte. Sie schlang ihre Arme um seinen Nacken, die Finger einer Hand schoben sich in sein Haar, während die andere noch immer ihren Zauberstab festhielt, und sie erwiderte den Kuss mit Leidenschaft. Sie wollte das ganze, sinnliche Gefühl spüren und schmecken, zog seine Unterlippe einen Augenblick lang zwischen ihre Zähne und drang dann mit fragender Zunge in seinen Mund ein. Oh! Portwein und Stachelbeer-Trifle* und etwas Elementares, Metallisches … Testosteron, flüsterte ihr Gehirn.

Sie saugte es auf wie Sauerstoff.

Ihre Steigerung des Angriffs veranlasste seine Zunge zum Gegenschlag, und ihrer beider Zungen verflochten sich und tanzten und lösten Herzrasen und atemberaubendes Begehren aus – den Verlust jedes vernünftigen Gedankens, warum es keine gute Idee sein mochte, diese atemberaubende, anschmiegende Begegnung in ihr Bett zu ihrem logischen Abschluss zu verlagern.

Es war die Aufregung bei ihrem Entschluss, dies zu tun, die die bewegendste sexuelle Erfahrung ihres Lebens zu Ende brachte – überdies eine, die zwischen zwei vollständig bekleideten Teilnehmern stattfand. Sie spürte das ausdrucksvolle Funkengestöber, das aus ihrem Zauberstab kam, aber erst, als der Geruch brennenden Stoffes ihre Nasen füllte, schob Severus sie von sich.

Er riss sich den Rock vom Leib und warf ihn auf den Steinboden, wo er die Glut austrat. Hermione fügte einen kleinen Wasserstrahl hinzu, um den überhitzten Fleck auf der darunter getragenen Weste zu kühlen, und alles war wieder gut – mit Ausnahme des ruinierten Abendrocks auf dem Boden und der jetzt wieder rational denkenden, leicht entsetzten Teilnehmer der leidenschaftlichen Umarmung.

Hermione sackte gegen ihre Tür und fühlte sich plötzlich verwirrt und sehr, sehr müde. Sie starrte auf den Rücken des Schulleiters und fragte sich, wie sich die Muskeln dort anfühlen mochten, wenn sie ihre Hände auf seiner nackten Haut hatte. Dann schüttelte sie den Kopf ein wenig – die Dinge entwickelten sich etwas zu schnell.

Severus raffte seinen Rock vom Boden auf, und Hermione sah zu, wie er sich zu seiner vollen Größe aufrichtete und seine Schultern straffte, ehe er sich ihr wieder zuwandte. Dann bückte er sich und hob das Pergament mit dem Zeitplan, den neuerdings sein Name zierte, von dem Fleck auf, wo er zu Hermiones Füßen gelegen hatte.

„Ich … ich habe die Tinte verschmiert", sagte sie und ihr war klar, dass es albern war, dies zu sagen, aber sie wollte sehr gern das Schweigen brechen. „Geben Sie ihn mir, und ich bringe das in Ordnung."

Eine Seite seines Mundes hob sich. „Ich mag ihn, wie er ist", sagte er fest. Dann schluckte er und sah aus, als habe er ein wenig die Fassung verloren. „Ich werde mich nicht entschuldigen, Milady, – aber ich wünsche Ihnen jetzt eine gute Nacht. Gehen Sie hinein?"

Hermione trat näher zu ihm, und er beobachtete ihr Näherkommen mit wachsamem Blick, als fürchte er, sie wolle weitermachen, wo sie aufgehört hatten. Sie streckte sich und küsste ihn auf die Wange; er blieb regungslos stehen. Dann trat sie schnell von ihm weg, und ihr schien es, als atme er erleichtert aus.

„Verraten Sie mir den Zauberspruch, falls ich mit Ihnen durch die Wand sprechen möchte?", fragte sie.

„Es ist Murus Perlucidus", sagte er.[2]

Hermione machte einen kleinen Knicks. „Gute Nacht, Severus", sagte sie. Mit einer sehr korrekten Verbeugung antwortete er, und sie ging in ihr Zimmer.

~oo0oo~

Anmerkung der Autorin

Die Autorin entschuldigt sich bei den Schachspezialisten, die diese Geschichte lesen. Die Autorin kennt sich mit Schach nicht aus und hat die Szene ihrer eigenen Fantasie folgend konstruiert. Zauberer-Schachfiguren trugen beim Schreiben dieses Kapitels keine Verletzungen davon.

~oo0oo~

Anmerkungen der Übersetzerin

* "Trifle" bedeutet im Englischen „Kleinigkeit". Es ist ein traditionelles englisches Dessert aus mindestens drei Schichten, das – damit die Zutaten gut sichtbar sind – in Glasschalen angerichtet wird:

Untere Schicht: Gebäck wie Biskuit, Kekse o.ä., mit Whisky, Likör oder Saft beträufelt

Mittlere Schicht: Früchte

Obere Schicht: Creme aus Pudding, Quark oder Schmand

Das Ganze wird dann noch mit Sahne und/oder Nüssen, Mandeln, Schokostreuseln etc. bestreut.

[1] Der englische Text stammt aus dem Jahr 1960 aus dem Musical „Camelot" von Alan Jay Lerner und Frederick Lowe. Den vollständigen Songtext findet Ihr hier:

www . / songtext / julie-andrews / the-simple-joys-of-maidenhood-2bc690f6 . html

Auf Youtube findet Ihr die gesungene Aufnahme von Julie Andrews:
www . youtube watch?v=T81CQfOcX5E

Der deutsche Text stammt – inspiriert, aber nicht übersetzt, vom englischen Original – aus der Feder meiner Nichte. Danke für Deine Kreativität!

[2] Lat. murus = dt. Mauer, Wand
Lat. perludicus = dt. durchsichtig