Als ich die Treppe von der U-Bahn zur Straße hoch lief fiel das warme Sonnenlicht herein. Anscheinend würde der Tag heute doch nicht so grau und kalt werden wie es heute Morgen noch ausgesehen hatte. Gut gelaunt lief ich auf den großen Gebäudekomplex zu. Als ich eintrat war es wie gewohnt sehr voll. Zielstrebig ging ich auf die Fahrstühle zu, vor denen schon ein Mann ganz in schwarz gekleidet wartete. Seltsam dass er hier drinnen die Sonnenbrille nicht abgenommen hatte. Naja, vielleicht hatte er ja Probleme mit den Augen. „Müssen Sie auch nach oben Miss?" „Äh ja. 6 Etage bitte." Antwortete ich schnell. Ich würde noch schnell Kaffee holen bevor ich hoch auf die 16te fahre.
Mit den zwei Bechern trete ich gut gelaunt aus dem Fahrstuhl. Vielleicht könnten wir gleich noch zusammen zu Mittag essen. Als ich mich dem Büro meines Bruders näherte hörte ich Stimmen. Vielleicht ein Kollege. Je näher ich kam desto lauter und aufgeregter wurde das Gespräch. Etwas irritiert und zögernd ging ich weiter. Auf das Büro fixiert nahm ich in der Ferne das Heulen von Sirenen wahr, was in einer Stadt wie New York nicht unbedingt ungewöhnlich war.
Erstarrt blieb ich in der offenen Bürotür stehen. Es fiel mir schwer zu begreifen was da gerade vor mir passierte. Der Mann aus dem Fahrstuhl stand vor meinem Bruder und hatte eine Waffe auf ihn gerichtet. Michael sah wütend aus und stand mit beiden Händen auf den Tisch gelehnt da. Ich merkte nicht einmal wie mir die Kaffeebecher aus der Hand glitten und zu Boden fielen. Zwei Augenpaare schnellten zu mir. Mein Bruder mehr als nur geschockt. „Gott nein! Ann sofort raus!" Mein Bruder schrie in blanker Panik und wollte auf mich zu rennen. Peng! Ich hatte gar keine Zeit zu verstehen was hier gerade passierte.
Mein Bruder schrie noch immer dass ich laufen solle. In den unteren Stockwerken schien Panik ausgebrochen zu sein. Der Fremde richtete langsam seine Waffe auf mich. Michael stand vor mir und schubste mich rückwärts in den Gang zurück. Ein erneuter Knall riss mich aus meiner Starre. „Lauf", flüsterte er während Blut zwischen seinen Lippen hervor quoll.
Ich weiß nicht woher ich die Kraft nahm mich umzudrehen und los zu laufen. Ich weiß nur dass ich es tat. Als ich zur Treppe stürzte hörte ich schwere Schritte hinter mir. „Bitte kommen! Ich hab eine Zeugin! Ca. 1,70m, etwas kurviger, schwarz gekleidet, violette Haare!" Entsetzt wurde mir bewusst dass ich nun laufen musste wie noch nie zuvor. Den Aufzug konnte ich vergessen mit dem Verfolger an meinen Fersen. Ich stolperte die ersten beiden Stockwerke mehr nach unten als dass ich lief.
Oh verdammt! Meine Seiten begannen zu stechen. Ich hätte die letzten Monate doch wieder ins Fitnessstudio gehen sollen. Aber ich musste weiter, ich konnte jetzt nicht stehen bleiben. Auf welcher Etage war ich überhaupt? Im Vorbeilaufen sah ich eine 10 an der Wand. Noch immer war der Schütze hinter mir und von unten konnte ich auch schwere Schritte hören. 9te Etage. Ich dachte nicht nach sondern stürzte durch die Tür. Ich wusste dass es noch eine Treppe nach unten gab, vielleicht hatte ich dort mehr Glück. Verschwommen nahm ich war dass auch hier das absolute Chaos herrschte. Angestellte rannten panisch umher, ich glaubte auch hier Schüsse und Schreie zu hören. Draußen flog ein Hubschrauber vorbei. Ich hörte etwas hinter mir krachen als würde eine Wand einstürzen. Mehr aus Instinkt lies ich mich nach rechts fallen, als ein großer Klumpen Beton an mir vorbei flog.
Was war hier nur los? Das konnte doch nur ein schlimmer Traum sein. Bestimmt war ich mal wieder in der Badewanne eingeschlafen. Es half nichts, ich musste weiter auch wenn ich nicht verstand was passierte. Fast hatte ich die Treppe erreicht, als ich mit voller Wucht gegen eine vermummte Gestalt mit Maschinengewehr prallte und unsanft auf dem Po landete. Etwas benommen sah ich hoch und hörte ein Funkgerät. „Ich glaube ich habe deine Zeugin 5-3-12." Mir wurde schlecht als er sich über mich beugte und mich hart am Arm packte. „Kleines du weißt gar nicht in was du da geraten bist."
Mein Verstand weigerte sich das hier geschehen zu lassen. „Nein!" schrie ich. Ich versuchte mich los zu reißen und trat ohne nachzudenken nach vorne. Ein kurzes Stöhnen lies mich hoffen, als mich auch schon ein Schlag hart ins Gesicht traf und ich Blut schmeckte. „Das tust du nicht nochmal Schlampe!" Sein Griff hatte sich verstärkt und mit aller Kraft trat ich noch einmal zu und traf ihn zwischen die Beine. Mit einem Schrei sackte er zusammen und ich stolperte zurück als er mich plötzlich los lies. Ich glaubte zu spüren wie etwas über mein Gesicht lief nachdem ich gegen die gegenüberliegende Wand gestolpert war. Das Funkgerät meines Angreifers knackte mehrfach. „9te Etage." Stöhnte er hinein.
Ich drehte mich um und rannte los. Ich musste hier doch irgendwie heraus kommen. Der Schmerz pochte in meinem Kopf. Ich hörte jemanden hinter mir schreien und betete, dass man mich nicht gesehen hatte. Erschrocken schrie ich als ich gepackt und nach links gerissen wurde. Sofort legte sich eine Hand auf meinen Mund und kurz darauf stürmten drei Bewaffnete vorbei. „Keine Angst, ich gehöre zu den Guten." Eine Frauenstimme. Ich blickte hoch als ich losgelassen wurde. Neben mir hockte eine Frau mit roten Haaren und ganz in schwarz gekleidet und legte den Finger an die Lippen. Sie griff an ihr Ohr und sprach offenbar in ein Funkgerät. „Hey Captain. Ich habe noch eine Zivilistin hier auf der 9. Ich glaube es ist die, die sie versuchen zu finden. Ich weiß nur nicht wie ich sie hier raus kriegen soll." Kurz herrschte Stille. „Ok, verstanden. Dann beeilen wir uns mal."
Sie stand auf und reichte mir die Hand. „Komm, wir müssen dich hier raus schaffen." Perplex griff ich nach der Hand und wir liefen los in Richtung Rückseite des Gebäudes wenn ich mich nicht irrte. „Jungs wir sind da, seid ihr bereit?" hörte ich sie neben mir. „Okay Schätzchen, du musst mir jetzt vertrauen. Wenn ich sage jetzt läufst du los und springst durch das Fenster." Ernst sah sie mich an und deutete auf die große Fensterfront. Spinnt sie? Wir befanden uns im 9ten Stock. Selbst wenn ich es durch das Fenster schaffte würde ich den Sturz nicht überleben! „Ich…" Weiter kam ich nicht. Hinter uns waren laute Stimmen und Schüsse zu hören. „Jetzt!" Ich wurde nach vorne geschubst und lief los. Was hatte ich denn auch groß zu verlieren. Ein Schuss lies das Fenster vor mir bersten und ich sprang mit der letzten Kraft hindurch und stürzte schreiend in die Tiefe.
