Ich verzog das Gesicht. „So. Das war der Letzte. Gegen die Narben werde ich leider nichts tun können." Banner gab mir ein entschuldigendes Lächeln. Mit einem Seufzen schaute ich auf mein linkes Bein. Mein Schienbein würde eine lange Narbe behalten von dem Streifschuss und mehrere kleine Kreise wo die Kugeln eingedrungen waren. Schlimmer war mein Oberschenkel. Mehrere kleine Einschusslöcher. Und das große Loch wo die eine Kugel ausgetreten war, welche meine Oberschenkelarterie angeratzt hatte. Nat setzte sich und legte ihren Arm um mich. „Das wird schon Süße. Sie werden nicht immer so hässlich sein. Manche wirst du in ein paar Wochen gar nicht mehr sehen weil sie so klein sind." „Aber dieses hässliche Loch wird immer bleiben und mich daran erinnern dass mein Bruder wegen mir tot ist.", gab ich bitter zurück.
Erschrocken sah ich die Rothaarige an. „Natascha es tut mir Leid. Ich.." Sie lächelte mich an. „Es ist in Ordnung Ann. Wir alle haben Narben und Verletzungen die uns an schlimme Dinge erinnern. Schau dir Barnes an. Er.." „Romanov!", unterbrach Rogers sie scharf. Ruhiger fügte er hinzu: „Es steht uns nicht zu darüber zu reden. Das muss er selbst tun." Sie lächelte als wäre nichts gewesen. „So. Jetzt wo du offiziell geheilt bist, wer hat Lust auf Eis?" Ich musste schmunzeln. Es war mir ein Rätsel wie so viel Essen und Süßkram in so einen kleinen Körper passten ohne aus allen Nähten zu platzen. „Klar. Das Frühstück ist ja auch schon 30 Minuten her." lachte Bruce.
Aus dem Eis wurde nichts. „Mr. Stark wünscht sie alle in 10 Minuten im Konferenzraum zu treffen.", meldete sich Friday zu Wort. „Kein Eis für Natascha." Sie streckte Steve die Zunge heraus, was uns alle zum Lachen brachte. „Willst du den Rollstuhl oder soll ich dich tragen, Kleine?" fragte er mich dann. Ich verzog das Gesicht. „Auch wenn es schmeichelhaft ist wie eine Prinzessin durch die Gegend getragen zu werden, wären mir Krücken lieber. Ich habe mich lang genug in diesem dummen Rollstuhl durchs Zimmer bewegt." Alle schauten Banner an. „Von mir aus. Übertreib es aber nicht direkt. Solange du damit unterwegs bist ist der Fitnessraum für dich Sperrzone." Ich musste mir einen Kommentar verkneifen, aber vielleicht sollte ich wirklich wieder etwas mehr tun wenn ich wieder laufen konnte.
Fünf Minuten später lehnte ich schwer atmend an der Aufzugwand. „Ich muss wirklich wieder was tun." dachte ich laut. Als die Türen sich öffneten setzte ich mein strahlendstes Lächeln auf. „Na los, worauf wartet ihr? Nur keine Müdigkeit vortäuschen." Natürlich hatte Tony schon auf uns gewartet. Neben ihm stand ein etwas älterer Mann, dessen linkes Auge von einer Augenklappe verdeckt wurde.
„Sehr schön, dass es alle geschafft haben. Wo ist Barnes?" Tony schaute in die Runde. „Er hatte zu tun.", entgegnete Steve trocken. Irgendwie kam mir das merkwürdig vor. War es normal, dass er nicht erschien wenn alle sich versammelten? Fragend sah ich Natascha an, sie zuckte nur mit den Schultern. Also war es doch ungewöhnlich, dass er nicht hier war. „Wie dem auch sei. Ann das ist Nick Fury, der Direktor von S.H.I.E.L.D. Ihr habt euch offiziell noch nicht kennen gelernt. Ich glaube es ist an der Zeit dir zu erklären…" „Mir zu erklären warum mein Bruder tot ist? Warum mein Leben von heute auf morgen ein einziges Puzzle ist bei dem fast alle Teile fehlen? Seit zwei Wochen bin ich hier und niemand sagt mir irgendetwas. Mein Bruder ist tot und ich weiß nicht einmal warum!" Den letzten Teil hatte ich fast geschrien und einzelne Tränen liefen über meine Wangen. Nat und Steve griffen zeitgleich nach meinen Händen, doch so sehr ich die beiden mochte, ich ertrug den Körperkontakt gerade nicht.
„Zunächst einmal sollten Sie verstehen, dass er nicht ihr Bruder war." Ungläubig starrte ich Fury an. „Sie verarschen mich doch jetzt?!", rutschte es mir heraus. Ich lachte verlegen. „Das ist ein Scherz. Aber kein Guter. Mein Bruder ist nicht mein Bruder, klar. Was kommt als nächstes? Bin ich ein Alien? Oder noch besser! Bin ich ein beschissenes Einhorn und pupse demnächst nur noch Regenbögen?!" Meine Stimme überschlug sich geradezu. War ich die Einzige die das hier gerade nicht zum Lachen fand und sich fragte wer hier den größeren Dachschaden hatte? Die hysterische Zicke oder der einäugige Chef?
Alle schauten mich betreten an. Fury wartete bis ich mich wieder etwas beruhigt hatte. „Stark." Ich heftete meinen Blick auf Tony. „Es tut mir Leid Kleines, das ist leider kein Witz. Du wurdest adoptiert als du gerade ein paar Tage alt warst. Man hat es dir nie gesagt, weil es für deine neue Familie keine Rolle gespielt hat. Dein Bruder hat es auch erst vor ein paar Jahren erfahren. Er durfte es dir nicht sagen. Man hätte versucht dich zu finden, sobald du nachgeforscht hättest wo du her kommst." Ich sah ihn an. Das musste erst einmal sacken. „Was hat das alles zu bedeuten. Wenn er wusste woher ich komme, warum durfte er nichts sagen? Es hätte doch nichts geändert, ich kannte doch nie eine andere Familie, es hätte keine Rolle gespielt woher ich komme. Und was hat das mit seinem Tod zu tun? Er hat doch nur für eine kleine Versicherung gearbeitet." „Er war einer von uns. Er war Teil der Einsatzleitung der lokalen Krisenbewältigung." Der nächste Schlag ins Gesicht. Ich schluckte schwer. „Aber… Ich verstehe das alles nicht. Wie konnte ich das nicht wissen? Wie konnte er das alles vor mir geheim halten. Ich kannte seine Kollegen, habe einen Sanitätskurs für die Personalabteilung organisiert… Ich hätte doch etwas merken müssen?"
Mein Kopf tat weh. Ich hatte mich gerade abgefunden mit dem was geschehen war und schon stand ich vor dem nächsten noch viel größeren Scherbenhaufen. Mein ganzes Leben fühlte sich wie eine Lüge an. „Und… Und meine.. ‚Eltern'?" flüsterte ich. Die Antwort kam prompt. „S.H.I.E.L.D. Wir verstehen es sehr gut unsere Leute zu tarnen Miss Evans. Selbst vor denen die ihnen am nächsten stehen. Sie waren nie alleine. Wir wussten immer wo Sie sind. Bis auf die drei Jahre, als Sie in Mexiko…" „Genug!", ich schlug auf den Tisch. Tränen in meinen Augen. Ich wollte nicht über Mexiko reden. Ich konnte nicht über Mexiko reden. Das Atmen fiel mir immer schwerer. Ich hatte das Gefühl ersticken zu müssen. Irgendjemand hielt mir eine Tüte vor den Mund und streichelte meinen Kopf. Ich konnte nicht einmal sagen wer mir gerade sagte ich solle tief ein und aus atmen. Immer wieder. Bis mein Blick klarer wurde und ich wieder Luft bekam.
Ich schaute auf. Ich war alleine mit Steve und Natascha im Konferenzraum. „Ich glaube das war genug für heute." Sanft hob Steve mich aus dem Stuhl, ich wehrte mich nicht einmal. Mir fehlte die Kraft. Nat brachte mich dazu sie anzusehen. „Was hältst du davon wenn wir dich in den Wohnbereich mitnehmen? Wir zwei krümeln uns auf die Couch und schauen irgendwelche sinnfreien Liebesfilme und essen Unmengen Eis. Ich glaube alleine sein ist jetzt nicht gut. Du hast eh viel zu viel Zeit in dem Zimmer da unten verbracht." Ich schaute sie wie betäubt an. Ich nickte trotzdem, sie gab sich gerade so viel Mühe. „Na dann ist es ja entschieden. Die Jungs und ich wollten schon länger mal wieder Billard spielen. Wenn euch eure Filme zu langweilig werden kommt ihr einfach zu uns rüber." Ich sah von einem zum anderen.
Tränen rannen über mein Gesicht. „Ich danke euch beiden. Ihr müsst das wirklich nicht tun…" „Nein müssen wir nicht. Aber wir sind hier wie eine große Familie. Nicht nur wir beide passen auf dich auf, Süße." Mir wurde ein bisschen wärmer bei ihren Worten. Steve hatte sich in der Zeit mit mir auf dem Arm auf den weg runter zum Wohnbereich gemacht. Wahrscheinlich hatten die beiden Recht. Ich sollte jetzt wirklich nicht alleine sein.
