Kapitel 7

29.05.1996

Zwei Tage. Zwei verdammte Tage waren vergangen seit Hermine diese grässliche Sache zu Fred gesagt hatte. Zwei Tage, in der sie kein einziges Wort mit Fred gewechselt hatte. Zwei Tage, in denen George fast die Wand hoch gekrochen war, weil die Stimmung in seiner eigenen Wohnung so verdammt unangenehm war. Zwei Tage, in deren Nächte Hermine aus einem anderen Grund weinte.

Zwei verdammt lange Tage, in denen Hermine Ron Weasley noch mehr verachtete als sie es nach ihrem Date getan hatte. Warum? In ihrer eigenen Welt war Ron Weasley ganz alleine an ihrem Elend Schuld.

Desto wütender war sie auch, als sie an diesem Mittag einen Brief vom besagten Rothaarigen erhielt und er sie darum bat ihn zu treffen. Voller Zorn über diese Dreistigkeit – da der Brief kein Wort der Entschuldigung enthielt, kein Wort darüber, dass er vielleicht wusste, was er getan hatte – zerknüllte sie den Brief sofort in ihre Hand und warf ihn mit so einer Wucht in den Papiereimer, das dieser ihr fast leid tat. Und dann tat Hermine genau das, was sie noch nie in ihrem Leben getan hatte. Sie schlug ein Tantrum. Erwachsene, siebzehn Jahre alte Hermine Granger, Mitglied des Orden des Phönix, ein Drittel des goldenen Trios und Besitzerin des Orden des Merlin erster Klasse, stampfte mit den Füßen auf, schrie und knurrte, riss sich an den Haaren und ballte die Fäuste.

Und als sie endlich fertig war und kraftlos auf den Küchenstuhl fiel fragte sie sich, was zur Hölle sie da eigentlich getan hatte. Sie hatte sich aufgeführt wie ein vierjähriges Kind, dass nicht das von Mama bekam, was es wollte. Stöhnend legte sie ihren Kopf in die Hände und holte einige Male tief Luft.

„Bist du jetzt fertig?", ertönte eine Stimme, die ihr nur zu bekannt war.

Erschrocken sah sie auf und direkt in das gelangweilte Gesicht des Rothaarigen, der ihr im Moment all diese schlaflosen Nächte bescherte. „Du bist ja schlimmer als Lavender Brown."

Sie verengte die Augen zu Schlitzen und öffnete schon den Mund um etwas zu entgegnen, bevor sie es sich anders überlegte und nur schnaubte. Was wollte er? Er sprach zwei Tage nicht mit ihr und dann beleidigte er sie nur? Bitte. Sie machte da nicht mit.

„Lass mich doch in Ruhe. Ist ja nicht so als würde es dich wirklich interessieren.", sagte sie also nur und stand vom Stuhl auf. Bevor sie wusste, was sie tat, fischte sie den Brief aus dem Mülleimer und entschied sich dann, dass sie Ron doch treffen würde. Alles wäre besser als hier. „Ich werde mich heute mit Ron treffen, du hast also Sturmfrei. Mach was du möchtest.", sagte sie leise und ging zur Garderobe, um ihren Mantel zu greifen und ihn sich überzuziehen. Die ganze Zeit über spürte sie seinen Blick im Rücken. „Ich weiß nicht, wann ich zurück sein werde.", sagte sie müde und wandte sich dann doch noch einmal zum Zwilling um.

Er saß dort, in seinem Rollstuhl. Eine Hand auf seinem Schoß, während die andere auf der Armlehne ruhte. Sein Haar war zerzaust und viel zu lang – er hatte es nicht von ihr schneiden lassen – und seine Augen sahen ernst und fest in ihre Richtung.

Und auch als er sie so wütend und ernst ansah, als wolle er ihr etwas sagen, und ihr das Gefühl gab, als begehe sie jetzt einen riesigen Fehler, sah er doch unglaublich gut aus.

„Essen steht im Kühlschrank.", sagte sie leise und wartete noch kurz, in der Hoffnung er würde ihr antworten, doch das geschah nicht. Leicht enttäuscht stieg sie dann in den Kamin und verschwand.

XxXxX

„Ron.", rief sie, als sie ihn von der anderen Straßenseite bereits vor dem Café an einem Tisch sitzen sah. Er schaute auf und ein breites Lächeln schlich sich auf sein Gesicht, bevor er aufstand und seine Arme nach ihr ausstreckte. Typisch Ron. Er hatte wirklich keine Ahnung, was bei ihrem letzten Date schief gelaufen war, doch als sie sich trotzdem in seiner Umarmung fallen ließ und sich seine Arme um sie schlangen, sie festhielten und dieser unvergleichliche Geruch der pur Ron war, sie umgab, war sie glücklich. Das war Ron, der Ron, der seit dem sie elf war an ihrer Seite gestanden hatte, der ihre schlechten und guten Seiten, ihre Ängste und Wünsche kannte.

Und als sie sich ein wenig von ihm entfernte und er ihr mit einem Lächeln durchs Haar strich, wusste sie, dass sie ihm vergeben hatte. Wie konnte sie nur weiterhin böse auf ihn sein, wenn er sie so ansah?

„Ich habe dich vermisst, Herm.", sagte er leise und gab ihr einen leichten Kuss auf die Stirn. Ein leichter, scheuer und unschuldiger Kuss, der ihr Herz trotzdem höher schlagen ließ.

„Ich dich auch, Ron.", sagte sie und es war keine Lüge. Der Mann, der jetzt vor ihr stand, war ihr Ron; der Ron, in den sie sich verliebt hatte und nicht der Fremde aus der Kneipe.

„Komm, setz dich. Bestell was du willst, ich lade dich ein.", erklärte er und schob sie sanft in einen Stuhl, bevor er einen Kellner herüber winkte.

Hermine bestellte schnell und wandte sich dann wieder Ron zu. Seine blauen Augen strahlten zu ihr herüber als er sie erneut anlächelte und tief in ihr drin wusste sie, dass sie niemals ohne Ron leben könnte. Verlegen senkte sie den Kopf als ihre Wangen sich rötlich färbten und strich sich verlegen eine Strähne hinters Ohr.

Dieses Mal war das Date weitaus besser als das vor über einer Woche. Sie redeten viel, schwelgten in Erinnerungen und lachten. Lachten so lange bis ihnen die Tränen kamen.

„Und wie verrückt du nach Lockhard warst!", lachte Ron und warf den Kopf in den Nacken als er sich an den Bauch griff.

Beschämt warf Hermine ihre Hände vor das Gesicht und schüttelte abwehrend den Kopf. „Ron, bitte… Du weißt, wie peinlich mir die ganze Sache ist.", sagte sie und ihre Worte waren durch ihre Hände hindurch gedämpft. Dann sah sie vorsichtig auf und hob entschuldigend die Schultern. „Hätte ich damals gewusst, dass er… dass er…" Sie rang nach Worten, versuchte mit Gestiken der Hände zu erklären, was sie meinte, doch Ron kam ihr zuvor.

„Was? Dass er ein unfähiger Zauberer war? Dumm wie Stroh?", fragte er und Hermine warf ihm einen bösen Blick zu, bevor er wieder in einen Lachanfall fiel. „Oh mein Gott, Hermine, hast du Harrys Arm nach dem Spiel gesehen? Hast du ihn gesehen?"

Sie versuchte wirklich wütend zu bleiben. Sie versuchte es mit aller Willenskraft, die sie besaß. Und dann lachte auch sie schallend los. „Hör auf, ich bekomme noch… Seitenstiche.", japste sie und als sie endlich wieder zur Ruhe kam, und Rons Sommersprossen übersäte Gesicht sie strahlend ansah, konnte sie nicht anders, als langsam aufzustehen und um den Tisch zu ihm hinzugehen.

Fragend blickte er auf. Seine Augen strahlten immer noch vor Schalk und Lebensfreude. Das war der Ron, den sie all die Jahre über als ihren besten Freund kennen gelernt hatte. Die Person, bei der sie zu Hause war.

„Hast du Lust, etwas zu gehen?", fragte er und ergriff ihre Hand.

„Gerne.", flüsterte sie mit einem Lächeln, die Berührung genießend. Statt ihre Hand wieder loszulassen hielt er sie noch fester und zog sie an seine Seite, als sie die Winkelgasse hinunter gingen. Die Läden begannen zu schließen und die Menschen verabschiedeten sich, um nach Hause zu gehen.

„Es tut mir Leid, dass ich dich beim letzten Mal enttäuscht habe, Herm.", flüsterte er plötzlich und wenn es überhaupt noch möglich war, wurde sein Griff um sie noch fester. „Ich möchte mir nicht vorstellen, wie schlecht du dich gefühlt hast."

Erschrocken und überrascht sah sie zu ihm auf. Doch statt ihm all die Dinge zu sagen, die sie ihm eigentlich hatte sagen wollen, lächelte sie und schüttelte nur abweisend den Kopf. „Schon gut, Ron. Ich hab überlebt, oder?"

„Was ist an dem Abend passiert? Du warst plötzlich fort…", flüsterte er und sah dann besorgt auf sie hinunter. „Ich habe den ganzen Abend das Gefühl nicht abschütteln können, dass dir was passiert ist."

„Ron-"

„Und ich fühle mich wie ein noch größeres Arschloch als damals - als ich dich und Harry alleine in den Wäldern zurückgelassen habe – weil ich nicht zu dir gekommen und nachgesehen habe.", gestand er.

Mit offenem Mund sah sie ihn an. Sprachlos. Dann schüttelte sie den Kopf und griff seine Hand fester. „Es ist nichts passiert. Ich bin doch hier."

Trotzdem blieb er abrupt stehen. Seine Augen waren weit und so viele Emotionen stürmten zur gleichen Zeit in ihnen, dass sie nicht wusste, worauf sie zuerst reagieren sollte. Seine Wut? Angst? Selbsthass? Schuld?

„Ron…", sagte sie wieder und nahm seine Hand in ihrer beiden, als ihr bewusst wurde, dass er sich doch mehr Gedanken darüber machte als sie zuerst gedacht hätte. „Ron mir geht es gut.", sagte sie und trat so nah zu ihm, dass nicht mal ein Snitch durch den kleinen Spalt zwischen ihnen gepasst hätte. Dann legte sie eine Hand auf seine Wange und lächelte ihn aufmunternd an. „Ich war wütend, dass gebe ich zu…"

„Gott, Herm…", flüsterte er und bevor sie wusste wie ihr geschah, hatte er sie an sich gezogen, sein Gesicht in ihrem Nacken vergraben und seine Hände auf ihren Hüften. „Es tut mir so leid… So leid…", flüsterte er immer und immer wieder. Wie ein Mantra, ein Gebet.

Und sie antwortete mit ihrem eigenen. Als müsse sie nicht nur ihn, sondern auch sich selbst davon überzeugen. „Mir geht es gut… Mir geht es gut… Es ist nichts passiert…"
Nur am Rande bemerkte sie die Blitzlichter, die einen Artikel auf der Titelseite des Tagespropheten versprachen und die Blicke der anderen Schaulustigen, die auf den Artikel warten und ihn verschlingen würden.

Dann lehnte sie sich ein klein wenig von ihm weg, um seinen Blick zu suchen. Merlin, seine leuchtend blauen Augen waren so wunderschön und so vertraut. Seine Hände auf ihren Hüften waren beides. Vertraut, weil er sie immer schon berührt hatte und so neu, weil sie spürte, dass sich zwischen ihnen etwas veränderte. Sie spürte, dass diese Berührung anders war, als die all die Jahre zuvor.

„Verzeih mir, Herm. Bitte, verzeih mir…", flüsterte er und legte seine Stirn gegen ihre. Er sah sie an, wie ein Welpe sein Herrchen ansehen würde, wenn er etwas falsch gemacht hatte.

Ihr Herz schmolz dahin, lag ihm zu Füßen und sie konnte nicht anders als zu Lächeln. „Du Idiot, natürlich verzeih ich dir. Hab ich jemals länger wütend auf dich sein können?"
Doch mit der folgenden Antwort hatte sie nicht gerechnet. Sie erschreckte sie genauso sehr, wie sie sie glücklich machte. Noch bevor sie wusste, was er vorhatte, hatte er seine Hand in ihren Locken vergraben und seine Lippen auf ihre gelegt.

Erschrocken keuchte sie auf, bevor sie die Augen schloss und sich dem Kuss – den Kuss, den sie sich so lange ersehnt hatte – hingab. Ihre Hände wanderten hinauf zu seinen Schultern und hielten ihn so krampfhaft fest, als hätte sie Angst, er würde jeden Moment verschwinden.

Ron küsste sie! Er küsste sie! Seit dem sie vierzehn war, hatte sie sich das hier gewünscht. Und es hätte nicht schöner sein können. Ihr Herz pochte so stark, dass sie Angst hatte, es würde ihr aus der Brust springen, doch sie fand Trost in der Tatsache, dass es ihm nicht anders erging.

Dann löste er sich schwer atmend von ihr und lächelte sie leicht verlegen an. „Ich glaube…", hauchte er, „Ich glaube, ich liebe dich."

Und Hermine wäre genau da zusammen gesackt, als ihre Knie weich worden, wenn Ron sie nicht immer noch so festhalten würde. Sie hätte schwören können, dass die Welt stehen geblieben und dann doppelt so schnell weiterlief, als sich alles um sie herum drehte und nur Ron fest und klar vor ihr war.

„Bei Merlin, Ron… Du hast keine Ahnung, wie lange ich das schon von dir hören wollte.", flüsterte sie.