Kapitel 7
Unvernunft
Er wusste, dass es höchste Zeit war, von ihr abzulassen. Aber die Augen des Mädchen, diese Iris wie ein geschliffener Tsavorit im Kranz der Wimpern, hielten ihn fest, er kam nicht los davon.
Er würde diese ganze Angelegenheit mit diesem verfluchten Kraken hinter sich bringen, sich von ihr verabschieden, hinauf auf den Astronomieturm steigen und sich dort von den Zinnen werfen. Vielleicht ein wenig dramatisch, jedoch war dieser mögliche Ausweg heilsam für seinen wirren Geist.
Wie lange, der dünne Nebel, der sich aus der Tiefe zu ihnen hervor geschlichen hatte, sie schon umfing, konnte er nicht sagen. Auch nicht wann sich, zunächst ganz leise, dann wabernd, wie der Leib einer Meduse, die Stille auf ihren Ohren, durch den Klang einer Harfe, sanft und unaufdringlich, verändert hatte. Das ist keine Äolsharfe... aber was...?
Vollkommen ergriffen von dieser allumfassenden Harmonie, genoss Severus es um so mehr, dass sich der Körper der Hexe immer weiter an ihn drängte. Ihre strampelnden Beine verflochten sich ineinander, ihren Kopf schmiegte sie an seine Schulter und ihre Augen schlossen sich genüsslich. Er legte seine Arme um sie – alles schien perfekt.
Jäh, am Rande seines Augenwinkels wehten türkisfarbene Bänder. Die Bewegung dieses Hybriden, Halb Gaul, halb Fisch, waren von solch stimmiger Eleganz und entrückter Leichtigkeit. Ab und zu und kaum wahrnehmbar regte sich der Schweif, zart rieselnd liefen feinste Wellen durch die Binsen der Mähne.
Er hob mühsam die Lider.
Über seinem Gesicht tanzten Lilys Haare in der Strömung, rot und leuchtend wie Lava. Ihr Körper, eng an seinem, war so warm.
Severus blinzelte, am liebsten würde er seine Augen für immer schließen. Doch da war noch etwas in ihm. Ein tiefes Bedürfnis machte sich in ihm breit.
Es war doch so einfach, schoss es ihm durch den Kopf, als er Lily sanft von sich schob. Von solch tiefer Trübsal, wurde ihm keine andere Wahl gelassen, als seinem innersten und sehnlichsten Flehen folge zu leisen. Severus ließ die Hexe hinter sich, als er mit ruhigen, kräftigen Schlägen seiner Flossen hinüber zum Wasserpferd schwamm.
Die wirbelnden Algen unter ihm schmeichelten ihm, wärmten ihn. Unentwegt zog die Mähne des Hybriden kunstvolle Schleifen, warf wehende Bänder, sank und stieg und drehte sich in anmutigen Pirouetten. Alles schien sich zu diesem leisen Gesang zu bewegen und mit der Strömung glitt Severus durch das Wasser des Sees, in tiefster Sehnsucht danach, die Mähne des Wasserpferdes zu greifen.
Die Nüstern und das Maul des Geschöpfes formten ein freundliches und aufrichtiges Lächeln, als Severus seine Rechte hob. Alles war so glasklar in diesem Moment.
Sein ganzes Leben war er einsam gewesen, doch diese Unzulänglichkeit würde ein Ende finden, wenn er es nur schaffen würde, auf den Rücken dieses Wesens zu steigen. Achtlos öffnete er die Hand, die zuvor noch seinen Zauberstab gehalten hatte.
Als er gerade einen Teil der Mähne zu fassen bekam, die in kalligraphischen Schnörkeln vor ihm schwebte, riss etwas an der Rückseite seines T-Shirts. Wie eine Explosion formte sich ein Schrei in seiner Kehle, als die Hexe ihre ganze Kraft nutze, um den Slytherin davonzuzerren.
Die Musik um sie herum erstarb, das Wasser war wieder trüb, kalt und unbarmherzig.
Wieso hatte sie ihm all das genommen?! Mit all dem Hass und all der Abscheu, die ihn umklammert hielt, wollte er das störende Element vertreiben und riss sich von dem Anblick des Hybriden los. Er sah in das Gesicht seiner Freundin. Sie war aufgebracht, zerrte an seinem grauen Shirt, dessen Nähte unter den zwei widerstreitenden Richtungen ächzten und zu reißen begannen. Ihre grünen Augen waren durchzogen von Panik, ihre Kiemen bebten unter der Anstrengung des zügigen Aus- und Einatmens. In ihrer Rechten hielt sie, neben dem grauen Stoff, ihre beiden Zauberstäbe fest umklammert.
Warum... hat sie meinen Zauberstab? Er blinzelte.
Es war ihm so, als würde sich einen große Flügeltüre hinter ihm schließen, als er einen Zug der Strömung in seinem Nacken bemerkte. Schlagartig wich all die Müdigkeit von Severus. Er riss die Augen auf und schrie. Dies äußerte sich lediglich in Form von dicken Luftblasen. Das Wasser um die beiden Freunde herum geriet durch Severus hektisches Rudern in Turbulenzen und die zuvor anmutige, lange Mähne des Wasserpferdes sah nun chaotisch und tollpatschig aus, wie sie hin und her geworfen wurde, sich ineinander verhedderte. Dann, so lautlos wie es erschienen war, entglitt das Pferd ins grüne Dunkel des Sees.
Lily war wütend - sehr, sehr wütend, wie Severus anhand ihrer Mimik feststellen konnte.
Ihr Kiefer arbeitete unaufhörlich, sie knirschte grässlich mit den Zähnen. Sie trieb ihren Arm nach vorn und soweit es ihre Körperkraft und die Umstände erlaubten, verpasste sie ihm einen Schlag gegen die Schulter. Grob spie sie einen Schwall Luft hervor, was mit viel Fantasie von Severus Seite nach „Bist du Wahnsinnig!?" klang. Als nächstes presste sie ihm roh seinen Zauberstab in die Finger, ehe sie ansetzte, auf seine Brust einzudreschen. Sein Oberkörper krümmte sich zu einem Hohlkreuz, während er Schwierigkeiten hatte, zu erraten, was genau sie wohl auf ihn einschrie. Es gestaltete sich komplizierter als so manche Aufgabe im Fach Alte Runen. Es könnte ein „Sev!", „Du hohle Nuss!" „Das war ein Nelpie"- ach ein Kelpie - sein.
Der Mangel an Serotonin, der mit der plötzlichen Abwesenheit des Kelpies einherging, ließ ihn dümmlich ärkt in seiner Entscheidung, dass Fach „Pflege magischer Geschöpfe" zurecht nicht gewählt zu haben, versuchte er, obwohl Lily ihn weiterhin drangsalierte, ihren Ausführungen zu folgen. Etwas das nach „ Du hättest sterben können" klang, veranlasste die Hexe von ihren Schlägen abzusehen, um sich statt dessen an seinen Hals zu werfen und das erste zu Küssen, was ihr zwischen die Lippen geriet. Erfreulicherweise traf es seinen Hals, knapp neben seiner Kehle. Doch ihr Gefühlswandel währte nicht lange. Mit einem weiteren Boxen - dieses Mal traf es seine andere Schulter - griff sie harsch nach seiner Hand und zog ihn davon. Weg von dem Algenmeer und bei Merlin hoffentlich noch weiter weg von diesem verfluchten Kelpie.
Erst einige Minuten später wurde ihm klar, dass ihnen die Zeit davon rannte. Wenn er das Buch „Magische Wasserpflanzen des Mittelmeers und ihre Wirkungen" richtig verstanden hatte, hatten sie kaum mehr als eine Stunde Zeit, bevor das Dianthuskraut seine Wirkung verlor. Wie lange sie noch hatten, konnte er nur schwer abschätzen.
Mit ein paar harten Schwimmschlägen hatte er sich vor ihr gesetzt. Dabei entging ihm nicht, dass sie immernoch sauer war. Ihre Stirn lag in tiefen Falten. Vorsichtig zwang er sie zum Innehalten, deutete überdeutlich auf seine Kiemen und dann mit dem Finger hinauf zur Wasseroberfläche. Grimmig schüttelte Lily ihren Kopf und rangierte ihrerseits an ihm vorbei, um weiter Ausschau nach dem vermeintlichen Godric Gryffindor zu halten.
Er hatte keine andere Wahl, als ihr auf den Fersen zu bleiben und hoffte dabei inständig, dass er die nebulösen Anweisungen, die er im „Buch der Zaubersprüche" von Miranda Goshawk – das er gefunden hatte, als er sich in die verbotene Abteilung geschlichen hatte - , richtig umsetzen konnte und einen Kopfblasenzauber heraufbeschworen konnte, falls Lily weiterhin unvernünftig sein würde.
So ihr lieben! Das war das vorletzte Kapitel.
Wie hat es euch bisher gefallen? Was habt ihr als positiv empfunden? Wo war der/die geneigte Leser/in eher unzufrieden?
In Zukunft werde ich mich um regelmäßigere Uploads bemühen. Mein Lektor aka. Dichtpate Acsobarhan korrigiert wann immer er Zeit findet ;)
Zur Zeit überarbeiten wir mein Schätzchen I'm Still Standing und werden in Kürze die ganze Sache ab dem zweiten Kapitel mit modifizierten und überarbeiteten Inhalt neu hoch laden (vermutlich werde ich dann wie bei 14 Sickel eine P18 Altersfreigabe auferlegt kriegen. Dem möchte ich zuvor kommen und veröffentliche es direkt als solches).
Wenn ich schon mal schamlos Werbung in eigener Sache mache ;):
14 Sickel OS P18 (Behandelt einen Zeitraum nach Gillyweed hier) s/13496901/1/14-Sickel
Letters OS (dito) s/13537617/1/Letters
Vor langer Zeit (Spielt während der ersten Hogwarts Winterferien von Severus und Lily) s/13542942/1/Vor-langer-Zeit
Falls ihr für das Osterwochenende also noch Lesestoff brauchst... *flöt* Ich hoffe ihr könnt die Ostertage genießen (mein Mann, meine Hündin und ich besuchen NICHT unsere Familien und gehen stattdessen viel wandern) seid/bleibt Gesund und esst was feines 3
Liebe Grüße
Eure
Thylis
