Dumbledores Zorn
Harry dachte eine Weile nach. „Es ist so, ich muss, um Voldemort besiegen zu können, die Dunkle Magie kennenlernen, und das geht nur in Durmstrang, denn dort wird sie gelehrt. Niemand würde jemals auf die Idee kommen, dass Harry Potter nach Durmstrang geht. Karkaroff ist geflohen, daher werden sie sich einen anderen Schulleiter suchen, vor den Todessern besteht also keine Gefahr. Und die Position der Schule ist absolut geheim, aber auf jeden Fall im hohen Norden, sodass Hedwig dort nicht auffallen wird. Somit wäre Durmstrang theoretisch die beste Wahl."
Sirius und Remus schwiegen beeindruckt. Das war sehr durchdacht. Harry fuhr fort:
„Aber in anderen Schulen gibt es ebenfalls die Möglichkeit, die Waffen des Feindes kennenzulernen. Das, und darüber hinaus noch viel mehr Wissen, von dem Voldemort nur träumen kann. Außerdem möchte mich nicht nur deshalb für eine bestimmte Schule entscheiden, weil sie mir die Chance gibt, Voldemorts Fähigkeiten kennenzulernen. Ich möchte nicht, dass bereits die alleinige Existenz Voldemorts in irgendeiner Weise meinen Lebensweg beeinflusst. Schließlich versprach ich ja meinen Eltern, zehn Jahre zu warten, bis ich ihn suche, und das beinhaltet auch, meine Ausbildung zu beenden, ohne ständig Voldemort im Hinterkopf haben zu müssen. Das wäre aber der Fall, wenn ich nach Durmstrang gehen würde. Wir sollten uns also gerade deshalb was anderes suchen", gab er zu bedenken. „Ich würde es schon auch von den Werwolfgesetzen und den diplomatischen Beziehungen zum britischen Zaubereiministerium abhängig machen."
Wieder nickten die anderen beiden. „Nun, Werwolfgesetze gibt es zum Beispiel in ganz Afrika keine, aber auch die Japaner und die Amis sind da weiter", sagte Sirius nachdenklich.
„Und das Land, das mit Britannien am meisten auf dem Kriegsfuß steht, ist, so überraschend es klingen mag, Nordamerika", ergänzte Remus. „Minister Shawney hält Fudge für einen Idioten, weil der den Reinblutwahn nicht stoppt."
„Ja, die sind aber auch generell liberaler als wir, auch wenn das nicht immer so war. Soweit ich weiß, gibt es da auch keine Vernunftgemäße Beschränkung der Zauberei Minderjähriger", grübelte Sirius.
„Echt?", rief Harry begeistert. „Da will ich hin!"
Die anderen beiden lachten. „Ein anderer Vorteil wäre, dass wir da keine fremde Sprache lernen müssen und als Europäer unter den Leuten nicht auffallen, wie es etwa in Brasilien, Afrika oder Japan der Fall wäre", gab Remus zu bedenken. „Und es ist in der Tat nützlich, sich verteidigen zu dürfen, ohne Angst haben zu müssen, von der Schule zu fliegen."
Sirius nickte. „Ich finde auch, dass Nordamerika eigentlich am besten geeignet wäre – für uns alle. Es ist zwar die naheliegendste Lösung, auf die auch Dumbledore zuerst kommen wird, aber wenn ich irgendwo um politisches Asyl bitte, wird sich das so oder so rumsprechen, egal wo, und dann ist klar, dass Harry auch dort ist. Und sie lehren dort stablose Magie, da dies ein Teil der indianischen Magie ist. Schließlich hatten die vor der europäischen Invasion keine Zauberstäbe."
Harrys begeistertes Gesicht sprach Bände. So war es dann abgemacht, sie würden nach Amerika gehen. „Mir ist gerade etwas eingefallen", gab Harry zu bedenken. "Wie sollen wir da hinkommen? Wir können keinen Portschlüssel anmelden und Apparieren geht auf die Distanz auch nicht. Wir müssen also mit Besen und Seidenschnabel reisen."
Sirius nickte. „In einem Rutsch von hier aus nach New York fliegen geht auf keinen Fall, da hast du vollkommen Recht. Das schaffen weder Seidenschnabel noch wir. Seidenschnabel ist zwar gut trainiert, aber diese Strecke… nein. Wir müssen den Weg in Etappen zurücklegen, am besten über die Färöer, Island und Grönland nach Kanada und von da aus in die USA, das ist der beste Weg. Wir könnten auch die Azoren als Brücke benutzen, aber das wären viel längere Wege über das Wasser und jetzt im Sommer sind da zu viele Leute, die uns sehen könnten."
„Nein, da ist der hohe Norden schon geeigneter. Wir sollten aber möglichst nur nachts fliegen – bzw. dann, wenn es dunkel ist", gab Remus zu bedenken. „Und da die Sonne im hohen Norden im Sommer nicht bzw. nur kurz untergeht, müssen wir aufpassen, dass wir mit der Zeit, die wir für die Etappen über die See haben, hinkommen."
Sirius nickte anerkennend. „Das stimmt, daran hab ich noch gar nicht gedacht. Dann sollten wir uns mal auf den Weg machen. Moony, hast du dieses magische Zelt noch, das wir früher bei Vollmond immer benutzt haben? Da lag so ein guter Wärmezauber drauf, das können wir da oben, vor allem in Grönland, gut gebrauchen."
Der Angesprochene nickte und packte sämtliches Hab und Gut, was er besaß, in einen magisch vergrößerten Rucksack. Viel war es nicht, hauptsächlich Bücher – und dazu alles, was sie für die Reise brauchten: Vorräte, Decken und das Zelt. Dann holte er seinen alten Sauberwisch, Harry nahm seinen Feuerblitz und sie verließen das alte Haus. Sirius hatte Seidenschnabel bereits geholt.
„Es ist schon sehr spät", sagte Harry zu den beiden Rumtreibern. „In wenigen Stunden wird es hell. Meint ihr, wir schaffen das heute Nacht bis zu den Färöern?"
Die beiden sahen sich nachdenklich an. „Eher nicht", sagte Sirius schließlich. „Ich schlage vor, wir fliegen bis Sula Sgeir, das ist eine winzige Insel vor der schottischen Küste. Das ist zwar noch in Britannien, also darfst du da noch nicht zaubern, aber vermuten würde uns dort niemand, da können wir gefahrlos einen Tag verbringen. Ab den Färöern darfst du dann zaubern, da gibt es nämlich auch keine Vernunftgemäße Beschränkung der Zauberei Minderjähriger", erklärte Sirius Harry.
Dieser nickte verstehend und freute sich schon auf den Moment, in dem sie den Einflussbereich des britischen Zaubereiministeriums verlassen würden.
So flogen sie los.
Da Remus in der Nähe von Loch Ness gewohnt hatte, mussten sie wenigstens nicht ganz England überfliegen auf dem Weg nach Norden. Zu ihrem Glück kamen sie recht schnell voran, da sie keinen Gegenwind hatten. Es war eine klare Nacht. Recht bald flogen sie auf das Meer hinaus.
Trotzdem graute der Morgen in dem Moment, als sie von oben zwei Inseln entdeckten, eine größere und eine sehr kleine. Remus flog an Harrys Seite.
„Das da", er deutete auf die größere rechts von ihnen, die etwa zwei Kilometer lang und breit war, „ist North Rona, da sollten wir lieber nicht landen, weil manchmal Muggel dort ihre Schafe weiden lassen. Sula Sgeir dagegen", er deutete auf die Insel, die links von ihnen war und die sie nun ansteuerten," ist für sie uninteressant, weil es da nur Vögel und Felsen gibt."
Die Sonne war aufgegangen, als sie auf dem felsigen Untergrund landeten. Sobald Harry von seinem Besen stieg, holte ihn die Erschöpfung ein. Er war so müde, dass er sich setzen musste, er konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Seidenschnabel landete neben ihm und Sirius ließ sich von seinem Rücken gleiten, nicht minder erschöpft. Der einzige, der noch halbwegs munter war, war Remus, dem zumindest der Flug von Hogwarts zu seinem Haus erspart geblieben war. Harry sah auf das Meer hinaus. Er konnte am Horizont das schottische Festland nicht entdecken. Nun hatte er wirklich sein Land verlassen, nun war er ein Fremder.
Er blickte sich um. Die Insel hatte keine Bäume, bestand nur aus Felsen und Wiese und war etwa 300 Meter lang. Remus beschwor einige Decken und drei Schlafsäcke, während Sirius für Seidenschnabel mit Harrys Zauberstab ein paar Kaninchen aus Steinen verwandelte und ihm einen Eimer Wasser beschwor. Remus baute das Zelt auf und legte starke Schutzzauber darum, bevor die drei mitsamt Seidenschnabel hineingingen und sich schlafen legten.
Albus Dumbledore wunderte sich sehr, als um sechs Uhr morgens bereits jemand an seine Bürotür klopfte. Aber da er schon wach war, konnte er die Person auch gleich hineinlassen. Es war Poppy.
„Wo ist er? Albus, du weißt genau, dass ich es nicht leiden kann, wenn man mir meine Patienten wegnimmt. Also, wo ist er hin?"
Dumbledore brauchte einen Moment, um zu überlegen, von wem die Rede war. Dann fiel ihm jedoch ein, dass Harry ja im Krankenflügel war bzw. gewesen war, denn jetzt war er offensichtlich nicht mehr dort. Dumbledore runzelte die Stirn und spürte Zorn in sich aufsteigen.
„Wie? Er ist einfach weg? Ohne ein Wort?"
„Ja, das sag ich doch", rief Poppy und warf ratlos die Hände in die Luft. „Ich hatte eigentlich gehofft, du wüsstest wo er ist, aber offensichtlich hab ich mich geirrt."
„Schauen wir doch mal im Gryffindorturm nach. Wir alle wissen, dass Harry den Krankenflügel nicht besonders mag. Vielleicht ist er nachts aufgewacht und in den Gryffindorturm zurückgekehrt", antwortete Dumbledore ihr und versuchte, den aufkeimenden Zorn zu bezwingen.
Sie gingen zum Gryffindorturm und fragten zuerst die Fette Dame, ob Harry in der Nacht in den Gryffindorturm zurückgekehrt war. Das Porträt hatte ihn jedoch nicht gesehen. Das kam Dumbledore nun doch seltsam vor. Trotzdem gingen sie hinein und betraten den Schlafsaal der Jungen. Sie schliefen selig, doch es waren nur vier.
Dumbledore ließ den Blick durch den Schlafsaal schweifen und bemerkte, dass nicht nur Harry selbst, sondern auch alle seine Sachen fehlten. Sein Koffer, seine Bücher, seine Kleider, sein Besen – alles weg. Nicht mal in seiner Nachttischschublade befand sich noch ein einziger persönlicher Gegenstand.
Da war auf jeden Fall etwas faul, entschied Dumbledore. Vielleicht wusste Mr Weasley etwas. Er versuchte den Jungen zu wecken, was ihm aber erst beim vierten Mal gelang. Er hatte einen ziemlich festen Schlaf. Schließlich aber schaffte er es, Ron wachte auf und sah Dumbledore und Madam Pomfrey vor seinem Bett stehen. Was wollten die denn von ihm? Und vor allem – er sah auf die Uhr – MITTEN IN DER NACHT?
„Mr Weasley, wir hatten uns gefragt, ob Sie vielleicht etwas über den Verbleib von Mr Potter wissen. Er ist einfach aus dem Krankenflügel abgehauen", sagte Madam Pomfrey streng.
Ron runzelte die Stirn. „Ich habe keine Ahnung. Letztes Mal, als ich ihn gesehen habe, war gestern Abend – IM Krankenflügel."
„Nun, jetzt ist er nicht mehr dort." Dumbledore sah ihn eindringlich an. „Sie haben wirklich keine Ahnung, wo er hingegangen sein könnte?"
Ron schüttelte besorgt den Kopf. Dabei fiel sein Blick auf seinen Nachttisch, wo immer noch der Brief von Harry lag. Stirnrunzelnd öffnete er ihn.
Lieber Ron, liebe Hermine,
es tut mir leid, dass ich einfach so ohne ein Wort abhaue, aber nun, nachdem Voldemort zurück ist, seid ihr in meiner Nähe nicht mehr sicher. Ich muss jetzt erst mal meine Gedanken sortieren und brauche etwas Zeit für mich. Macht euch bitte keine Sorgen um mich, es wird mir gut gehen.
In Liebe,
Harry
Mit jedem Satz, den er las, wurde Ron bleicher. Er reichte den Brief an Dumbledore weiter. Dieser hatte eine ruhige Miene aufgesetzt, aber innerlich brodelte er. Warum war Harry weggegangen? Er war derjenige, der Voldemort besiegen sollte, so war es ihm vorherbestimmt, so sagte es die Prophezeiung. Wenn er nicht mehr unter seinem, Dumbledores, Einfluss war, konnte er ihn nicht mehr in die richtige Bahn lenken.
Äußerlich ruhig sage er: „Ich werde mit Sirius Kontakt aufnehmen. Vielleicht weiß er, wo Harry sein könnte."
Ron nickte erleichtert und Dumbledore verließ den Schlafsaal und apparierte umgehend – als Schulleiter konnte er das auch in Hogwarts – zu Remus' Hütte, wo Sirius schließlich untergetaucht war. Als er jedoch an die Tür klopfte, öffnete ihm niemand. Auch nach dem zweiten und dritten Mal geschah nichts.
„Da soll doch..." Er öffnete die Tür schließlich mit einem Alohomora.
Keine Reaktion.
„Homenum revelio!"
Nichts.
Dumbledore ging den winzigen Flur entlang und betrat das ebenfalls winzige Wohnzimmer. Es waren absolut keine persönlichen Gegenstände hier. Auch in der Küche und im Schlafzimmer gab es nichts, was darauf hindeuten könnte, dass Remus oder eine andere Person in letzter Zeit hier gewesen sein könnte. Angebrochenes, altes Geschirr und einige mottenzerfressene Möbel waren noch da. Ansonsten nichts.
Dumbledore verließ wütend das Haus – ach was, die Bruchbude - und überlegte, was er tun konnte. Er war sich ziemlich sicher, dass es einen Zusammenhang zwischen Harrys und Remus' Verschwinden gab. Und todsicher war Sirius auch bei ihnen. Dann hatte der sicher auch nicht den Orden einberufen. Na super. Das musste Dumbledore nun selber übernehmen – und damit in Kauf nehmen, wertvolle Zeit zu verlieren, die er dringend brauchte, um die drei Ausreißer wiederzufinden. Das würden sie ihm noch büßen!
Während er solch finsteren Gedanken nachhing, disapparierte er. Er würde erst einmal in Godric's Hollow und im Grimmauldplatz nachsehen. Was es auch kostete, er musste sie finden! Auf die Idee, dass sie das Land verlassen haben könnten, kam er nicht.
