Eine weite Reise
Harry erwachte in einem Zelt. Erst hatte er keine Ahnung, wo er war, doch dann fiel ihm siedend heiß alles auf einmal wieder ein. Er schoss hoch und kroch leise nach draußen, um Remus nicht zu wecken, der in seinen Schlafsack gehüllt noch selig schlief. Die Sonne stand schon hoch am Himmel, es musste kurz nach Mittag sein. Vor dem Zelt saß Sirius, der Seidenschnabels Rücken streichelte. Als er hörte, dass Harry wach war, drehte er sich um und sah ihn aufmunternd an. Harry wollte gerade etwas sagen, als sein Magen knurrte. Sirius grinste. "Gutes Stichwort, Harry. Hey, Moony!" Er stand auf, ging ins Zelt und rüttelte Remus an der Schulter.
„Äh, was?"
Remus wachte auf und sah seine zwei Reisegefährten verwirrt an. „Oh, es war kein Traum."
Harry lachte.
„Wir dachten nur gerade, dass es eine gute Idee wäre, langsam etwas zu essen", meinte Sirius mit einem Kopfnicken zu seinem Patensohn. "Harrys Idee. Und dann sollten wir uns eine Flugroute überlegen."
Remus gähnte herzhaft und nickte. Er nahm etwas von dem Proviant und vervielfältigte das Essen magisch. Er hatte zuhause nicht mehr viel zu essen gehabt und alles, was noch da gewesen war, mitgenommen, aber ohne Zauberei würde es ihnen niemals reichen, bis sie Amerika erreichen würden.
Eine Weile aßen sie schweigend, dann holte Remus einen Atlas hervor und schlug die Seite mit der Nordpolarregion auf. Man konnte den ganzen Nordpol und alle Gebiete ringsum erkennen, bis runter zu den britischen Inseln.
„Wir sind hier", er tippte mit dem Zauberstab auf eine Stelle im Meer, nicht weit nördlich von der schottischen Küste. Sula Sgeir war zu klein um auf der Karte eingezeichnet zu sein. Als Remus mit dem Zauberstab die Stelle berührte, zoomte die Karte plötzlich tiefer hinein. Harry keuchte überrascht auf. Schließlich war sie so stark vergrößert, dass sogar North Rona und Sula Sgeir sichtbar wurden. Sirius grinste.
„Tolle Erfindung, nicht?"
Remus zoomte wieder ein Stück aus der Karte heraus und zeigte auf eine Inselgruppe nördlich von ihnen. „Das da sind die Färöer. Dahin müssen wir von hier aus durchfliegen, weil keine andere Insel als Zwischenlandestation auf dem Weg liegt. Ich würde vorschlagen, wir fliegen nachher die 250 Kilometer zur Südspitze von Suðuroy, der südlichsten Insel der Färöer, ruhen uns dort etwas aus und fliegen noch in der gleichen Nacht weiter nach Mykines, das ist die westlichste Insel hier oben, die am nächsten an Island liegt. Das sind nochmal 100 Kilometer, diese Strecke sollten wir auf jeden Fall schaffen, denn in der Nacht darauf setzen wir dann von Mykines nach Island über, das werden knapp über 400 Kilometer."
Die anderen beiden nickten.
„Gibt es in Island Zauberer?", fragte Harry neugierig.
„Ja, und es sind sogar recht viele in Relation zur Muggelbevölkerung. Ich würde mir dort eigentlich gerne einen Zauberstab kaufen, aber ich hab nur ein paar Pfund, das reicht erstens nicht und zweitens würde es die Isländer misstrauisch machen, wenn ich das in der dortigen Gringotts-Filiale in Galleonen umtauschen würde, denn auch auf Island wird nach mir gefahndet", sagte Sirius niedergeschlagen. „Die werden allen fremden Briten gegenüber sehr misstrauisch sein."
In diesem Moment fielen Harry die tausend Galleonen Preisgeld ein, die er immer noch in seiner Umhangtasche hatte. Er hatte sie hastig eingesteckt, als er sich im Krankenflügel angezogen hatte. Nun zog er den Beutel hervor und präsentierte ihn grinsend den beiden Rumtreibern.
„Geld sollte kein Problem sein, das hier ist das Preisgeld des Trimagischen Turniers. Ich wollte es eigentlich den Weasleys schenken, aber nun brauchen wir es dringender. Das sollte locker für 100 Zauberstäbe reichen. Und für die Sprache – gibt es keine Übersetzungszauber?"
Sirius, der Harry ob des plötzlichen Geldsegens einen begeisterten Blick geworfen hatte, schüttelte den Kopf. „Es gibt zwar einen Zauber, der bewirkt, dass man automatisch eine andere Sprache spricht und versteht, aber der wirkt nur maximal fünf Minuten, das hängt davon ab, wie gut er ausgeführt wird. Danach muss er erneuert werden. Ein Zauberstabkauf gestaltet sich in der Regel viel länger, denn wie wir wissen, sucht sich der Zauberstab den Zauberer aus, nicht umgekehrt."
„Gibt es auf den Färöern auch einen Zauberstabladen?", fragte Harry nachdenklich. Sirius und Remus schüttelten die Köpfe.
„Es gibt auf den Färöern nur sehr wenige Zauberer, ich glaube, so etwa zehn. Die haben keine eigene Einkaufsgasse, nichts. Soweit ich weiß, portschlüsseln die immer nach Reykjavík, wenn sie irgendetwas Magisches benötigen", antwortete Remus. Harry nickte verstehend.
„Um das Problem können wir uns immer noch kümmern, wenn wir in Amerika sind", sagte Sirius schließlich. „Letzten Endes macht es nichts, ein bisschen länger zu warten, ich war so lange ohne Zauberstab, dass die paar Tage nun auch nichts mehr ausmachen. Es ist besser, kein unnötiges Risiko einzugehen. Also, weiter im Plan. Wenn wir in Island sind, brauchen wir wieder eine Nacht, um die Insel einmal zu überqueren, bis zu den Westfjorden." Er deutete auf eine Halbinsel im Nordwesten, die die Form eines Dreizacks hatte. „Von hier aus setzen wir dann nach Grönland über."
Sie wandten sich Grönland zu und überlegten, wo sie von dort am sinnvollsten nach Kanada übersetzen könnten. Harry zeigte auf eine kleine Meerenge hoch im Norden von Grönland. „Nach Ellesmere Island wäre der Weg über das Wasser zwar am kürzesten, aber ansonsten ist das ein großer Umweg, den wir machen würden. Ich schlage vor, wir überqueren das Meer über die Davisstraße nach Baffin Island. Das ist der direkteste Weg und es ist nicht viel weiter als die Meerenge zwischen Island und Grönland."
Die anderen beiden nickten. Keiner von ihnen hatte Lust auf einen einwöchigen Umweg.
„Von Baffin Island aus müssen wir dann nur noch nach Süden fliegen, bis wir in New York sind. Das könnte nochmal ungefähr eine Woche dauern."
Harry sah ihre Landkarte an und zählte nach. „Das heißt, wenn alles so läuft, wie es soll, brauchen wir etwa zwei Wochen."
Sirius nickte. „Denkt daran, Besen werden nicht müde. Im Grunde müsst ihr euch nur draufhalten, dann kann euch nichts passieren, und es gibt einen Zauber, der dafür sorgt, dass man nicht herunterfallen kann. Mit dem müssen wir uns alle drei belegen, falls einer einschläft. Außerdem Wärmezauber und, ganz wichtig, ein Kraftzauber für Seidenschnabel. Im Zweifelsfall, wenn er Muskelkater bekommt, müsstest du seine Flügel schmerzfrei halten, Moony."
Der Angesprochene nickte. „Sag mir dann einfach Bescheid. Die Etappen sind ja erträglich, da ist er bestimmt auch ohne Dopingzauber in der Lage, die Strecke zu fliegen."
„Gut, dann sollten wir noch etwas schlafen, um Kräfte zu tanken. Es wird im hohen Norden im Sommer leider so spät dunkel und so früh hell, darum müssen wir zusehen, dass wir die Zeit der Dunkelheit ausnutzen, denn Desillusionierungszauber können wir nicht verwenden, weil wir uns sonst verlieren könnten", sagte Sirius nachdenklich. Die anderen beiden nickten und sie legten sich wieder hin, um noch ein paar Stunden zu schlafen.
Am späten Abend, als es dunkel wurde, brachen sie auf. Das Zelt und die Schlafsäcke verschwanden in Remus' magisch vergrößertem Rucksack, den er zusätzlich auch noch gewichtslos zauberte, dann beschwor er ihnen allen warme Kleidung, damit sie nicht auf den Besen und Seidenschnabel festfrieren würden. So hoben sie ab in Richtung Norden.
Sie kamen sehr gut voran und waren bereits nach zweieinhalb Stunden auf Suðuroy, der südlichsten Insel der Färöer, angekommen. „Gute Bilanz", kommentierte Sirius die Strecke, während er von Seidenschnabel absprang. „Wir sind mit ungefähr 100 Stundenkilometern unterwegs. Ein Glück, dass wir so schnell sind, denn sonst müssten wir in den Tag hineinfliegen, und das wäre gefährlich."
„Das stimmt, aber richtig kritisch wird es dann in Island, auf der Grönlandstrecke und in Nordkanada. Da müssen wir dann weitläufig den Homenum Revelio einsetzen, um rechtzeitig vor Entdeckung sicher zu sein. Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn wir von Muggeln oder noch schlimmer, Zauberern gesehen würden..." orakelte Remus mit entsetztem Gesichtsausdruck.
Sie machten kurz Pause und flogen nochmal eine Stunde weiter, nach Mykines, der westlichsten Insel. Hier schlugen sie ihr Lager auf und belegten es wieder mit starken Schutzzaubern sowohl gegen Muggel als auch gegen Zauberer. Gerade rechtzeitig, denn obwohl es noch sehr früh am Morgen war, wurde es bereits wieder hell. Es war Polartag.
Sie legten sich schlafen und als sie um Mittag herum wieder aufwachten und etwas gegessen hatten, bat Harry Sirius und Remus, ihm Okklumentik beizubringen. Seit Sirius erwähnt hatte, dass manche Leute – konkret Dumbledore – in den Geist anderer eindringen konnten, hatte er beschlossen, zu lernen, wie man dies abwehren konnte.
„Legilimentik und Okklumentik gehören eigentlich zur höheren Magie", erklärte Remus ihm. „Höhere Magie wird nicht an Zaubererschulen gelehrt, sondern erst auf den magischen Universitäten. Das liegt daran, dass man auf UTZ-Niveau sein muss, um solche Magie erlernen zu können, weil sie sehr kompliziert ist. Nur wer eine besondere magische Begabung hat, ist überhaupt in der Lage, höhere Magie schon vorher zu erlernen."
„Also hätte Hermine sicher keine Probleme damit", überlegte Harry. „Aber für mich ist es dann wohl noch zu früh, schade."
Remus und Sirius wechselten belustigte Blicke. „Harry, du hast in der DRITTEN Klasse einen UTZ-Zauber gemeistert, und zwar perfekt. Du hast hunderte Dementoren mit deinem Patronus vertrieben. Also ich mache mir keine Sorgen über deine magische Begabung", beruhigte Sirius ihn.
„Du meinst, ich könnte es tatsächlich schaffen, etwas so Kompliziertes wie Okklumentik zu lernen, auch wenn ich erst in die fünfte Klasse komme?", vergewisserte sich Harry ungläubig.
Remus nickte. „Du hast definitiv eine große Begabung in der Magie, sonst hättest du es niemals geschafft, in so jungen Jahren den Patronus zu erlernen. Okklumentik sollte also kein größeres Problem für dich sein. Aber es wird natürlich nicht von heute auf morgen gehen, du brauchst viel Ausdauer."
Harry nickte. „Ich möchte es gern trotzdem versuchen."
„Gut, dann lass uns anfangen."
Als es am späten Abend dunkel wurde, brachen sie schnell auf. Sie mussten sich beeilen, denn sie hatten nur dreieinhalb Stunden Zeit, bevor die Sonne in Island wieder aufgehen würde. Nach knapp vier Stunden erreichten sie die isländische Küste, zu einem Zeitpunkt, zu dem es bereits wieder hell war. Sie waren deshalb sehr tief geflogen, damit sie nicht so leicht gesehen werden und ihrerseits eventuelle Beobachter schnell ausmachen konnten. Diesmal war eine kleine, unbewohnte Insel vor der Küste ihr Zufluchtsort. Sofort bauten sie ihr Zelt auf und errichteten die entsprechenden Schutzzauber. Erschöpft schlief Harry ein und blieb in diesem Zustand bis zum Mittag, bevor sie aufwachten und sich das Mittagessen zauberten.
Während sie aßen, goss Sirius Wasser in eine verwandelte Schale und stellte es Seidenschnabel hin, der dankbar krächzte. Außerdem hatte er ihm zwei Kaninchen verwandelt.
Remus breitete die Karte aus. „Schauen wir mal, wo genau wir sind. Localis!"
Auf der Karte erschien ein grüner Punkt auf einer kleinen Insel vor der isländischen Südküste, die mit „Papey" beschriftet war.
„Gut. In dieser Nacht müssen wir also von hier bis rauf zu den Vestfirðir, den Westfjorden." Er tippte auf eine dreiarmige Halbinsel im Nordosten Islands.
„Wie lang brauchen wir denn da?", fragte Sirius nachdenklich. „Wir sind hier ja doch ziemlich weit nördlich und können es uns nicht leisten, gesehen zu werden, nur weil die Sonne sich entscheidet, früher aufzugehen."
Remus maß nach. „Das sind, wenn wir genau geradeaus fliegen, ungefähr 450 Kilometer. Wenn wir bei unserer Geschwindigkeit bleiben, können wir das in viereinhalb Stunden schaffen. Da die Sommersonnenwende gerade erst seit wenigen Tagen vorbei ist, werden wir spätestens ab der Hälfte der Strecke Mitternachtssonne haben."
Sirius schüttelte den Kopf. „Dann müssen wir landen. Die Gegend ist zwar fast vollständig menschenleer, darum ist es relativ unwahrscheinlich, dass uns jemand sieht, auch weil es ja trotzdem mitten in der Nacht ist und um diese Uhrzeit die Leute schlafen. Aber wir dürfen auf keinen Fall ein Risiko eingehen. Wenn wir doch gesehen werden, dann haben wir und die gesamte Zaubererwelt ein riesengroßes Problem. Ich würde vorschlagen, dass wir Island in zwei Etappen überqueren."
Die anderen beiden nickten. Keiner hatte Lust, mehr Zeit als unbedingt nötig auf dieser Reise zu verbringen, aber eine Verletzung des Internationalen Geheimhaltungsabkommens würde noch viel schwerwiegendere Konsequenzen nach sich ziehen.
