Im hohen Norden
So brachen sie bei Sonnenuntergang auf – es war etwa 23 Uhr – und machten sich auf den Weg vom Südosten in den Nordwesten Islands. Harry sah während des Fluges auf seinem Feuerblitz fasziniert nach unten. Hedwig flog wie immer neben ihm. Sie überflogen Geysire, Krater, endlose Weideflächen, auf denen Islandpferde grasten, und Schotterebenen. Er hätte eigentlich nichts dagegen gehabt, dieses Land ein wenig näher zu betrachten. Die wilde Schönheit Islands faszinierte ihn. Aber ihm war klar, dass sie dafür keine Zeit hatten. Sie mussten nach Amerika, in Sicherheit. So schön es auch war, das Land zu überfliegen – natürlich mit Wärmezaubern eingedeckt, ansonsten wären sie schon längst erfroren – so fühlte er sich doch auch recht schutzlos und sah sich immer wieder um, ob ihnen jemand folgte.
‚Vermutlich färbt Sirius seine Paranoia auf mich ab', dachte er belustigt. Schaden konnte es immerhin nicht, da es zu mehr Wachsamkeit führte.
Als sie weiter vorstießen, ging vor ihnen die Sonne auf. Sofort landeten sie und bauten das Zelt und die Schutzzauber auf. Nun würde es fast 22 Stunden dauern, bis sie wieder weiterfliegen konnten. Stattdessen gingen sie ins Bett und als das Trio am Morgen aufwachte, merkten sie, dass sie ganz in der Nähe einer heißen Quelle gelandet waren. Also beschlossen sie kurzerhand, baden zu gehen.
Es war das angenehmste, was Harry jemals erlebt hatte. Auch Seidenschnabel genoss das heiße Wasser. Harry grinste und kletterte auf den Rücken des Hippogreifs, während dieser planschte. Als Seidenschnabel bemerkte, dass jemand auf seinem Rücken saß, wandte er den Kopf und sah Harry einen Moment an, bevor er mit den Flügeln schlug und fast senkrecht aus dem Wasser abhob. Harry, dessen Körper sich an die Temperatur des Wassers gewöhnt hatte, fing an, erbärmlich zu frieren, als Seidenschnabel in der Luft war.
„Aaaaaaaaaaaaaaaaaaaah, Seidenschnabel, geh wieder ins Wasser!", rief er zitternd vor Kälte. Der Hippogreif krächzte und schoss in wronskibluffartiger Manier in Richtung Wasseroberfläche. Remus und Sirius, die sich genau in der Mitte des Wasserbeckens eine Wasserschlacht lieferten, stoben auseinander, als Seidenschnabel sich näherte. Das Wasser spritzte meterweit, als der Hippogreif wieder eintauchte und mit den Flügeln schlug. Harry jauchzte, was die beiden Rumtreiber zufrieden zur Kenntnis nahmen.
„Er ist glücklich", sagte Sirius erfreut zu Remus. „Und es ist gut, dass Seidenschnabel ihn mag, manchmal sind Hippogreife ja fürchterlich misstrauisch Menschen gegenüber."
Remus nickte zustimmend. „Auch Hedwig ist eine gute Gefährtin für Harry", antwortete er, während er die Eule dabei beobachtete, wie sie über der heißen Quelle Kreise flog und den Wasserspritzern auswich. Dann setzte sie sich auf den Hippogreif, der inzwischen neben der Quelle lag und sein Gefieder pflegte. Harry wickelte sich in ein Handtuch, setzte sich daneben und streichelte mit jeder Hand eines der beiden Tiere.
„Hedwig ist eine tolle Eule. Hagrid hat sie ihm geschenkt, als er an seinem 11. Geburtstag zum ersten Mal in der Winkelgasse seine Hogwartseinkäufe gemacht hat", erzählte Sirius.
„Es ist jedenfalls schön zu sehen, dass Harry auch mal etwas Spaß im Leben hat", sagte Remus lächelnd.
Sein bester Freund nickte. „Ja, sein bisheriges Leben war nicht gerade schön. Aber dafür gehen wir ja nach Amerika, um das zu ändern."
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In der Nacht flogen sie den Rest der Strecke über Island. Um genau den Punkt ansteuern zu können, den sie als Landepunkt bestimmt hatten, hatte Remus mit seinem Zauberstab auf der Karte den Landepunkt markiert und konnte nun mit dem Point-me-Zauber immer feststellen, in welche Richtung sie mussten, solange, bis er einen anderen Punkt in dem Atlas markieren würde.
Endlich waren sie auf der äußersten Südspitze der Westfjorde angekommen. Vor ihnen war die Grönlandsee zu sehen, die sie in der nächsten Dunkelperiode überfliegen würden.
Sie nahmen nicht die kürzeste Route zur grönländischen Ostküste, sondern flogen so, dass sie auf dem gleichen Breitengrad landeten, auf dem sie in Island abgeflogen waren. Auf diese Weise sparten sie sich in Grönland einen Tag, weil der Weg zur Davisstraße nun nicht mehr so weit war. Grönland war bitterkalt, auch im Sommer. Alle drei Zauberer waren heilfroh, dass es so gute Wärmezauber gab. Als sie endlich um vier Uhr morgens bei gleißendem Sonnenschein an der felsigen grönländischen Küste landeten, machten sie als erstes im Zelt den Ofen an und kochten sich einen heißen Tee. Es war spät, und so beschlossen sie, ins Bett zu gehen. Der Nachmittag darauf wurde im Zelt verbracht, hauptsächlich mit Zauberschnippschnapp und Okklumentikübungen.
Allerdings konnte Harry sich nicht gut konzentrieren. Als sie eine Pause machten, nahm er die Karte, tippte mit seinem Zauberstab New York an und sagte „Point me". Der Zauberstab schwang herum und zeigte Richtung Südwesten.
„Harry, willst du etwas essen?", fragte Sirius. Der Angesprochene stand auf und setzte sich zu den beiden Rumtreibern. Sie würden noch weit über eine Woche brauchen, bevor sie ankämen. Aus irgendeinem Grund sorgte diese Tatsache bei Harry für schlechte Laune, was auch den anderen beiden und selbst Hedwig nicht verborgen blieb, die sich auf Harrys Schulter setzte und an seinem Ohr knabberte, um ihn aufzuheitern.
„Was ist los, Harry", fragte Remus freundlich. Sirius beobachtete ihn aufmerksam.
Der Teenager musste selber erst überlegen, warum er so schlecht gelaunt war. „Ich... kann es nur schwer erklären. Ich freue mich unglaublich auf Amerika, und ich habe langsam die Nase voll von dieser Reise. Sicher, es ist aufregend und alles, aber... ich möchte mal wieder irgendwo zuhause sein", versuchte er sich verständlich zu machen.
Remus nickte verstehend. „Du bist genervt davon, immer nur unterwegs zu sein und willst endlich ankommen", fasste er Harrys Befinden in Worte.
„Ja, genau das ist es."
„Wir müssen leider nun mal aufpassen, dass wir nicht gesehen werden", sagte Sirius entschuldigend. Ich weiß, es ist sehr beschwerlich, aber sobald wir in Kanada sind, wird es leichter, dann müssen wir nur noch geradeaus nach Süden und haben bald das Problem mit der Nachtsonne nicht mehr, kommen also viel schneller voran."
Harry nickte. Jedoch spukte ihm noch etwas anderes im Kopf herum.
„Sag mal, Tatze, was ist eigentlich, wenn das amerikanische Zaubereiministerium deine Patenschaft nicht anerkennt? Wenn sie den berühmten Harry Potter", er spuckte die letzten drei Worte verächtlich aus, „lieber unter ihrer eigenen Vormundschaft haben wollen?"
Sirius sah ihn nachdenklich an. „Das werden sie nicht. Ich weiß, in Britannien wäre das möglich. Die Briten sind da komisch", antwortete er langsam, „was auch zu einem guten Teil an dem Reinblutwahn liegt, der in der Form in den meisten anderen Ländern nicht vorhanden ist. Es ist sehr unwahrscheinlich, dass der MACUSA, das Zaubereiministerium der Vereinigten Staaten, versucht, dich mir wegzunehmen, sie sind dort nicht so korrumpiert wie in Britannien. Was aber trotzdem eine Möglichkeit für uns wäre: Eine Blutadoption, also eine magische Adoption mit dem Blutritual. Der Unterschied zur normalen Adoption wäre, dass man erstens keinerlei offiziellen Papierkram dafür machen muss, es ist nur ein magisches Ritual vonnöten, und zweitens du nicht nur vom Papier her mein Sohn wärst, sondern auch vom Blut her. Du wärst mit mir und allen Blacks verwandt und hättest sozusagen drei leibliche Eltern. Dadurch würde sich übrigens auch dein Aussehen verändern, nicht sehr stark wahrscheinlich, aber du hättest ja auch die Black-Gene in dir und Leute, die dich früher kannten, würden dich vielleicht nicht auf den ersten Blick erkennen. Dein offizieller Nachname wäre dann übrigens auch Black, was eigentlich gar nicht so schlecht wäre, weil dadurch niemand erfährt, wer du wirklich bist."
Harry sah ihn fassungslos an. „Du würdest mich wirklich adoptieren wollen?"
Sirius zuckte mit den Schultern. „Klar, warum nicht? Du bist doch eh wie ein Sohn für mich. Die Wahrscheinlichkeit ist sogar groß, dass du die Familiengabe erben würdest, die Metamorphmagie. Das heißt", fügte er auf Harrys fragenden Blick hinzu, „jemand, der diese Gabe hat, kann sein natürliches Aussehen verändern. Im Moment hat diese Gabe nur Nymphadora, die Tochter meiner Lieblingscousine, denn die hat einen Muggelstämmigen geheiratet und damit kam frisches Blut in die Familie. Die Blacks haben ansonsten jahrhundertelang Inzucht betrieben, meine Eltern zum Beispiel waren Cousin und Cousine 2. Grades, und dadurch gehen gewisse Eigenschaften gerne flöten und tauchen erst wieder auf, wenn frisches Blut hereinkommt. Also ist es bei dir sehr wahrscheinlich, dass du das dann auch könntest."
Harry dachte nach. „Ich hab den Unterschied zwischen Metamorphmagie und normalen aussehensverändernden Zaubern noch nicht verstanden. Wenn man etwa für die Haare einen normalen Färbezauber benutzt, warum ist das nur halbwertig?"
„Wenn du einen aussehensverändernden Zauber auf dich legst, z.B. die Haare färbst, dann hast du ja eigentlich ein anderes Aussehen. Also es gibt sozusagen ein natürliches Aussehen, und wenn du dein Aussehen verändert hast und dich jemand mit einem Enttarnungszauber belegt, dann wäre es mit dem neuen Aussehen vorbei. Auch von selbst würde der Zauber irgendwann nachlassen. Anders bei einem Metamorphmagus, der hat zwar auch ein natürliches Aussehen, aber wenn er es verändert, ist es so, als wäre das neue das natürliche Aussehen und ein Enttarnungszauber hätte da keine Wirkung, auch nachlassen würde der Zauber nicht. Viele Metamorphmagi kennen ihr natürliches Aussehen nicht mal, weil sie schon als kleine Kinder angefangen haben, unbewusst die Haare zu färben oder sowas, und nur wenn ihre Fähigkeit nicht einsetzen können, weil sie zum Beispiel Kummer haben, dann käme es zutage."
Harry grinste. „Wenn ich das könnte, könnten Dumbledore und Voldemort nach mir suchen, bis sie schwarz sind!"
Sirius nickte. „Ganz genau. Aber trotzdem, mach dir diese Entscheidung nicht leicht, denn du wärst hinterher nicht mehr der gleiche, auch einige Charakterzüge könnten sich ein wenig verändern. Es ist immerhin keine normale Adoption auf dem Papier, sondern eine magische. Auch wenn du dir jetzt schon sicher sein solltest, denk auf jeden Fall noch darüber nach, bis wir New York erreicht haben. Vorher können wir das Ritual sowieso nicht durchführen, weil man für den Trank einige ungewöhnliche Zutaten braucht, die wir nicht hier haben."
Harry nickte. „Ich werde darüber nachdenken. Danke", sagte er voller Wärme in der Stimme. Er hätte sich niemals träumen lassen, dass Sirius ihn tatsächlich adoptieren wollen würde.
Den restlichen Tag war Harry sehr nachdenklich. Auch am Abend, als die anderen beiden längst schliefen, saß er noch am Esstisch und knabberte an Kräckern herum. Irgendwann stieß Remus zu ihm, der sich ein Glas Wasser holen wollte.
„Hey, Harry, was ist? Kannst du nicht schlafen?" Harry schüttelte den Kopf. „Es gibt ziemlich viel zu verdauen."
Remus sah ihn aufmerksam an und setzte sich neben ihn. "Sag mal, Moony", begann Harry zögernd, "wenn Sirius mich blutadoptiert, geht dann mein Nachname wirklich verloren?"
Remus sah ihn von der Seite an. "Durch eine Blutadoption wirst du sein leiblicher Sohn. Du hast zwar immer noch das genetische und magische Erbe deiner leiblichen... also, deiner ersten leiblichen Eltern in dir, aber Sirius wäre ebenfalls dein leiblicher Vater. Und da er dich durch die Blutadoption in die Familie Black aufnimmt, wird dein offizieller Nachname Black sein, auch wenn du natürlich weiterhin der Sohn und Erbe deiner Eltern sein wirst. Bei einem Identitätszauber käme Harry Black heraus. Würde dich das sehr stören?"
"Nein. Ehrlich gesagt wäre ich begeistert, nicht mehr Potter heißen zu müssen. Mit diesem Namen verbinden alle nur den Jungen der lebt, und darauf habe ich keine Lust... Aber ich hab so ein schlechtes Gewissen, Remus. Meine Eltern haben ihr eigenes Leben geopfert, damit ich leben kann, und nun lasse ich mich einfach von einem anderen adoptieren und trage den Namen nicht weiter..." Tränen traten ihm auf die Wangen.
"Harry", schritt Remus ein und schloss den aufgelösten Jungen in die Arme. "Deine Eltern wären überglücklich, wenn sie wüssten, dass ihr bester Freund ihren Sohn blutadoptieren will. Schließlich haben sie ihn ja genau aus dem Grund zu deinem Paten gemacht. Eine magische Patenschaft bedeutet so viel mehr als nur Geburtstagsgeschenke kaufen und das Kind großziehen, wenn die Eltern zu früh sterben sollten. Es kommt sehr, sehr häufig vor, dass in einem solchen Fall das Kind blutadoptiert wird, denn dann kann der neue Vater dem Kind die geheimen Zauber seiner eigenen Familie lehren. Du trägst den Namen Potter ja weiter, nur nicht mehr offiziell. Aber bei einem magischen Erbschaftstest würde der Name auf dem Pergament stehen, ebenso alle anderen ehemaligen Nachnamen."
"Ein magischer Erbschaftstest?"
Remus lächelte. "Ja. Der zeigt dir alle Familien an, deren Erbe du bist."
"Könnte man auf diese Weise also feststellen, wie die Vorfahren heißen? Kannst du das bei mir machen?", fragte Harry neugierig.
Remus schüttelte bedauernd den Kopf. „Das können nur die Kobolde von Gringotts. Aber den Identitätszauber zeige ich dir, damit du siehst, was auf dich zukommt." Er machte mit seinem Zauberstab eine halbkreisförmige Bewegung über Harry und intonierte:
"Identitatis revelio!"
Über Harrys Kopf erschienen in grüner Schrift die Worte Harry James Potter.
„Wenn Sirius dich adoptiert, dann steht da Harry James Black. Auch bei einer normalen Adoption wäre das ja der Fall, sofern sie rechtlich korrekt durchgeführt wird. Aber so wirst du nicht nur sein rechtlicher Sohn, sondern wirklich sein leiblicher."
"Was ist, wenn Sirius mal weitere Kinder hat?"
"Nichts ist dann. Dann hast du eben ein paar jüngere Geschwister."
Harry nickte nachdenklich. Er realisierte erst jetzt, was das genau hieß. "Bist du sicher, dass Sirius mich wirklich als seinen leiblichen Sohn will? Ich meine..."
Remus hob sein Kinn an und sah ihm ernst in die Augen. "Ja."
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Ein paar Stunden später flogen sie weiter. Es wurde nicht mehr dunkel, und sie brauchten zwei Tage, um die größte Insel der Welt zu überqueren. Im Wechsel sprachen sie immer wieder den Homenum Revelio, um rechtzeitig gewarnt zu sein, wenn Muggel in der Nähe waren, die sie sehen könnten. Doch schließlich landeten sie an der Westküste Grönlands, und einen Tag später erreichten sie endlich Kanada.
