Gelobtes Land

Die drei Zauberer brauchten noch einmal sieben Tage, um sich von der Baffininsel bis nach New York vorzuarbeiten. Doch nun war es nicht mehr so schlimm, da sie keine hunderte Kilometer mehr über das Wasser fliegen und nicht mehr so sehr aufpassen mussten, da die Nächte, je weiter sie nach Süden kamen, immer länger wurden.

Sie hätten natürlich auch in Kanada bleiben können, waren jedoch übereingekommen, dass Sirius lieber in den USA um Asyl bitten sollte. Er hätte nämlich sonst Kanada bis zu seiner Freisprechung in England nicht mehr gefahrlos verlassen können, wollte aber im Notfall in der Lage sein, nach Ilvermorny zu kommen, wenn mal was sein sollte.

Nach über zwei Wochen unterwegs erreichten sie in der Nacht auf den 9. Juli endlich New York. Von oben sah das Lichtermeer wundervoll aus, Harry blieb der Mund offen stehen. Die riesige Stadt glitzerte, obwohl es drei Uhr nachts war. Trotzdem schien die halbe Bevölkerung wach zu sein, dem Lichtermeer zufolge.

Nachdem sie in einem Wald im Norden der Stadt ihr Zelt mitsamt Schutzzaubern aufgebaut hatten und Seidenschnabel etwas zu essen bekommen hatte, ließ sich Remus demonstrativ auf das Sofa fallen. Harry und Sirius grinsten sich an, sie fühlten sich genauso. Da fiel Harry etwas ein.

„Du hast gesagt, ich soll bis New York warten, um dir meine Antwort zu geben."

Sirius nickte und sah ihn gespannt an.

„Ich würde mich sehr geehrt fühlen, dein Sohn werden zu dürfen", sagte Harry. Sirius umarmte ihn glücklich.

„Das bedeutet mir viel, Harry", sagte er leise. „Sollen wir Moony fragen, ob er dein neuer Pate sein möchte?"

Harry strahlte und sah zu Remus hinüber, der nichts von dem Gespräch mitbekommen hatte, weil er eingeschlafen war.

„Der Vollmond naht", sagte Sirius bedrückt. „Wir werden ihm am besten morgen, ich meine heute, einen Wolfsbanntrank besorgen. Bei der Gelegenheit können wir auch gleich die Trankzutaten für die Blutadoption besorgen, was meinst du? Wenn wir den Adoptionstrank heute Nachmittag und Abend brauen, können wir das Ritual gleich morgen durchführen, denn der Trank muss eine Nacht ziehen. So können wir dich zeitnah in Ilvermorny anmelden. Eventuell musst du nämlich für etwaige Pflichtfächer nachlernen, und es wäre gut, diese so schnell wie möglich zu wissen, damit du dafür noch möglichst viel Zeit bis zum Schuljahresanfang hast."

Harry nickte, das war eine Sache, über die er sich noch gar keine Gedanken gemacht hatte. Die beiden ließen Remus ins Bett schweben und gingen dann selber schlafen. Alle drei wachten erst am späten Vormittag wieder auf, die Reise hatte sie alle geschlaucht.

Beim Brunch planten ihr weiteres Vorgehen.

„Am besten ist, du wartest hier, Harry, weil du mit deinem jetzigen Aussehen sicher noch erkannt wirst. Sirius und ich fahren jetzt nach New York rein und du bittest heute noch um politisches Asyl, Tatze", schlug Remus vor. "Dann wird morgen in ganz Amerika bekannt sein, dass du unschuldig bist. Ich besorge währenddessen die Zutaten für den Adoptionstrank."

Sirius und Harry nickten pflichtbewusst und die beiden Rumtreiber machten sich auf den Weg. Der MACUSA befand sich im Woolworth Building am Broadway. Da sie sich nicht auskannten und nicht wussten, wo sie gefahrlos apparieren konnten, beschlossen sie, erst einmal mit den öffentlichen Verkehrsmitteln dort hinzufahren.

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Als sie den magischen Seiteneingang gefunden hatten und das amerikanische Zaubereiministerium betraten, war das erste, was Remus sah, ein Zeitungsständer mit dem New York Ghost, der amerikanischen Zaubererzeitung. Eine Meldung auf der Titelseite, auch wenn es nicht die Schlagzeile war, ließ ihm das Blut in den Adern gefrieren, schnell machte er Sirius darauf aufmerksam. Auf der Titelseite war ein Bild von Sirius' Fahndungsfoto, daneben eins von Harry, was offenbar während des Trimagischen Turniers geschossen worden war. Darüber stand folgende Schlagzeile:

Entführung von Harry Potter: Keine neuen Erkenntnisse

„Scheiße", murmelte Sirius. Er ging hin, nahm eine Zeitung und las Remus den Artikel leise vor.

Von Harry Potter, der vor inzwischen zwei Wochen von dem aus Askaban geflohenen Sirius Black entführt wurde, fehlt weiterhin jede Spur. Der 15-jährige britische Hogwartsschüler verschwand in der Nacht vom 24. auf den 25. Juni spurlos aus dem Krankenflügel der Schule, nachdem er das Trimagische Turnier gewonnen hatte. Albus Dumbledore, der Schulleiter der Hogwarts-Schule für Hexerei und Zauberei, zeigt sich nach wie vor äußerst besorgt. Sirius Black hatte vor fast 14 Jahren die Familie Potter an Lord Voldemort verraten, der den jungen Harry töten wollte. Wie durch ein Wunder prallte der Todesfluch zurück und traf Voldemort selbst. Wer Harry Potter oder Sirius Black gesehen hat, meldet sich bitte sofort bei der Abteilung für magische Strafverfolgung im MACUSA."

Sirius seufzte. „Das wird komplizierter, als ich dachte", sagte er zu Remus. „Ich hatte gehofft, Harrys Anwesenheit in Amerika einfach unter den Teppich kehren zu können. Aber so wird bekannt, dass er auch hier ist."

Remus lächelte. „Eigentlich ist es auch schon egal. Die Briten hätten sowieso sofort gewusst, dass Harry ebenfalls in Amerika ist, wenn sie erfahren, dass du hier bist. Lass nur mich bitte da raus, ok?"

Sirius nickte. „Mach ich. Ich werd dann mal..." Er nickte mit dem Kopf in Richtung des Aufzuges.

„Viel Glück, Sirius", sagte Remus ernst. Sein Freund nickte ihm zu. „Du hast genügend Geld mitgenommen? Kauf neben den Zutaten für den Adoptionstrank auch gleich den Wolfsbanntrank, ok?"

Remus nickte erleichtert. „Harry hat mir den ganzen Trimagischen Gewinn mitgegeben, so viel brauche ich gar nicht. Treffen wir uns hinterher am Jacob Wrey Mould Brunnen im City Hall Park, ok?"

Sirius gab ihn einen Daumen nach oben und verschwand im Aufzug. Er hatte versucht, es sich nicht anmerken zu lassen, aber er war ziemlich nervös. Als er in der Abteilung für Magische Strafverfolgung aus dem Aufzug trat, nahm erst einmal niemand richtig von ihm Notiz. Einige flüchtige Blicke trafen ihn, aber da die amerikanischen Auroren mit seinem Fall nicht so richtig vertraut waren und er ganz anders aussah als auf dem Fahndungsfoto, erkannte ihn niemand. Schließlich kam eine junge Aurorin auf ihn zu.

„Guten Tag, ich bin Helena Picqery. Kann ich Ihnen helfen? Was brauchen Sie denn?"

Sirius räusperte sich nervös. „Ich wollte um politisches Asyl ersuchen. Ich bin Sirius Black..."

Im Bruchteil einer Sekunde hatte die Aurorin Alarm geschlagen und ihren Zauberstab auf ihn gerichtet. Sirius hob langsam die Hände auf Schulterhöhe, während aus den Büros die Auroren gestürmt kamen und ihn einkreisten.

„Wer ist das?", verlangte ein älterer Auror zu wissen, der wirkte, als hätte er schon viele Kämpfe ausgefochten. Sirius beschloss sofort, dass er diesem Mann besser Respekt entgegen brachte. Er erinnerte ihn ein bisschen an Alastor, auch wenn er noch beide Augen, die ganze Nase und bei weitem nicht so viele Narben hatte.

„Das ist Sirius Black", antwortete Helena Picqery ihm. „Er wollte bei uns um politisches Asyl bitten", rief sie über den entstehenden Tumult hinweg.

Der mutmaßliche Leiter der Aurorenzentrale musterte Sirius von oben bis unten. „Wir werden uns natürlich an das Protokoll halten und ihn mit Veritaserum befragen. Aber ich denke, wir sollten in diesem Fall Madam Corvin dazuholen."

Sirius hatte keine Ahnung, wer Madam Corvin war, aber das war im Moment seine geringste Sorge. Die Auroren durchsuchten ihn, und als sie keinen Zauberstab bei ihm fanden, brachten sie ihn in ein Verhörzimmer und umstellten ihn, damit er nicht fliehen konnte. Da kam auch schon der Chefauror mit einer Frau mittleren Alters herein. Sie hatte eine braune Haut und machte einen stolzen Eindruck. Als sie Sirius sah, hob sie eine Augenbraue.

„Ich bin Georgina Corvin, die Präsidentin des Magischen Kongresses der Vereinigten Staaten von Amerika. Mir kam zu Ohren, Sie wollen in den USA um politisches Asyl ersuchen?"

„Ja, Madam", antwortete Sirius leise. Sie nickte. „Gut, dann werden wir Sie mit Veritaserum befragen. Stellt sich heraus, dass Sie unschuldig sind, werden wir Ihrem Wunsch entsprechen. Sind Sie aber schuldig, werden wir Sie an das britische Zaubereiministerium ausliefern."

Sirius nickte leicht, nichts anderes hatte er erwartet.

Der Chefauror beschwor ein Glas Wasser und ließ drei Tropfen klare Flüssigkeit aus einer Phiole hineintropfen. Sirius nahm das Glas und trank es aus. Der Auror belegte ihn mit einem Testzauber, um zu prüfen, ob das Veritaserum sich auch wirklich in Sirius Körper befand. Dann setzte sich die Präsidentin ihm gegenüber und fing an, Fragen zu stellen.

„Wie heißen Sie?"

„Sirius Orion Black", antwortete Sirius, der genau die Blockade spürte, die ihn daran hinderte, ein unwahres Wort zu sprechen.

„Wann sind Sie geboren?"

„Am 3. November 1959."

„Sie wurden in Großbritannien zu lebenslanger Haft in Askaban verurteilt. Warum?"

Sirius schilderte minutiös, wie Voldemort James und Lily ermordet hatte und wer für diesen Verrat verantwortlich war. Dann beschrieb er noch, was auf der Straße passiert war, als Pettigrew die 12 Menschen tötete.

„Dann ist Pettigrew also ein Rattenanimagus?"

„Ja."

„Und was ist an der Geschichte dran, dass Sie Harry Potter entführt hätten?"

„Ich habe ihn nicht entführt. Er wurde vor zwei Wochen von Voldemort für ein schwarzmagisches Ritual missbraucht, das diesem Monster seinen Körper wiedergegeben hat. Danach wollte Harry nur noch raus aus England. Er möchte ein normales Leben führen, ohne dass ihm ständig Voldemort im Nacken sitzt. Also sind wir hierher gekommen, es war seine eigene Entscheidung, England zu verlassen."

„Gebt ihm das Gegenmittel", befahl Madam Corvin.

Nachdem Sirius das Gegenmittel intus hatte, gab sie ihm die Hand. „Willkommen in Amerika, Mr Black. Wir werden Ihrem Wunsch entsprechen und auch dem von Harry Potter."

„Ich danke Ihnen. Aber ich wollte Sie bitten, Harrys Anwesenheit hier geheim zu halten. Es werden sich zwar viele Menschen denken, wenn sie erfahren, dass ich hier bin, aber dennoch."

Sie nickte. „Ihr habt es gehört", wandte sie sich an die fünf Auroren, die bei dem Verhör dabei gewesen waren, „Harry Potters Anwesenheit in Amerika ist geheim. Aber er wird sicher erkannt werden, wenn er sich mal auf der Straße zeigt", gab sie Sirius gegenüber zu bedenken.

„Wir werden dafür sorgen, dass ihn niemand erkennt", gab Sirius kryptisch zur Antwort. „Ich habe vor, ihn nach Ilvermorny zu schicken, aber bis auf die Schulleiterin wäre es besser, wenn niemand weiß, wer er wirklich ist, zu seinem Schutz, und auch zu dem der anderen."

„Das wäre vernünftig. Ich werde jetzt den Leiter der Abteilung für internationale magische Zusammenarbeit aufsuchen, er muss mit dem britischen Zaubereiministerium Kontakt aufnehmen. Wir werden Sie auf dem Laufenden halten."

„Vielen Dank, Madam", sagte Sirius erleichtert. Die Präsidentin verließ den Raum und die Auroren gingen wieder an die Arbeit. Nur der Chefauror blieb mit Sirius zurück und gab ihm nun die Hand.

„Ich bin Dimitri Petrov, der Leiter der Aurorenzentrale", stellte er sich vor. „Ich möchte Ihnen einen Vorschlag machen. Sie waren doch in Britannien Auror, bevor das Ministerium Sie nach Askaban geschickt hat, richtig?"

„Ja, das ist richtig", antwortete Sirius verwundert. Wollte der alte Auror ihn etwa einstellen?

Wie sich herausstellte, wollte er genau das. „Nun, es ist so, wir haben hier einen Mangel an guten Leuten und Sie haben es immerhin geschafft, den Dementoren von Askaban zu entkommen. Also wenn Sie wollen, würde ich Ihnen bei uns einen Job anbieten."

Sirius verschlug es einen Moment die Sprache. Dann überlegte er. Eigentlich sprach nichts dagegen, er brauchte schließlich irgendwann mal einen Job und Harry würde außerhalb der Ferien sowieso in Ilvermorny sein.

„Ich freue mich sehr über das Angebot", sagte er aufrichtig. Wenn es Ihnen recht ist, würde ich aber erst im September anfangen, weil wir uns vorher noch richtig hier niederlassen müssen, ein Haus finden und Harry in Ilvermorny anmelden wollen. Wäre das in Ordnung?"

„Natürlich", sagte Petrov lächelnd. „Kommen Sie einfach am 1. September um 9 Uhr morgens wieder hierher, dann werden wir alles weitere besprechen. Den Arbeitsvertrag schicke ich Ihnen in den nächsten Wochen per Eule."

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Als Sirius im City Hall Park am Brunnen ankam, wartete Remus schon ungeduldig auf ihn.

„Und? Was haben sie gesagt?"

„Sie haben mir einen Job angeboten", erwiderte Sirius, der es immer noch nicht so recht fassen konnte.

Remus riss Mund und Augen auf. „Einen Job? Als was?"

„Als Auror."

Remus starrte ihn an, bis er merkte, dass sein Freund keine Witze machte. Dann fing er an zu lachen. „Das Gesicht von Fudge würde ich ja gern sehen, wenn er das erfährt. Und das Asylverfahren?"

„Ach ja, da war ja was. Ja, das verlief auch positiv. Sie geben dem britischen Zaubereiministerium Bescheid, ab sofort stehe ich unter dem Schutz des MACUSA. Hast du alle Trankzutaten bekommen? Auch den Wolfsbanntrank?"

Der Werwolf nickte, erleichtert, dass ihre Pläne bisher so verlaufen waren, wie sie es beabsichtigt hatten.

„Gut, dann sollten wir am besten gleich anfangen, den Adoptionstrank zu brauen. Harry und ich wollten dich übrigens fragen, ob du sein neuer Pate werden möchtest."

Remus fing an zu strahlen.