Familie
Niemand im magischen Britannien wusste, wie er es geschafft hatte, aber so stand es via Eilmeldung im Abendpropheten:
Sirius Black in Amerika für unschuldig erklärt
Sirius Black, der vor zwei Jahren als erster Mensch überhaupt unter rätselhaften Umständen aus dem Zauberergefängnis Askaban geflohen war, wurde soeben in den USA für unschuldig erklärt und bekam politisches Asyl gewährt. Der MACUSA, der Magische Kongress der Vereinigten Staaten von Amerika, befragte ihn mit Veritaserum. Dabei stellte sich heraus, dass die Verbrechen, die Black zur Last gelegt wurden, ein anderer Mann begangen hatte: Peter Pettigrew. Sirius Black wurde beschuldigt, vor annähernd 14 Jahren ebendiesen Mann und mit ihm zwölf Muggel getötet und die Familie Potter an Du-weißt-schon-wen verraten zu haben. Auch mit der Entführung des seit zwei Wochen verschwundenen Harry Potter hat er nichts zu tun. Wie sich nun herausstellte, sind diese Anschuldigungen falsch und unser Zaubereiministerium hat sich somit des größten Justizirrtums der gesamten britischen Geschichte schuldig gemacht. Die Frage ist, wie das passieren konnte. Nachforschungen ergaben, dass Sirius Black damals ohne Gerichtsverhandlung nach Askaban gebracht worden war.
Aber damit nicht genug: Minister Fudge weigert sich noch jetzt, die Erklärung der Amerikaner anzuerkennen, und verlangte Blacks sofortige Auslieferung. Der MACUSA kam dieser jedoch nicht nach. „Wir werden den Briten doch keinen Unschuldigen ausliefern", sagte Giorgina Corvin, die Präsidentin des MACUSA, dazu. „Wir haben ihn mit Veritaserum befragt, etwas, was die Briten anscheinend vergessen haben, und somit ist die Wahrheit ans Licht gekommen. Wir hoffen, dass er sich bei uns wohlfühlt und dauerhaft in unserem schönen Land bleibt."
Bleibt nur noch eins: Wenn Harry Potter nicht von Sirius Black entführt wurde, was ist dann mit ihm passiert? Wurde er eventuell gar nicht entführt, sondern ist aus Hogwarts geflohen? Wenn ja, warum? Ihr Redaktionsteam wird diesen Fragen weiterhin nachgehen.
Von Harry Bletcher
Totenstille um den langen Tisch in einem leeren Klassenzimmer in Hogwarts, wo der Orden des Phönix fürs Erste sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Alle sahen sich geschockt an, während Dumbledore mühsam versuchte, seinen Zorn zu zügeln.
„Dann ist mein Großcousin gar kein Todesser", rief Nymphadora erfreut.
Kingsley hingegen stellte sich das Gesicht von Cornelius Fudge vor, er war vorhin dabei gewesen, als dieser von den Ereignissen in New York erfahren hatte. Sirius Black war für das britische Zaubereiministerium nun unantastbar. Er war froh darüber, er hatte sowieso Zweifel gehabt an dessen Schuld, da er als derjenige, der für die Suche zuständig war, auch Akteneinsicht gehabt hatte und da einiges nicht nach Protokoll verlaufen war.
„Und was jetzt?", fragte Professor McGonagall. „Es ist anzunehmen, dass er Harry mitgenommen hat nach Amerika. Und wenn du sagst, dass du Sirius zu Remus Lupin geschickt hast, ist der vermutlich auch bei ihnen."
Dumbledore nickte. „Ja, das ist gut möglich. Ich werde Harry finden und ihn wieder nach Hogwarts bringen."
Molly Weasley sah sehr erleichtert aus. Ihr gefiel der Gedanke gar nicht, dass Harry so fern der Heimat war. Sie machte sich große Sorgen um ihn. Moody dagegen war skeptisch.
„Warum eigentlich, Albus?", knurrte er. „Wenn Harry lieber in Amerika leben möchte, soll er doch. Sirius ist sein Pate, somit ist er erziehungsberechtigt und hat das Recht, über Harrys Aufenthaltsort zu bestimmen. Das ist nicht deine Entscheidung."
„Du weißt, Alastor, dass seine Erziehungsberechtigte eigentlich Petunia Dursley ist, bei der er aufgewachsen ist. Wenn Sirius Harry zu sich nehmen möchte, muss sie erst zustimmen, und das hat sie nicht getan."
„Eigentlich ist das nicht korrekt", mischte sich Arthur ein. „Eine magische Patenschaft bedeutet, dass der Pate bei dem Tod der Eltern das absolute Vorrecht auf die Vormundschaft des Kindes hat, völlig egal, wie viele und enge Blutsverwandte es gibt. Das ist magisches Gesetz. Petunia mag mit Harry blutsverwandt sein, aber sie hat in diesem Fall nichts zu melden. Im Übrigen bin ich ziemlich sicher, dass Petunia sofort zugestimmt hätte, wenn man sie gefragt hätte. Ich war letztes Jahr mit meiner Familie dort, um Harry zur Quidditch-WM abzuholen. Diese Muggel haben nicht den Eindruck gemacht, dass ihnen an Harry besonders viel liegen würde."
McGonagall zischte: „Ich habe es dir gesagt, Albus. Schon damals habe ich es dir gesagt, das ist die schlimmste Sorte Muggel, die es gibt. Aber du musstest ihn ja unbedingt trotzdem dort abladen. Ich bin froh, dass er nun bei Sirius in Sicherheit ist."
„Minerva, den Blutschutz hatte er nunmal nur bei seinen Verwandten", verteidigte sich Dumbledore.
„Pah, Blutschutz. Sein seelischer Zustand war dir egal. Sirius wird sicher andere Wege finden, um ihn zu schützen", sagte Minerva. „Und vor Voldemort ist er dort auch in Sicherheit."
Zustimmendes Gemurmel überall. Dumbledore seufzte innerlich und ließ das Thema fallen. Sie verstanden es einfach nicht. Er selber würde jedenfalls nach Amerika gehen, um Harry zu finden und irgendwie wieder nach Hogwarts zu bringen.
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Auch in Amerika gab es eine Meldung in der Abendausgabe des New York Ghost, dass Sirius unschuldig war und in Amerika politisches Asyl bekommen hatte. Allerdings wurde nicht so ein Wirbel darum gemacht wie in England. In Amerika war Sirius bei weitem nicht so bekannt, darum gab es nur eine kleine Meldung, und das war es.
Am Abend war der Adoptionstrank fertig, und am nächsten Morgen hatte er eine Nacht gezogen und war verwendungsbereit. Es fehlte nur noch die Hauptzutat – das Blut von Sirius.
„Und wie geht nun das Ritual?", fragte Harry ungeduldig. Remus und Sirius grinsten sich an.
„Es ist eigentlich ziemlich unkompliziert", begann Sirius zu erklären. „Ich muss dem Trank genau sieben Tropfen meines Blutes hinzufügen. Du musst den Zaubertrank dann austrinken, während ich mit Magie erkläre, dass ich dich nun als meinen eigenen Sohn annehme. Dann muss ich noch den neuen Namen nennen, zumindest der Nachname ändert sich ja. Für die Zeremonie braucht man einen Zeugen, in der Regel ist das derjenige, der auch der Pate wird." Remus lächelte stolz.
Harry dachte an etwas anders. „Was heißt, ZUMINDEST der Nachname ändert sich? Kann man also auch den Vornamen ändern?"
„Theoretisch ist es möglich, dem Kind bei der Adoption einen ganz neuen Namen zu geben, der dann auch z.B. bei einem Identitätszauber oder auf der Karte des Rumtreibers angezeigt würde. Es sind mehrere Fälle belegt und es gab sicher noch viel mehr, in denen reinblütige Familien, die einen Squib als Kind hatten, ein gleichaltriges Muggelbaby ausfindig machten, bei dem magische Fähigkeiten vorlagen. Dann haben sie ihr eigenes Baby gegen das der Muggelfamilie ausgetauscht und dieses blutadoptiert. So hatten sie einen ‚Makel' ausgemerzt und gleichzeitig ein Kind mit magischen Fähigkeiten. In solchen Fällen bekam das Kind einen komplett neuen Namen, und zwar den gleichen, den das Squib-Kind gehabt hatte. Schließlich sollte niemand erfahren, wo es tatsächlich herstammte. Aber für dich… willst du das denn? Ich wüsste keinen besseren Namen für dich als den, den deine Eltern dir gegeben haben. Zur Tarnung wäre es zwar von Vorteil, aber der Name Harry ist doch ziemlich häufig, und James ebenfalls."
Harry nickte. „Ein anderer Vorname wäre auch eine viel zu große Umstellung. Wann machen wir die Zeremonie?"
„Wenn du möchtest, jetzt sofort. Wir können auch noch etwas warten, wie du willst."
Harry schüttelte den Kopf. „Nein, jetzt sofort ist gut. Ich habe intensiv darüber nachgedacht."
Sirius nickte, nahm einen Kelch aus dem Küchenschrank und schüttete den Zaubertrank hinein. Dann schnitt er sich mit einem Messer in die Hand und achtete penibel darauf, dass genau sieben Tropfen seines Blutes in dem Kelch landeten. Er lieh sich daraufhin Harrys Zauberstab aus und zeichnete damit ein großes Pentagramm auf den Boden. Dann positionierte er Harry in der Mitte und stellte sich ihm gegenüber. Remus positionierte sich am Rand, so dass er beide von der Seite sehen konnte und zog ebenfalls seinen Zauberstab.
„Bereit?" Harry nickte nervös. Sirius richtete Harrys Zauberstab auf sein Herz und nickte seinem (Paten-)Sohn zu, der langsam den Kelch zu den Lippen erhob und mit klopfendem Herzen zu trinken begann.
„Hiermit nehme ich Harry James Potter als meinen eigenen Sohn an", intonierte Sirius langsam und feierlich.
Harry hatte den Kelch leer, sowie Sirius aufgehört hatte zu sprechen. Beide leuchteten blau auf. Remus führte nun seinen Zauberstab im Halbkreis über beide, und sagte:
„Hiermit bezeuge ich die Adoption von Harry James Potter durch Sirius Orion Black. Sein Name möge von nun an Harry James Black lauten."
Nun leuchteten Harry und Sirius ein zweites Mal auf, diesmal grün. Daraufhin spürte der Teenager, wie sich seine Gesichtsknochen in eine etwas andere Position brachten und sein Körper wuchs. Es tat nicht weh, war aber leicht unangenehm. Dafür dauerte es nur kurz, dann war es vorbei.
Das erste, was Harry auffiel, war, dass er nur noch verschwommen sah. Er kniff die Augen zusammen und nahm die Brille ab. Nun sah er wieder scharf. Anscheinend brachten die Gene der Black-Familie auch bessere Augen mit sich. Sirius beschwor ihm einen Spiegel und reichte ihm diesen zusammen mit seinem Zauberstab. Harry sah hinein. Seine Haare waren immer noch schwarz, aber lockig, so wie Sirius'. Zudem war er mindestens 15 Zentimeter gewachsen und seine Gesichtszüge hatten sich stark verändert. Er sah aus wie eine Mischung aus James und Sirius. Lilys Augen, die sowieso sein einziges äußeres Merkmal von seiner Mutter gewesen waren, hatte er behalten. Jemand, der Harry vorher nur auf Fotos gesehen hatte, würde ihn jetzt auf keinen Fall mehr erkennen. Sogar seine Blitznarbe war verschwunden. Jemand, der seinen Vater gekannt hatte, würde ihn möglicherweise für einen Verwandten halten, wenn es denn einen gäbe. Jemand, der nur Harry selbst kannte, würde ihn vielleicht erkennen, in erster Linie wegen Lilys Augen, aber grünäugige Menschen waren ja nun auch nicht so selten. Nur jemand, der sowohl Harry als auch Sirius, James und Lily kannte, würde eventuell bei genauem Hinsehen die richtigen Schlüsse ziehen.
Harry zog an einer der Locken, die ihm in die Augen hingen, und legte den Kopf schief. "Hey, ich sehe viel besser aus als vorher!" Ihm gefiel sein neues Aussehen wirklich. Er war früher viel zu blass und dünn gewesen und hatte ausgesehen wie das sprichwörtliche hässliche Entlein.
Sirius lachte bellend und Remus ließ sich stöhnend in einen Sessel fallen. "Na super, Sirius 2.0. Du hast offenbar auch Charaktereigenschaften der Blacks geerbt. Diese Selbstsicherheit ist typisch für diese Familie!"
„Neidisch?", grinste Sirius ihn an und wandte sich an Harry. „Probier mal, ob du die Fähigkeit der Metamorphmagie geerbt hast und etwas an deinem Aussehen verändern kannst. Es ist angeblich ganz leicht, du musst dich nur auf das konzentrieren, was du verändern willst, und darauf, was daraus werden soll. Reine Willenssache."
Harry sah seine rechte Augenbraue im Spiegel an und stellte sie sich in Regenbogenfarben vor. Und tatsächlich – sie färbte sich um. Harry drehte sich grinsend zu seinem neuen Vater und Paten um, die beide bei dem Anblick losprusteten.
„Ja! Du kannst es!", rief Sirius begeistert. „Nun sollte es für Dumbledore unmöglich sein, dich zu finden, selbst wenn er sämtliche Zauberschulen der Welt absucht!"
„Was gar nicht so unwahrscheinlich ist", gab Remus zu bedenken. „Wenn herauskommt, dass du in Amerika für unschuldig erklärt wurdest, wird Dumbledore sich schon denken, dass Harry nach Ilvermorny geht. Er wird todsicher unter einem Vorwand dort aufkreuzen und ihn suchen."
„Soll er mal", sagte Harry und ließ seine Haare auf nahezu Schulterlänge wachsen. „So falle ich ihm auf keinen Fall auf."
Remus und Sirius sahen ihn an. „Ich muss gestehen, es ist schon sehr schwer, dich zu erkennen", sagte Remus etwas wehmütig. „Die Mädchen in Ilvermorny werden auf jeden Fall Schlange stehen."
Harry überlegte kurz, ob er das überhaupt wollte, doch dann fiel ihm ein, dass die Mädchen in Ilvermorny ja gar nicht wussten, dass er der Junge der lebt war, und ihn deshalb nicht nur wegen seiner Berühmtheit wollen würden. Er sah sich selber aber auch nicht als Frauenheld.
Moment, Ilvermorny! Er musste sich ja anmelden!
„Stimmt, wie machen wir das eigentlich mit der Anmeldung in Ilvermorny?"
„Ich schreibe gleich einen Brief an die Schule", sagte Sirius. Er nahm sich ein Pergament und eine Schreibfeder und da er nicht wusste, wie der Schulleiter oder die Schulleiterin von Ilvermorny hieß, schrieb er:
„Guten Morgen,
ich wollte anfragen, ob es möglich wäre, meinen Sohn auf Ihrer Schule anzumelden. Er war zuvor auf einer anderen Zauberschule und würde jetzt in die 5. Klasse kommen. Details würde ich gerne mit Ihnen persönlich besprechen.
Bitte schicken Sie Ihre Antwort mit der Schneeeule, die diesen Brief gebracht hat.
Herzlichen Dank!
Sirius Black
Er gab Hedwig den Brief und wies sie an, ihn ausschließlich dem Schulleiter zu geben, niemand anderem. Sie schuhute, kniff ihm einmal in den Finger und hob ab.
„Gut, das wäre erledigt", sagte er zu seinem Sohn und seinem besten Freund. „Dann müssen wir uns nur noch überlegen, wo wir eigentlich hinziehen sollen."
