Eine Anmerkung: Es gibt ja verschiedene Begrifflichkeiten in der magischen Welt:
Zauberwesen: Magische Rassen, die zwar biologisch keine Menschen sind, aber dennoch ganz normal wie Menschen denken können, z.B. Riesen, Vampire, Kobolde, Pukwudgies, Zentauren und Wassermenschen (auch wenn diese zwei Arten sich nicht auf die selbe Stufe wie Vampire stellen lassen und deswegen lieber als Tierwesen gelten wollen)
Tierwesen: Magische Tiere, z.B. Hippogreife, Thestrale, Geflügelte Pferde, Kniesel, Phönixe, Basilisken, Crups, Donnervögel, Drachen, Einhörner etc.
Tiere: Nichtmagische Tiere
No-Maj: Das amerikanische Wort für Muggel
Die verschiedenen in diesem und folgenden Kapiteln erwähnten Tierwesen kann man im Harry Potter Wiki in der Kategorie Magische Wesen nachschlagen, es würde vermutlich zu weit führen, wenn ich die jetzt alle erklären würde :)
Ilvermorny
Während sie noch über diese Frage nachdachten, kam keine zwei Stunden später postwendend die Antwort der Schule. Die Schulleiterin schrieb, dass Sirius und sein Sohn gerne vorbeikommen könnten, sie schickte einen Postschlüssel mit, der sich um genau 14 Uhr aktivieren sollte. Es war eine schwarz-weiße Feder. Sirius und Harry waren übereingekommen, die Schulleiterin unter der Bedingung eines Verschwiegenheitsschwurs in Harrys wahre Identität einzuweihen, damit sie sich nicht wunderte, falls Dumbledore plötzlich ein großes Interesse in die Schule zeigen sollte.
Sie berührten beide die Feder und um 14 Uhr aktivierte sich der Portschlüssel und riss sie weg. Sie erschienen auf einem Berggipfel direkt vor einem riesigen Schloss, es war größer als Hogwarts. Beiden fiel die Kinnlade herunter.
„Herzlich willkommen", ertönte eine Stimme rechts von ihnen. Da stand eine ältere Frau, die jedoch sehr agil wirkte. Sie hatte indianische Gesichtszüge, sehr lange graue Haare, die sie in einem Pferdeschwanz trug, und eine dunkelblaue Robe, die mit goldenen Stickereien verziert war. In ihrer Hand hielt sie einen Zauberstab, mit dem sie nun den Identitätszauber ausführte. Das Ergebnis war zu erwarten gewesen. Sie trat auf Sirius und Harry zu und gab ihnen die Hand.
„Ich bin Huyana Gaho, die Schulleiterin von Ilvermorny", stellte sie sich vor. Harry war schwer beeindruckt. Er fühlte jedoch sofort, dass er ihr vertrauen konnte.
„Das kannst du, Harry Potter... Black", antwortete sie auf seine Gedanken und Harry zuckte zusammen. Woher wusste sie, wer er war? Der Identitätszauber konnte es ihr nicht verraten haben, und seine Okklumentik war doch inzwischen ganz annehmbar geworden; letztes Mal, heute Morgen, hatten es nicht mal Remus und Sirius zusammen geschafft, in seinen Geist einzudringen.
„Keine Sorge, ich werde dein Geheimnis niemandem verraten, das schwöre ich bei meiner Magie", sagte Professor Gaho, und bei den letzten Worten klang ihre Stimme irgendwie... anders. Die beiden Blacks wussten sofort, dass der Schwur nun gültig war. „Ich habe keine Legilimentik angewandt, unsere Magie funktioniert nur anders als die der Europäer. Wisst ihr, wie es zur Gründung von Ilvermorny kam?", fragte sie.
Sirius schüttelte den Kopf und Harry räusperte sich. „Ehrlich gesagt weiß ich über Ilvermorny nur, dass es Hogwarts wohl recht ähnlich sein soll", antwortete er.
„In gewisser Hinsicht ist es ähnlich, aber in anderer völlig verschieden von Hogwarts", begann die Schulleiterin zu erzählen. „Ilvermorny wurde im 17. Jahrhundert von einer irischen Hexe gegründet. Sie hieß Isolt Sayre und war mütterlicherseits eine Nachfahrin von Salazar Slytherin, einem der vier Gründer von Hogwarts."
Harry riss die Augen auf, aber Professor Gaho sprach unbeirrt weiter. „Ihre Mutter Rionach teilte nicht die rassistischen Ansichten Salazars, anders sah es bei ihrer Tante Gormlaith Gaunt, der Schwester ihrer Mutter, aus. Rionach heiratete einen no-maj-freundlichen Zauberer, William Sayre, und daraufhin wurde Isolt geboren. Aber eines Tages legte Gormlaith ein Feuer im Haus der Sayres, das Isolts Eltern tötete, und nahm Isolt mit sich und zog sie selber auf. Isolt durfte nie nach Hogwarts gehen, gleichwohl sie von ihrer Tante Gormlaith viele Geschichten über die Schule hörte. Das löste eine große Sehnsucht in ihr aus.
Als Isolt irgendwann dahinter kam, dass es ihre Tante gewesen war, die ihre Eltern umgebracht hatte, stahl sie deren Zauberstab und floh in die neue Welt. Dort baute sie sich eine Existenz auf. Eines Tages rettete sie einen Pukwudgie vor einem Hintertück. Sie nahm ihm mit nach Hause, pflegte ihn gesund und nannte ihn William, nach ihrem Vater. Er zeigte ihr seine Welt, sie lernte viele Tierwesen Amerikas kennen, auch die Gehörnte Schlange, nach der sie später ein Haus von Ilvermorny benannte. Sie konnte mit der Schlange sprechen, weil sie ein Parselmund war.
Eines Tages stießen sie wieder auf den Hintertück, der damals William fast getötet hätte. Diesmal hatte er eine Familie angegriffen. Die Eltern waren bereits tot, aber die beiden Jungen, Chadwick und Webster Boot, lebten noch. Isolt wollte sie nach Hause nehmen, aber William weigerte sich, ihr zu helfen. Sie überredete ihn dazu, ihr wenigstens zu helfen, die Kinder in ihre Hütte zu bringen, danach verschwand er und Isolt pflegte die beiden Jungen alleine gesund. Es stellte sich heraus, dass es magische Kinder waren. Kurz darauf fand ein No-Maj namens James Steward die Leichen der Eltern und begrub sie. Dabei entdeckte er den Zauberstab von einem von ihnen und nahm ihn in die Hand, der Zauberstab aber schleuderte ihn gegen den nächsten Baum. Auch James wurde von Isolt gefunden und gesund gepflegt, und die beiden heirateten und adoptierten Chadwick und Webster. James baute für seine Familie ein Steinhaus auf den Berggipfel, und Isolt nannte es nach ihrem Elternhaus Ilvermorny."
Harry sah das riesige Schloss an. Professor Gaho sprach weiter.
„Durch die Erzählungen Isolts von Hogwarts begeistert, wollten die beiden auch in eine Zauberschule gehen. Isolt versprach ihnen, eine aufzubauen. An Chadwicks elftem Geburtstag wurde die Ilvermorny Schule für Hexerei und Zauberei gegründet. Zwei Jahre später wurde auch Webster eingeschult. Die Schule wuchs schnell, denn bald schon brachten die umliegenden Stämme ihre jungen Zauberer nach Ilvermorny, dass sie auch die Magie der Europäer lernten. Umgekehrt lehrten auch indianische Lehrer in Ilvermorny unsere Magie, bis heute. Die Schülerzahl nahm so schnell zu, dass das Haus immer wieder umgebaut wurde, bis es schließlich zu einem Schloss wurde. Die vier Häuser wurden gleich zu Anfang gegründet und nach den Lieblingswesen der vier benannt: Isolt nannte ihr Haus nach der Gehörnten Schlange, Webster nahm den Wampus, Chadwick benannte sein Haus nach dem Donnervogel und James nannte seines Pukwudgie, nach dem Pukwudgie William, den er aus den Erzählungen Isolts kannte."
„Entsprechen die vier Häuser denen von Hogwarts?", fragte Harry neugierig.
Die Schulleiterin verneinte. „Die vier Häuser von Ilvermorny lassen sich nicht eins zu eins auf die von Hogwarts übertragen. Lediglich das Haus Gehörnte Schlange ist Ravenclaw ähnlich. Man sagt, dass die Häuser Ilvermornys zusammen den Körper eines Zauberers repräsentieren. Gehörnte Schlange repräsentiert den Verstand, hier kommen also die Gelehrten hin, besonders kluge und wissbegierige Schüler, wie in Ravenclaw. Aber ansonsten kann man das so nicht sagen. Wampus repräsentiert den Körper, hier kommen die Krieger hin, wogegen Pukwudgie das Herz des Zauberers repräsentiert. Nach Pukwudgie kommen Heiler. Und das Haus Donnervogel nimmt Abenteurer auf, dieses Haus repräsentiert die Seele."
Harry überlegte. Er konnte sich beim besten Willen nicht vorstellen, wo er landen würde. „Wie läuft denn die Einteilung ab?"
„Die neuen Schüler kommen in die Eingangshalle und wer aufgerufen wird, stellt sich auf den gordischen Knoten, der in der Mitte der Halle im Boden eingelassen ist. Darum herum stehen vier Schnitzfiguren der Tierwesen, die die Häuser symbolisieren. Je nachdem, welches Haus dem Schüler am besten entspricht, wird der Kristall auf der Stirn der Gehörnten Schlange aufleuchten, der Wampus brüllen, der Donnervogel mit den Flügeln schlagen oder der Pukwudgie seinen Pfeil heben. Manchmal kommt es vor, dass einem Schüler in mehreren Häusern ein Platz angeboten wird. In diesem Fall ist es seine Entscheidung. Nur ganz selten passiert es, dass jemand in allen vier Häusern einen Platz angeboten bekommt. Die Zauberstabzeremonie findet direkt im Anschluss in der sogenannten Zauberstabhalle neben der Eingangshalle statt. Einer der besten Zauberstabmeister Amerikas kommt dazu jedes Jahr mit seinem Gesamtbestand an Zauberstäben nach Ilvermorny, und jeder neue Erstklässler wird von einem Stab gewählt."
„Werde ich auch am ersten Schultag eingeteilt, zusammen mit den Erstklässlern?", fragte Harry zögernd.
„Normalerweise teilen wir neue Schüler, die in ältere Jahrgänge einsteigen, am Tag der Anmeldung ein. Schließlich nehmen diese auch nicht mehr an der Zauberstabzeremonie teil, sie haben ja schon einen."
Harry nickte erleichtert. Ilvermorny schien größer als Hogwarts zu sein, so würde sich viel unwahrscheinlicher herumsprechen, dass der Sohn von Sirius Black in Ilvermorny war, als wenn er gleich auf dem Präsentierteller eingeteilt würde.
Die Schulleiterin führte sie nun auf dem Gelände herum. Sie zeigte ihnen zuerst das Quidditch-Stadion, wo man auch Quodpot spielen konnte.
„Jedes Haus hat eine Quidditch- und eine Quodpot-Hausmannschaft, die jedes Jahr um den Quidditch- und den Quodpot-Pokal spielen", erklärte sie.
„Was ist Quodpot?", fragte Harry verwirrt.
„Auch ein Spiel ähnlich wie Quidditch auf Besen, es entstand, als ein britischer Zauberer nach Übersee auswanderte und einen Quaffel im Gepäck hatte, der neben seinem Zauberstab lag und dadurch explosiv wurde. Man hat einen Ball, den Quod, der so verzaubert ist, dass er jederzeit explodieren wird. Jede Mannschaft muss versuchen, den Ball rechtzeitig in den jeweiligen Zaubertrankpott am Ende des Spielfeldes bringen, bevor das passiert. Gelingt das, gibt es einen Punkt für die Mannschaft. Gelingt das nicht und er explodiert vorher, muss der Spieler, der den Ball zuletzt hatte, aus dem Spiel ausscheiden. Irgendwann sind alle Spieler draußen und die Mannschaft, die dann am meisten Punkte hat, gewinnt das Spiel."
Harry runzelte die Stirn. Es klang zwar ganz lustig, aber er würde wahrscheinlich beim Quidditch bleiben. „Hmm, na gut, ich werde mich wohl eher für die Quidditch-Hausmannschaft bewerben", sagte er. Professor Gaho lächelte, sie hatte es nicht anders erwartet. Quodpot war in Britannien weitgehend unbekannt.
„Dies hier sind die Weiden für die Geflügelten Pferde und Hippogreife", erklärte sie, als sie daran vorbeiliefen. „Wir haben für beide Reitkurse. Dabei lernt man aber natürlich nicht nur das Reiten allein, sondern auch die Pflege und den Umgang mit den Tierwesen."
Harry überlegte. Pferde hatten ihn nie sonderlich interessiert, aber seit er mit Seidenschnabel um die halbe Welt gereist war, hatte es ihm die Spezies irgendwie angetan. Und da sie den Hippogreif sicher noch lange haben würden, konnte es nicht schaden, vernünftig reiten zu lernen, bisher hatte er es mehr schlecht als recht hinbekommen.
„Was muss man tun, um am Hippogreif-Reitunterricht teilzunehmen?", fragte er.
„Einfach bei dem jeweiligen Lehrer anmelden. Ich werde dir nachher einen Plan der Schule geben, wo du genau sehen kannst, wer wo sein Büro hat. Alle Schüler, die in der Reit-AG sind, übernehmen nach einem festen Plan auch die Pflege der Tierwesen. Sowohl Geflügelte Pferde als auch Hippogreife sind zwar auch Bestandteil des normalen Magizoologie-Unterrichts, aber reiten lernen kann man nur in den jeweiligen AGs."
Harry nickte und sie gingen weiter. „Wir haben neben Reiten auch noch weitere AGs", erklärte Professor Gaho. „Es gibt Besenfliegen, einen Zauberschach- und einen Koboldsteinclub, einen Koboldogack-Kurs, dann wird ab der sechsten Klasse ein Apparierkurs angeboten und ab der 4. Klasse darf man, wenn man möchte, am Animagustraining teilnehmen."
Harry fing fast an zu sabbern, als er das hörte. „Ich würde gerne das Animagustraining machen."
„Gut. Das Animagustraining wird nach der europäischen Magie gelehrt", erläuterte Gaho. „Auch mit der Indianermagie kann man sich in Tiere verwandeln, aber das lernt man in Wakanda, dem Unterricht der Magie der Ureinwohner. Das Animagustraining passt jedoch in den normalen Verwandlungsunterricht nicht rein."
„Wie funktioniert die Magie der amerikanischen Ureinwohner?", fragte Harry neugierig.
„Die Magie basiert im Wesentlichen auf dem Totem, dem Krafttier oder Schutzgeist des jeweiligen Zauberers. Von ihm hängt ab, was er mit Magie alles machen kann. Das Totem unterstützt seine Magie. Dass man mit einem Löwen als Totem keine Menschen mit Magie heilen kann, sollte klar sein. So jemand ist immer ein Krieger geworden. Diejenigen, die indianische Heilmagie ausführen können, haben meistens Schlangen als Krafttiere. Mit einem Schmetterling als Totem kann man wiederum Dinge verwandeln. Wer von einem Vogel geführt wird, kann mit der Luft arbeiten, Dinge schweben lassen, zu sich herholen oder wegschicken. Man braucht keinen Zauberstab oder Zauberspruch. Wenn ich einen Zauber wirken will, muss ich das Krafttier darum bitten, mir seine Fähigkeiten zu übertragen. Und ich kann mich auch in das Totemtier verwandeln, wenn ich das möchte."
Harry staunte Bauklötze. Das war wirklich eine komplett andere Magie als die, die er kannte. „Kann man auch ein Tierwesen als Totem haben oder sind es immer Tiere?"
„Ja, auch das kommt hin und wieder vor. Wer ein Tierwesen als Totem hat, das magische Kräfte besitzt, hat natürlich besonders großes Glück, weil er ja die Fähigkeiten des Totems bekommt. Stell dir mal vor, du hast einen Drachen als Totem, dann bist du fast unbesiegbar."
Harry nickte und seine Augen leuchteten. „Das heißt, man muss zuerst sein Totem finden."
„So ist es. Genau das wird im Wakanda-Unterricht gelehrt. Man muss sein Totemtier oder seine Totemtiere finden, das macht man durch Meditation. Der große Unterschied zur europäischen Magie ist es somit, dass niemand alles an Magie können wird, sondern jeder auf einem oder mehreren Gebieten spezialisiert ist. Dafür kann man auf dem jeweiligen Gebiet noch viel mehr machen als mit der europäischen Magie, weil man nicht darauf angewiesen ist, dass es einen Zauberspruch für das gibt, was man erreichen möchte. Beide Magiearten haben ihre Vor- und Nachteile, und als Isolt und ihre Familie Ilvermorny aufgebaut haben, war unser Austausch sowohl für sie als auch für unser Volk eine große Bereicherung."
Inzwischen standen sie vor dem Eingangstor und die Schulleiterin sah eine große Statue an, die links neben dem Tor stand. Harry betrachtete sie genauer. Auf dem Sockel stand in großen Lettern Isolt Sayre eingraviert. Die andere Statue war offenbar James Steward. Isolt hatte ein gütiges Lächeln auf den Lippen und James machte eine einladende Geste zum Tor hin.
„Nun denn", sagte Professor Gaho zu ihnen, während sie das Schloss betrat und ihnen bedeutete, ihr zu folgen, „dann wollen wir dich mal einem Haus zuteilen lassen."
