Vorstellungsgespräch
Sie stellten die Möbel aus dem magischen Zelt im Haus auf. Diese passten perfekt dazu. Sie beschlossen, morgen einkaufen zu gehen, sowohl die Schulsachen als auch Essen und Kleidung, die sie alle drei dringend nötig hatten. Vor allem mussten sie das vor Remus' Vorstellungsgespräch in Ilvermorny erledigt haben, das um 10 Uhr stattfinden würde.
Aus diesem Grund gingen sie an ihrem ersten Abend früh ins Bett. Harry hatte das Zimmer bekommen, das mit den Fenstern nach Süden und Westen ging, Sirius das nach Osten und Süden und Remus nahm das Zimmer Richtung Norden und Westen. Eins blieb übrig, es wurde zum Gästezimmer deklariert.
Am nächsten Morgen flogen sie nach New Ashford. Eine andere Möglichkeit hatten sie nicht, dort hinzukommen, es sei denn, sie wollten laufen. Sirius ließ Seidenschnabel am Rande des Dorfes auf einer Wiese zurück, er wusste, dass der Hippogreif auf sie warten würde. Remus und Harry schrumpften ihre Besen und steckten sie in die Tasche.
Das Dorf sah reizend aus mit seinen alten Fachwerkhäusern. Harry bemerkte, dass niemand ihm auf die Stirn glotzte oder – im weiblichen Fall – ihn offen anschmachtete. Dann fiel ihm ein, dass er ja keine Narbe mehr hatte und zudem nun ganz anders aussah als Harry Potter. Mental schlug er sich an die Stirn. Auch Sirius wurde nicht erkannt, da er nicht mehr aussah wie bei seinem Ausbruch, obwohl seine schwarzen Locken ihm immer noch bis zu den Ellbogen reichten. Die Leute beachteten sie gar nicht weiter, und das war vor allem für Harry mehr als erholsam. Im Dorf selber lebten zwar nicht viele, doch kamen sehr oft auswärtige Zauberer hierher, um einzukaufen. Darum war es nichts ungewöhnliches, dass sich hier jemand aufhielt, den keiner kannte, und so fielen sie nicht weiter auf. Naja, doch, Remus fiel in seinen geflickten Umhängen auf und Harry wegen seiner schlotternden Kleidung, weil es die alten Sachen von Dudley waren.
Darum gingen sie als allererstes in einen Laden für Umhänge. Er hieß Greyson und war riesig, auch wenn das Haus von außen nicht so aussah. Er schien die allererste Anlaufstelle für Kleidung zu sein, es gab einfach alles hier, sogar Muggelkleidung. Die drei Neuankömmlinge deckten sich vor allem mit Roben ein. Sirius besorgte für Harry sieben Alltagsroben in verschiedenen Farben, dazu zwei Umhänge, einen schwarzen mit einem Greif hinten drauf, und einen weißen, der schmutzabweisende Zauber hatte, aber er sorgte auch dafür, dass sein Sohn ein paar Hosen und T-Shirts bekam, falls er einmal in die Muggelwelt musste. Dazu besorgten sie auch gleich eine Festrobe, zwei Schulumhänge, je einen in dunkelblau und cranberry, und jeweils drei Schulroben pro Farbe. Sie waren wie alle Roben in einem Stück, wie ein langärmeliges Kleid, und unten sehr weit, wie eine Hakama, damit man auch damit reiten oder auf einem Besen fliegen konnte und die Beine in ihrer Bewegung nie behindert wurden. Vorne war das Ilvermorny-Wappen aufgestickt, und sobald sie bezahlt waren, verwandelte es sich in das Wappen von Haus Donnervogel. So hatten sie Harrys Schuluniform schon mal komplett.
Sirius kaufte nicht nur für Harry, sondern auch für sich selbst und Remus, der ja noch kein Geld verdient hatte, Roben und Umhänge. Der Werwolf protestierte lautstark, aber Sirius lies sich davon nicht weiter beeindrucken. Remus gab schließlich nach, bestand aber darauf, ihm jeden Knut zurückzuzahlen, sobald er sein erstes Gehalt hatte. Sirius verdrehte in Richtung eines grinsenden Harry die Augen.
Danach besorgten die beiden Blacks die anderen Schulsachen, während Remus in einer neuen, formalen Robe von dem Gasthaus „Zum fliegenden Hippogreif" aus mit dem Flohnetzwerk nach Ilvermorny reiste, um sich Professor Gaho vorzustellen. Er trat aus dem Kamin in der Eingangshalle und wurde von der Schulleiterin, die ihn schon erwartete, freundlich begrüßt. Sie gaben sich die Hand und gingen nach oben ins Büro, allerdings mit Umwegen, um Remus ein bisschen mit dem Schloss vertraut zu machen, und unterhielten sich dabei.
Es wurde ein sehr angenehmes Gespräch und Gaho war beeindruckt von seinen Fähigkeiten. „Sie müssen wissen, Duellieren ist nicht wie Verteidigung gegen die Dunklen Künste in Hogwarts. Es geht hier nicht um Hinkepanks oder Irrwichte, das wird alles in Magizoologie behandelt, welches aus diesem Grund auch ein Pflichtfach ab der ersten Klasse ist. Hier geht es wirklich um die Verteidigung gegen andere Menschen, die einen angreifen. Und zwar nicht ausschließlich mit dem Zauberstab, die Schüler lernen zwar, wie sie nicht entwaffnet werden, aber sie lernen auch, was sie tun können, wenn das doch mal passiert. Darum geht es in diesem Unterricht nicht ausschließlich um das Lernen von Verteidigungszaubern, sondern auch um körperliche Fitness. Es ist ein bisschen wie Kampfsport mit Magie kombiniert. Da ein Schwarzmagier nunmal mit schwarzer Magie angreift, müssen die Schüler wissen, wie sie sich dagegen verteidigen können. Es gibt schwarzmagische Zauber, deren Wirkung, wenn sie auf bestimmte Verteidigungszauber treffen, nicht abgeschwächt oder neutralisiert, sondern um ein Vielfaches verstärkt wird. Darum müssen die Schüler auch schwarzmagische Zauber kennenlernen, um zu lernen, welche Verteidigungszauber man unter welchen Umständen nicht benutzen darf. Weil Sie durch den Krieg gegen Lord Voldemort praktische Kampferfahrung haben, haben Sie wertvolles Wissen angesammelt und wären eine große Bereicherung für uns."
Remus war gerührt. Endlich mal eine Person, die ihn nicht aufgrund seines Werwolfdaseins bewertete, sondern aufgrund seines Wissens und Könnens. „Das heißt, Sie stellen mich ein?"
Gaho nickte lächelnd. „Oh ja, das tun wir. Wegen Vollmond brauchen Sie sich keine Sorgen machen. Wir haben weitere Kollegen, die Werwölfe sind, und auch einige Schüler. Für die erste Zeit werden Sie den Wolfsbanntrank noch benötigen, aber ich bin sicher, mit etwas Hilfe der anderen werden Sie bald keine Probleme mehr haben, den Wolf zu kontrollieren. An dem Tag nach Vollmond werden Sie von jemandem vertreten, wenn Sie sich zu erschöpft fühlen."
Remus klappte der Mund auf. „Aber… wie ist das möglich, den Wolf ohne Trank zu kontrollieren? Ich kann mir das nicht vorstellen."
Gaho nickte leicht. „Haben Sie den Wolf je als Teil von sich akzeptiert?" Remus sah sie erschrocken an. „Nein. Dieses Monster kann ich nicht als zu mir zugehörig betrachten. Das habe ich nie und werde ich auch nie."
„Und doch das ist der Schlüssel – sich mit ihm anzufreunden."
„Unter den Umständen werde ich den Wolfsbanntrank wohl den Rest meines Lebens benötigen", sagte Remus niedergeschlagen, doch die Schulleiterin lächelte nur mysteriös.
„Abwarten."
Remus sah sie neugierig an, doch dann fiel ihm ein, dass er sie noch in den Fideliuszauber einweihen musste. „Harry Black ist eigentlich Harry Potter. Er wurde von Sirius Black blutadoptiert, damit ihn niemand erkennen kann."
Gahos Augen weiteten sich anerkennend. „Sie haben das Geheimnis unter den Fideliuszauber gestellt. Eine gute Idee. Ich hatte seit gestern das Gefühl, als ob mir etwas wichtiges über den neuen Schüler entglitten wäre. Jetzt weiß ich, was es ist. Vielen Dank für Ihr Vertrauen."
„Ja, als Schulleiterin sollten Sie wissen, wer an Ihrer Schule ist. Es könnte nämlich sein, dass Albus Dumbledore auftaucht und Harry sucht, um ihn nach Hogwarts zurückzubringen. Aber so kann er ihn niemals finden."
„Albus Dumbledore scheint ein ungesundes Interesse an Harry zu haben", bemerkte Gaho. „Er ist ein Teenager und sollte sich keine Gedanken um Schwarzmagier machen müssen. Aber wie dem auch sei...", sie gab Remus eine Kopie eines Arbeitsvertrags.
Remus las den Arbeitsvertrag durch, unterschrieb ihn und gab ihn ihr zurück. Er bekam eine Kopie und sie machten aus, dass er wie die anderen Lehrer am 21. August um 9 Uhr in die Schule kommen würde. Dann würden die Kollegen einander vorgestellt und der Unterricht vorbereitet werden. Als sie aufstanden und sich verabschieden wollten, fiel ihm etwas ein.
„Eine Frage hätte ich noch. Wissen Sie schon, welche Klassen ich übernehmen werde?"
Gaho lachte, sie konnte sich natürlich denken, was Remus zu dieser Frage veranlasste. „Jeder der vier Verteidigungslehrer übernimmt den Unterricht eines Hauses komplett. Wie es der Zufall will, hatte Professor Old, Ihr Vorgänger, das Haus Donnervogel. Ich sehe keinen Grund, an der bestehenden Verteilung etwas zu ändern."
Remus freute sich. „Vielen Dank! Dann sehen wir uns am 21. August", sagte er gut gelaunt. Sie verabschiedeten sich und Remus verließ das Büro. Er ging vor das Eingangstor, holte seinen Besen aus der Tasche, den er geschrumpft hatte, und zauberte ihn auf Originalgröße. Nun dämmerte ihm allerdings, dass er den Weg nach Hause nicht genau kannte. Er stieg in die Luft und suchte nach dem Haus, doch da es im Wald stand, konnte er es unter den Baumkronen nicht entdecken. Schließlich beschloss er, nach New Ashford zu fliegen und bei Seidenschnabel auf Sirius und Harry zu warten. Sie waren bestimmt noch dort, denn sie hatten sehr viel einzukaufen.
In der Tat waren die beiden noch da. Nachdem Sirius von einem neuen Zauberstab ausgewählt worden war (Sequoia und Wampushaar, 12 ½ Zoll), besorgten sie Harrys Schulbücher, dazu noch einige ergänzende Bücher über Meditation und Schutzgeister. Harry wusste, dass er in diesem Gebiet sehr im Rückstand war gegenüber seinen Klassenkameraden, und wollte sein Totem so schnell wie möglich finden. Zaubertrankzutaten besorgten sie auch, dann hatten sie alles Wesentliche.
Am Ende kamen sie an einem Laden vorbei, der Magische Menagerie hieß. Harry und Sirius sahen sich erstaunt an. Sie hatten nicht gewusst, dass das eine Kette war, die in mehreren Teilen der magischen Welt Filialen hatte. Im Schaufenster sah Harry einen großen Käfig mit lauter katzenähnlichen Geschöpfen. Sie sahen in der Mehrheit nicht aus wie Hauskatzen, die Ohren waren etwas größer, wie bei einem Serval, und ihre Schwänze endeten wie bei Löwen in einer Quaste. Viele hatten eine kurze Stehmähne, die vom Hinterkopf über den Nacken bis zum Rücken verlief.
„Hey, schau mal! Sind das Savannah-Katzen?"
Sirius sah sich die Katzen an. „Sie schauen Savannahs zwar ähnlich, aber nein. Das sind Kniesel, eine magische Rasse. Sie unterscheiden sich durch die Mähne und die Quaste am Schwanz, die Savannah-Katzen nicht haben. Sie sind wunderschön, nicht? Vor allem sind sie unheimlich klug und können sofort erkennen, wenn einem Menschen nicht zu trauen ist." Er wurde nachdenklich. „Ich fände es gut, wenn du einen Kniesel hättest. Denk nur mal an Hermines Krummbein, er hat sofort erkannt, dass Krätze nicht getraut werden konnte. Wenn du einen Kniesel zum Gefährten hättest, wüsstest du immer, ob du den Menschen – oder Tieren – in deiner Umgebung trauen kannst."
„Krummbein ist ein Kniesel?", fragte Harry überrascht. Das hatte er nicht gewusst und der orangegetiegerte Kater sah auch nicht so aus wie diese Exemplare.
„Ein Halbkniesel. Er sieht aus wie eine normale Katze – naja, jedenfalls nicht so wie ein Kniesel", ergänzte Sirius hastig, als Harry den Mund öffnete, um ihn an Krummbeins eingedelltes Gesicht zu erinnern - „aber er hat definitiv die Intelligenz eines Kniesels. Hier, schau", er zeigte auf ein gesprenkeltes Exemplar, das in etwa Krummbeins Größe entsprach, es war etwas größer als eine normale Hauskatze, aber kleiner als die ausgewachsenen Kniesel, und hatte einen normalen Schwanz und normalgroße Ohren „diese Katze ist auch so ein Mischling. Ich glaube, Arabella Figg züchtet solche Kniesel-Mischlinge mit großer Begeisterung. Du müsstest sie kennen, sie wohnt auch in Little Whinging."
Harry gefror das Blut in den Adern und Zorn kam in ihm auf. „Warum hat sie sich mir gegenüber nie als Hexe zu erkennen gegeben? Was hätte ich darum gegeben, mit jemandem über alles reden zu können? Ich hätte die Zaubererwelt vorher schon kennenlernen können..."
Sirius legte ihm mitfühlend eine Hand auf die Schulter. „Sie ist eine Squib. Meine Vermutung ist, dass Dumbledore sie gebeten hat, ein Auge auf dich zu werfen. Er wollte wohl nicht, dass du zu früh von allen angehimmelt wirst."
„Was geht ihn das an?", fragte Harry deprimiert. „Er hatte nicht das Recht, sich einzumischen."
„Ja, ich weiß. Er hat einiges falsch gemacht, scheint wohl zu seinem großen Plan gehört zu haben, dich als Waffe gegen Voldemort auszubilden", sagte Sirius leise. „Aber darum sind wir ja hier, um es besser zu machen als er. Komm, gehen wir doch mal rein und schauen uns die Kniesel an. Ich möchte, dass du dir einen aussuchst."
Sie betraten den Laden und gingen zu dem Käfig. Es waren sowohl junge als auch ausgewachsene Kniesel und Mischlinge darin. Sie hatten alle möglichen Fellmuster, die bei Groß- und Kleinkatzen aller Arten vorkamen. Es gab getupfte, marmorierte, gepunktete, getigerte, gesprenkelte und gefleckte Katzen, nur einfarbige fehlten. Harry beobachtete sie lange. Viele spielten miteinander, andere putzten sich oder schliefen. Eine kleine Katze, deren Fell gefleckt war wie das eines Nebelparders, stürzte sich auf eine andere, die aussah wie ein Königsgepard. Sie rauften miteinander und rollten als Fellknäuel dabei in eine dritte rein, die gold und braun marmoriert war. Sie fauchte und sprang in die Luft. Als sie wieder landete, schob sie mit beiden Vordertatzen das Fellknäuel, das die beiden anderen darstellten, weg, und schickte sie somit gegen eine vierte, die getigert war. Harry lachte bei dem Anblick, und die marmorierte Katze drehte sich bei dem Geräusch um. Es war ein offensichtlich reinrassiges, noch nicht ganz ausgewachsenes Knieseljunges. Es sah Harry direkt in die Augen. Seine waren genauso grün wie die von Harry. Der Blick war forschend, dann fühlte er eine Präsenz in seinem Geist und plötzlich wusste er, dass es ein männlicher Kniesel war.
Sirius schnappte nach Luft. „Sie hat sich mit dir verbunden!"
„Er! Es ist ein Kater", antwortete Harry ihm. Er hatte keine Ahnung, woher er das wusste, aber er war sich hundertprozentig sicher. „Du hast gesagt, ich soll mir einen aussuchen", fing er an, doch Sirius war bereits den Verkäufer holen gegangen.
Dieser öffnete den Käfig und wollte das Knieseljunge rausholen, aber da sprang es schon in Harrys Arme. Der lachte, als es ihm die Nase ableckte, und streichelte die kurze, weiche Mähne.
„Wir brauchen noch einen Korb für ihn", meinte Sirius und führte Harry an die andere Seite, wo eine Reihe von Katzenkörben war. Harry hielt seinen neuen Vertrauten vor die Körbe, um zu sehen, ob ihm einer gefiel, aber der sprang nur auf seine Schulter und schnurrte ihm ins Ohr.
Sirius musste grinsen. „Tja, dann eben nicht", meinte er lachend. Sie holten noch einige lebende Mäuse als Futter, bezahlten und verließen den Laden. Harry bedankte sich überschwänglich, während der kleine Kater in seinen Armen schnurrte. Sirius winkte nur ab.
„Ich möchte, dass du ein normales, unbesorgtes Leben führen kannst. Dafür ist es wichtig, dass du so viele Asse im Ärmel hast wie möglich, falls jemand in deine Nähe kommt, der etwas anderes will", sagte er nur.
Als sie wieder bei Seidenschnabel ankamen, sahen sie, dass Remus neben ihm im Gras saß. Er kraulte dem Hippogreif den Hals, während er die beiden anderen erwartungsvoll ansah. Sein Blick fiel auf das namenlose Knieseljunge, das sich mit Harry verbunden hatte.
„Ein Kniesel! Sehr gute Idee, so kann niemand Getarntes in deine Nähe, ohne dass er Alarm schlägt. Wie heißt er denn?"
Harry überlegte. Erst hatte er keine Idee, doch dann fielen ihm Filmplakate ein, die er letztes Jahr in London gesehen hatte. Der Film war damals neu in die Kinos gekommen, es ging dort um ein Löwenjunges namens Simba. Ein schöner Name, wie er fand.
„Ich nenne dich Simba", verkündete er dem schnurrenden Kater. „Wie lief das Vorstellungsgespräch?"
„Nun, was soll ich sagen", sagte Remus glücklich. „Ich werde ab September wieder dein Lehrer sein."
Harry grinste vorfreudig. „Woher weißt du das jetzt schon?"
„Es scheint so zu sein, dass jeder Verteidigungslehrer ein Haus übernimmt", erklärte Remus. „Ich glaube, das ist in den Hauptfächern immer so, da gibt es ja vier Lehrer pro Fach. In den Nebenfächern teilen sie es vielleicht eher nach Jahrgangsstufen auf, das weiß ich nicht."
Sie machten sich auf den Weg nach Hause. Harry nahm Simba auf den Arm und hielt ihn mit einer Hand gut fest, während er sich auf den Besen setzte.
„Warum bist du nicht direkt heimgeflogen?", fragte Sirius neugierig an Remus gewandt, der das Gesicht verzog. „Hab das Haus nicht gefunden", gab er widerwillig zu.
„Wir müssen lernen, die Umgebung zu erkennen", überlegte Sirius. „Das Haus ist mitten im Wald. Ich habe vorhin zurückgeschaut und mir ungefähr gemerkt, wo wir hinfliegen müssen."
Trotzdem mussten sie ein bisschen suchen, doch bald hatten sie es gefunden. Nun, da sie wussten, wie es von oben aussah, flogen sie schnell einmal in Richtung Ilvermorny und zurück, um sich den Weg einzuprägen.
„Übernachten die Lehrer eigentlich auch in der Schule?", fragte Harry beim Abendessen. Remus nickte. „Die Hauslehrer ja, den anderen steht es frei. Ich habe mich dafür entschieden, weil ich dann nicht Sirius auf der Tasche liege."
Der rollte mal wieder mit den Augen, verstand aber insgeheim seinen besten Freund sehr gut. „In den Ferien kommst du aber zu uns, oder?"
Remus nickte.
Am nächsten Tag begann Harrys Nachholunterricht in Wakanda und Runen. Runen verlief recht unspektakulär – Professor Nordic ging mit ihm das Runenalphabet durch und gab ihm als Hausaufgabe auf, bis morgen die Namen der Runen und die entsprechenden lateinischen Buchstaben zu lernen. Wakanda hingegen war ein anderes Kaliber. Harry hatte schon das Buch zur Meditation gelesen, aber praktische Versuche waren erfolglos geblieben. Professor Gaho persönlich hatte sich in einem der vielen Klassenzimmer seiner angenommen, um ihm die ersten Schritte zu erklären.
„Wichtig ist, das Totem zu finden. Es befindet sich weit weg von dir in einer höheren geistigen Ebene, also in einer anderen Dimension. Die kann man erst nur durch Meditation erreichen, und sobald du das kannst, musst du dort dein Totem suchen. Wenn du es gefunden hast, müsst ihr üben, die geistige Verbindung auch ohne Meditation aufrechtzuerhalten. Normalerweise bist du in dieser Welt und die Schutzgeister in der anderen Dimension. Nachdem du die Grenze in die eine Richtung überschritten hast, muss dein Totem sie in die andere überschreiten, sonst kann es dir seine Magie nicht leihen. Manche brauchen lange, um so konzentriert zu meditieren, dass sie in die Höhere Ebene kommen, und suchen dann noch einmal lange dort nach ihrem Schutzgeist. Darum haben wir sechs Wochenstunden. In deinem Jahrgang haben inzwischen alle die Höhere Ebene erreicht, aber es gibt elf Schüler, die ihrem Schutzgeist noch nicht begegnet sind. Viele weitere haben es noch nicht geschafft, dass er sie in dieser Welt erreicht. Ich hoffe, dass es in deinem Fall schneller geht."
Harry nickte und beschloss, bis zum Umfallen zu üben. Ihm war klar, dass dieses Fach das allerwichtigste war, und dass er es sehr ernst nehmen musste. Gaho nickte, zufrieden über seine Ernsthaftigkeit. Sie entzündete ein Räucherstäbchen, das einige Kräuter enthielt, die entspannend wirkten und ihm die Meditation erleichtern sollten. Allerdings gab sie ihm zu verstehen, dass er es mit der Zeit auch ohne die Kräuter schaffen musste. Sie wies ihn an die Augen zu schließen und gab ihm Anweisungen, wie er atmen musste. Ihre ruhige Stimme und der sanfte Duft der Kräuter entspannten ihn immer mehr, und wenn er nicht im Schneidersitz auf einem Kissen gesessen hätte, wäre er längst eingeschlafen.
„Leere deinen Geist. Löse dich von allen Gedanken, die du hast. Entspann dich einfach. Und nun stell dir vor, wie deine Seele den Körper verlässt..."
Harry folgte ihren Anweisungen, so gut er konnte. Plötzlich hatte er das Gefühl, dass sein Körper verschwand. Erschrocken öffnete er die Augen.
Gaho sah ihn aufmerksam an. „Ich hatte plötzlich das Gefühl, dass mein Körper weg ist", erklärte Harry verlegen. Sie nickte. „Das Gefühl ist am Anfang sehr ungewohnt. Versuche, dich davon nicht beeinflussen zu lassen. Dies ist der erste Schritt, in eine andere Dimension zu kommen, denn deinen weltlichen Körper kannst du natürlich nicht mitnehmen. Nur deine Seele geht dorthin."
„Wenn man stirbt..."
„...dann löst sich ebenfalls die Seele vom Körper, richtig. Allerdings passiert es dann nicht freiwillig."
Harry nickte verstehend und schloss wieder die Augen. Er folgte wieder Gahos Stimme, löste sich von allen Gedanken und driftete wieder ab. Nach einer Weile hatte er wieder das Gefühl, das sein Körper weg war. Diesmal kannte er es und ließ es geschehen. Er fühlte sich, als würde er rasend schnell fallen, aber nicht nach unten. Er wurde nach oben gezogen. Krampfhaft versuchte er, nicht daran zu denken, dass er eigentlich in einem Klassenzimmer saß. Als würde man sich in einem schönen Traum dagegen wehren, aufzuwachen. Doch wie es so ist, wacht man doch auf. Frustriert spürte er seinen Körper wieder und öffnete die Augen.
„Ich fühlte mich, als würde ich weggerissen, nach oben. Aber wie konnte ich das fühlen, ich hatte doch meinen Körper nicht..."
„Die ersten außerkörperlichen Erfahrungen sind immer sehr verwirrend. Das Gefühl, nach oben zu fallen, ist normal. Du wirst in die Höhere Ebene transportiert. Jetzt musst du sie nur noch erreichen. Es ist beeindruckend, dass es so schnell geht. Du hast eine gute Konzentrationsfähigkeit und für das erste Mal schon viel geschafft. Wir versuchen es noch einmal, dann ist Schluss für heute. Versuche es jetzt einmal allein. Ich glaube, das kannst du bereits schaffen."
Harry nickte und schloss die Augen. Er löste sich wieder von allen Gedanken, was nicht einfach war, weil er sich gleichzeitig die Anweisungen, die vorher von außen gekommen waren, nun selbst geben musste, und gleichzeitig aber nicht denken durfte. Auf diese Weise dauerte es sehr viel länger, bis er wieder das körperlose Gefühl hatte. Doch dann war er entspannt genug. Wieder fühlte er sich, als würde er mit einem sehr schnellen Aufzug nach oben fahren. Diesmal bemühte er sich weiterhin, alle Gedanken auszublenden, konzentrierte sich nur auf das Gefühl und genoss es.
Dann hörte es auf. Verwirrt öffnete er die Augen. Doch diesmal war Gaho weg. Er war draußen, auf einer großen Wiese, die von Bergen umgeben war. Er stand auf und sah sich um. Vögel flogen über ihn hinweg, und ein paar hundert Meter weiter graste eine Herde Mustangs. Er drehte sich um und erschrak. Da stand ein Mann. Er sah aus wie ein Zauberer, in einer schwarzen Robe mit weißen Symbolen die aussahen wie Glyphen, und darüber ein goldener Umhang. Er sah ihn ruhig und freundlich an, und auch ein wenig forschend. Harry starrte verblüfft zurück. Auf einen Menschen zu treffen hätte er hier als allerletztes erwartet. War dies nicht die Ebene der Schutzgeister?
„Wer sind Sie?", brachte er schließlich heraus.
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Dumbledore saß in seinem Büro in Hogwarts und dachte nach. Sirius lebte nun in Amerika, und es war stark anzunehmen, dass er Harry mitgenommen hatte, und Remus anscheinend auch. Was hatten sie vor? Sicher wollten sie Harry vor Voldemort schützen. Aber Harry sollte Voldemort töten, so sagte es die Prophezeiung. Dumbledore musste ihn auf diese Rolle vorbereiten. Würden sie Harry zu Hause unterrichten? Aber es gab in Amerika auch eine Zaubererschule, sogar größer als Hogwarts. Sicher würde Sirius Harry nach Ilvermorny schicken. Er fragte sich, ob Harry das überhaupt wollte. Er hatte sich in Hogwarts doch so wohl gefühlt, es war sein Zuhause gewesen, nach der furchtbaren Kindheit bei den Dursleys. Wie konnte er ihn überzeugen, nach Hogwarts zurückzukehren?
Dumbledore hatte plötzlich einen Geistesblitz. Ein Schüleraustausch! Er gratulierte sich zu der Idee. Alle Fünftklässler von Hogwarts würden für zwei Wochen nach Ilvermorny gehen. Danach würden alle Fünftklässler von llvermorny für zwei Wochen nach Hogwarts kommen. Bestimmt wäre es in dieser Zeit ein Leichtes, Harry zu überzeugen, nach Hogwarts zurückzukehren. Hogwarts war doch sein Zuhause. Wenn er seine alten Klassenkameraden sah, würde er sicher wieder nach Hogwarts kommen wollen. Hmm, aber die Slytherins würden ihn vielleicht abschrecken. Dumbledore überlegte. Er konnte die Slytherins von dem Schüleraustausch nicht ausschließen, das wäre zu verdächtig. Aber er könnte es aufteilen! Erst kämen Grffindor und Hufflepuff nach Ilvermorny, und gleichzeitig zwei Häuser von dort nach Hogwarts, aber da durfte auf keinen Fall das dabei sein, in dem Harry war. Dann würden Ravenclaw und Slytherin nach Amerika gehen und die beiden anderen Ilvermorny-Häuser nach Britannien, darunter Harrys. Dumbledore schnaubte. Nun, Harry würde natürlich in das Haus Wampus kommen. Er war ein Kämpfer durch und durch. Also sollten zuerst Donnervogel und Gehörnte Schlange mit Gryffindor und Hufflepuff tauschen, und dann Wampus und Pukwudgie mit Ravenclaw und Slytherin. So würde Harry sowohl in Ilvermorny als auch in Hogwarts mit seinen Freunden zusammensein, die ihn sicher überzeugen konnten, wieder nach England zurückzukehren. Er setzte sich hin und schrieb einen Brief mit seinem Vorschlag an Professor Gaho, um seinen Plan in die Tat umzusetzen.
