Die Nadel im Heuhaufen
Während Harry in Ilvermorny seine ersten Schritte in Meditation unternahm und Dumbledore über einem Plan brütete, ihn zurückzubekommen, saßen Sirius und Remus in dem kleinen Holzhaus auf der Terrasse und redeten. Sirius erzählte Remus, was Harry von seinen Eltern über die Horkruxe erfahren hatte. Viel war das nicht gewesen, Lily hatte nur gesagt, dass Voldemort sich mit Hilfe von Horkruxen unsterblich gemacht hatte und seine Seele deshalb so instabil gewesen war, dass sie sich beim Mordversuch an Harry aus Versehen gesplittert hatte.
„Und sie hat wirklich Horkruxe gesagt, nicht ein Horkrux?", fragte Remus und wurde blass. Er wusste, was Horkruxe waren, seine Kenntnisse in Schwarzer Magie waren sehr weitreichend.
Sirius nickte. „Es sind mehrere, die Formulierung war kein Zufall. Durch nur einen wäre so etwas wie ein unabsichtlicher Horkrux ganz bestimmt noch nicht passiert. Das Doofe ist halt, wir wissen weder, wie viele genau noch was sie sind. Aber ich will nicht, dass Harry den Rest seines Lebens von einem Wahnsinnigen verfolgt wird. Darum müssen wir sie finden und unschädlich machen, möglichst bevor Harry es in zehn Jahren selbst in die Hand nehmen kann."
„Die Frage ist, wie wir das anstellen sollen. Wir kennen Voldemort nicht und haben keine Ahnung, was mögliche Horkruxe sein könnten", gab Remus zu bedenken.
„Dann sollten wir mit jemandem reden, der ihn kennt", sagte Sirius entschlossen.
„Todesser?", fragte Remus zweifelnd.
Sirius stellte sich unwillkürlich vor, wie er Bellatrix in Askaban einen Besuch abstattete, um sie nach den Geheimnissen ihres Meisters zu fragen, und lachte bellend.
„Dumbledore kennt ihn", sagte Remus. Sirius verzog das Gesicht. „Ich weiß", stimmte Remus zu, „aber auch wenn er andere Ansichten hat, was Harrys Rolle dabei betrifft, will er Voldemorts Untergang genauso sehr erreichen wie wir. Wir könnten ihm einen Brief schicken mit dem Hinweis."
Sirius nickte widerwillig. „Ja, uns bleibt wohl nichts anderes übrig. Wir können von hier aus eh nicht wirklich was unternehmen. Dann hat der Phönixorden wenigstens was zu tun."
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Der Zauberer lächelte. „Hast du keine Vermutung?"
Harry hatte nicht mit so etwas gerechnet. „Ich habe absolut keine Ahnung. Sind Sie etwa mein Totem? Ich dachte, das sind immer Tiere."
Der Zauberer nickte. „So ist es auch. Ich bin kein Totem, nur ein Toter. Ich gehöre eigentlich nicht hierher und habe es nur geschafft, weil ich einer der mächtigsten Zauberer war, die je gelebt haben. Darum, das wird deine nächste Frage sein, sind deine Eltern nicht hier. Und hör auf, mich zu Siezen. Ich bin schließlich dein Vorfahre."
Harry dachte an den Stammbaum und erstarrte vor Ehrfurcht. „Merlin!"
„So nennt man mich, ja. Ich bin hier, weil ich dich kennenlernen wollte. Auch wenn Voldemort nicht mehr deine alleinige Bestimmung ist, bist du sehr vielversprechend, Harry Black."
„Was ist meine Bestimmung?", fragte Harry neugierig.
Merlin breitete die Arme aus. „Du hast ein unglaubliches Potential. Ich will nicht unbescheiden klingen, aber das hat sich noch vermehrt, seit du von mir abstammst, obwohl es vorher schon beeindruckend war. Du bist nun mein Erbe und deine Bestimmung liegt allein in deiner Hand. Kein anderer hat das Recht, sie für dich auszusuchen, vor allem nicht Dumbledore."
Sie unterhielten sich eine Weile, und Harry fragte ihn, warum die Blacks nicht gewusst hatten, dass sie von Merlin abstammten. Merlin lächelte schelmisch.
„Die Blacks sind Reinblutfanatiker. Ich hingegen bin der Meinung, dass jeder Mensch gleich viel wert ist, egal, ob er magische Kräfte hat oder nicht und egal, woher diese kommen. Schon Salazar Slytherin war so ein Fanatiker. Mein Sohn war ein bescheidener Mensch, aber als ich mit den Jahren immer mächtiger wurde, fingen seine Kinder, meine Enkel, an, sich für etwas besseres zu halten. Nicht nur dachten sie, besser als die Muggelstämmigen zu sein, sondern auch besser als andere reinblütige Zauberer, weil sie meine Nachkommen waren. Also legte ich einen Zauber auf sie, dass von ihren Nachkommen nur diejenigen, die aufgeschlossen gegenüber allen Menschen sind, auf einem Abstammungstest sehen können, dass ich ihr Vorfahre bin. Diejenigen, die dieses Kriterium erfüllen, sind immer aus der Familie Black ausgestoßen worden, also hat es der reinblutfanatische Teil der Familie nie erfahren. Und da Sirius und Andromeda nie einen Test gemacht haben, kam es erst bei dir wieder raus."
Harry nickte verstehend und Merlin lächelte. „Ich muss jetzt gehen. Du hast hier noch eine Suche vor dir."
„Kannst du mir nicht einen Hinweis geben?", fragte Harry schnell. „Wie finde ich meinen Schutzgeist?"
Merlin legte ihm die Hände auf die Schultern. „Nein, ich kann dir keinen Hinweis geben, weil ich dein Totem nicht kenne. Es gibt unendlich viele, darum dauert es mit etwas Pech bei manchen Zauberern Jahre, bis sie einen Schutzgeist gefunden haben, der sie annimmt und den sie annehmen. Und zu der Wie-Frage… lerne dich kennen und danach lerne sie kennen. Dann weißt du, welcher zu dir passt."
„Warte...", sagte Harry noch, aber da war Merlin schon weg. Harry war erschlagen von dem Gespräch, und fühlte sich im Moment nicht in der Lage, jetzt noch irgendwelche Krafttiere anzusprechen. Er öffnete die Augen und saß wieder Gaho gegenüber, die ihn erwartungsvoll ansah.
„Ich bin Merlin begegnet."
„In der Dimension der Schutzgeister?", fragte Gaho erstaunt. „Das funktioniert nur bei Verwandten und beide Beteiligten müssen dafür eine große magische Macht haben."
„Ja, ich bin seit der Blutadoption ein Nachfahre Merlins", erklärte Harry abwesend. Er dachte immer noch über seine Bestimmung nach.
Professor Gaho fragte nicht, was Merlin gesagt hatte. Sie wusste, dass es in seltenen Fällen vorkam, dass Zauberer auf diese Weise Botschaften erhielten, aber diese waren Privatsache. „Ich würde vorschlagen, wir beenden die heutige Stunde. Ich gebe dir ein paar Räucherstäbchen mit, damit du dich leichter in Trance versetzen kannst, falls du es noch einmal probieren möchtest, aber versuch es ruhig auch mal ohne. Wir sehen uns morgen um 14 Uhr, in Ordnung?"
Harry nickte. „Vielen Dank für Ihre Unterstützung. Bis morgen!"
Sie entließ ihn und er flog mit dem Feuerblitz zurück nach Hause, wo er Sirius und Remus haarklein erzählte, was Merlin gesagt hatte, während er Simba tote Mäuse jagen ließ, die er an Schnüre gebunden hatte.
Sirius nickte anerkennend. „Gute Idee von Merlin. Wenn Bellatrix wüsste, von wem sie abstammt, würde ihre Arroganz keine Grenzen mehr kennen – wobei die jetzt schon nicht zu überbieten ist. Und wie lief die Suche nach dem Totem?"
Harry schüttelte den Kopf. „Nachdem ich mit Merlin gesprochen habe, hatte ich keine Lust, noch nach meinem Schutzgeist zu suchen. Vielleicht probiere ich es nachher noch mal, in die Totemdimension zu kommen. Gaho hat mir Kräuterstäbchen mitgegeben, meinte aber, dass man die mit der Zeit nicht mehr braucht."
„Und wie lief Runen?", fragte Remus neugierig.
„Gut, aber ich soll bis morgen das ganze Alphabet auswendig kennen, jede Rune des älteren Futhark", ächzte Harry.
„Ach, das ist kein Problem. Wenn du willst, frag ich dich nachher ab. Ich hatte Runen in Hogwarts und es war mein Lieblingsfach. Nicht am Anfang, aber auf UTZ-Niveau ist es richtig cool."
„Kannst du mir mal zeigen, was man mit Runen machen kann?", fragte Harry neugierig.
Remus nickte, rief einen Stein aus dem Garten auf und verwandelte ihn in einen großen Stab. Dann benutzte er seinen Zauberstab und murmelte Worte in einer Sprache – vermutlich Altnordisch – um einige Runen einzugravieren. Er gab Harry den Stab und forderte ihn auf, ihn irgendwie zu beschädigen. Doch nichts half. Er konnte ihn weder anzünden – magisch oder auf Muggelart – noch zerbrechen noch auch nur nass werden lassen. Er war unzerstörbar.
„Wenn du den Stab mit verstärkenden Zaubersprüchen verhext, lassen die Zauber irgendwann von alleine nach. Doch so ist der Zustand permanent, solange, bis der Zauberer, der ihn verzaubert hat, ihn wieder ändert – oder stirbt. In dem Fall kann ihn jeder, der Runenmagie beherrscht, ändern."
Harry dachte an die Möglichkeiten, die ihm dadurch eröffnet wurden. Er hätte Runen früher gewählt, wenn er das gewusst hätte. Warum gab es für die Zweitklässler, die ihre Fächer wählen mussten, keine Hilfestellung? Sie hatten nur eine Liste bekommen, wo sie ankreuzen mussten, was sie nehmen wollten. Was genau das Fach beinhaltete und was man damit machen konnte, stand nicht dabei. Percy hatte ihn zwar vollgequatscht, aber was man in Runen genau machte, hatte der ihm auch nicht gesagt. Wahrscheinlich hatte er das Fach nicht gehabt.
Das Runenalphabet war letztendlich schnell in Harrys Gehirn. Es handelte sich um 24 Zeichen, von denen auch jedes nochmal eine eigene Bedeutung hatte. Bis zur Schlafenszeit hatte er es geschafft, alle auswendig zu lernen. Remus hatte gemeint, dass durch den Schlaf, der direkt auf das Lernen folgte, das Gelernte besser in Erinnerung bleiben würde. Und er hatte Recht; als Remus Harry am nächsten Morgen das Futhark abfragte, konnte er es schon fast auswendig. Sie wiederholten es noch einmal und dann saß es.
Harry hatte ein schlechtes Gewissen, weil er gestern nur Runen gelernt hatte und nicht dazu gekommen war, noch einmal in die Höhere Ebene zu gehen. Während er Hedwig, Simba und Seidenschnabel fütterte, beschloss er, es am Vormittag nochmal zu versuchen. Sie frühstückten und spülten magisch das Geschirr, dabei brachten sie Harry die dafür nötigen Zauber auch noch gleich bei, und dann setzte er sich in sein Zimmer, zündete ein Kräuterstäbchen an und versetzte sich in Trance. Es dauerte fast eine Stunde, bis er sich so weit entspannt hatte, dass er sich von seinem Körper lösen konnte.
Doch schließlich war er in der anderen Dimension. Er befand sich an genau der gleichen Stelle, wo er gestern Merlin getroffen hatte. Die grasbewachsene, von Bergen umgebene Ebene sah so aus wie zuvor, selbst die Mustangs waren noch da. Harry überlegte, wie viele Tiere es hier wohl geben mochte. Das war eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen.
Harry beschloss, dass er bei ihnen gleich anfangen konnte, wenn sie schon da waren. Ansonsten musste er nämlich bergsteigen, und wenn sein Schutzgeist einer der Mustangs war, konnte er sich alles andere sparen. Also ging er zu der Herde, die zufrieden graste.
„Ähm, hallo", sagte er verlegen zu dem nächstbesten Tier, und kam sich dabei ziemlich blöd vor. Die gescheckte Stute hob den Kopf. „Hallo", sagte sie freundlich. Harrys Kinnlade fiel herunter, dann schlug er sich mental gegen die Stirn. Er befand sich hier auf einer höheren Geistesebene, natürlich galten hier andere Regeln.
„Ich grüße dich, Mustang. Ich suche mein Totem und wollte fragen, ob einer von euch es zufällig ist."
Sie musterte ihn, und auch die anderen kamen näher, um ihn zu betrachten. Er kam sich vor als würde er gerade feilgeboten werden.
„Keiner von uns ist für dich bestimmt", sagte ein schwarzer Hengst zu ihm. „Du wirst jemanden finden, der besser geeignet für dich ist. Wir können dir nicht helfen, es passt nicht."
Harry nickte. Er hatte bei der schieren Menge an potentiellen Tiergeistern nichts anderes erwartet. Er hatte auch nicht den Eindruck, dass Pferde besonders passten. Weder war er in irgendeiner Weise fasziniert von ihnen, noch hatte er sich je besonders für sie interessiert. Er bedankte sich höflich bei den Mustangs für ihre Zeit. Er wandte sich um und lief zu den Bergen. Als er sie endlich erreicht hatte, sah er, dass sie ziemlcih steil waren. Er begann zu klettern und erstaunlicherweise kam er sehr gut voran. Die üblichen körperlichen Grenzen galten anscheinend nicht in der geistigen Ebene.
Während er kletterte, entdeckte er eine Maus, die aus einem Felsloch guckte. „Hallo, Maus. Ich suche meinen Schutzgeist..."
Maus lachte mit einer hellen Stimme. „Ja, jeder, der hier ist, sucht ihn. Aber warum sollte jemand wie du mich als Totem haben? Passen wir zusammen?"
Harry überlegte. Wollte er eigentlich eine Maus als Schutzgeist? Was hatten Mäuse für Kräfte, die sie einem Zauberer leihen konnten? Was hätte Mustang für Kräfte gehabt?
Allmählich dämmerte ihm, dass er das Ganze falsch anging. Er sollte sich vielleicht Gedanken machen, was er eigentlich von einem Schutzgeist erwartete.
„Tut mir leid, Maus. Du hast Recht, ich glaube nicht, dass wir zusammenpassen. Bitte entschuldige die Störung."
„Kein Problem", piepste Maus vergnügt. „Schick mir mal meinen Schützling vorbei, mir ist langweilig."
Sie verschwand wieder in ihrem Felsloch und Harry sah ihr nachdenklich hinterher. Dann beschloss er, mit Professor Gaho zu reden. Er konnte doch nicht jedes einzelne Tier der Welt ansprechen, es gab Millionen von Tierarten. Was hatte Merlin gestern gesagt? Lerne dich kennen und danach lerne sie kennen. Dann weißt du, welcher zu dir passt.
Er öffnete die Augen und stand ächzend auf. Dadurch weckte er Simba, der schlafend neben ihm gelegen hatte und nun auf seinen Arm sprang. Harry streichelte ihn und dachte weiter über Merlins Worte nach. „Mich selber kennen lernen, na, das wird was werden." Er war sich sicher, dass damit eine kritische Selbstbetrachtung gemeint war.
Simba miaute, sprang auf den Boden, rannte zur Tür, sprang auf die Türklinke und öffnete sie dadurch. Er sah sich um, ob Harry ihm auch folgte, und lief die Treppe hinunter ins Bad. Der junge Kniesel sprang auf die Ablage vor dem Spiegel, wo die Zahnbecher standen, maunzte den Spiegel an und legte eine Pfote darauf, während er Harry ansah. Dessen verblüffter Blick wanderte zu seinem Spiegelbild, das mit weit aufgerissenen Augen zurückstarrte.
In Harrys Kopf kreisten die Gedanken. Simba wollte ihm damit etwas sagen. Er musste sich mit sich selber auseinandersetzen. Harry betrachtete sich. Er hatte Lilys grüne Augen und seit der Blutadoption waren die Gesichtszüge eine Mischung aus James und Sirius. Er konzentrierte sich kurz und machte mühelos seine Haare glatt, doch da hingen sie nur platt herunter. Also machte er sie wieder lockig, so reichten sie nur knapp bis zur Schulter. Das gefiel ihm sehr gut. Harry fragte sich, ob Dumbledore ihn so erkennen konnte. Er selber kam sich immer noch fremd vor, wenn er in den Spiegel sah, auch wenn er sein früheres Aussehen nicht gemocht hatte.
Er experimentierte ein bisschen mit seinen Fähigkeiten herum und schaffte es sogar, sich Katzenohren wachsen zu lassen, woraufhin Simba ihn erstaunt ansah und Harry einen Lachanfall bekam. Am Ende nahm er wieder sein natürliches Aussehen an. Er hatte keine Lust, sein ganzes Leben auf Dumbledore auszurichten. Dieser könnte, wenn er ihn sah, sowieso nicht die richtigen Schlüsse ziehen, und da er nach einem blassen, mageren Teenager mit schwarzen, glatten, abstehenden Haaren suchte, der viel zu klein für sein Alter war, würde er ihn auf keinen Fall erkennen. Er war der Sohn von Lily und James Potter und von Sirius Black, und so wollte auch so aussehen. Sollte Dumbledore jemals einen Fuß nach Ilvermorny setzen, konnte er sich immer noch tarnen.
Harry sah auf die Uhr und merkte, dass er keine Zeit mehr hatte, nach Ilvermorny zu fliegen. In zehn Minuten war die heutige Nachhilfe mit Professor Gaho und direkt im Anschluss Alte Runen. Er musste den Portschlüssel nehmen, also nahm er ihn in die Hand und sagte „Ilvermorny." Sofort wurde er weggerissen und landete in der Eingangshalle. Schnell begab er sich in das Klassenzimmer, wo er auch gestern schon mit Gaho geübt hatte. Sie war noch nicht da, also setzte er sich an einen Tisch und überlegte, wie er sich selber kennenlernen konnte. Ein realistisches Selbstbild konnte man fast nur mit der Hilfe von anderen Personen zeichnen.
„Selbstfindung ist nicht einfach", sagte Gaho, die gerade hereinkam, als hätte sie seine Gedanken gelesen.
Harry lachte. „Mein Kniesel hat mich ins Bad gelotst und mir mein Spiegelbild gezeigt."
Nun musste die Schulleiterin auch lachen. „Kniesel sind äußerst scharfsinnig. Was denkst du, was seine Absicht war, als er dir den Spiegel gezeigt hat? Was wollte er dir sagen?"
Harry dachte nach. „Ich denke, er wollte mir zu verstehen geben, dass ich mich im übertragenen Sinn selber betrachten muss. Ich habe heute früh zwei Krafttiere angesprochen, einen Mustang und eine Maus, dabei ist mir klar geworden, dass ich vielleicht erst überlegen muss, was für ein Totem ich eigentlich brauche. Dafür muss ich mich ja selber kennenlernen."
„Sehr gut. Das wird einem meistens irgendwann klar, wenn man anfängt zu suchen. Im Unterricht werden dafür die Schüler, die auf der Suche sind, in Gruppen eingeteilt, damit sie sich gegenseitig sagen, wie sie sich sehen. Und das mehrmals, damit man von verschiedenen Leuten eine Meinung bekommt. Man muss sich wirklich kritisch mit sich selbst auseinandersetzen, wenn man ein passendes Totem finden will. Dann kann man einige Schutztiere, die nicht in Frage kommen, ausschließen und gezielt nach den anderen suchen."
„Aber dafür muss man ja wissen, was die verschiedenen Tiere bedeuten", überlegte Harry.
„Ja, sie sind im Schulbuch aufgelistet. Hast du die Schulbücher schon besorgt?"
„Ja, aber… das Schulbuch hab ich irgendwie noch nicht beachtet. Nur ein anderes Buch über Meditation habe ich gelesen."
„Schau mal rein. Dann hättest du schon gewusst, dass dein Totem auf keinen Fall eine Maus sein kann", sagte Gaho amüsiert. „Maus ist klein und augenscheinlich schwach. Sie kommt in der Regel zu Menschen, die man im Allgemeinen nicht als besonders erachtet. Aber sie gibt ihren Schützlingen die Macht, allen Widrigkeiten zum Trotz ihren Weg zu gehen und die Magie, die man durch sie bekommt, geht vor allem in Richtung Tarnung und Versteck."
Harry nickte. Das passte wirklich nicht zu ihm. Er beschloss, einen Blick in das Buch zu werfen, sobald er wieder zu Hause war.
„Haben Sie eine Idee, welches Totem meins sein könnte?"
„Nein, dafür kenne ich dich noch nicht gut genug. Aber es wird wohl ein mächtiges sein, bei deiner Veranlagung. Du brauchst eins, dass dir irgendeine Eigenschaft oder Fähigkeit gibt, die dir fehlt. Ein Totem vervollständigt dich. Was das sein könnte, musst du dir überlegen."
„Uff", machte Harry. Sie lachte. „Ja, ich weiß, es ist mit viel Arbeit verbunden. Du kannst ja mal jetzt in der Höheren Ebene nach einem Tier suchen, das dir vom Charakter her ähnlich ist, und dich mit ihm unterhalten, das könnte lehrreich sein."
„Mach ich. Aber eine Frage hätte ich. Das ist ja wie eine eigene Welt. Muss ich da die ganze Zeit zu Fuß gehen oder kann ich mich irgendwie anders fortbewegen?"
„Es gibt keine körperlichen Grenzen, du kannst genausogut fliegen oder schwimmen, wenn dir danach ist. Dir kann nichts passieren, es ist nur deine Seele, die dort ist. Der Körper, den du dort hast, ist nur eine Art Projektion."
Harry nickte verstehend und sie zündete ein Kräuterstäbchen an. Er setzte sich hin und entspannte sich. Nach einer Weile glitt seine Seele nach oben in die andere Welt. Er befand sich genau an der Stelle, wo er Maus getroffen hatte. Harry beschloss, das Fliegen auszuprobieren, und kaum hatte er daran gedacht, erhob er sich schon von dem Felsen und flog über die Berge. Er flog sehr schnell, und bald kam er zu einer riesigen Ebene, die aussah wie eine Savanne. Viele verschiedene Tiere grasten dort und auch ein Löwe war zu sehen. Harry beschloss, mit ihm zu reden, denn mit Löwen fühlte er sich verbunden, da er in Gryffindor gewesen war. Er hätte nichts dagegen gehabt, wenn er sein Totem wäre, aber laut Gaho hatte ein Totem etwas, was einem noch fehlte. Er flog zu Löwe und landete neben ihm.
Löwe sah ihn freundlich an und begrüßte ihn. „Hallo, Löwe", antwortete Harry. „Ich wollte dich fragen, ob du mein Schutzgeist sein könntest."
Löwe sah ihm in die Augen. „Warum möchtest du mich haben?"
Harry überlege kurz. „Nun, es ist so, dass ich in Gryffindor war. Ich bewundere deinen Mut und deine Kraft."
„Oh ja, ich gelte als eines der mutigsten Tiere", sagte Löwe amüsiert. „Aber du bist auch sehr mutig, sonst wärst du nicht im Haus von Godric Gryffindor gewesen. Kämpfst du gern?"
„Ehrlich gesagt hasse ich Gewalt", sagte Harry. „Als Kind habe ich genug davon bekommen. Und dann wurde ich in Hogwarts auf ein goldenes Podest gestellt, als Retter der magischen Welt. Ich habe viel kämpfen müssen, und dabei kam auch einmal ein Professor ums Leben, der von Voldemort besessen war. Aber ich bin eigentlich nicht daran interessiert, anderen Schaden zuzufügen."
Löwe sah ihn lange an. „Du hast so viel Mut wie Gyffindor, das ist eine deiner wichtigsten Charaktereigenschaften. Wozu brauchst du ein Totem, das dir hilft, mutig zu werden? Darin brauchst du keine Hilfe mehr. Du kämpfst nicht gerne, aber wenn es nötig ist, tust du es wie ein Löwe. Ich bin nicht der richtige für dich. Es tut mir leid, aber ich kann nicht dein Totem werden. Es wartet ein anderer auf dich."
Harry sah ihn neugierig an. „Weißt du, wer es ist?"
„Ich habe eine gute Vorstellung, wer es sein könnte. Aber du musst es selber herausfinden. Zur Totemsuche gehört dazu, dass man sich selber kennenlernt, und wenn ich dir einfach sage, wer es ist, hast du keinen Grund mehr dazu. Aber lass dir gesagt sein, dass du nicht enttäuscht sein wirst."
Harry nickte verstehend. „Dann hab Dank für deine Zeit, Löwe", sagte er respektvoll. Der Löwe stupste ihn mit der Schnauze an und Harry öffnete die Augen.
„Löwe sagt, ich bin so mutig, dass ich ihn gar nicht mehr brauche", fasste er das Gespräch zusammen. Die Schulleiterin nickte, sie hatte nichts anderes erwartet. „Wir müssen jetzt Schluss machen, Professor Nordic wartet schon. Schau einfach mal in das Schulbuch und probier es weiter aus, wir sehen uns am Montag wieder."
Harry nickte, bedankte und verabschiedete sich und ging zum Runenklassenzimmer.
