Ein Brief und ein Totem

Am nächsten Tag war Samstag und es regnete in Strömen. Harry schlug sein Wakanda-Buch auf. Dort wurden alle Tierarten aufgelistet, die es gab, angefangen vom Aal, bis hin zum Zwergspitz.

Harry ächzte. Vielleicht sollte er doch mit dem eigenen Persönlichkeitsprofil anfangen, bevor er die Beschreibungen der Krafttiere las. Er nahm ein Pergament und eine Feder und begann, sich Notizen zu machen, so wie er sich selbst einschätzte.

- mutig

- sehr loyal Freunden und Familie gegenüber, ich würde mein Leben für sie riskieren

- freiheitsliebend, ich will meine eigenen Entscheidungen treffen, ohne kontrolliert zu werden

- ich fliege sehr gerne und gut, egal wie

- ich kann sehr schnell rennen

- ich bin selbstständig

- Metamorphmagus

Er sah sich die Liste an. Das waren alles sehr positive Eigenschaften. Ein Totem teilte zwar die guten Eigenschaften, war aber auch ein Gegenpol zu den schlechten. Er hatte doch sicher, so wie jeder andere, auch negative Eigenschaften. Er dachte noch eine Weile nach, dann wurde ihm klar, dass er ein recht hitziges Gemüt hatte, zudem oft etwas ungestüm war und blindlings handelte, ohne nachzudenken. Es war eine typische Gryffindoreigenschaft, sich mutig und ohne einen zweiten Gedanken in Gefahr zu stürzen oder unbedachte Dinge zu tun. Zum Beispiel damals, als sie zu Beginn des zweiten Jahres nicht durch die Absperrung zu Gleis 9 ¾ gekommen waren, hatten sie nicht etwa gewartet, bis Rons Eltern zurückkamen oder mit Hedwig einen Brief nach Hogwarts geschickt, was die beiden naheliegendsten Handlungen gewesen wären. Nein, sie waren mit dem Auto in die Schule geflogen. Im Nachhinein schlug Harry sich mental gegen die Stirn. Das war richtig dumm von ihnen gewesen.

Er war auch sehr neugierig, was ihn schon öfter in Schwierigkeiten gebracht hatte. Er hatte Probleme, sich Autoritäten unterzuordnen, was allerdings auch kein Wunder war, schließlich hatte er seine gesamte Kindheit hindurch durch seine Erziehungsberechtigten leiden müssen. Aber in Hogwarts hätte es anders laufen können, etwa, als sie nach dem Stein der Weisen gesucht hatten. McGonagall hatte ihnen gesagt, dass niemand in der Lage sein würde, den Stein zu stehlen, dass er bestens bewacht war. Sie hatten ihr nicht glauben wollen, und selber nach dem Stein gesucht.

Aber sie hatte Recht gehabt, Voldemort hätte ihn allein niemals bekommen. Nur jemand, der den Stein finden wollte – finden, nicht benutzen –, sollte ihn bekommen können, die anderen würden nur sehen, wie sie Gold herstellen oder das Lebenselixier trinken. Nur, weil Harry gekommen war, hätte Voldemort den Stein beinahe bekommen. Wenn er mehr Vertrauen in die Fähigkeiten anderer gehabt hätte, wäre er sicher gewesen. Aber anscheinend hatte Dumbledore ihn auch manipuliert, oder warum sonst hatte er bei seiner Rede so direkt darauf aufmerksam gemacht, dass ein bestimmter Flur verboten war? Da machte man doch nur alle neugierig. In dem Flur war kein Klassenzimmer und auch sonst nichts interessantes. Niemand hätte sich dorthin verirrt. Gut, man hätte noch die Treppen so verzaubern können, dass sie den verbotenen Korridor ausließen. Dann wäre nie etwas passiert. Aber eine Rede auf dem Willkommensfest war der beste Garant dafür, dass es jemand versuchte.

Harry seufzte. Er hatte Lehrer erlebt, die ihn umbringen wollten oder ihn hassten und einen Schulleiter, der ihn manipuliert hatte. Er hatte ein Zaubereiministerium gesehen, das seinen Paten ohne Verhandlung nach Askaban geschickt hatte und einen Minister, der ihnen nicht zuhören wollte, als sie Beweise für seine Unschuld hatten. Es war zwar nicht schlecht, ein bisschen Vertrauen in Autoritäten zu haben, aber nach dem, was er erlebt hatte, war ein gesundes Misstrauen wohl nicht verkehrt. Aber er musste aufpassen, dass es nicht überhand nahm. Wenn sich herausstellte, dass jemand nicht vertrauenswürdig war, dann war es in Ordnung, aber er durfte sich nicht angewöhnen, vorschnell zu urteilen. Er musste lernen, sich auf andere und ihre Fähigkeiten zu verlassen, wie damals beim Stein der Weisen. Er selber allein war nunmal nicht immer das A und O.

Wenn ein Totem also die guten Eigenschaften unterstützte und die schlechten abschwächen sollte, hatte er vielleicht ein Totem, das seine Ungeduld etwas zügelte und generell ein Ruhepol war, eins, das ihn ein bisschen erdete. Gaho hatte gesagt, dass er sicher ein mächtiges Totem haben würde. Aber wie konnte ein mächtiges Totem einen erden? Auch Merlin hatte gesagt, er hatte viel Potential. Doch woran konnte man das festmachen? Er hatte, anders als Hermine, bei der alles auf Anhieb klappte, bei neuen Zaubern immer ein paar Versuche gebraucht, bis er sie beherrschte. Er beschloss, Sirius und Remus zu fragen und sie um ihre Einschätzung zu bitten.

Die beiden saßen auf dem Sofa im Wohnzimmer und spielten Schach. Harry machte für alle Tee, setzte sich dazu und sah eine Weile zu. Als Remus schließlich haushoch gewonnen hatte, wandte Sirius sich ihm zu.

„Wir müssen was mit dir bequatschen."

Harrys Blick wanderte zu Remus, der ihn leicht besorgt ansah. Nun wurde Harry auch besorgt. „Ok..."

„Wir wollen einen Brief an Dumbledore schreiben und ihm von den Horkruxen erzählen", gab Sirius unumwunden zu. Er hatte Angst, dass Harry aufbrausen würde, immerhin wollte er – zu Recht – mit dem Alten nichts mehr zu tun haben.

Harry jedoch wusste erst gar nicht mehr, wovon sein Adoptivvater redete. Er überlegte kurz, was er meinte, dann fiel es ihm ein. „Ach ja, stimmt, die Seelenteile Voldemorts, die Mum erwähnt hat. Die hab ich ganz vergessen. Dumbledore kann sie bestimmt vernichten. Aber bitte lasst mich da raus, ja?"

„Natürlich, wir haben nicht vor, ihm irgendwas über dich zu erzählen. Der Brief wird auch anonym sein, er wird nicht wissen, dass wir ihn geschickt haben. Es geht nur darum, ihm einen Hinweis zu schicken, wie er Voldemort vernichten kann. Er hat im ersten Krieg den Orden des Phönix, eine geheime Widerstandsorganisation, gegründet, und nach Voldemorts Rückkehr sofort wieder reaktiviert. Die müssen ja auch etwas zu tun haben", erklärte Remus erleichtert.

Harry nickte. „Ja, das ist gut, dann kümmert sich jemand darum. Hat einer von euch eine Flotte-Schreibe-Feder? Nicht, dass er noch die Schrift von einem von uns erkennt..."

Remus nickte und deutete auf eine Feder und ein Stück Pergament. „Und was genau schreiben wir ihm?"

Sirius grinste und diktierte der Feder:

Professor Dumbledore,

ich bin ein alter Feind Lord Voldemorts und ich habe herausgefunden, dass er Horkruxe erschaffen hat. Wie viele, das weiß ich nicht, aber es sind mehrere. Bitte finden Sie heraus, welche es sind, und zerstören Sie sie, ich bin dazu nicht mehr in der Lage."

Die anderen beiden grinsten. Dumbledore würde sich den Kopf über den Verfasser des Briefes zerbrechen. Da es am Nachmittag aufhörte zu regnen, flogen sie nach New Ashford und schickten den Brief mit einer Expresseule des örtlichen Postamtes ab. Den Rest des Wochenendes verbrachten sie damit, die Umgebung zu erforschen und beobachteten einige interessante Zauber- und Tierwesen in den Wäldern.

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Am Montag fiel Harry ein, dass er ganz vergessen hatte, Sirius und Remus nach ihrer Einschätzung zu seinem Charakter zu fragen. Er beschloss, das heute Abend nachzuholen. Im Moment stand er vor dem Klassenzimmer, in dem er mit Professor Gaho die Meditation geübt hatte.

„Komm rein", ertönte ihre Stimme. Harry wunderte sich, woher sie wusste, dass er da war. Er trat ein und fragte sie danach. Sie lächelte geheimnisvoll, bedeutete ihm, sich zu setzen, und bot ihm einen Tee an.

„Auch ich habe ein Totem, Harry. Seine Fähigkeiten erlauben mir, jeden um mich herum zu spüren."

Harry trank einen Schluck und sah sie neugierig an, aber er wusste nicht, ob man andere nach ihren Totems fragen durfte oder ob das als unhöflich eingestuft wurde. Sie schien zu spüren, was er dachte – oder zu wissen? – und stand auf.

„Ich zeige es dir", sagte sie ruhig. „Bitte erschrick nicht."

Sie trat ein paar Schritte zurück und verwandelte sich in eine große Raubkatze. Sie sah einem Berglöwen ähnlich, hatte aber drei Paar Beine. Harry spürte, wie ihm die Kinnlade runterfiel.

„Ist das… ein Wampus?"

Die Schulleiterin verwandelte sich zurück und nickte. „Ja, Harry. Mein Totem ist ein Wampus. Wampuskatzen sind sehr schnell und sie beherrschen Legilimentik und Hypnose. Wer ein Tierwesen als Totem hat, bekommt auch dessen magische Fähigkeiten übertragen. Ich beherrsche durch Wampus Legilimentik auf einem Niveau, dass ich im Umkreis von einem Kilometer um mich herum alles, was einen Geist hat, spüren kann, und ich weiß sofort, ob jemand lautere Absichten hat. Dafür muss ich nicht mal in seinen Geist eindringen. Doch manchmal bekomme ich trotzdem flüchtige Gedanken mit, ohne es zu wollen, darum wusste ich auch sofort, wer du bist, als du zum ersten Mal mit deinem Adoptivvater hier aufgetaucht bist."

„Wow", machte Harry.

Gaho setzte sich wieder und sah ihn ernst an. „Dumbledore hat mir einen Brief geschrieben."

Harry verschluckte sich an seinem Tee.

„Nun, so schlimm ist es auch wieder nicht", sagte sie amüsiert. „Es geht nicht direkt um dich – auch wenn ich mir sicher bin, die Motivation seines Vorschlags durchschaut zu haben. Er schlägt einen Schüleraustausch vor – die 5. Klassen von Hogwarts gegen die 5. Klassen von Ilvermorny. Seiner Meinung nach sollten zuerst die Häuser Gryffindor und Hufflepuff mit dem Haus Donnervogel und Gehörnte Schlange tauschen, und dann Ravenclaw und Slytherin mit Wampus und Pukwudgie. Du warst in Gryffindor, also nimmt er anscheinend an, dass du hier in Wampus gelandet bist. Er will wohl deine Freunde in deine Nähe bringen, um dich wieder nach Hogwarts zu locken."

Harry fing an zu lachen. Die Vorstellung von Dumbledores Gesicht, wenn die 5. Klasse Wampus Hogwarts betrat und er vergebens die Schüler nach ihm absuchte, war zu komisch.

„Ich bin sehr froh, dass ich hier die vierte Klasse wiederholen kann", sagte er, als er sich wieder beruhigt hatte. „Ich hatte bisher in keinem Jahr die Chance, ohne störende Einflüsse zu lernen, und es gibt in Hogwarts einige Fächer, wo man so gut wie nichts lernt. Ich bin mir ziemlich sicher, dass es mir gut tut, noch einmal in Ruhe alles aufzuholen und auf den Stand eines Fünftklässlers zu kommen, ohne von Voldemort und seinen Aktionen abgelenkt zu werden. Nun bin ich hier und nun plant Dumbledore Aktionen, um mich zu bekommen. Aber er wird keinen Erfolg haben. Ich bedaure nur, dass ich sein Gesicht nicht sehen werde, wenn die 5. Klassen von Ilvermorny nach Hogwarts kommen und ich nicht dabei bin."

Die Schulleiterin grinste ebenfalls. „Er wird sich die Zähne ausbeißen. Ich werde dem Schüleraustausch zustimmen, weil es an sich für die Schüler eine gute Idee ist, mal etwas anderes zu sehen. Das ganze geht ja jeweils nur zwei Wochen, also insgesamt vier. Und wenn deine Freunde aus Gryffindor hier sind, ist es deine Entscheidung, ob du dich ihnen zu erkennen gibst. Aber da das Geheimnis um deine Blutadoption unter dem Fidelius steht, kann Dumbledore sowieso nichts von ihnen über dich erfahren."

Harry nickte. Er freute sich darauf, seine Freunde wiederzusehen.

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Am Abend saß Harry mit Remus und Sirius bei Tisch und erzählte ihnen, was Dumbledore vorhatte. Auch die beiden mussten grinsen.

„Und er kriegt dich gleich doppelt nicht, weil er dich im falschen Haus UND in der falschen Klasse vermutet", sagte Remus lachend. „Ich frage mich, wie die Hogwartsschüler auf mich reagieren werden", sinnierte er.

Sirius zuckte mit den Schultern. „Was sollen sie schon sagen? Sie haben den kompetentesten Lehrer den man kriegen kann aufgrund ihrer dämlichen Vorurteile verloren und der ist nun halt an einer anderen Schule. Pech gehabt, würde ich mal sagen."

Remus wurde rot vor Verlegenheit und wechselte schnell das Thema. „Wie liefs mit deinem Unterricht, Harry?"

Harry stöhnte. „Es gibt einfach so unendlich viele Tierarten. Ich hab einfach keine Ahnung, wie ich meins finden soll. Und um noch einen draufzusetzen, habe ich heute erfahren, dass sogar Tierwesen Totems sein können. Professor Gaho hat einen Wampus als Krafttier", sagte Harry, noch immer beeindruckt.

„Ja, das liegt sicher daran, dass sie eine ziemlich mächtige Hexe ist", bestätigte Remus. „Ich wusste nicht, dass auch Tierwesen Totems sein können, aber es wäre logisch, wenn diese nur zu mächtigen Zauberern und Hexen kommen. Ein durchschnittlicher Zauberer hätte wohl gar nicht die Macht, die Fähigkeiten bestimmter Tierwesen anzuwenden. Wenn das der Fall ist, hast du bestimmt auch ein magisches Krafttier."

„Wie kommt ihr eigentlich immer darauf, dass ich große magische Macht habe?", stellte Harry die Frage, die er schon am Samstag stellen wollte, dann aber über dem Brief vergessen hatte. „Ich habe nie Zauber schneller gelernt als Hermine, das hat bei mir oft ein paar Schulstunden gebraucht."

Remus und Sirius wechselten einen belustigten Blick. „Harry," fing Remus an, „du hast in der ersten Klasse Voldemort gegenübergestanden und bist entkommen. Mit zwölf Jahren hast du einen Basilisken mit einem Schwert getötet und Voldemort erneut besiegt. In der dritten Klasse hast du einen UTZ-Zauber gemeistert, und zwar perfekt. Du hast hunderte Dementoren mit deinem Patronus vertrieben. In der vierten Klasse hast du gegen die drei besten Siebtklässler ihrer jeweiligen Schule das Trimagische Turnier gewonnen und bist Voldemort erneut entkommen. Worüber machst du dir Gedanken? Ich mache mir keine Sorgen über deine magische Macht. Sie ist zweifellos vorhanden."

„Aber Sirius und mein Dad und Pettigrew sind doch dann auch mächtig, sie haben es geschafft, mit 15 Jahren Animagi zu werden."

Sirius räusperte sich verlegen. „Naja, aber sieh es mal so: Wir brauchten drei Jahre, bis es geklappt hat. Und um ein Animagus zu werden, braucht man unter anderem Ausdauer, Motivation und ein gewisses Talent in Verwandlung und Zaubertränke, aber man muss dafür kein besonders mächtiger Zauberer sein, wie Pettigrew beweist, der es auch geschafft hat, zwar mit Hilfe, aber trotzdem. Doch der Patronuszauber ist ein sehr schwerer Zauber, der sowohl magische Macht als auch Konzentrationsfähigkeit erfordert, und du hast beides bewiesen. Oder den Aufrufezauber, du wolltest ihn unbedingt lernen, und hast dann deinen Besen aus zwei Kilometer Entfernung aufgerufen. Das ist eine enorme Leistung, Harry, damit haben noch viele erwachsene Zauberer Probleme. Im Unterricht macht man halt irgendwelche Zauber, die einen vielleicht nicht immer interessieren, und so fehlt die Motivation, sie schnell zu lernen. Das kannst du also nicht als Maßstab nehmen. James und ich und natürlich auch Remus waren vielleicht ganz begabt, aber so mächtig wie du definitiv nicht. Soll ich dir sagen, was dir fehlt? Ein Totem, das dir Selbstbewusstsein gibt. Du unterschätzt dich selber gewaltig."

Remus nickte zustimmend und fügte hinzu: „Und wenn du noch einen Indikator haben willst, schau dir nur deinen Zauberstab an. Phönixfedern gehören zu den mächtigsten Zauberstabkernen und solche Zauberstäbe wählen keine Zauberer und Hexen mit mittelmäßigem Potential aus."

Harry nahm seinen Zauberstab in die Hand und musterte ihn. „Ich wusste nicht, dass Phönixfedern besonders mächtig sind", sagte er erstaunt.

„Ja, je magischer das Tier, desto mächtiger der Zauberstab", erwiderte Sirius. „Phönixe sind hochmagische Tiere und haben beachtliche Fähigkeiten."

Harry dachte scharf nach. Phönix. Hochmagisch. Mächtig. Er sprang auf. „Ich muss was überprüfen."

Er lief in sein Zimmer, suchte das Schulbuch und schlug die Seite über den Phönix auf.

Phönix oder Feuervogel ist ein seltenes und zugleich eines der mächtigsten Krafttiere. Er ist der nächste Verwandte des Donnervogels, wenn er sich auch in Farbe und Gestalt stark von diesem unterscheidet. Er ist scharlachrot mit goldenen Schwanzfedern, Schnabel und Klauen, so groß wie ein Schwan und ein sanftes Geschöpf, das niemals töten würde. Phönixe ernähren sich nur von Kräutern und leben naturgemäß in den Bergen von Ägypten, Indien und China, wo sie auf den Gipfeln nisten. Sie sind frei und unabhängig und würden sich niemals als Haustier zähmen lassen. Ein Phönix kann unglaublich schwere Lasten tragen und sein Gesang ist magisch: Er stärkt den Mut derer mit lauterem Herzen und schlägt die Herzen der Unlauteren mit Angst. Seine Tränen besitzen eine mächtige Heilwirkung und er kann nach Belieben verschwinden und wiederauftauchen. Diese Fähigkeit der Teleportation gibt er wie alle seine magischen Fähigkeiten als Krafttier auch an seinen Schützling weiter, des weiteren die Macht über die Elemente Luft und Feuer. Phönix kommt jedoch nur zu überdurchschnittlich mächtigen Zauberern und Hexen, denn durchschnittliche Magier haben nicht die magische Macht, die Fähigkeiten des Phönixes anzuwenden. Zudem werden nur solche mit reinem Herzen, die niemals aus Selbstsucht oder Machtgier handeln würden, sondern ihre Fähigkeiten einsetzen, um anderen zu helfen, vom Phönix auserwählt."

Harry stand der Mund offen. Phönix war als Krafttier mächtiger als selbst ein Drache. Und er konnte schon von sich behaupten, dass er die Kriterien erfüllte und die Charaktereigenschaften teilte. Also versank er in Meditation und ging auf die Suche.

Er flog in die Berge und bestieg die nächste Bergspitze. Von dort überblickte er die wunderschöne Landschaft. Nach einer Weile flog er weiter, in der Hoffnung, Phönix zu begegnen. Plötzlich sah er an einer Felswand einen scharlachroten Vogel sitzen, der die Kräuter fraß, die aus den Ritzen wuchsen. Harry ließ sich auf einem Felsvorsprung neben ihm nieder.

Phönix drehte sich zu ihm und legte den Kopf schief. „Na endlich, ich dachte schon du kommst gar nicht mehr", sagte er belustigt. „Löwe hat mir schon gesagt dass du auf der Suche bist."

Harry war erleichtert. „Hallo Phönix. Ich fühle mich geehrt, dich kennenzulernen."

Phönix neigte seinerseits den Kopf. „Sehr erfreut. Wie ich das verstehe, möchtest du mich als Totem haben?"

Harry nickte. „Und da bin ich bestimmt nicht der Einzige."

Phönix lachte und das klang schon wie sein Gesang. Harry fühlte sich plötzlich sehr wohl. „Ja, du hast Recht, viele kommen zu mir und wollen mich als Totem. Aber die meisten könnten meine Fähigkeiten in ihrer Welt gar nicht anwenden, weil sie nicht mächtig genug sind. Und mächtige Zauberer haben oft charakterliche Mängel. Sie setzen ihre Fähigkeiten nur ein, um sich selber noch mächtiger zu machen. Das ist wie mit Geld, es heißt, es verdirbt den Charakter. Nun, bei magischer Macht ist es ganz ähnlich. Albus Dumbledore ist ein sehr gutes Beispiel dafür. Nur wenige können dem widerstehen, und du bist einer davon, genau wie auch Merlin übrigens."

„Dumbledore hätte also nie im Leben einen Phönix als Totem", überlegte Harry. „Aber er hat doch einen Phönix als Vertrauten." Er verstummte. Hatte in dem Buch nicht gestanden, dass ein Phönix sich niemals zähmen lassen würde?

Phönix sah plötzlich traurig aus. „Fawkes hat sich ihm nicht freiwillig angeschlossen. Dumbledore hat ihm mit magischen Mitteln den freien Willen genommen. Er hat keine Wahl. Aber das heißt nicht, dass er nicht befreit werden kann. Allerdings kann nur ein anderer Phönix ihn von Dumbledore loseisen. Oder ein Mensch, der einen Phönix als Totem hat und sich in ihn verwandelt hat."

Harrys Augen wurden groß. „Das heißt, ich könnte Fawkes befreien. Aber warum hat das nie ein anderer Phönix versucht?"

„Weil keiner davon weiß. Fawkes kann keinen Phönix benachrichtigen, er kann nur dahin fliegen, wohin Dumbledore es ihm gestattet. Nur ich weiß davon, aber ich konnte mich ja nicht mit irgendeinem Zauberer verbinden, um Fawkes möglichst schnell zu befreien. Es muss ja trotzdem passen. Und nun bist du endlich hier."

Phönix sah ihm tief in die Augen und plötzlich spürte Harry eine Präsenz in seinem Geist. Er fühlte sich, als ob ein Teil von ihm, der ihm schon immer gefehlt hatte, zu ihm zurückgekehrt war und er erst jetzt vollständig wäre.

„Wow", hauchte er. Phönix sah ihn freundlich an.

„Es wird eine Weile dauern, bis du alle meine Fähigkeiten anwenden kannst. Wir werden sie nach und nach erproben. Du kannst nicht nur meine magischen Fähigkeiten anwenden, sondern kannst auch z.B. die Luft beherrschen, wie alle, die einen Vogel oder ein anderes fliegendes Tier als Totem haben. Du kannst also unter anderem Winde erzeugen oder die Luft verdichten. Da ich der Feuervogel bin, wirst du auch das Feuer beherrschen können. Aber das üben wir alles noch. Zuerst müssen wir es schaffen, unsere Verbindung auch herzustellen, während du wach bist, vorher können wir alles andere vergessen."

Harry nickte. „Wie machen wir das?"

„Du musst dich stark auf mich konzentrieren. Ich bin nun da, in deinem Kopf, weil ich mich mit dir verbunden habe. Aber im Wachzustand ist es schwieriger, mit mir zu kommunizieren. Das ist aber Übungssache und sollte bald kein Problem mehr darstellen."

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Dumbledore kam nach dem Abendessen in sein Büro und sah, dass zwei Briefe auf seinem Schreibtisch lagen. Einer war von Professor Gaho, der andere hatte keinen Absender. Er öffnete erst den von der Schulleiterin von Ilvermorny, und las mit Freude, dass sie seinem Vorschlag zustimmte. Sie schlug vor, dass sie je zwei Lehrer mit den Klassen mitschickten, damit die Schüler vertraute Ansprechpartner hatten. Dumbledore beschloss, dass er die jeweiligen Hauslehrer mitschicken würde. Er musste Minerva vorher entsprechend instruieren.

Dann öffnete er den zweiten Brief. Als er ihn gelesen hatte, war er starr vor Schreck. Er zog seinen Zauberstab und tippte den Brief an.

Mendacii revelio!"

Nichts passierte. Der Zauberspruch hätte jegliche Lüge in dem Brief entlarvt. Es stand die reine Wahrheit geschrieben.

Horkruxe. Dumbledore rieb sich müde über die Augen. Das erklärte natürlich, wie Voldemort überlebt hatte. Er hatte Horkruxe geschaffen, und diese konnten nur mit wenigen Mitteln zerstört werden. Es musste ein absolut zerstörerisches Mittel sein. In erster Linie waren Dämonsfeuer und Basiliskengift dazu in der Lage.

Dumbledore erstarrte. Basiliskengift? Er griff in seine Schreibtischschublade und holte das Tagebuch von Tom Riddle heraus, das Harry in seinem zweiten Jahr mit einem Basiliskenzahn durchbohrt hatte. Voldemort hatte durch dieses Tagebuch von Ginny Weasley Besitz ergriffen. Dumbledore hatte sich damals gefragt, wie das möglich war, dass ein Tagebuch wie ein Mensch agierte, doch nun hatte er die Antwort. Das Tagebuch war ein Horkrux. Die Frage war, was waren die anderen? Es mussten laut dem Brief mehrere sein.

Er dachte eine Weile nach. Voldemort war nach seinem Angriff auf Harry an Halloween 1981 nicht gestorben, weil er Horkruxe erschaffen hatte. Aber seitdem hatte Harry eine Narbe, obwohl doch der Todesfluch normalerweise kein Mal hinterließ. Hatte sich bei dem versuchten Mord an Harry aus Versehen ein Seelenteil von Voldemorts ohnehin schon instabiler Seele abgespalten? Das würde zumindest erklären, warum Harry über seine Narbe Voldemorts Stimmung oder gar Anwesenheit spüren konnte. Und es bedeutete, dass Harry sterben musste, damit Voldemorts Seelenteil auch starb. Entweder durch Dämonenfeuer oder durch Basiliskengift, was in der Kammer des Schreckens fast der Fall gewesen wäre, wenn Fawkes ihm nicht mit seinen Tränen das Leben gerettet hätte. So hatte Harry überlebt, aber eben auch der Horkrux in ihm.

Eine dritte Möglichkeit war, dass Voldemort Harry tötete. Voldemort selbst musste es tun, wenn jemand anderer Harry mit einem Todesfluch tötete, würde der Junge tot sein, aber seine Leiche wäre weiterhin ein Horkrux. Nur wenn Voldemort persönlich, der Verursacher des Horkruxes, seinen Todesfluch auf Harry schleuderte, würde der Horkrux zerstört werden.

Dumbledore erinnerte sich, was Harry ihm nach der Rückkehr vom Friedhof erzählt hatte. Voldemort hatte Harrys Blut für sein schwarzmagisches Ritual benutzt, um einen neuen Körper zu bekommen. Er hatte dadurch Lilys Schutz auch in seinen Adern. Damit hatte Voldemort etwas bewirkt, was er sicher nicht beabsichtigt hatte: Er konnte Harry nicht töten. Er hatte den Jungen durch dieses Ritual an das Leben gebunden, solange er selber lebte. Wenn er jetzt Harry mit einem Todesfluch töten würde, würde der Junge weiterleben. Nur der Horkrux würde zerstört werden. Harry konnte nicht sterben, solange Lord Voldemort mit seinem jetzigen Körper, mit Lilys Blut in seinen Adern, am Leben war.

Dumbledore beschloss, nachzuforschen, was die anderen Horkruxe sein könnten. Vor allem musste er dringend herausfinden, wie viele es waren. Er musste mittels Erinnerungen in die Vergangenheit reisen, um Informationen über Riddle zu besorgen, die Rückschlüsse auf mögliche Horkruxe zuließen. Er musste also mit Leuten sprechen, die mit Tom Riddle zu tun gehabt hatten, und sich ihre Erinnerungen ansehen. Und er musste Harry finden. Harry war der Schlüssel zu allem. Nun verstand er endlich, was es wirklich hieß, dass Harry als Ebenbürtiger gekennzeichnet war. Er musste sich Voldemort stellen und sich von ihm töten lassen, damit Voldemort sterben und Harry leben konnte. Das war es, was die Prophezeiung bedeutete.

Er ahnte noch nicht, dass dieser Teil der Prophezeiung bereits erfüllt war.