Vollmond
Neben Harry hatten sich auch Yuma und Tariq für den Animaguskurs eingeschrieben. Ab der vierten Klasse durfte man mitmachen. Als sie das Klassenzimmer betraten, sahen sie, dass auch Elijah daran teilnahm, er saß bereits an einem Tisch in der ersten Reihe. Ansonsten waren noch ein paar Schüler der anderen Häuser da, insgesamt waren sie zu zwölft.
Schließlich kam auch Professor Animalis, die junge Lehrerin, die am ersten Schultag die Erstklässler in die Eingangshalle geführt hatte. Sie schloss die Tür und begrüßte sie alle freundlich. Nachdem sie eine Vorstellungsrunde gemacht hatten, begann sie zu sprechen.
„Seid willkommen zum Animaguskurs. Ihr habt euch da ein sehr schwieriges Unterfangen ausgesucht, aber seid versichert, es lohnt sich auch. Ich werde euch jetzt erst einmal die Einzelheiten erklären, wie der Prozess, ein Animagus zu werden, vonstatten geht. Erfahrungsgemäß gibt danach ein Drittel den Kurs wieder auf… Also, um ein Animagus zu werden, muss man Talent in Verwandlung haben, und in Zaubertränke schadet es auch nicht. Im Wesentlichen geht es darum, einen Trank zu brauen, mit dem dann am Ende die erste Verwandlung ausgelöst wird. Das Knifflige dabei ist, dass gewisse Zutaten nur mit viel Ausdauer und Willenskraft beschafft werden können.
Es geht damit los, dass man ein Alraunenblatt einen Monat lang ununterbrochen im Mund tragen muss, und zwar von einem Vollmond zum nächsten. Da heute Vollmond ist, fangt ihr ab heute Abend damit an. Das Blatt darf dabei nicht verschluckt oder aus Versehen ausgespuckt werden. Ihr könnt euch vorstellen, dass das oft passiert, in diesem Fall muss man beim nächsten Vollmond wieder von vorne anfangen. Wenn man das Blatt bis zum nächsten Vollmond im Mund behalten konnte, kommt es in eine Kristallphiole, die an einen Platz gestellt wird, wo der Vollmond hinscheint. Wenn in dieser Nacht Wolken am Himmel stehen, muss man auch wieder neu anfangen. Nun fügt man im Lichtschein des Vollmondes ein Haar von sich selbst hinzu, dann einen Silberteelöffel Tau, der eine Woche lang weder von Menschenfüßen noch von Sonnenlicht berührt wurde, und als letzte Zutat einen Totenkopfschwärmerkokon. Danach bringt man dieses Gemisch an einen stillen, dunklen Ort und lässt es da ungestört. Es ist sehr wichtig, dass man auf keinen Fall den Trank aufsucht. Bis zum nächsten Gewitter muss er da bleiben, völlig egal, wann das nächste Gewitter kommt, auch wenn es Monate dauert. Während dieser Zeit muss man zu jedem Sonnenauf- und Sonnenuntergang mit der Zauberstabspitze das eigene Herz berühren und folgende Zauberformel sprechen: „Amato, Animo, Animato, Animagus". Wenn man es nur einmal vergisst oder nicht richtig macht oder zur falschen Zeit, geht der Zaubertrank schief und man sollte ihn auf keinen Fall mehr benutzen, weil irreversible Teilverwandlungen die Folge sein können. Aus diesem Grund werden wir das zu Beginn ein paar Mal zusammen machen. Wir werden uns zu Sonnenaufgang und Sonnenuntergang treffen und diese Formel gemeinsam sprechen. Mit der Zeit werdet ihr spüren, wie ein zweites Herz neben eurem in eurer Brust schlägt. Sobald die ersten Blitze eines Gewitters kommen, ist der Zaubertrank fertig und wird, wenn ihr alles richtig gemacht habt, blutrot sein. Wenn er eine andere Farbe hat, muss man wieder von vorne anfangen. Wenn die Farbe aber stimmt, spricht man ein letztes Mal die Zauberformel mit dem Zauberstab auf das Herz gerichtet, und dann trinkt man den Zaubertrank. Ihr werdet dann eine Vision haben von dem Tier, in das ihr euch verwandelt. Danach wird die erste Verwandlung einsetzen. Am Anfang wird man den Zauberstab benötigen, um sich zu verwandeln, aber mit etwas Übung geht es dann ohne Hilfsmittel."
Die Schüler fühlten sich erschlagen von den vielen Informationen. Yuma hob die Hand und Professor Animalis rief ihn auf.
„Wenn man ein Werwolf ist, kann man dann das Alraunenblatt auch als Wolf in den Mund nehmen, und die anderen Zutaten des Tranks in Wolfsgestalt hinzufügen bzw. funktioniert es auch, wenn einem dabei jemand hilft?"
Harry sah ihn überrascht an. Er hatte gar nicht gewusst, dass Yuma ein Werwolf war, aber niemand schien angeekelt oder angewidert zu sein. Harry war einmal mehr erstaunt über die Offenheit in diesem Land.
Professor Animalis schüttelte bedauernd den Kopf. „Das hinzugefügte Haar muss frisch abgerissen werden – vom Menschenkörper. Es hat einmal ein Werwolf versucht, so wie du es beschrieben hast – er nahm das Blatt während des Vollmondes ins Maul, verwandelte sich am Morgen zurück, trug es bis zum nächsten Vollmond im Mund und hatte Hilfe beim Zaubertrank. Er nahm ein Haar vom Wolfskörper. Der Trank wurde pechschwarz und er hat ihn trotzdem getrunken. Er wurde ein Wolf und konnte sich nie wieder zurückverwandeln. Ein anderer wollte es besser machen und nahm ein Haar, was er sich am Abend schon ausgerissen hatte. Hier war ein grüner Trank die Folge, er hat es nicht gewagt, ihn zu trinken. Er versuchte es ein paar Mal, weil es ja auch hätte sein können, dass er bei der Zauberformel einmal einen falschen Zeitpunkt erwischt hat, aber der Trank war immer grasgrün. Es tut mir leid, aber die einzige Möglichkeit beides zu sein ist, wenn man zum Zeitpunkt des Werwolfsbisses bereits ein Animagus war. Wobei der Werwolfbiss für Animagi auch nur in Menschengestalt seine giftige Wirkung hat."
Yuma nickte betrübt. „Dann habe ich hier wohl nichts mehr verloren", sagte er niedergeschlagen und verließ den Raum. Harry und Tariq sahen ihm bedauernd hinterher.
„Gibt es weitere Fragen?", fragte Professor Animalis.
Eine Schülerin aus dem Haus Pukwudgie hob die Hand und wurde drangenommen. „Ihre Beschreibung hat sich so angehört, als könnte man sich nicht aussuchen, in welches Tier man sich verwandelt. Ist das wahr? Und wenn ja, woran macht es sich fest?"
„Ja, das stimmt, das Tier, das man wird, kann man sich nicht aussuchen. Der maßgebliche Faktor ist der Charakter."
„Oh", machte sie enttäuscht. Die Lehrerin lächelte. „Ja, dies ist eine häufige Reaktion. Ich bin es gewohnt und es ist auch verständlich, wenn sich jemand entschließt, jetzt nicht mehr mitmachen zu wollen. Aber man weiß ja nie, vielleicht wird es noch ein viel besseres Tier als das Wunschtier."
Ein Schüler aus dem Haus Wampus und eine Schülerin von Gehörnte Schlange entschlossen sich trotzdem, den Kurs zu verlassen. Nun saßen sie nur noch zu neunt da. Harry hob die Hand.
„Ja, Harry?"
„Kann es auch passieren, dass man sich in ein magisches Tier verwandelt?"
Professor Animalis schmunzelte. „Diese Frage wird auch jedes Mal gestellt. Hier ist wichtig, du musst zwischen magischen Tieren und Tierwesen unterscheiden. Tierwesen sind immer magisch, das sind zum Beispiel Drachen oder Hippogreife oder Phönixe. Magische Tiere sind normale Tiere, die aber magische Fähigkeiten haben, zum Beispiel manche Eulen. Hast du dich nie gefragt, warum einige Eulen Briefe austragen und andere nicht?", fragte sie Harry.
Harry stand der Mund offen. „Ehrlich gesagt habe ich mir darüber nie Gedanken gemacht", gab er zur Antwort. „Als ich erfuhr, dass Eulen in der Zaubererwelt die Post überbringen, ging ich davon aus, dass das potentiell jede Eule kann."
Die Lehrerin schüttelte den Kopf. „Es sind nur wenige Exemplare. Sie kommen bei jeder Eulenart vor und werden natürlich auch speziell gezüchtet, und es kann dann auch vorkommen, dass Squibtiere dabei sind. Es ist genau wie bei uns Menschen. Die meisten sind No-Majs, die keinerlei Zauberkräfte besitzen. Die Zauberer bilden nur eine Minderheit, auch wenn die Kräfte vererbbar sind. Dieses Auftauchen von magischen Fähigkeiten gibt es eben auch in manchen anderen Tierarten. Ja, biologisch gesehen ist der Mensch auch ein Tier, ein Säugetier, um genau zu sein", fügte sie hinzu, als eine Schülerin vom Haus Gehörnte Schlange schon den Mund aufmachen wollte. „Es sind nicht so viele Tierarten, wo das vorkommt, andere Beispiele sind etwa Ratten oder Kröten, und natürlich ist die Magie bei diesen Tieren auch nicht so umfangreich ausgeprägt wie beim Menschen.
So, bleiben wir mal bei den Eulen als Beispiel. Wenn nun ein Zauberer ein Eulenanimagus wird, hat er mit hoher Wahrscheinlichkeit auch den siebten Sinn der Posteulen, sodass er sofort weiß, wo sich jemand Bestimmtes befindet, auf den er sich konzentriert. Das funktioniert aber nur in der Eulengestalt. Es ist nicht immer so, manchmal gibt es auch normale Eulenanimagi, aber in den meisten Fällen erwirbt der Zauberer mit der Animagustransfiguration dann tatsächlich auch die jeweilige Fähigkeit der magischen Exemplare seiner Tierart – sofern es eine gibt.
Ein Tierwesenanimagus dagegen ist noch nie vorgekommen, auch nicht, wenn der betreffende Zauberer noch so mächtig war. Das sollte nach aktuellem wissenschaftlichem Stand unmöglich sein. Der Grund dafür ist, dass Verwandlungen magischer Wesen generell nicht möglich sind. Man kann keinen Drachen oder Kniesel in etwas anderes verwandeln, ebensowenig kann man umgekehrt einen Gegenstand in ein Tierwesen verwandeln. Es ist möglich, einen Trinkpokal in einen Tukan zu verwandeln, aber nicht in einen Occamy. Man kann eine normale Schlange beschwören, aber keine Aschwinderin. Auch magische Gegenstände lassen sich nicht verwandeln oder aus dem Nichts heraufbeschwören, jeder der will, kann das an seinem Besen testen oder versuchen, ein funktionierendes Denkarium heraufzubeschwören. Magische Tierwesen und Gegenstände sind zwei der fünf Ausnahmen von Gamps Gesetz der Elementaren Transfiguration und können auch nicht aus anderen Gegenständen oder Lebewesen verwandelt werden. Deshalb gibt es auch keine Animagi, die sich in Tierwesen verwandeln. Aber in magische Tiere, ja, das geht und kommt auch recht häufig vor."
Harry nickte verstehend. Er hatte das nicht gewusst und war ziemlich neugierig, bei welchen Tierarten noch Exemplare mit magischen Kräften vorkamen. Katzen vielleicht? Immerhin waren diese häufige Haustiere in der Zauberwelt. Er traute sich aber nicht, die Lehrerin zu fragen, weil er befürchtete, dass das sonst alle wussten – niemand sonst hatte überrascht ausgesehen bei der Erklärung eben. Er würde sich demnächst in der Bibliothek ein Buch dazu suchen.
Nun gab Professor Animalis ihnen noch viele nützliche Tipps, wie sie es schaffen konnten, das Alraunenblatt im Mund zu behalten, ohne es aus Versehen zu verschlucken, auszuspucken oder zu zerkauen. Trotzdem warnte sie sie davor, dass sie nicht zu enttäuscht sein sollten, wenn es nicht gleich funktionierte.
„Es ist vollkommen normal, dass man mehrere Anläufe braucht. Viele Zauberer und Hexen brauchen Jahre, um Animagi zu werden, also macht euch bitte keinen Druck."
Die Lehrerin gab nun jedem von ihnen ein Alraunenblatt. „Denkt daran, es erst in den Mund zu nehmen, wenn der Mond heute Abend aufgeht. Nicht früher, das ist ganz wichtig. Es muss bis zum nächsten Vollmond ohne Unterbrechung in eurem Mund bleiben, wir treffen uns dann wieder hier. Wenn ihr irgendwelche Fragen habt, könnt ihr jederzeit zu mir kommen, aber es macht natürlich keinen Sinn, sich ansonsten vorher zu treffen. Das nächste Treffen ist in genau vier Wochen, nach dem Abendessen. Hoffen wir alle, dass an dem Abend keine Wolken am Himmel sind."
Damit entließ sie sie und Harry und Tariq gingen hinter Elijah zur Tür hinaus Richtung Speisesaal.
„Das letzte Abendessen ohne Alraunenblatt", stöhnte Tariq. „Ich hätte nie gedacht, dass es so schwierig sein würde, ein Animagus zu werden. Das könnte wirklich Jahre dauern, jedes kleinste Detail muss passen. Und in einem Monat ist Anfang Oktober, wer weiß, wann da das nächste Gewitter kommt?"
Harry nickte nachdenklich. Unter diesen Umständen war es wirklich kein Wunder, dass sein Vater, Sirius und die Ratte drei Jahre gebraucht hatten. Er hoffte sehr, dass es bei ihm nicht so lange dauern würde und er vor allem die Sache mit dem Alraunenblatt schnell hinter sich bringen konnte. Alraunenblätter schmeckten nämlich furchtbar bitter, und das einen ganzen Monat lang… Kein Wunder, dass es so wenige Animagi gab. Aber er wollte es ja unbedingt, also musste er es versuchen.
Nach dem Abendessen setzte er sich auf sein Bett, machte die Vorhänge um sich herum zu, wodurch ihn automatisch auch keiner mehr hören konnte, und rief Sirius über den Zweiwegespiegel an.
„Hallo Harry, wie war dein Sonntag?", begrüßte ihn dieser freudig.
„Alraunenblatt? Einen Monat? Im Ernst?", fing Harry gleich an zu reden, während Sirius zu grinsen begann. „Stell dich lieber gleich auf mehrere Monde ein. Nach meinem ersten Mal war alles perfekt, und dann haben wir einmal diesen verdammten Zauberspruch vergessen, und das war es dann. Nach dem zweiten Mal war der Himmel an Vollmond wolkenverhangen, also konnten wir den Zaubertrank nicht zusammenmischen. Und als das dann endlich nach vier Monaten geklappt hat, war Winter und wir mussten ewig auf ein Gewitter warten. Als dann eins kam, hatten wir grad Zaubertränke im Kerker und sahen erst hinterher, dass unsere Gelegenheit vorbei war. Der Trank war danach wertlos, denn man muss ihn während des Gewitters trinken, danach ist es zu spät. Also wieder von vorne. Ganz zu schweigen davon, erst einmal überhaupt herauszufinden, was man alles braucht."
„Wie habt ihr das nur durchgehalten?"
Sirius lächelte leicht. „Ganz einfach – wir wussten, wofür wir es machen. Wir hatten Remus als Motivation. Jedes Mal, wenn wir kurz vor dem Aufgeben waren, stellten wir uns sein glückseliges Gesicht vor, wenn er erfährt, dass wir es geschafft haben und er nie mehr Schmerzen bei der Verwandlung leiden muss. Das hat uns geholfen, durchzuhalten."
„Ich glaub, ich schaff das nicht", sagte Harry stöhnend und betrachtete sein Alraunenblatt.
„Ach, mit der Zeit wirst du dich an das Blatt im Mund gewöhnen", tröstete ihn sein Adoptivvater. „Und immerhin wird es dir nicht passieren, dass du das Gewitter verpasst. Die Lehrer wissen ja, wer im Animaguskurs ist und werden euch sofort gehen lassen, wenn ein Gewitter kommt."
Harry nickte und erzählte noch von den anderen Clubs. Sirius war besonders von der Stuntfluggruppe begeistert. „Gibt es da auch Aufführungen?", fragte er aufgeregt. Harry musste lachen. „Ja, aber jetzt noch nicht. Es gibt wohl immer ein Showfliegen an Halloween, aber da müssen wir noch etwas trainieren."
Sirius erzählte Harry noch von seinem ersten Arbeitstag und dass er nun ebenfalls auf der Suche nach seinem Totem war. Gemeinsam überlegten sie sich ein paar Tiere, die Sirius fragen konnte. Dann wünschte er Harry viel Glück für seinen ersten Unterrichtstag morgen und sie verabschiedeten sich, denn nun würde bald der Vollmond aufgehen, und Harry wollte Remus noch in seinem Büro besuchen.
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Er traf ihn jedoch nicht mehr an, als er an dessen Bürotür klopfte. Was er nicht wusste war, dass alle Werwölfe sich immer am Vollmondabend vor Mondaufgang zum Abendessen trafen, und sich danach gemeinsam in einem großen Raum verwandelten, der extra dafür hergerichtet war. Remus war schon vor dem Abendessen am Speisesaal von Professor Sky abgefangen worden.
„Wo wollen Sie hin, Remus – ich darf doch Remus sagen, oder?"
Remus drehte sich erstaunt um und sah einer attraktiven Afroamerikanerin mit krausen langen schwarzen Haaren ins Gesicht. „Ja gern – wer sind Sie?"
Sie gab ihm die Hand. „Ich bin Ilaria Sky, eine der Zauberkunstlehrerinnen. Nennen Sie mich ruhig Ilaria. Professor Gaho sagte mir, dass Sie auch ein Werwolf sind und da heute Vollmond ist, ist es langsam an der Zeit, dass das Rudel sein neuestes Mitglied kennenlernt."
„Rudel? Wie viele hier sind denn noch Werwölfe?"
„Außer mir noch Matthias, er ist einer der Runenlehrer, und vier Schüler."
Sie führte ihn von der Eingangshalle weg und in den zweiten Stock. Dort betraten sie einen riesigen Raum. Er musste magisch vergrößert sein. Ein Wald befand sich im Innern, und mitten auf einer Lichtung stand ein runder Tisch, an dem Professor Nordic und vier Schüler saßen, darunter ein indianischer Junge, den Remus schon ein paar Mal mit Harry bei den Mahlzeiten gesehen hatte.
Sie stellten sich alle vor und Remus ebenfalls. Innerhalb des Rudels wurde sich geduzt, auch zwischen Lehrern und Schülern. Auch wenn sie sich alle ihr Schicksal nicht ausgesucht hatten, versuchten sie das Beste draus zu machen. Remus und Ilaria setzten sich und alle aßen. Vor Remus' Teller stand der Wolfsbanntrank, und er trank ihn schnell aus. Ihm fiel auf, dass er der Einzige war.
„Warum nimmt keiner von euch den Wolfsbanntrank?", fragte er neugierig in die Runde. Matthias antwortete ihm: „Es gibt Techniken, mit denen man den Wolf auch ohne den Trank kontrollieren kann. Wir werden sie dir heute Nacht und auch die nächsten Male zeigen. Bald wirst auch du den Trank nicht mehr brauchen."
Remus erinnerte sich. „Professor Gaho sagte, es hat etwas damit zu tun, den Wolf zu akzeptieren. Aber das kann ich nicht."
„Der Wolf ist ein Teil von dir", sagte der indianische Junge, mit dem Harry oft abhing. Wenn Remus sich richtig erinnerte, war sein Name Yuma. „Warum lehnst du ihn ab? Wenn das der Fall ist, dann hast du offenbar ein sehr negatives Bild von Werwölfen und damit von dir selbst. Wie bist du zu einem geworden?"
Remus seufzte leise, er wusste, dass er damit irgendwann seinen Frieden machen musste, auch wenn er nicht glaubte, dass es jemals klappen konnte. „Du hast Recht, ich habe selber keine besonders gute Meinung von Werwölfen. Das klingt absurd, weil ich ja selber einer bin, aber drüben in England, wo ich ja herkomme, waren und sind die meisten Werwölfe Anhänger von Voldemort. Ich wurde gebissen, als ich vier Jahre alt war. Mein Vater arbeitete damals im britischen Zaubereiministerium in der Abteilung zur Führung und Aufsicht magischer Geschöpfe. Eines Tages wurde Fenrir Greyback dorthin gebracht, um als Verdächtiger wegen zwei toten Mädchen befragt zu werden. Er ist einer der skrupellosesten Werwölfe, die das Land je gesehen hat. Er beißt mit Vorliebe Kinder und nimmt sie ihren Eltern weg, um sie selbst aufzuziehen, und hat so ein großes Rudel gegründet. Er gab sich im Ministerium als Muggel - ich meine als No-Maj - aus, und nur mein Vater erkannte, dass er log. Er erkannte, dass er ein Werwolf war, und versuchte, die anderen zu überzeugen, ihn wenigstens einen Tag dazubehalten, denn am Tag darauf war Vollmond. Er bezeichnete Werwölfe als seelenlose böse Monster, die nichts als den Tod verdient haben, doch seine Kollegen ließen sich nicht überzeugen. Sie ließen Greyback frei und der überfiel in der Vollmondnacht unser Haus und biss mich. Nur meinem Vater ist es zu verdanken, dass er mich nicht mitnehmen konnte – er schaffte es, Greyback zu vertreiben. Doch von da an war ich ein Werwolf und mein Vater bereute bitter, was er gesagt hatte, doch die Worte ließen sich nicht mehr zurücknehmen."
Die anderen hörten geschockt zu. „Und dieser Greyback, er ist immer noch auf freiem Fuß?", fragte Ilaria erschüttert.
Remus nickte. „Das große Problem in Großbritannien ist einfach, dass Werwölfe nicht als vollwertige Menschen wahrgenommen werden. „Sie leben am Rande der Gesellschaft, ohne Aussicht auf einen vernünftigen Job. Ich hatte so ein Riesenglück, dass Albus Dumbledore mich als Schüler in Hogwarts aufnahm, dass ich eine vernünftige Schulbildung erhielt, und dass ich später sogar ein Jahr dort unterrichten konnte. Doch als es rauskam, ist der Schulrat interveniert und ich habe gekündigt, ansonsten hätten sie es getan. Und so ist es kein Wunder, dass viele Werwölfe von Voldemorts Versprechungen von einem besseren Leben angelockt werden, wenn sie ihn im Gegenzug unterstützen."
Eine Weile war es still. Dann ergriff Matthias das Wort. „Nun, hier ist es nicht so. Neue Verwandlungen sind sehr selten, es passiert nur durch Werwölfe, die sich nicht kontrollieren können. Deshalb ist es so wichtig, dass man das lernt. Den Wolfsbann-Trank kann man auch vergessen, aber wenn man einmal gelernt hat, wie man den Wolf beherrscht, dann ist man nie wieder gefährlich. Hier in Amerika wird dich niemand verurteilen für das, was du bist, also solltest du es auch nicht selbst tun."
Remus nickte langsam. Er begriff, dass Matthias als der älteste Werwolf im Raum offenbar so etwas wie der Rudelführer war.
Als sie mit dem Essen fertig waren, verwandelten alle ihre Kleidung in Decken, in die sie sich einhüllten. Remus tat es ihnen nach, und dann standen sie im Wald und warteten auf den Mondaufgang. Die Decke des Waldraumes war ähnlich der der Großen Halle in Hogwarts so verzaubert, dass sie den Himmel anzeigte. Sie setzten sich im Kreis auf den Boden und Ilaria wandte sich an Remus.
„Ich glaube, du bist sehr nervös, kann das sein?"
Remus nickte. „Ist immer so vor den Verwandlungen", sagte er leise.
„Ok, also du darfst die Verwandlung nicht fürchten. Im Gegenteil, du musst sie freudig erwarten. Im Grunde ist es eine reine Kopfsache. Du musst einfach deine Einstellung zu deinem Wesen ändern."
Remus dachte an seinen Wolf. Sein Leben lang hatte er ihn gehasst und gefürchtet und die Verwandlungen ihm Schmerzen bereitet. Und nun ging hier der Vollmond auf und er sah sechs Menschen, wie sie sich in Wölfe verwandelten. Sie hatten offenbar keine Schmerzen und schienen sich alle auf das Wolfsein zu freuen. Er versuchte, sich davon anstecken zu lassen und seinen Wolf willkommen zu heißen. Es fiel ihm nicht leicht, aber er merkte, wie die Verwandlung ihn diesmal ein bisschen weniger weh tat. Davon ermutigt dachte er daran, wie er als Teenager mit seinen Freunden in den Vollmondnächten auf den Ländereien von Hogwarts herumgestreift war. Hatte er nicht damals seinen Wolf auch fast ein wenig gern gehabt?
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Zur gleichen Zeit standen Harry und Tariq im Schlafsaal und sahen aus dem Fenster zu, wie der Vollmond aufging.
„Na dann, Harry", sagte Tariq, der sich offenbar fühlte, als würde er gleich in den Freitod gehen, „wohl bekomm's."
Sie steckten sich ihre Alraunenblätter in den Mund, die so widerlich schmeckten, dass sie sie beinahe wieder ausgespuckt hätten. Sie konnten dem Reflex gerade noch widerstehen und Harry schob seins schnell in eine seiner Backen. Leidvoll sah er Tariq an, der die gleiche Miene zog.
„Bitte, nächster Vollmond, komm schnell!"
