William streckte Anne seine Hand hin und sagte wohlerzogen: „Ich freue mich Sie kennenzulernen, Miss Shirley.". „Und ich erst." sagte Anne und strahlte William mit ihrem herzlichsten Lächeln an. Nur jemand, der sie schon seit langen Jahren kannte, hätte bemerkt, daß sie dieses Lächeln bislang nur für eine Person reserviert hatte und zwar für Gilbert Blythe. Eine Tatsache, der sich Anne nicht im geringsten bewußt war.
Anne war verblüfft. Auch seine Art zu sprechen, seine Stimme und wie er sich bewegte, erinnerte sie an Gilbert. Sie konnte sich diese Ähnlichkeit nicht erklären. Was hatte Miss Forster genau gesagt? Sie war zu abgelenkt gewesen, aber es hatte kurz eine Erinnerung bei ihr ausgelöst. Grübeln würde jetzt nichts bringen. Sie würde nach der Vorlesestunde in Ruhe mit ihr sprechen. Es war sicherlich nur ein Zufall. In dem Moment hörte sie Rachel Lyndes Stimme in ihrem Inneren. „Zufall! Pff. Das ist Vorsehung! Und nichts anderes!".
„Komm! Laß uns zu den Plätzen gehen." Leicht legte sie ihren Arm um Williams Schultern und ging mit ihm nach vorn. „Miss Shirley?" „Ja, William." „Sie haben wunderschönes Haar, Miss Shirley. So glänzend. Und ich habe noch nie Haare in so einem besonderen Rot gesehen. Fast wie Karotten. Und das ist mein Lieblingsgemüse!" William strahlte sie mit all der Bewunderung an, zu der ein Junge im Alter von zehn Jahren fähig war. Anne blieb wie angewurzelt stehen und starrte ihn nur an. Sie sah das Funkeln in seinen Augen, sein schalkhaftes Lächeln und diese Prise an Unverschämtheit, die in seinen Mundwinkeln zuckte. „Wenn ich es nicht besser wüßte, würde ich denken, dieser Junge ist ein Blythe durch und durch!" seufzte sie genervt aber mehr noch geschmeichelt in ihrem Inneren. Aber sie war sich auch bewußt, daß sie ihn seit dem ersten Blick ins Herz geschlossen hatte. Was bei Gilbert ja nicht anders gewesen war, nur hatte sie sich das bis heute nicht eingestanden. Genausowenig, wie gern sie das bei Gilbert gemacht hätte, was sie nun bei William tat. „Danke für das Kompliment, William" sagte Anne und zerwuschelte ihm sein braunes lockiges Haar. „Ob sich Gilberts Haar wohl auch so weich anfühlt?" dachte sie unwillkürlich.
Anne ging nach vorn und setze sich in den großen Lehnstuhl. Alle Kinder liefen nun ebenfalls nach vorn, setzen sich zu ihren Füßen und warteten ungeduldig, daß sie endlich mit dem Vorlesen begann. Viel zu schnell ging die Stunde vorüber. „Nächsten Sonntag komme ich wieder. Und dann lesen wir weiter, ja?" versuchte sie die Kinder aufzumuntern. Anne schloß das Buch und ging durch die Vorhalle zum Büro von der Heimleiterin. Vorsichtig klopfte sie an. „Herein!" „Bitte entschuldigen Sie die Störung, Miss Forster" sagte Anne, als sie eintrat. „Haben Sie einen Moment für mich?" „Aber sicher, für Sie doch immer, Miss Shirley. Wie kann ich Ihnen helfen?" „Es geht mich ja eigentlich nichts an. Aber können Sie mir bitte mehr über William Hamilton erzählen?" bat Anne. Miss Forster war zwar ein wenig verwundert über Annes Interesse, aber erfüllte ihre Bitte gern. „William ist der uneheliche Sohn von Sara Hamilton. Sie stammte aus einer reichen Familie. Aufgrund eines Zerwürfnisses zog sie es vor, lieber allein zu leben. Irgendwann wurde sie schwanger. Daraufhin brach ihre Familie den Kontakt völlig zu ihr ab, unterstützte sie aber finanziell solange, bis sie ihr Erbe erhielt. Sie zog William sehr erfolgreich allein auf, verstarb aber im Frühjahr an der Grippe. Keiner ihrer Verwandten wollte ein uneheliches Kind bei sich aufnehmen. Und so kam er ins Waisenhaus und zur Förderung seiner Gesundheit wurde er nun an die Küste geschickt. Über seinen Vater weiß man nichts. Man munkelt, er sei ein verheirateter Mann gewesen. Angeblich ist er weggezogen, bevor er von der Schwangerschaft erfahren hat." Anne nahm die Informationen in sich auf, aber irgendein Puzzlestück fehlte noch. Unkonzentriert sagte sie: „Von woher stammte William nochmal, sagten Sie?" „William kam aus der Provinz Alberta zu uns." Aus der Provinz Alberta… Ruckartig fuhr Annes Kopf nach oben. Plötzlich erinnerte sie sich ganz deutlich. Sie und Diana auf dem Weg zur Schule, an dem Morgen, der mit einer zerbrochenen Schiefertafel endete.
„Ich wette, Gilbert Blythe wird heute in der Schule sein." „Gilbert ist in deiner Klasse (…). Er ist schon vierzehn. Sein Vater ist vor vier Jahren krank geworden, und da mußte er mit ihm nach Alberta ziehen und konnte drei Jahre lang nicht zur Schule gehen, bis sie letztes Jahr zurückkamen." (Anne auf Green Gables, 14. Kapitel „Ein Sturm im Wasserglas")
John Blythe hatte drei Jahre lang in Alberta gelebt. Konnte es wirklich sein? Anne mochte es kaum glauben.
„Miss Shirley. Darf ich fragen, warum sie das so interessiert?" „William sieht jemanden, den ich gut kenne, sehr ähnlich. Ich dachte, es wäre nur ein Zufall und war einfach nur neugierig." „Und nun?" „Ich möchte erst noch mit William sprechen, vielleicht sind meine Vermutungen ja unbegründet. Vielen Dank für Ihre Hilfe, Miss Forster". Mit diesen Worten ging Anne zur Tür und verließ das Büro. Zurück blieb eine verblüffte Miss Forster.
Anne machte sich auf der Suche nach William. Sie fand ihn draußen, in einem Baum. Er lag auf einem der dickeren unteren Äste. Eines der wenigen Plätze im Garten, die von der Sonne erreicht wurden. „Hallo William. Störe ich dich?" „Aber nein, Miss Shirley". Behende kletterte William vom Baum. „Ich würde dich gern näher kennenlernen. Magst Du mir vielleicht ein bißchen über dich erzählen?". Nachdenklich schaute William sie an. „Sie kennen meinen Vater, nicht?". „Wie kommst du denn darauf, William?" „Weil sie mich anschauen, als ob sie mich kennen würden." „William, ich kenne jemanden, der dir sehr ähnlich sieht. Wir waren sehr eng befreundet. Er ist aber zu jung, um dein Vater sein zu können." Im Stillen bewunderte Anne, wie aufmerksam William war und seine rasche Auffassungsgabe. „Das könnte dann aber doch mein Bruder sein", beharrte William. „Wie kommst du denn darauf?" „Meine Mutter hat nur wenig über meinen Vater erzählt. Sie hat ihn kennengelernt, als sie von ihrer Familie wegging. Er lebte mit seinem Sohn im Nachbarhaus. Er war krank und sollte sich auf dem Festland erholen. Als er wieder gesund war, gingen die beiden zurück." „Was weißt du noch? Wohin gingen sie zurück?" „Meine Mama sagte, daß sie auf einer Insel leben würden. Aber ich habe vergessen, wie sie hieß. Auch den Nachnamen der beiden. Aber mein Vater heißt John. Und mein Bruder Gilbert. Hier. Dieses Buch gehörte mal ihm." Er zeigt ihr die Innenseite des Buchdeckels, welches er gerade gelesen hatte. Dort stand in einer Handschrift, die ihr mehr als vertraut war „Gilbert B.".
Anne nahm ihn in die Arme und drückte ihn ganz fest. „William, du hast recht. Ich kenne deinen Vater – und deinen Bruder."
