Das Uchiha-Wappen prangte riesengroß an der Wand des Raumes, so wie es überall in diesem Viertel der Stadt die Mauern der Gebäude zierte. Es brannte kein Licht und doch war das Zimmer gut genug erleuchtet, um alles genau sehen zu können. Vor ihm knieten zwei Personen. Er konnte lediglich ihre Rücken sehen. Ein Mann und eine Frau. Sie strahlten eine seltsame Ruhe aus in Anbetracht ihrer misslichen Lage. Er zückte sein Katana.

Innerlich weigerte er sich, doch all seine Bemühungen diese Bewegungen zu unterdrücken blieben erfolglos. Er bohrte die Klinge tief in den Rücken des Mannes, spürte, wie es Fleisch und Knochen durchstieß. Ein erstickter Laut und der Körper fiel schlaff zu Boden. Er wollte am liebsten schreien. Was geschah hier bloß? Er wollte das nicht sehen! Nie wieder wollte er Zeuge dieses grausamen Massakers werden. Ihm blieb keine Wahl. Sein Körper gehorchte ihm nicht, als wäre er nicht er selbst sondern von jemand Fremden gesteuert.

Mit einem Ruck zog er sein Katana aus dem Körper seines Vaters, bedachte die Leiche mit keinem weiteren Blick und wischte sich das schmutzige Schwert an seiner Hose ab, um es vom Blute des Mannes zu reinigen. Dann ertönte ein lauter Schrei. Die Frau wollte weglaufen, doch mit seinen schnellen Reflexen griff er nach ihr und hielt sie fest. Er sah ihre Augen. Weit aufgerissene, schwarze Augen, die ihn stumm anflehten, sie zu verschonen. Die Angst in ihnen entwickelte sich zu reiner Panik, als sie sah, wie er das Schwert hob.

Nein!", schrie sie aus vollem Hals und versuchte sich zu wehren. Sein Herz schmerzte bei dem Wissen seine Mutter so zu sehen und als sie abermals anfing zu schreien, schrie er mit ihr.

Nun siehst du, was ich sehe", wisperte eine Stimme, die er trotz der schrillen Schreie ganz genau hören konnte, als wären sie in seinem Kopf.

Er rammte ihr das Katana mit voller Wucht in den Magen, in den Laib, in dem er einst selbst herangewachsen war. Über seine Hand strömte warmes Blut, das Blut, das in seinen eigenen Adern floss. Ihre hektischen Bewegungen endeten abrupt und ihr Körper sackte reglos zu Boden und blieb über dem ihres Gattens liegen. Es schmerzte ihn seine Eltern so zu sehen. Wieso nur hatte er das getan? Er schrie und schrie, doch seine Lippen blieben stumm. Kein Wort verließ seinen Mund und der Schmerz in ihm wurde nur noch größer. Er glaubte, er müsste sich übergeben. Der Gestank nach Blut war ekelerregend. Seine Beine würden am liebsten nachgeben und er wollte sich neben seine Eltern kauern und weinen, einfach nur weinen, weinen und schreien … Doch er blieb stehen und rührte sich kein Stück.

Die Schiebetür wurde aufgerissen und er erschrak, als er sich selbst sah. Wie konnte das sein? Das war er, viele Jahre jünger, lediglich ein kleines unschuldiges Kind, das zu zittern begann, als es seine Eltern tot auf dem Fußboden liegen sah. Er wollte sich selbst zurufen: „Lauf weg!" Stattdessen hörte er sich mit eigener Stimme murmeln:

Dummer, kleiner Bruder."

Dann ging alles ganz schnell. Seine Hand ließ das Katana zu Boden fallen und für einen Moment war in den Augen des Jungen ein Hoffnungsschimmer zu erkennen. Doch dann zog er hinter seinem Rücken ein Kurzschwert hervor und stürzte sich auf das unschuldige Kind.

Nein!", dachte er panisch. Hilflos musste er mit ansehen, was geschah. Wieder und wieder rammte er die Klinge in den Laib des Kindes, während ein grausames Lachen an den Wänden widerhallte. Er sah sich selbst in die Augen, sah sich selbst sterben. Er weinte und schrie und flehte sich selbst an aufzuhören, doch erst als er tot war, kam das brutale Wüten seines Körpers zur Ruhe.

Für einen Moment erdrückte ihn die Stille. Der Schmerz in seiner Brust war unerträglich. Die Luft blieb ihm weg und er hatte das Gefühl zu ersticken. Es war kaum noch zu ertragen, dieser Schmerz, dieses Grauen ...

Alles um ihn herum wurde dunkel.

Eine Stimme sprach ruhig, aber in ihr lauerte ein gefährlicher Unterton. „Ich bin jetzt immer ein Teil von dir, Sasuke."

Widerstrebend schüttelte er den Kopf.

Nein!

Ein Gesicht erschien in der Dunkelheit und er hätte beinahe geschrien, bei dem Anblick. Leere, tiefe Augenhöhlen blickten ihm entgegen, blutige Tränen überströmten das blasse Gesicht.

Gefallen dir meine Augen?", wisperte die Stimme seines Bruders.

Er versuchte sich zu wehren, versuchte panisch aus dieser Welt zu entkommen. Das Gesicht kam immer näher und in ihm kroch die pure Angst seinen Nacken empor und hinterließ eine Gänsehaut über dem gesamten Körper.

Die Stimme wurde nun gehässig. „Du warst zu schwach, Sasuke, so wie du schon immer zu schwach warst. Ohne mich bist du nichts … nichts … NICHTS!" Das leblose Gesicht war direkt vor ihm, doch die Stimme war direkt neben seinem Ohr. Er konnte den ekelerregenden Atem auf seiner Haut spüren, sodass sich seine Nackenhaare aufstellten.

Mit diesen Augen wirst du unbesiegbar sein", flüsterte Itachi nun ehrfürchtig. Doch ihm wurde nur schlecht bei der Vorstellung. Er wollte sie nicht mehr, hatte sie nie gewollt …

Aber du kannst immer noch nicht die Wahrheit sehen …"

Eiskalte Hände packten ihn am Hals …

… und er wachte mit einem erstickten Schrei auf. Kerzengerade saß er in seinem Bett und keuchte so schwer, als hätte er einen schweren Kampf hinter sich. Er wusste genau, dass seine Augen unter dem Verband und den geschlossenen Lidern das Sharingan aktivierten, so wie immer, wenn er in Panik geriet.

Verzweifelt flogen seine Hände zu den Bandagen und er zerrte an der Stelle, an der sich seine Augen befanden. Sie schmerzten, doch er hätte jeden Schmerz in Kauf genommen und sie sich aus dem Kopf gerissen. Die Nachwehen des Alptraums waren noch zu gegenwärtig. Immer noch sah er seine Eltern sterben, spürte das Katana in seiner Hand, roch das Blut …

Sasuke wandte sich zur Seite und würgte. Die Übelkeit siegte beinahe über seine Selbstdisziplin. Gerade so konnte er sich noch beherrschen sich nicht zu übergeben. Er keuchte nur noch mehr und wischte sich über das Gesicht, spürte überdeutlich den kalten Schweiß auf seiner Stirn und seinen Wangen. Ihm war plötzlich heiß und im nächsten Moment wieder eiskalt. Sein Körper durchlebte eine Achterbahn an Gefühlen. Einerseits war da die Erleichterung, dass es sich lediglich um einen Traum gehandelt hatte, andererseits war ihm nur sehr deutlich bewusst, dass dieser Traum auf wahren Begebenheiten basierte und somit mehr seine Erinnerungen zeigte, als irgendwelche Hirngespinste seines verrückten Verstandes. Auch wenn Itachi ihn damals nicht umgebracht hatte.

Sasuke wusste, dass es ein Fehler gewesen war, Itachis Augen zu nehmen. Die Augen eines Clanmörders, eines Verräters, …

Seines Nii-sans

Sasuke gab ein Wimmern von sich. Frustriert schlug er mit der Faust auf die Matratze des Bettes. Ein Fehler, ein Fehler, ein Fehler …

Alles was er sah war schwarze Dunkelheit. Er konnte nichts sehen und somit auch nicht verhindern, dass die Bilder des Traums sich wieder vor seinem inneren Auge materialisierten. Das Gesicht seiner Mutter, wie sie ihn panisch ansah und wie sie schrie, schrie, schrie …

Er bedeckte seine Ohren und schüttelte den Kopf. Es sollte aufhören, verdammt!

Gefallen dir meine Augen?"

Er hielt das nicht mehr aus! Sasuke griff nach der Bettdecke, schlug sie zur Seite und schwang die Füße aus dem Bett. Langsam und mit zittrigen Beinen stand er auf. Sein Herz hämmerte wie wild in seiner Brust. Immer noch heftig atmend bahnte er sich einen Weg durch sein Zimmer. Obwohl er nicht in der Lage war zu sehen, fand er sich gut zurecht. Sasuke verfügte über einen ausgezeichneten Orientierungssinn und würde sich auch im Dunkeln in Orochimarus Versteck zurechtfinden. Nur in eine Trainingshose gekleidet öffnete er die Tür. In seiner momentanen Verfassung dachte er gar nicht daran sich etwas überzuziehen. Abgesehen davon wäre es sowieso wieder viel zu schnell durchgeschwitzt. Sasuke tastete sich an der linken Wand entlang, mit nur einem Ziel vor Augen.

Ich bin jetzt immer ein Teil von dir, Sasuke."

Wütend knirschte er mit den Zähnen. Er musste sich zusammenreißen. Er durfte sich nicht von Itachi in die Knie zwingen lassen. Ja, er besaß nun die Augen eines Mörders, seines verhassten Bruders, doch was war ihm für eine Wahl geblieben? Andernfalls wäre er erblindet. Der sichere Untergang eines jeden Shinobi!

Augen … Es waren doch nur Augen … Wieso nahm ihn das so sehr mit?

Wieder dachte er an das Bild seiner Eltern, wie er sie gefunden hatte, in jener schicksalshaften Nacht. Wenigstens hatte er sich an Itachi gerächt und ihn büßen lassen für das, was er seiner Familie angetan, was er ihm angetan hatte …

Sasuke tastete sich weiter den langen Flur entlang und zählte nebenbei die Türen, die er berührte. Stein, Holz, Stein, Holz … Itachi war nun tot und konnte kein Unheil mehr anrichten. Und doch verlieh ihm dieses Wissen nur ein geringes Maß an Befriedigung. Sein Tod, seine Rache würde seine Eltern und seinen stolzen Clan niemals zurückbringen. Nichts würde sich ändern. Nichts würde die Einsamkeit in seinem Herzen vertreiben und die Vergangenheit sowie die qualvollen Jahre seiner Kindheit wieder gut machen. Und nun war er ganz alleine. Hatte niemanden mehr. Nicht mal seinen Bruder.

Stein, Holz … Sasuke zählte weiter. Er wusste genau, wie viele Türen zwischen ihren beiden Zimmern lagen. Ihre letzte Begegnung lag erst wenige Stunden zurück und da hatte er sie alles andere als nett behandelt, doch er wusste sich nicht anders zu helfen. Sie war sein erster Gedanke. Arrogant wie er war kam er nicht mal auf die Idee, dass sie seiner Forderung nicht nachkommen könnte. Früher hatte sie ihm schließlich jeden Wunsch von den Lippen abgelesen.

Hoffentlich lief ihm niemand aus seinem Team über den Weg. Kaum auszudenken, was geschehen würde, wenn sie ihren Anführer in diesem seelischen Ausnahmezustand sehen würden. Sie würden jeglichen Respekt vor ihm verlieren.

Stein, Holz … Nicht mehr weit. Ihr Chakra konnte er bereits spüren. Er wusste nicht, wie spät es war, aber es kümmerte ihn auch wenig, ob sie vielleicht schon schlief. Er war immer noch viel zu aufgewühlt. Sie musste etwas tun, irgendwas, das ihn vergessen ließ, etwas, dass ihm Ruhe gab. Diese Träume, er hielt sie einfach nicht mehr aus. Seit dem Sieg über seinen Bruder waren sie wieder schlimmer geworden. Sasuke konnte viel ertragen doch auch er geriet irgendwann an seine Grenzen.

Dann berührten seine Hände den letzen Türrahmen und seine Finger umschlossen zitternd die Klinke. Ohne zu Klopfen trat er ein. Wenig später hörte er das Rascheln ihrer Decke.

„Sasuke-kun?" Ihre Stimme klang noch ganz verschlafen.

„Mach, dass es aufhört!", sagte er frustriert. Er stolperte einige Schritte in ihr Zimmer, fasste sich an den schmerzenden Kopf, zerrte an dem Verband über seinen Augen. „Ich ertrage das nicht mehr!"

Wenig später spürte hörte er Schritte und kurz darauf folgte eine sanfte Berührung, als ihre Hände nach ihm griffen. Vorsichtig legte sie ihre Finger auf seine Arme, doch er zuckte panisch zurück, als hätte er sich verbrannt.

„Beruhig dich, Sasuke-kun."

Ihre vertraute Stimme hatte etwas seltsam Tröstliches an sich. Als sie das nächste Mal seine angespannten Arme berührte wich er nicht mehr zurück. Der Stolz in ihm verspottete ihn und spuckte ihm vor die Füße, bei der Blöße die er sich ihr gegenüber gab. Wie tief war er nur gesunken, dass er jemanden Einsicht in sein innerstes Chaos gewährte? Er hatte seine Gedanken stets vor sich selbst verborgen und seine Gefühle nie an die Oberfläche gelassen. Aber nun hatte er sich nicht mehr unter Kontrolle. Er flippte aus. Und das ausgerechnet vor ihr.

„Was ist passiert?", fragte sie vorsichtig.

Er raufte sich die Haare und fuhr mit seinen Fingern über seine bandagierten Augen. „Ich halte das nicht mehr aus!", gestand er verzweifelt. „Ich ertrage diese Träume nicht mehr!"

Am liebsten hätte er sich alles von der Seele geschrien und seine Fäuste gegen die nächste Wand geschlagen, damit der physische Schmerz den psychischen überdeckte. Doch bevor es soweit kommen konnte spürte er wie ihre Hände sanft sein Gesicht umfassten. Er spürte noch ihr vertrautes Chakra durch seinen eigenen Körper strömen und wie es ihn allmählich beruhigte.

Dann setzte sie ihn außer Gefecht. Bewusstlos sackte er in ihren Armen zusammen.