Es war ein leuchtend blaues Farbenspiel, das in der weiten Auffahrt kursierte und dann und wann durch die gestutzten Hecken schoss. Ein Farbenspiel, das so schön es auch anzusehen war, nie etwas Gutes verhieß, was die vielen Leute eben deswegen nicht davon abhielt, neugierig jedes und alles, was darüber hinaus von statten ging, gierig in sich aufzunehmen.
Der dunkelblaue Subaru rollte in Schrittgeschwindigkeit auf die blauen Rundumleuchten der städtischen Polizeiwagen zu und reihte sich bald hinter den riesigen Übertragungswagen ein, die auf der Straße kreuz und quer parkten. Sie wusste, was das bedeutete, hatte es schon geahnt, als sie den Anruf entgegengenommen hatte. Ein an sich glücklicher Zufall, dem wie immer eskalierendem Familienessen zu entkommen. Beacon Hill. Mord. So war es ihr von ihrem Kollegen fast missbilligend zugetragen worden. Und sie hatte sich eilig daran gemacht, vom Tisch aufzustehen, sehr zum Ärger ihrer Mutter.
Eine langfingrige Hand schloss sich um den Schalthebel und zog ihn zurück, nahm dann flink den Schlüssel aus der Zündung, nur um sich eben dann zum Handschuhfach des Beifahrersitzes zu strecken und die Glock herauszunehmen. Es fuhr sich schlecht mit Waffe im Holster.
Nun im Halbdunklen des Wagens sitzend, verweilte sie einige Sekunden und kam dem Ritual nach, welches sie vor Betreten jedes Tatortes durchführte. Sie wappnete sich für das, was kommen würde. Und trotz der nun vier Jahre Diensterfahrung, die sie am Morddezernat hatte, war Detective Jane Rizzoli nie vollends bereit, sich die Gräueltaten anzusehen, die Menschen Ihresgleichen zuführen konnten. Sich vom Blaulicht abwendend, sank ihr Blick auf ihre Hände, die sie soeben abschnallten. Und wie sich die Frau so selbst bei ihrem Tun beobachtete, da wurde sie sich doch der auf ihren Handrücken aufragenden, hässlichen Narben schmerzlich bewusst. Und dem, wie sie ihr zugefügt worden waren. Es kam einem Blitzeinschlag gleich, mit dem sie wieder in das Geschehen von vor einem guten Jahr – indessen ein schreckliches Jahr - zurückkatapultiert wurde. Wieder sah Jane sich selbst auf dem Rücken in dem trockenen Stroh liegen, das in dem dunklen Kellerraum auf den nackten Bodenbalken ausgelegt war. Den Schmerz am Hinterkopf von dem Kantholz herrührend, mit dem er sie niedergestreckt hatte, spürte sie wieder deutlich pochen. Und da war er, ragte mit seinen kalten, kranken, unmenschlich blauen Augen über ihr auf, grinste sie an und die Klinge des Skalpells reflektierte den Schein der blassen Glühlampe an der Decke. Doch seine Augen waren es, denen ihre ganze Aufmerksamkeit, ihre ganze Angst, galten. Und dann war da der bitter gleißende Schmerz in beiden Handflächen, der sie durchzuckte, als er sie mit den Skalpellen im Boden festnagelte. Darauf war alles schwarz geworden, ließ sie zurück in bodenlosem Nichts. Und der Knall, der den schweren Körper dieses Mannes, dieses Monsters, auf ihr zusammensacken ließ, klang ferner, wie ein Schiffshorn im blinden Nebel.
Die Sekunden waren vorbei. Sie zog die Tür auf und trat auf den noch immer nassglatten Asphalt hinaus. Boston meinte es auch an solchen Tagen nicht gut mit seinem Wetter und ließ die schweren Wolken tief am Himmel hängen. Noch immer sprühte ein feiner Regen auf sie nieder, würde in Windeseile dafür sorgen, dass ihr das ohnehin schon nicht zu bändigende, lockige Haar kraus zu Berge stehen würde. Aber dennoch schritt sie sicher auf die Absperrung zu, bahnte sich ihren Weg unwirsch durch die schaulustige Menge und mitunter noch sensationssüchtigeren Reportern samt Fernsehkameras und hielt dem Beamten, der ihren Namen ohnehin aus den Unmengen an Spötteleien auf ihre Kosten kannte, ihre Marke vor, um sich auszuweisen.
„Detective Rizzoli. Viktor 825." Mehr hatte es von ihr nicht gebraucht, schon hob er das schwarz, gelb gestreifte "Crime Scene" Plastikband an, das sie mit ihrer überdurchschnittlich großen, fast zu schlanken Gestalt geradeso hindurch schlüpfen konnte.
„Ach und, Rizzoli!", rief er ihr noch zu, der sie fast bewitzelnd unter der tiefsitzenden Krempe seiner Officer Mütze anlinste. „Tun Sie's doch für die Kameras." Er deutete auf seinen Mundwinkel und sie fühlte sich direkt beschämt. Eilig wischte sie den Rest roter Soße fort, der ihr wohl vom Dinner geblieben war und wandte sich dann schnell um zu dem Haus, das hoch auf dem gepflegten, pompösen Grundstück aufragte, und dies in beiden nicht minder war.
„Eilig gehabt, Rizzoli?", grüßte sie der Kollege, der sie zum Anwesen gerufen hatte nüchtern, wenn auch mit einem kleinen, fiesen Grinsen auf den schmalen Lippen.
„Wenn man's so will nicht eilig genug." Sie bückte sich und streifte sich die Papierüberschuhe an, versuchte, mit ihren klammen Fingern in die Handschuhe zu kommen, die ihr, von innen mit dem Talkumpuder bestrichen, gleich wie eine zweite Haut anlagen. „Ist Frost schon da?", fragte sie, versuchte wenig hoffnungsvoll zu klingen, diesen Fall lieber mit ihrem neuen als ehemaligen Partner zu bearbeiten.
„Hockt in der Hecke und schaut sich sein Abendessen nochmal genau an. Geht schon seit 'ner Ewigkeit so. Er solle einsehen, dass Mord nichts für ihn ist und wieder zum Raub gehen. Ist für uns alle besser", schnarre er und deutete mit einem Kopfnicken auf die schemenhafte Gestalt, die abseits der Schaulustigen, jedoch noch immer im Lichtkegel des Blaulichts vornüber gebeugt zu sehen war.
„Vergessen Sie nicht, dass Sie nicht besser waren, Crowe." Es war nur ein Murmeln ihrerseits gewesen, aber dennoch schnaubte er gehässig. Doch weiteres überhörte Jane, als sie nun endlich in die große, reich getäfelte Halle trat, in der ihre Anwesenheit in dem Getümmel der Spurensicherung, Detectives und anderen polizeilichen Beamten bald unterging.
„Hier oben, Jane", hörte sie dann bald die Stimme, die sie glatt zusammenzucken ließ, als sie durch das offene Treppenhaus hallte und kurzzeitig das makabre, rege Treiben unterbrach. Da sah sie die obere Hälfte des Mannes aufragen, der die Gestalt eines Bären hatte, jedoch ebenso die Herzensgröße eines solchen. Vince Korsak nickte ihr zu und Rizzoli ballte die Hände in Unbehagen zu Fäusten. „Hat's dich auch in die noble Hütte verschlagen", grüßte er sie halb scherzhaft, was sie als unpassend empfunden hätte und auch tat, wäre sie es nicht von ihrem ehemaligen Partner gewohnt gewesen.
„Konnte mich nicht zusammenreißen, nein." Sie war die breiten Eichenstufen zu ihm in den ersten Stock getreten und fand sich wieder in einem Blitzlichtgewitter. Der Polizeihumor hatte soeben seine Grenze erreicht. „Was haben wir?", fragte sie stattdessen und kam wieder ganz dem Respekt nach, den diese Situation von ihr verlangte.
„Catherina Jones, achtunddreißig. Hauseigentümerin. Frau von diesem Staranwalt, du weißt schon wen. Das Geld hatte sie wohl nicht retten können. Wurde vor einer Stunde von der Haushälterin aufgefunden, der Ehemann ist kontaktiert und unterwegs zum Präsidium. Die Nachbarn werden gerade befragt, doch bis jetzt keine Treffer. Muss wohl mit Schalldämpfer gearbeitet haben." Sie waren dem Tatort nähergekommen, die Überschuhe von Ermittlern raschelten nun auf dem weiten weißen Teppich, mit dem der Salon ausgelegt wurde, in dem sich das Verbrechen abgespielt haben sollte.
Jane hatte ihm aufmerksam gelauscht, an Information war es zwar vorerst genug, befriedigte sie inhaltlich aber in keinster Weise. „Und die Todesursache? Ist die schon raus?"
„Frag die Rechtsmedizinerin."
„Eine Frau?", fragte Jane verblüfft und hatte in ihrer Bewegung innegehalten, noch bevor sie auch nur einen Fuß in den teuer eingerichteten Salon hatte setzen können.
Korsak nickte derweil, war seinerseits schon eingetreten und nahm so fast allen letzten Platz ein, den der Raum noch bieten konnte. „Dr. Tierney hat sich letzten Monat zur Ruhe gesetzt. Jetzt schicken sie uns seine Nachfolgerin, aber mach dir selbst ein Bild. Bis jetzt schweigt sie. Ich bin gegangen, als sie der Toten mit einer Nadel im Auge rumgestochen hat."
Und als Korsak sich zur Seite wandte, warf Jane einen ersten Blick auf die Frau in Schwarz, die da neben dem Opfer fast hoheitsvoll kniete und mit scharfem Blick das Loch in deren Kopf musterte. Der rausgewachsene Pony ihrer blonden, schulterlangen Haare, fiel ihr schräg ins Sichtfeld. Doch sie ließ sich davon nicht beirren, hielt nur die so unpassend grellrot geschminkten Lippen gespitzt, die ihren ohnehin schon blassen Teint, so wie Jane es in diesem wenig schmeichelndem Licht ausmachen konnte, noch gespenstischer wirken ließen.
„Erschossen, oder was meinen Sie, Doc?", kündigte sich die große Brünette dann an, was alles unter zuversichtlichem Nicken Korsaks passierte.
„Dem ist so, ja", antwortete sie. Ihre Stimme so kühl wie ihre Erscheinung selbst. Sie blickte nicht zu Jane auf, als diese nähertrat, nun von der anderen Seite die Frau flankierte, um die bereits mit weißer Sprühfarbe die Umrisse nachgezeichnet worden waren. „Ob es jedoch die Todesursache ist, darauf will ich mich noch nicht festlegen."
„Ist das nicht offensichtlich?" Ihre Frage war ungehaltener, führte dazu, dass sie nun mit einem festen Blick aus grünen Augen gemustert wurde.
„Das vermuten Sie vielleicht, Detective, doch Sie wären überrascht, dass dem auch nicht so sein kann. Genaueres weiß ich nach der Autopsie. Angesetzt für morgen um zehn, denke ich. Werden Sie beiwohnen?"
Auch wenn alles in Jane schrie, sie die Frage verneinen wollte, so handelte ihr Körper doch gegen sie und ließ sie nicken. „Ich werde da sein."
Die Frau erhob sich nun und Jane war überrascht, dass sie zu ihr runter schauen musste, obwohl ihre Stiefel keine unbedingt kurzen Absätze aufwiesen, wie ihr aufgefallen war. „Was ich jedoch mit Sicherheit sagen kann, ist, dass die Kugel, eine Neun Millimeter laut der ersten Messung des Ballistikers, aus einer aufgesetzten Waffe stammt. Der Ring an versenkter Haut um die Eintrittswunde, ließ mich klar zu dem Schluss kommen."
„Eine Hinrichtung also?", schloss Jane begründet.
„Möglich. Und aufgrund der ersten Schätzung des Eintrittswinkels nicht auszuschließen. Die rotbraunen Flecken unten an der Wand, sofern es sich um Blut handelt, würden annehmen lassen, dass der oder die Täterin über ihr gestanden hat. Sie dann wohlmöglich in einer knienden Position." Janes Blick ging an der blonden, kühlen Rechtsmedizinerin vorbei und traf auf Korsaks, der anerkennend beide buschigen Augenbrauen hob.
„Und das ist vorläufig Ihr Urteil? Samt der Hypothese, es könne sich vielleicht um Blut handeln?" Auch wenn Jane über diese Aussage der Frau spöttelte, so nahm diese es nicht wahr.
Stattdessen stachen ihre Augen in die ihren und ließen sie sich für den Hauch einer Sekunde darin verlieren, dass es ihr kalt den Rücken hinauflief.
„Mehr wird uns der Befund nach der Obduktion sagen, ja." Sie zog sich indessen die Handschuhe aus und verstaute sie in ihrem schwarzen Handkoffer, in dem Jane vermutete, dass sie dort all ihre Utensilien mit sich führte wie Lebersonden und dergleichen, die sie schon bei Fällen mit Dr. Tierney hatte in Augenschein nehmen können.
„Wir laden sie dann ein, Dr. Isles?", fragte ein junger Bursche, der nach Janes Urteil kaum alt genug schien, das College abgeschlossen zu haben. Und nun stand er mit einem Kollegen im Raum und hielt die Rollbahre fest.
Dr. Isles, so wusste die Detektivin nun ihren Namen, gab ihre Zustimmung wortlos und ging dann mit einem Blick, der ihr unmöglich zu deuten war, aus dem Raum, während sie selbst wie angewurzelt, fast sprachlos zurückblieb, belustigt beobachtet von Korsak. Und als nun Detective Barry Frost, Janes neuer Partner, mit leerem Magen den Raum betrat, die Blutlache auf dem Teppich und die grotesk in sich gesunkene Leiche erblickte, da wandte er sich würgend ab. Sehr zum Verdrieß der brünetten Frau, die sich nun anschickte, mit ihm zurück zum Präsidium zu fahren. Sich von der Begegnung mit der neuen Kollegin jedoch nicht reißen konnte.
Sie war schon aus Boston raus, bog gerade in die Ausfahrt zum Vorort Brookline ein, als sie das Radio stummschaltete und ihren schwarzen Lexus in Richtung ihres kalten, wenn auch trauten Heimes lenkte.
Keine fünf Minuten später, so war sie sich sicher, parkte sie den Wagen auf ihrer Auffahrt und stieg aus, hinein in den Regen, der nun heftiger geworden war. Doch Maura Isles ging geflissentlich, dadurch nicht minder schnurstracks auf die Haustür des einfachen einstöckigen Hauses zu, das hell erleuchtet in der ruhigen, von Akademikern bewohnten Straße dalag. Drei Zeitschaltuhren, die sie für vier Dollar das Stück erstanden hatte, sorgten Punkt acht Uhr abends dafür, dass es für Mitmenschen aussah, als wäre das Haus bewohnt, als sei jemand daheim. Sie selbst sollte es auch willkommen heißen, sollte sagen, es ist jemand da, der auf dich wartet. Doch als Maura nun die Haustür aufsperrte, dass es von den nackten Wänden nur so hallte, wurde sie sich schnell ihrer Einsamkeit bewusst.
Und dennoch war da das schwere Schleifen des Körpers über den gefliesten Küchenboden, das sie unmissverständlich daran erinnerte, doch nicht gänzlich allein zu sein. Und wie sie sich so die Schuhe abstreifte, den vom Regen feucht gesprenkelten Mantel aufhängte und dann den noch immer mit ordentlich gestapelten Kartons gesäumten Flur entlangging, da schlich sich doch ein kleines Lächeln auf die sonst so wenig von Emotionen gesteuerten Lippen der Frau.
Und allein ein Blick auf die ausgewachsene afrikanische Spornschildkröte, die sich schwerfällig um die Kücheninsel hievte, reichte dazu aus.
Maura ließ sich dazu hinreißen, dieser ungewöhnlichen und doch ihrer liebsten Kreatur, die sie sich als Haustier hielt, den Panzer zu tätscheln. Eine Geste, die das Tier wohl auch zu schätzen wusste. Sie nahm sich eines der Rotweingläser aus dem Regal, schenkte sich aus der Flasche ein, die sie am Vortag geöffnet hatte und ging damit hinüber in das offene Wohnzimmer, das weniger einladend wirkte, als von ihr beabsichtigt. Doch als sie in das weiße Leder der Couch sank, den provisorisch auf einem Kaffeetisch gestellten Fernseher einschaltete und nun endlich die purpurne Flüssigkeit an die Lippen führte, dass man auf keinen Unterschied zwischen eben jener und der grellen Farbe ihres Make-Ups hätte schließen können, versuchte sie doch, sich zu entspannen.
Mit nun überschlagenen Beinen dasitzend, dann und wann den unbeholfenen Bewegungen des großen Tieres lauschend, das sich auch noch nicht gänzlich in seinem neuen Heim zurechtfinden vermochte, schaute sie die Lokalnachrichten.
Es war ihr bereits erdenklich gewesen, dass man von dem Vorfall in den reichen Sitten von Beacon Hill berichten würde. Sich selbst erblickte Maura nur kurz in einem Bildausschnitt, als sie kommentarlos und kühl an den Reportern vorbeischritt und keine der ihr gestellten Fragen beantwortete. Sie war anmutig unter das Absperrband getreten und hatte sich dann problemlos von der Menge entfernt, während der Sprecher nun über den Fall aufklärte, der nichts weiter beinhaltete, als die allseits bekannten Floskeln. Nichts, was den Ermittlungen in einer Weise schaden können, so fern das bisher Geklärte an die Öffentlichkeit treten würde.
Maura verfolgte das Geschehen mit halbem Interesse, begann dann jedoch glatt zu schmunzeln, als sie die große brünette Detektivin im Bildschirm erblickte, die, so aufgeklärt und erfahren sie ihr doch gegenübergetreten war, sich nun eilig den Mund abwischte und die rote Soße ein für alle Mal verbannte. Das Fettnäpfchen der toughen Frau, die da vollends vom Kameralicht eingenommen wurde, erheiterte sie soweit, dass nicht nur der Wein ihre Kehle wärmte.
„Rizzoli, tun Sie's doch für die Kamera." Und das kalte blaue Licht richtete über sie schamlos.
