Potters Berühmtheit schien sich sehr zu Severus' Leidwesen nach der zweiten Aufgabe des Trimagischen Turniers erneut gesteigert zu haben und er hasste jeden Moment, den er davon miterleben musste. Umso mehr kostete er es aus, als er das Goldenen Trio dabei vorfand, wie sie in seinem Unterricht Miss Grangers Privatleben diskutierten und augenscheinlich auch noch die Hexenwoche unter der Bank lasen, für das er sie richtig schön bestrafen konnte. Mit großem Genuss las er den Artikel der ganzen Klasse vor, nachdem er 20 Punkte abgezogen hatte, immer darauf bedacht, den Slytherins genügend Lachpausen zu gönnen. So, so, laut Rita Kimmkorn spielte Miss Granger also gern mit den Gefühlen berühmter Jungzauberer und befand sich in einer Dreiecksgeschichte mit Potter und Krum? Was hatte sie nur angestellt, dass diese unmögliche Entschuldigung für eine Journalistin sie derart auf dem Kieker hatte? Und wo hatte die diese Informationen schon wieder her, wenn sie doch Hausverbot auf Hogwarts' Ländereien hatte? Freiwillig würden nicht einmal Gryffindors mit jemandem über so etwas Pikantes reden…

Severus setzte die drei auseinander, wobei er sich Potter ganz vor zu seinem Pult holte. Die perfekte Möglichkeit, dem Bengel zu zeigen, was er von Diebstahl hielt. Obwohl er es besser wissen sollte, wagte er einen Blick in Potters Gedanken, bevor er sich angeekelt wieder daraus zurückzog – diesmal stellte der Nichtsnutz sich vor, dass die Skarabäuskäfer, die er in seinem Mörsers zu feinem Staub zerstampfte, Severus' Gesicht besaßen. Die Gewaltbereitschaft von Gryffindors war jedes Mal aufs Neue erstaunlich, auch nach all den Jahren der Erfahrung damit.

„So viel Aufmerksamkeit seitens der Presse scheint deinem Ego nicht gut zu tun, Potter", sagte er leise. „Du bildest dir vielleicht ein, dass die gesamte Zaubererwelt begeistert von dir ist, doch für mich wirst du immer ein ätzender kleiner Junge bleiben, der meint, für ihn würden Regeln nicht gelten, egal wie oft du in der Zeitung bist." Sehr gut, Potter war bereits jetzt sauer. Nur noch ein bisschen und er hätte ihn soweit… „Ich gebe dir eine faire Warnung: Berühmt oder nicht, wenn du noch einmal in mein Büro einbrichst…"

„Ich war nicht mal in der Nähe Ihres Büros!"

„Lüg mich nicht an!", fauchte Severus zurück. „Baumschlangenhaut, Kiemenkraut – das stammt beides aus meinen privaten Vorräten und ich weiß, wer es gestohlen hat."

„Ich weiß nicht, wovon Sie reden."

„Du bist draußen herumgeschlichen, als in mein Büro eingebrochen wurde Potter, das weiß ich! Mad-Eye Moody mag sich deinem Fanclub angeschlossen haben, aber ich toleriere ein solches Verhalten nicht! Wenn du noch einmal nachts in mein Büro eindringst, wirst du dafür bezahlen!"

„OK, ich werd' daran denken, falls mir je danach ist."

Na warte. Severus griff in seine Robentasche und für einen Moment blitzte so etwas wie Unsicherheit in Potters Augen auf. Sollte er sich nur fürchten.

„Weißt du, was das ist, Potter?", fragte Severus und zog eine Phiole aus seiner Tasche, die er erst diesen Morgen frisch abgefüllt hatte.

„Nein."

„Das ist Veritaserum. Dieser Wahrheitstrank ist so wirkungsvoll, dass drei Tropfen ausreichen, damit du vor der gesamten Klasse deine intimsten Geheimnisse preisgibst. Zwar wird die Verwendung vom Ministerium sehr streng überwacht, doch wenn du nicht aufpasst, könnte mir die Hand über deinem abendlichen Kürbissaft ausrutschen. Und dann… dann erfahren wir, ob du in meinem Büro warst oder nicht."

Selbstverständlich hatte Severus das nicht wirklich vor, doch es fühlte sich durchaus gut an, Potter dies glauben zu lassen.

In diesem Moment klopfte es an der Tür. Es war Karkaroff. Bei Merlin, der Mann machte auch vor nichts Halt!

„Wir müssen reden", flüsterte der, fast ohne die Lippen zu bewegen.

„Ich kann nach meinem Unterricht mit Ihnen reden, Karkaroff…", erwiderte Severus, wurde jedoch unterbrochen.

„Ich will jetzt reden, solange du dich nicht davonmachen kannst. Du weichst mir schon wieder aus."

„Nach dem Unterricht!"

Für den Rest der Doppelstunde stand Karkaroff hinter Severus' Pult wie ein extrem anhänglicher Schatten und ging ihm mit seiner bloßen Anwesenheit tierisch auf die Nerven. Die Schüler würden sicher auch schön tratschen. Ganz wunderbar.

Als die Stunde endlich vorbei war, war Severus maximal ungehalten.

„Was ist so dringend?!", zischte er.

Das hier." Der Volltrottel zog seinen Ärmel zurück und präsentierte ihm mitten im Klassenzimmer sein Dunkles Mal. „Also? Schau hin, es war noch nie so deutlich, seit…"

„Weg damit!", raunzte Severus und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Potter war immer noch da!

„Aber du musst doch bemerkt haben…"

„Wir können uns nachher unterhalten, Karkaroff! Potter, was machst du da?!"

„Meine Gürteltiergalle aufputzen, Professor", antwortete der unschuldig und hielt einen tropfenden Lappen hoch.

Karkaroff machte auf dem Absatz kehrt und rauschte davon, fragte sich nur für wie lange. Und wie viel hatte Potter gesehen?

Kaum war der ebenfalls verschwunden, trat Severus wütend gegen den nächstbesten Tisch. Er musste dringendst mehr Kontrolle über seine eigene Rolle in diesem Desaster gewinnen. Natürlich hatte er gemerkt, wie deutlich das Mal mittlerweile geworden war, wie es manchmal zwickte und juckte… Er hatte es Dumbledore gezeigt, mit ihm gesprochen und sie hatten vereinbart, dass er erst zum Dunklen Lord zurückgehen würde, wenn Dumbledore ihn dazu anwies, auch wenn das Mal zuvor brennen sollte. Sie würden es so aussehen lassen, als wäre Severus immer noch ein Doppelspion für die Dunkle Seite, und das Beste hoffen.

Für ihn gab es also nichts zu reden, doch am Abend saß er trotzdem mit Karkaroff in seinem Büro und hatte das Gefühl, sich wie eine hängende Schallplatte zu wiederholen. Er wollte den ehemaligen Todesserkollegen nur noch loswerden. Er war zornig wegen dessen Verhalten am Nachmittag, er hatte Angst vor der Zukunft und seine Geduld war absolut am Ende.

Als er Karkaroff nach fast einer Stunde endlich rausbefördert hatte und sich in seine Räume zurückziehen wollte, lief er direkt Arian in die Arme.

„Severus, ist alles OK mit dir?"

„Ja, sicher", ranzte er sie an und öffnete die Tür zu seinen Gemächern. Sie folgte ihm ungebeten, bevor er sie davon abhalten konnte. Auch das noch.

„Sev, ich merk' doch, dass das nicht stimmt. Kann ich dir irgendwas Gutes tun? Ich weiß, dass du momentan aus irgendeinem Grund total gestresst bist…"

Er hatte ein Déjà-vu und keine Lust auf eine erneute Diskussion in diese Richtung. „Lass mich einfach in Ruhe!"

„So bringt das aber nichts… Wenn irgendetwas ist, sollte man darüber reden…"

„Du hast doch eh keine Ahnung!"

„Dann erklär es mir doch endlich! Du sagst immer nur, dass ich keine Ahnung hab', gibst dir aber auch keine Mühe, dass ich es versteh'!"

„Du würdest es nicht verstehen!"

„Du hast es noch nicht mal versucht!"

„Ich weiß es!"

„Pff! Hast du deswegen auch wieder deine üble Laune an den Schülern ausgelassen, weil alle um dich rum angeblich eh keine Ahnung haben? Den dämlichen Artikel aus der Hexenwoche vor der ganzen Klasse vorlesen – wenn das Niveau noch tiefer wäre, stündest du im Schwarzen See!"

„Geh jetzt einfach! Geh!"

„Severus…"

„Nein! Verdammt nochmal, verschwinde!"

Kaum war die Tür hinter Arian zugeschlagen, vergrub Severus das Gesicht in den Händen. Wut und Ärger waren verflogen, er fühlte sich so verloren und allein und leer von allen Gefühlen außer Schuld und Schmerz.

Ohne sich seiner Kleidung zu entledigen, rollte er sich auf seinem Bett zusammen und presste das Kissen auf sein Gesicht. Wieder hatte er alles falsch gemacht und seine Chancen verspielt. Wie sehr sehnte er sich doch nach ein bisschen Zuneigung, egal wie verschwendet diese auch an ihn wäre… Es mussten gar keine vielen lieben Worte sein, das verlangte er gar nicht, nur ein ehrliches Lächeln, vielleicht eine kleine Berührung… Doch niemand hielt Zuneigung für einen verkorksten ehemaligen Todesser bereit. Bis auf Arian, die er gerade erneut total unterirdisch behandelt hatte. Ein Kloß schien sich in seiner Kehle zu formen und seine Augen brannten. Sie wusste ja auch gar nicht, was er war. Wie sollte er ihr das je erklären? Es war unmöglich… Sie war die Einzige, die ihm je nahegekommen war, die ihn aus irgendeinem Grund mochte… und er hatte den Besen von Vornherein gegen die Wand geflogen, indem er nicht ehrlich mit ihr gewesen war. Er hatte geglaubt, diese Chance sei zu gut gewesen, um wahr zu sein, und er hatte Recht behalten.

„Accio Feuerwhisky…"

Im Liegen zu trinken war die schlechteste Idee des ganzen Tages, doch jetzt kümmerte ihn das auch nicht mehr. Was hatte er zu verlieren, wenn er sich und sein Bett von oben bis unten bekleckerte? Es war ja nicht so, dass Arian das je zu Gesicht bekommen würde.

OoOoO

Arian war wütend auf Severus, sein kindisches Benehmen und die Tatsache, dass sich einfach nichts änderte, auch wenn es ihr nicht gefiel, ihn so angespannt zu sehen und nicht helfen zu können. Diesen Teil schob sie jedoch zur Seite, als sie von Poppy erfuhr, welchen Schaden der Artikel in der Hexenwoche anrichtete. Viele Leserinnen hatten dem Blödsinn anscheinend Glauben geschenkt und Hermine Granger gemeine Briefe, Flüche und so nette Dinge wie unverdünnten Bubotuber-Eiter geschickt. Letzterer war der Armen beim Frühstück über die Hände gelaufen, sodass sie sogar Unterricht verpasst hatte, weil sie zu Poppy in Behandlung gemusst hatte. Auch Heuler waren dabei, die hysterisch in der Großen Halle herumkreischten, sodass schon bald die gesamte Schule bestens über sämtliche Privatangelegenheiten der jungen Gryffindor informiert war. Leider war es einigen Slytherins zuzutrauen, dabei mitzumachen, sodass man Severus durchaus eine Mitschuld an der Situation geben konnte, hatte er ja so eine Show abgezogen und damit überhaupt erst suggeriert, dass das in Ordnung war.

Umso mehr freute sich Arian auf das April-Frauenkränzchen bei Pomona, um sich davon abzulenken. Die Kräuterkundelehrerin war stets sehr kreativ, was ihre Partys anging, doch Hufflepuff aktuell so im Scheinwerferlicht zu sehen, schien sie zu neuen Höchstleistungen anzuspornen. Schon Tage vorher schwärmte sie, welch spaßige Pläne sie auf Lager hätte, und trieb ihre Kolleginnen damit in den Wahnsinn. Erneut hatte sie sich eins der Gewächshäuser als Veranstaltungsort ausgesucht, doch immerhin hatte sie diesmal auch daran gedacht, bessere Schallschutzzauber darüber zu legen und das Glas abzudunkeln, sodass von außen nichts zu bemerken war.

Als Arian und die anderen Gäste eintraten, fiel ihnen sofort die ungewöhnliche Dekoration auf: Sie schienen sich auf einem alten, hölzernen Segelschiff zu befinden.

„Alle bereit zum Segelsetzen? Heute geht's zum Rum-Tasting!", begrüßte Pomona sie und schwang ihren Zauberstab, sodass sich ein mächtiges Großsegel entfaltete, das beinahe ein paar Pflanzen umstieß. Die Venemosa Tentacula schlug beherzt zurück, sodass es mit einem lauten Knall auf die andere Seite des Fakebootes schwang und alle nur haarscharf dem Baum ausweichen konnten.

„Sag mal, willst du uns umbringen?!", fluchte Rolanda, während Charity beherzt eingriff und die Schoten magisch einstellte, sodass sich niemand mehr in akuter Gefahr befand.

„Du bist eindeutig noch nie gesegelt", stellte sie kopfschüttelnd fest.

„Du anscheinend schon", meinte Minerva, „oder woher weißt du, wo du diese Leinen befestigen musst?"

„Ich bin eben nicht nur Lehrerin für Muggelkunde."

„Ja, äh, also, ich habe 15 verschiedene Sorten Rum zusammengesammelt…", begann Pomona von vorne.

„15?!"

„Ach du lieber Merlin!"

„Wurdest du vom wilden Billywig gestochen? Wer soll das alles trinken?"

„Ich glaube nicht, dass ich dafür genug Ausnüchterungstrank auf Lager habe", seufzte Poppy und warf einen hoffnungsvollen Blick auf die Glasmurmel, die ihr anzeigte, wenn sie im Krankenflügel gebraucht wurde. Zu ihrem Verdruss war sie kühl und hellgrün, nicht warm und rot.

„Spielverderber seid ihr", attestierte Minerva, setzte sich an den Fuß des Masts und öffnete die erste Flasche. „Mh, riecht schon mal toll. Kommt jetzt noch jemand von euch? Es ist niemand über Bord gegangen, entspannt euch."

Während sich die anderen ebenfalls setzten, brachte Pomona ein altes Grammofon zum Laufen, aus dessen Trichter schon bald kratzig Seemannslieder ertönten. Wenige Rumproben später grölten alle Mitglieder des Frauenkränzchens lautstark mit, mal mehr und mal weniger richtig, doch mit sehr viel Freude und gelegentlich auch umgedichteten Texten.

Wellerman (Sea Shanty)" – Nathan Evans / „Leave Him Janie" – Ellen Foley

Endlich fiel der Stress des Trimagischen Turniers für eine Weile von den Professorinnen ab und Arian vergaß sogar einen Moment lang ihren Streit mit Severus. Als sie die Feier irgendwann heiser gesungen und teilweise sturzbesoffen – es war in der Tat nicht genug Ausnüchterungstrank vorhanden gewesen – für beendet erklärten, waren sich alle einig, dass dieser Abend es auch wert gewesen wäre, von einem Großbaum erschlagen zu werden. Das würde sich Pomona mit Sicherheit noch in 30 Jahren anhören dürfen.

Die Osterferien vergingen ereignislos und da es danach nicht einmal Quidditch geben würde, konnten Minerva und Severus sich auch nicht gegenseitig deswegen zerfleischen, auch wenn Arian solch eine Ablenkung ganz recht gewesen wäre. Severus und sie hatten immer noch nicht wieder miteinander gesprochen und langsam fragte sie sich, ob sie überreagierte oder er einfach ein sehr ausdauernder Spinner war. Sollte sie auf ihn zugehen und den ersten Schritt machen? Wenn sie so darüber nachdachte, vermisste sie ihn und wollte sich eigentlich wieder mit ihm vertragen. Sie hasste dieses elende, unangenehme einander Ignorieren und Anschweigen. Wann immer sie die Chance bekam, Severus kurz zu beobachten, schien jedoch auch Karkaroff den Blick auf ihn gerichtet zu haben, und meist verschwand Severus dann ziemlich schnell. Was das wohl zu bedeuten hatte? Bisher hatte sie nicht den Eindruck gehabt, dass er leicht neue Freundschaften schloss oder auf Zusammenarbeitsangebote einging. Außerdem konnte sie sich kaum vorstellen, dass diese beiden sich vertragen würden – Karkaroff war der Typ Mensch, der einem mit seiner arroganten Art einfach nur auf den Zeiger ging, und das gepaart mit Severus' Explosivität… und seiner auch nicht immer abwesenden Arroganz, wenn man mal ehrlich war… Nein, vielleicht fand Karkaroff ihn einfach nur höchst unsympathisch und glotzte deswegen ständig so.

Gegen Ende Mai liefen schließlich die Vorbereitungen für die finale Aufgabe des Turniers auf Hochtouren. Auf dem Quidditchfeld wurde ein Labyrinth aus Hecken angepflanzt und allerlei Tierwesen und sonstige magische Artefakte wurden als Hindernisse beschafft. Sämtliche Lehrer waren beteiligt: Hagrid stellte unter anderem seine letzten Knallrümpfigen Kröter und Arian webte einige Zauber ein, für die sie tief in die Kiste der alten keltischen Magie griff. Es sollte Irrwichte, Acromantulas und sogar eine Sphinx geben und Filius hatte stolz von einem Zauber berichtet, der die Person, die hindurch lief, im wahrsten Sinne des Wortes auf den Kopf stellte, bis sie sich traute, den nächsten Schritt zu gehen. Hier hatte Severus nur angewidert geschnaubt und es war eine hitzige Diskussion über angebrachte und unangebrachte Hindernisse entbrannt, die er beleidigt verlassen hatte. Das Ganze lag jetzt eine halbe Stunde zurück, doch etwas ließ Arian nicht los und irgendwann entschloss sie sich, nach Antworten zu suchen. Ohne dass die anderen es bemerkten, verließ sie das Lehrerzimmer und begab sich nach unten in die Kerker, wo sie an die Tür zu Severus' Büro klopfte. Nichts. Sie ging weiter zu seinen Privaträumen, wo sie tatsächlich Erfolg hatte.

„Severus… können wir bitte reden?"

Schweigend ließ er sie herein und beäugte sie misstrauisch, seine offene Robe eng um den schmalen Körper gezogen. Er hatte eindeutig nicht mehr mit Besuch gerechnet, sonst hätte er nie auch nur eine einzige Schicht abgelegt. In diesem Augenblick wurde Arian alles egal.

„Ach, vergiss es", murmelte sie und zog ihn mit sich aufs Sofa. „Tut mir leid, wenn ich unfair war."

Sie war sich durchaus bewusst, dass ihr Körper hier hinterlistig gegen ihren Verstand arbeitete, doch sie schenkte dem keine Beachtung. Sanft schlüpfte sie mit den Händen unter seine Robe, sodass sie auf seiner nur noch mit einem Hemd bekleideten Brust zum Liegen kamen. Sie konnte seinen beschleunigten Herzschlag spüren.

„Arian…"

„Sch, ich mach' langsam, ja?"

Er schüttelte den Kopf und schob sie von sich. „Arian… bitte nicht…"

Sein Ton hatte etwas Flehendes an sich, dass sie erschrocken aufsehen ließ. Eigentlich hatte sie das Gefühl gehabt, ihre Beziehung hätte sich seit dem Desaster am Bootsanleger weiterentwickelt – die letzte Funkstille hin oder her – schließlich hatten sie auch darüber gesprochen, was das Problem gewesen war. Und sie hatte ihr Versprechen nicht gebrochen, sie drängte ihn ja zu nichts…

„Entschuldige, ich…" Sie wusste nicht, was sie sagen sollte. Was sagte man, wenn man denselben ziemlich miesen Fehler erneut begangen hatte? „Ich dachte nur… wir haben ja darüber geredet… das gilt natürlich immer noch… ich wollte nur…"

„Ich weiß… aber… aber ich kann das einfach nicht… ich weiß einfach nicht…" Er verstummte und starrte an ihr vorbei an die Wand, das Gesicht halb hinter einem Vorhang aus Haaren verborgen.

„Was willst du damit sagen? Hattest du noch nie Sex?"

Sein gequälter Gesichtsausdruck war Antwort genug. Arian schluckte – das kam dann doch überraschend – doch sie riss sich zusammen.

„Okay, aber das ist doch nicht weiter dramatisch. Es gibt für alles ein erstes Mal."

„Du verstehst das nicht…"

Sie verdrehte die Augen. Nicht schon wieder die alte Leier…

„Dann erklär es mir doch! Ich will es doch verstehen! Erklär es mir."

Er schüttelte wieder den Kopf.

„Es tut mir leid, Arian. Ich kann einfach nicht das sein, was du dir wünschst."

Arian blieb vor lauter Unglauben die Spucke weg. Sie brauchte etwas, bis sie sich wieder gesammelt hatte: „Machst du mit mir Schluss? Ich komm' hier an und… nach der ganzen Scheiße in letzter Zeit… Wenn du jetzt wirklich mit mir Schluss machst, hab' ich zumindest eine verdammte Erklärung verdient!"

„Ich kann das nicht erklären…"

„Es muss doch einen Grund geben! Wir haben doch schon mal geklärt, dass ich dich nicht deswegen unter Druck setzen werde. Und trotzdem willst du jetzt… Warum redest du nicht mit mir?" Sie sah ihn erwartungsvoll an. Als er immer noch nichts sagte, sie nicht einmal ansah, wanderten ihre Gedanken unweigerlich zu einem ähnlichen Gespräch vor gar nicht allzu langer Zeit. „Hat das auch was mit Black und Potter senior zu tun?"

Severus' ganzes Gesicht war schmerzverzerrt. Arian konnte ihn nicht länger so leiden sehen, also zog sie ihn wieder in eine Umarmung, auch wenn er sich anfangs dagegen sträubte. Auch ohne genauere Details wurde ihr einmal mehr bewusst, wie sehr diese Personen anscheinend sein Leben zerstört hatten.

„Konntest du wenigstens da mit jemandem reden?"

„Nein… die einzige…" Severus versagte die Stimme.

„Was ist passiert?", fragte sie leise in den Stoff seiner Robe.

Ein Zittern durchlief seinen Körper und er schien in ihren Armen zusammenzubrechen. „Sie… war eine muggelgeborene Hexe… Ich… Potter und seine Freunde… Sie… sie hielten mich über Kopf, in der Luft…" Es dauerte eine ganze Weile, bis er sich so weit gesammelt hatte, dass er fortfahren konnte. „Sie wollten mich… ausziehen… alle… alle haben zugeschaut… Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, ich… ich habe sie… Schlammblut…"

Arian zog ihn noch fester an sich und strich ihm beruhigend über den Rücken. Es war so offensichtlich, dass er diesen Ausspruch noch heute bereute, es tat ihr in der Seele weh und sie wollte nichts mehr, als ihm irgendwie helfen. Doch eins musste sie noch wissen, auch wenn sie sich die Antwort bereits ausmalen konnte: „Haben die getan, was sie vorhatten?"

„Mhm…"

„Sev… das ist… Warum machen Leute sowas…?", murmelte sie mehr zu sich selbst.

„Laut ihnen… weil ich… existierte…"

Sie schluckte ihr Entsetzen hinunter, so gut sie konnte. „Haben sie dich dann wenigstens runtergelassen?", fragte sie bedrückt.

„Nicht… sofort… Erst als… alle ihren Spaß hatten… und ich…"

„Oh Sev…"

Sie wusste nichts zu sagen, ihr fielen keine Worte ein, die den Tumult in ihrem Inneren ausdrücken konnten. Doch es waren wieder Puzzleteile in dem Rätsel, das Severus darstellte. Es erklärte, warum er so panisch reagiert hatte, als sie ihm körperlich hatte näherkommen wollen. Und wieder hatte es niemanden interessiert, was dem eigenbrötlerischen Jungen aus Slytherin widerfahren war. Arian war so wütend auf Albus und Minerva – am liebsten hätte sie sie augenblicklich angeschrien.

„Sag das niemandem", forderte Severus. Er schob sie ein Stück von sich und sein Blick war unerbittlich. „Versprich es."

Sie sah ihn lange an, rang mit dem Bedürfnis, in die nächste Stadt zu apparieren und mit einem öffentlichen Münztelefon ihre Schwester anzurufen, dann nickte sie. „OK. Versprochen. Ist sowas noch öfter vorgefallen?"

„Nicht genau so… Aber über die sieben Jahre hinweg… Ich weiß nicht, was sie nicht versucht haben… Sie haben mich immer gefunden und ich habe nie gewusst wie… Jetzt weiß ich es – erinnerst du dich an die Karte, mit der ich Lupin und Black gefunden habe?"

„Die haben sie benutzt?"

„Ja, extra dafür selbst gemacht … um herumzuschleichen… und ihre sogenannten Streiche zu spielen…"

Er schien sich wieder etwas zu fangen, jedenfalls wand er sich aus ihrer Umarmung, stand auf und straffte den Rücken.

„Jetzt weißt du also auch das…" Er klang alles andere als glücklich dabei.

„Jetzt versteh' ich das auch… Na ja, ich kann nachvollziehen, warum du das alles nicht willst... Und warum du vorhin so aufgebracht warst, als Filius von seinem Hinderniszauber gesprochen hat…"

Severus sah sie nicht an. „Ich hoffe, du findest jemanden, der dich glücklich machen kann…", sagte er schließlich und machte Anstalten, seine Hände in seinen Robentaschen zu vergraben.

„Willst du immer noch mit mir Schluss machen?" Arian griff nach seinen Händen und hielt sie fest. Sie wusste nicht genau, was sie sagen wollte, also redete sie einfach drauf los. „Sev, ich liebe dich. Nicht weil ich eventuell Sex mit dir haben könnte…" Er zuckte zusammen und sie machte sich eine geistige Notiz, das nicht mehr so direkt anzusprechen. „… sondern weil… du du bist. Ich liebe unsere Gespräche und wenn wir gemeinsam alte Rezepte erforschen, selbst wenn sie keinen Sinn ergeben... Ich liebe es, mit dir Dinge zu unternehmen – ich liebe es einfach, dich in meiner Nähe zu haben. Es gibt viele Facetten in einer Beziehung. Ich hatte sonst immer Beziehungen mit, naja, aber jetzt…" Sie zuckte mit den Schultern, selbst ein wenig überrumpelt. „Ich hätte jetzt lieber einfach dich, egal wie…"

„Bist du sicher?", fragte Severus leise, einen Hauch von Zweifel in der Stimme.

Sie hatte sich nie im Leben Gedanken über eine solche Situation gemacht, doch in diesem Moment erschien es ihr so eindeutig wie richtig. „Ja. Ganz sicher."

Als Arian später im Bett lag, konnte sie nicht einschlafen. Severus' Geschichte ließ sie einfach nicht los. So viel Schlimmes hatte er schon in so jungen Jahren erfahren müssen, immer durch die Hände derselben Mitschüler und ohne den Schutz seiner Lehrer. Tränen der Wut und Überforderung rannen über ihre Wangen und sie schniefte laut. Wie sollte sie ihm da helfen können? Sie hatte nie auch nur ansatzweise solche Probleme gehabt, war nie gemobbt worden. Wenn an ihrer Schule sich jemand danebenbenommen hatte, war das meist irgendwie geregelt worden, jemand war eingeschritten. Zumindest glaubte sie das. So viel jünger als Severus war sie auch nicht – war es das System, das anders war? Sie war überfragt. Sie hatte keine Erfahrung mit traumatisierten Menschen, sie war keine studierte Psychologin wie ihre Schwester Gwen. Mit misshandelten Pferden kannte sie sich gerade noch aus – konnte man das übertragen? Am liebsten wollte sie ihre Schwester um Hilfe bitten, doch sie hatte versprochen zu schweigen und würde dieses Versprechen auf keinen Fall brechen. Dennoch…Es gab in der hiesigen Zaubererwelt keine Mentalheilkunde; die ganz hoffnungslosen Fälle wurden einfach weggesperrt, alle anderen mussten selbst sehen, wo sie blieben. Konnte sie irgendwie unauffällig daheim Hilfe suchen, wenn sie im Sommer zurückkehrte? Ob Severus eventuell mitkommen würde? Davon abgesehen, dass sie die Ferien oder zumindest einen Teil davon gerne mit ihm verbringen würde, würde Gwens Instinkt vielleicht darauf anspringen, wenn sie ihr Severus vor die Nase setzte, auch ganz ohne dass sie etwas sagte… Was für ein Slytherin-Gedanke…

Arian wälzte sich auf die andere Seite, sodass ihr das Mondlicht durch das hohe Fenster ins Gesicht schien. Das Mindeste, das sie tun konnte, war, an Severus' Seite zu bleiben, komme, was wolle. Und dazu gehörte dann auch, auf Sex zu verzichten – war ja nicht so, als könnte man da nicht anderweitig Abhilfe schaffen. Seufzend stand sie auf und ging in die Küche, um sich einen Schlaftrank zu holen. Seren beobachtete sie vom Wohnzimmersofa aus durch die geöffnete Tür aufmerksam, als wüsste sie genau, was vorging, und folgte ihr schließlich zurück ins Bett.

„Wie konnte ich nur je glauben, dass Sev so kompliziert ist, weil er es darauf anlegt? Wahrscheinlich kann er gar nichts dafür…"

Seren drückte ihren Kopf gegen ihre Nase und begann, laut und beruhigend zu schnurren.