Geheimnisse ...
Die Londoner U-Bahn hielt quietschend an und ein Schwall Menschen strömte auf den ohnehin schon überfüllten Bahnsteig.
Alastor hatte darauf bestanden, auf dem Rückweg zum Ministerium, eine Extraübungsstunde im muggelkomformen Verhalten für Tonks einzulegen. Ihr Vater war zwar ein Muggel, aber sonst hatte sie nie viel Kontakt mit Nicht-Magiern gehabt, was vor allem daran lag, dass sie mit ihren metamorphmagischen Fähigkeiten, die sie als Kind noch nicht gut kontrollieren konnte, eine Bedrohung des Geheimhaltungsabkommen bedeutet hätte.
Doch Auroren mussten, egal, wo sie waren, mit ihrer Umgebung verschmelzen und Teil der Masse werden können, um nicht aufzufallen. Das Tarnen an sich war für Tonks natürlich kein Problem, so hatte sie sich für die Fahrt ins Ministerium schulterlange braune Haare und ein breites sommersprossiges Gesicht zugelegt. Nicht schön, nicht hässlich, nicht provokativ.
Nun auch in ihrem Verhalten völlig unsichtbar zu werden, beherrschte sie allerdings noch nicht. Sie redete zu laut und zu viel, gestikulierte stets wild und zog mit ihrer ungestümen Tollpatschigkeit ständig Blicke auf sich.
Alastor hingegen schaffte es – obgleich er offiziell schon seit einem Jahr im Ruhestand war - spielend, eine so durchschnittliche und langweilige Aura um sich herum zu kreieren, dass Tonks ihn manchmal fast selbst übersah.
Sie wollte hart an sich arbeiten, um dieses Stadium der absoluten Anpassung auch zu erreichen.
Also quetschten die beiden sich in die volle Bahn Richtung Stadtzentrum und gaben sich größte Mühe, unsichtbar zu werden.
„Also", flüsterte Tonks. „Wie sieht der Plan aus? Wen rekrutieren wir als erstes?"
Alastor brummte nur unwillig.
„Zuerst müssen wir doch Kingsley dazu bringen, die Jagd auf Sirius abzubrechen, oder?", setzte Tonks eindringlich hinzu.
„Nicht hier, Nymphadora!", knurrte Alastor mit gesenktem Kopf.
„Wo dann?", entgegnete Tonks. „Wahrscheinlich sind wir nirgends so unbeobachtet wie hier. Es ist vollkommen sicher."
Seufzend gab Alstor sich geschlagen. „Wir werden erst mal die alten Ordensmitglieder aufsuchen und sehen, wem wir noch vertrauen können. Solange werden wir gefälschte Hinweise über Sirius' Aufenthaltsort verteilen, um Kingsley aus London fort zu locken. Ich möchte ihn nicht hier im Ministerium haben, wenn wir die Ordensmitglieder aufsuchen. Er würde Wind davon bekommen. Außerdem ist es so sicherer für Sirius."
Tonks nickte zustimmend. Sie mochte Kingsley sehr, doch es stimmte, dass er verdächtig gut über alles, was im Ministerium vor sich ging, Bescheid wusste. Fast so, als würden sämtliche Memos, die täglich verschickt wurden, direkt durch sein Büro geleitet, damit er sie kurz überfliegen konnte. Nicht, dass Tonks ihm das je zutrauen würde. Soviel sie wusste, war er ein sehr gesetzestreuer, pflichtbewusster Mann, der eng mit Fudge zusammenarbeitete.
Alastor hob den Kopf und sah Tonks in die Augen – sie spürte, dass auch sein magisches Auge durch den Bouler direkt auf sie gerichtet war. „Wir hatten gehofft, dass du diese Aufgabe übernehmen könntest. Ich habe noch ein paar Kontakte im Ministerium. Ich könnte dir irgendeinen Spezialauftrag verschaffen, der - wenn nötig - ein monatelanges Fehlen im Ministerium entschuldigen würde … was sagst du?"
Tonks sah hinunter auf den schmutzigen Fußboden der U-Bahn und überlegte. „Ich hatte mir meinen erste Mission eigentlich anders vorgestellt.", sagte sie schließlich.
Natürlich wollte sie dem Orden gern dort helfen, wo sie am nützlichsten war. Doch ganz allein, womöglich monatelang, durch die Welt zu reisen und ihren Ausbilder, den sie schätzte und respektierte, auf eine falsche Fährte zu locken und dabei auch noch ihre Stelle im Ministerium zu riskieren hörte sich nicht besonders spaßig an.
Alastor nickte verständnisvoll, eine Regung, die man bei ihm nur höchst selten zu sehen bekam. „Es ist deine Entscheidung. Dumbledore und ich dachten nur, dass du gut für die Aufgabe geeignet wärst ..."
„Was ist mit meinen Eltern, würden sie die Wahrheit erfahren?" Tonks könnte es nicht ertragen, Ted und Andromeda in einer so wichtigen Gelegenheit anzulügen.
Alastor zuckte mit den Schultern. „Wenn sie sich dem Orden gegenüber loyal zeigen, könnten wir das erwägen … Aber du weißt ja:-" ,
„Immer wachsam! Ja, ich weiß", vollendete Tonks grinsend seinen Satz. Sie hatte von ihm keine andere Antwort erwartet.
Als Tonks morgens um sechs Uhr endlich von ihrer Nachtschicht zurückkehrte, war Bill zu ihrer Überraschung bereits auf. Er wirkte hundemüde, saß aber bereits völlig angezogen am Küchentisch und schlürfte Kaffee. Tonks grüßte knapp und schleppte sich dann sofort ins Bad, um zu duschen.
Sie und Bill waren früher auf Hogwarts beste Freunde gewesen, obgleich sie unterschiedlich wie Tag und Nacht waren: Bill, ein Reinblüter, der unter seinem auffälligen Weasleyhaar litt und sechs jüngere Geschwister hatte und Tonks, ein Einzelkind mit Muggelvater und einem Äußeren, das sie nach Lust und Laune verändern konnte.
Doch ihre gemeinsamen Interessen – Quidditch und Verteidigung gegen die dunklen Künste - sowie ihr gemeinsamer Posten als Vertrauensschüler - der Bill die Verantwortung brachte, die er schon gewohnt war, und Tonks die Aufgabe, die sie sich gewünscht hatte - schweißten sie eng zusammen.
Nach ihren UTZs beschloss Tonks, ihre Aurorenausbildung in einem Zaubererinstitut mit angeschlossener Quidditchakademie zu beginnen und Bill entschied sich für eine Karriere als Fluchbrecher bei Gringotts.
Er hatte beruflich viel in Ägypten zu tun und Tonks reiste zusammen mit ihrem Ausbilder Kingsley oft nach Äthiopien, um die schwarzmagischen Kreaturen seiner Heimat kennenzulernen. Wenn Bill Urlaub hatte, unternahmen sie manchmal gemeinsame Reisen durch Afrika, jagten Ungeheuer und besuchten internationale Quidditchturniere.
Manchmal, wenn in London mal wieder ein besonders grauer und regnerischer Tag anbrach, sehnte sich Tonks nach dieser Zeit in der Sonne zurück, auch wenn Bills heller Teint sie nur schlecht vertragen hatte, was er nicht müde wurde, abzustreiten.
Tonks war vor ihm nach London zurückgekehrt und wieder bei ihren Eltern eingezogen. Doch Andromedas ständige Sorge um sie und Teds Unverständnis für alles, was Tonks in ihrem Alltag an Magischem und Mystischem umgab, hatten in ihr schnell den Wunsch nach Selbstständigkeit geweckt, weshalb sie vor einem halben Jahr – als Bill auch aus Afrika zurückgekehrt war, um näher bei seiner Familie zu sein - mit ihm zusammen in diese Wohnung gezogen war.
Und bisher funktionierte alles prima: Er kochte, sie wusch ab, die Miete teilten sie sich. Er war nie übertrieben besorgt, wenn Tonks zu einem gefährlichen Auftrag aufbrach, und sie fragte ihn nicht über seine blonde Arbeitskollegin aus, eine beinahe übernatürlich schöne Französin, mit der er sich seit neuestem öfter verabredete. Und vor allem gaben sie keine Kommentare zu den Haaren des jeweils anderen ab.
Doch obwohl Tonks wirklich müde und nichts lieber wollte als schlafen, kam sie nicht zur Ruhe.
Tausend Gedanken rasten ihr durch den Kopf. Gedanken über ihren, zu Unrecht verurteilten, Großcousin Sirius; über die Mission, auf die Alastor sie schicken wollte; über Du-weißt-schon-wen, der, wie sie nun wusste, irgendwo da draußen war und nur auf eine Gelegenheit wartete, zuzuschlagen.
Schließlich fiel sie doch in einen unruhigen Schlaf, der ihr statt Erholung nur Albträume bescherte, was sie so nicht von sich kannte. Sonst war sie nie der Typ, der sich viele Gedanken machte und vor dem Unausweichlichen davon rannte. Allerdings war auch keine Aufgabe, die Kingsley, Alastor oder irgendein Lehrer bisher von ihr verlangt hatten, so schwer und gefährlich gewesen. Wenn sie doch wenigstens Bill von ihrem Einsatz für den Orden erzählen könnte. Oder, noch besser, wenn er mitkommen könnte. Doch das war aussichtslos. Schließlich war er zurück nach England gekommen, um seiner Familie nahe zu sein, nicht, um sich gleich in das nächste gefährliche Abenteuer zu stürzen.
Aber Tonks wusste, dass er von der Rückkehr von Du-weißt-schon-wem überzeugt war, dass er Harry Potter und Dumbledore bedingungslos glaubte und auch, dass er sich deshalb öfter Streitereien und heftige Diskussionen mit seinen Kollegen bei der Bank oder seinem jüngeren Bruder Percy einhandelte. Tonks war sich sicher, dass er sich für den Orden des Phönix begeistern würde und nahm sich vor, Alastor zu fragen, ob sie ihren besten Freund einweihen durfte.
