... und Lügen

Gegen Mittag stand Tonks mit knurrendem Magen auf und ging in die Küche. Im Fenster sah sie ihr Spiegelbild. Grelle Sonnenstrahlen beschienen ihre vom Schlaf geröteten Wangen und ihren müden hellblauen Haarschopf, der ihr ungekämmt über den Rücken fiel.

Sie wirkte viel jünger als sie eigentlich war. Zu jung für die Welt, zu schwach ... Mehr wie Nymphadora als wie Tonks.

Nein, sie wollte nicht länger das kleine Mädchen sein, das Schutz von seinem Mentor und Unterstützung von den Eltern brauchte. Sie war unabhängig und sie war nützlich!

Kurz entschlossen griff Tonks nach einem Stück Pergament und kritzelte eine Nachricht für Alastor. Sie würde den Auftrag annehmen, ganz gleich, ob nun allein oder mit Partner. Sie wollte helfen!

Erleichtert verzog sie das Gesicht und als sie sich wenig später im Badezimmerspiegel betrachtete, sah Tonks eine starke junge Frau mit moderner Kurzhaarfrisur und schönen, ebenmäßigen Zügen. Zufrieden öffnete sie ihren Kleiderschrank und wählte zu ihrer kurzen Lederjacke ein leichtes Sommerkleid und ihre liebsten Schnürstiefel.

Ihren Zauberstab verstaute sie in der Innentasche ihrer Jacke, bevor sie sich auf der Stelle drehte und disapparierte.


Für einen richtigen Besuch bei Alastor würde die Zeit, die sie noch hatte, bis sie im Ministerium sein musste, nicht reichen. So entschied Tonks, nur schnell ihre Nachricht in den Briefkasten seiner Londoner Wohnung zu werfen und wieder zu verschwinden, bevor sie es doch noch mit der Angst zu tun bekam.

Alastor gehörte, wie sie und Bill, zu den wenigen Zauberern, die in einer Muggelstadt außerhalb der gekennzeichneten Zaubererviertel lebten, die oft mit Muggelabwehr und Verschleierungszaubern belegt waren. Er zog es vor, völlig anonym zu bleiben und sich lieber mit Drogendealern und Taschendieben, die sich in dieser Gegend herumtrieben, anzulegen, als ständig den Blicken misstrauischer Zauberernachbarn ausgesetzt zu sein.

Seit seiner Entführung im letzten Sommer, als niemand auf seinen Hilferuf reagiert hatte, hatte er sich immer mehr von Alltagsleben der restlichen Zauberergemeinschaft zurückgezogen. Nicht, dass er davor besonders gesellig gewesen wäre. Er empfing seit Jahren außer Tonks und Mundungus Fletcher kaum noch Besuch.

Umso mehr hatte es Tonks überrascht, wie vertraut und freundschaftlich sein Umgang mit Sirius gewesen war. Wie lange wusste Alastor wohl schon über die Wahrheit Bescheid? War er der einzige gewesen, der den scheinbar so eindeutigen Fall von Verrat noch einmal genauer angesehen hatte? Und was hatte er gefunden?

Tonks würde ihn auf jeden Fall danach fragen. Oder vielleicht sogar eigene Nachforschungen anstellen. Doch fürs erste mussten ihr die Informationen, die sie bereits hatte, genügen.

Beschwingt stieg sie die kurze Treppe zu dem grauen Hochhaus, in dem Alastor eine kleine Wohnung hatte, empor und suchte nach dem Briefkasten, der kein Namensschild, dafür aber einen riesigen Aufkleber mit den Worten „keine Werbung" aufwies. Die Nachricht wurde recht eindrucksvoll von einem kleinen unheilvoll rollenden Auge, das den Betrachter, wo immer er stand, anzusehen schien, unterstützt.

Tonks hatte es selbst dorthin gemalt und Alastor hatte es durch einen Zauber mit seinem eigenen magischen Auge verbunden, sodass er, wo immer er war, sehen konnte, was vor seinem Haus geschah. Diese zusätzliche Sicherheitsvorrichtung hatten er und Tonks zusammen installiert, kaum, dass Alastor nach seiner Entführung hier eingezogen war.

Viele nannten Alastor verrückt und paranoid, vor allem, weil er auch kaum mehr Eulenpost empfing, sondern seine Nachrichten lieber über den Postweg der Muggel erhielt, der nicht vom Ministerium überwacht wurde.

Aber Tonks empfand großen Respekt für den alten Auror, der ihr – auch noch im Ruhestand – alles über unverzeihliche Flüche und Sicherheitszauber beigebracht hatte, was sie wusste.

Sie versenkte ihre Nachricht in dem schmalen Briefschlitz und beobachtete fasziniert, wie das kleine gemalte Auge ihr verschwörerisch zuzwinkerte.


Im Zaubereiministerium herrschte schon seit Stunden reger Betrieb. Tonks lief durch die imposante Eingangshalle, kaufte sich einen Tagespropheten und machte sich dann auf den Weg zu ihrer Abteilung. Im Aufzug warf sie einen kurzen Blick auf das Titelblatt der Zeitung und seufzte genervt.

Lucius Malfoy übergibt großzügige Spende an das St. Mungo-Hospital" und direkt darunter „Exklusiv-Interview mit Celestina Warbeck" ...

Wenn der Prophet nicht gerade über Dumbledore und Harry Potter herzog, brachte er in letzter Zeit nichts als belanglosen Blödsinn.

Kein Wort über erhöhte Sicherheitsmaßnahmen in öffentlichen Gebäuden und kaum etwas über den katastrophalen Ausgang des Trimagischen Turniers in Hogwarts, über den sich die ausländische Presse wochenlang ausgelassen hatte.

Tonks begrüßte einige Hexen aus der Abteilung für magische Strafverfolgung, mit denen sie schon öfter zusammengearbeitet hatte, und verließ den Fahrstuhl im zweiten Stock, wo sich unter anderem auch die Aurorenzentrale befand.

Dort herrschte, wie immer, hektische Betrieb. Zauberer liefen rufend und gestikulierend durcheinander, beschlagnahmte magische Artefakte wurden unter strengen Sicherheitsmaßnahmen in die zuständigen Abteilungen weitergeleitet und kleine Kampftrupps gingen permanent mit grimmigen Mienen ein und aus.

Tonks hatte für den Nachmittag noch keinen Auftrag und lief sogleich zu dem magischen schwarzen Brett neben dem Eingang zur Verwaltung der Abteilung, auf dem in goldenen Lettern sämtliche eingehende akute Notfälle und Hilferufe aufleuchteten. Gleich daneben waren alle verfügbaren Informationen zu dem Verbrechen aufgeführt, sowie die Anzahl der benötigten Auroren, um die Herausforderung zu meistern.

Vor der Tafel hatte sich bereits eine Traube junger Zauberer versammelt, die darauf brannten, einen interessanten und möglichst gefährlichen Auftrag zu ergattern. Wer sich zuerst für einen Einsatz mit der korrekten Anzahl Partner meldete, wurde sofort losgeschickt.

Kompliziertere Missionen und Aufträge, bei denen es zum Beispiel um die Beschattung und Festnahme von Todessern ging, wurden natürlich im Voraus geplant und die Auroren für den Einsatz sorgfältig ausgewählt. Doch diese Fälle traten in letzter Zeit immer seltener auf, was den meisten in der Abteilung das Gefühl gab, einen guten Job zu machen und bald alle Anhänger von Du-weißt-schon-wem vernichtet zu haben.

Tonks schrumpfte ein paar Zentimeter und drängelte sich in die erste Reihe. Gerade flammte eine Meldung auf, derzufolge ein Irrwicht in einem Haus in Cambridge gesehen worden war, mit dem der Hausbesitzer nicht allein fertig wurde. Nur zwei Auroren wurden dafür benötigt.

Das war ideal, Tonks kannte sich gut in Cambridge aus – ihre Großeltern väterlicherseits lebten dort – und so könnte sie bequem zum Hauptbahnhof apparieren und von da aus besagtes Haus aufsuchen. Mit dem Irrwicht würde sie mit links fertig und sie könnte schon am frühen Abend zurück sein und mit dem Bericht über ihre Nachtschicht anfangen.

Sie wollte sich gerade schnell auf den Weg machen, um ihre bevorzugte Partnerin Nelly Johnson ausfindig zu machen, als sie mit Kingsley Shaklebolt zusammenstieß, der die Arme voller Aktenordner hatte, die natürlich zu Boden fielen.

Sofort stürzte Tonks sich eilfertig auf die Papiere, um sie wieder aufzuheben, stolperte dabei über ihre eigenen Füße und wäre fast hingefallen, hätte Kingsley sie nicht am Oberarm festgehalten.

Tonks wurde rot und beobachtete beschämt, wie ihr Ausbilder die Dokumente mit einem Schwung seines Zauberstabs zurück in seine Arme beförderte.

„Entschuldigung, Kingsley, ich wollte nicht ...", fing sie an.

Er sah sie streng aber wohlwollend an, wie Tonks es von ihm kannte, und unterbrach sie mit seiner tiefen angenehmen Stimme. „Nach Ihnen habe ich gesucht, Tonks, Sie müssen diese Akten für mich einsortieren!", sagte es und drückte ihr schon den schweren Stapel in die Arme.

Tonks konnte es nicht fassen. „Was? Aber ich war gerade unterwegs für einen Auftrag!"

Kingsley nickte zum Schwarzen Brett, an dem vorerst keine Meldungen mehr zu sehen waren. „Sieht so aus, als wäre Ihnen jemand zuvor gekommen.", sagte er gutmütig.

Tonks nickte nur und ließ die Schultern hängen.

Kingsley legte ihr tröstend eine Hand auf den Arm. „Ich weiß, Sie würden am liebsten nur auf Feldeinsätze gehen, aber es gibt immer auch die andere Seite einer Aufgabe." Er nickte auf die Akten in Tonks' Armen.

„Tun Sie mir den Gefallen! Es ist schließlich auch in Ihrem Interesse, das Archiv etwas besser kennenzulernen.", fügte er noch mahnend hinzu und verschwand dann Richtung Fahrstuhl.

Tonks schnaubte frustriert und machte sich auf den Weg.


Sie duckte sich unter einem Schwarm wild flatternder Memos hinweg und drückte sich an dem, ins Leere stierenden, Archivar Donald Rich vorbei in die enge, verstaubte Kammer voller Aktenschränke, die von allen vollmundig 'Archiv' oder 'Register negativ auffälliger Personen im Bezug auf magische Strafverfolgung', kurz 'RAPS', genannt wurde.

Die turmhohen Regale quollen über von unordentlichen Papierstapeln, Ordnern, Pergamentrollen und Kisten voller beschlagnahmter Eigentümer.

Außerdem schlief Figgins hier, ein kleiner dicker Hauself, der sich im Archiv auskannte wie kein zweiter. Er machte den Archivar vor der Tür vollends überflüssig, allerdings wussten nicht viele von ihm.

Tonks war ihm zum ersten Mal vor zwei Jahren begegnet, als sie durch ihre Ungeschicklichkeit eins der Regale zu Fall brachte und er ihr geholfen hatte, alles wieder in Ordnung zu bringen.

Sie wusste nicht, wann, wie und warum Figgins hier herein gelangt war, doch sie war dankbar für seine Hilfe beim Recherchieren und beruhigt, dass auch Kingsley von Figgins' Existenz wusste und sich nicht weiter daran störte.

Ungewöhnlich an diesem Hauself war aber auch und vor allem, dass er Kleidung trug. Meistens war es ein winziger Nadelstreifenanzug mit brauner Fliege, doch zu Festtagen, wie Tonks' erfolgreichem Abschluss ihrer Aurorenausbildung, hatte sie den Elf auch schon in einer Art Hemd mit einem viel zu langen Schottenrock und dazu passender Mütze gesehen.

Tonks wusste nicht, ob Figgins seine Freiheit genoss, oder lieber wieder eine Anstellung gehabt hätte, doch sie wollte ihn nicht danach fragen und der Elf sprach es auch nicht von sich aus an.

Heute war er damit beschäftigt, im hinteren Teil des Archivs irgendwelche Kisten zu entrümpeln und neu zu ordnen. Tonks konnte nur vermuten, dass der alte Hauself sehr langsam arbeitete, wenn man bedachte, dass er tagein tagaus nichts anderes tat, als hier Ordnung zu schaffen und das Archiv immer noch aussah, als hätte man dort einen Sack Wichtel freigelassen.

Tonks begrüßte Figgins freundlich, erhielt aber keine Antwort. Er hatte sie bestimmt gehört, wollte aber offenbar heute nicht mit ihr reden.

Schulterzuckend machte sie sich ohne seine Hilfe ans Werk.


Sie sortierte längst abgeschlossene Fälle so gut es ging alphabetisch in die Regale ein. Doch bald schon merkte sie, wie ihre Gedanken sich von der monotonen Arbeit losmachten und wieder zum Orden des Phönix wanderten.

Ob Alastor ihre Nachricht bereits gelesen hatte? Würde er zustimmen, Bill in den Orden einzuführen? Und noch viel wichtiger, wie würde Bill in diesem Fall reagieren?

Seufzend stellte Tonks die letzte Akte ins Regal und streckte sich. Die stickige Luft und das spärliche Tageslicht im Archiv hatten sie wieder schläfrig gemacht. Es musste schon später Nachmittag sein. Um diese Zeit wurden die Meldungen und Aufträge meistens schon weniger und die ersten Auroren brachen zu ihren Nachtschichten auf oder verabschiedeten sich in ihren wohlverdienten Feierabend. Der Lärm vor der Tür ebbte langsam ab.

Plötzlich hatte Tonks eine Idee. Wenn sie bisher noch keine Antwort von Alastor bezüglich ihres Auftrags erhalten hatte, könnte sie sich doch, wo sie schon einmal hier war, auch ohne ihn auf ihre erste Mission vorbereiten. Sie lief zu den B-Akten und begann diese durchzusehen.

„Baggins, Bart, Berten, Bibbles, Bims, Bleyton, Bluff …", murmelte Tonks vor sich hin, ohne fündig zu werden. „Figgins! Wo sind die restlichen Akten mit B?", rief sie in die Dunkelheit.

Gemächlich kam der Elf angetrottet und besah sich den Stapel, den Tonks aus dem Regal gehievt hatte. Schließlich sagte er: „Alles da … bis auf einen."

Er hob den Blick und sah Tonks misstrauisch in die Augen. „Was will Ms. Tonks über Sirius Black wissen?"

Sie machte eine Unschuldsmiene. „Kingsley hat mich gebeten, die Akte für ihn zu holen. Er arbeitet an diesem Fall, wie du weißt, und ..."

„Diese Akte befindet sich bereits in Mr. Shacklebolts Büro.", unterbrach Figgins sie mit gerunzelter Stirn. „Er hat sie persönlich bei Figgins abgeholt … vor etwa einem Jahr."

Tonks wurde blass. „Ach, ja! Natürlich, hab ich ganz vergessen." Sie schluckte. Wie dumm von ihr. Selbstverständlich befand sich Sirius' Akte in Kingsleys Büro seit dieser mit dem Fall betraut worden war.

Sie erhob sich rasch. „Na, dann … geh ich mal wieder.", stotterte sie und ergriff sofort die Flucht, wobei sie einen großen Papierstapel umriss. „Oh, ich … äh, Verzeihung!", rief sie noch und schlüpfte dann schnell hinaus, während sie Figgins skeptischen Blick noch immer auf sich ruhen spürte.

Als sie draußen war, atmete Tonks tief durch, um sich zu beruhigen.

Hoffentlich behielt Figgins ihr Gespräch für sich. Vor allem, dass er sie beim Lügen ertappt hatte, sollte keiner wissen.

Tonks überlegte, was sie nun tun sollte. Falls sie Alastors Auftrag in näherer Zukunft ausführen sollte, würde sie den Inhalt der Akte so oder so wenigstens einmal durchlesen müssen, um sich ein Bild von Kingsleys bisherigen Nachforschungen machen zu können.

Sie fragte einen ziegenbärtigen Zauberer aus der Auroreneinsatzverwaltung nach Kingsleys gegenwärtigem Aufenthaltsort und fand heraus, dass dieser an einer Tagung zur Umstrukturierung magischer Strafverfolgung im zehnten Stock teilnahm.

Das würde vermutlich eine Weile dauern. Tonks beschloss, ihr Glück zu versuchen.

Sie verschwand auf der Damentoilette und ließ sich einen Vorhang langer dunkler Haare wachsen, hinter denen sie ihr Gesicht verbergen konnte. Um sicher zu gehen, dass wirklich niemand sie erkannte, färbte sie ihre Haut ebenfalls ein paar Nuancen dunkler, eine etwas kompliziertere Transformation, die Tonks große Konzentration abverlangte.

So getarnt ging sie zu Kingsleys Büro, dass in einem abgelegenen Korridor, fern vom unruhigen Treiben der Aurorenzentrale, lag.

Sorgsam darauf bedacht, kein Geräusch zu machen, drehte Tonks den Türknauf. Abgeschlossen. Sie hatte nichts anderes erwartet, zückte ihren Zauberstab und versuchte nicht daran zu denken, dass sie sich schon jetzt strafbar machte. Sie probierte einige einfache Entriegelungszauber und schaffte es schließlich, die Tür zu öffnen.

Wäre dies Alastors Büro, so hätte sie vermutlich tagelang versuchen können, dort einzudringen, aber zu ihrem Glück war Kingsley kein besonders misstrauischer Mensch.

Drinnen empfing sie der vertraute Geruch nach Moschus und alten Büchern und etwas anderem, das sie nie richtig einordnen konnte, das Tonks aber an ihre Reisen durch Afrika erinnerte. Kingsley war jemand, der Wert auf Ästhetik legte und eine Schwäche für alles hatte, was ihn an seine Heimat erinnerte.

Helle durchscheinende Stoffbahnen bedeckten die Wände und bildeten über Tonks' Kopf eine Art Zelt. Auf einem goldenen Beistelltischchen thronten mehrere Elefantenskulpturen aus Elfenbein und auf dem massiven Schreibtisch aus Mahagoni stand ein gerahmtes Bild von Kingsleys Familie: Seine Eltern, beide schon sehr alt aber freundlich lächelnd, und seine jüngere Schwester, eine hübsche Frau mit langem schwarzem Haar und seidiger kaffeebrauner Haut. Sie alle standen vor dem Zaubererinstitut in Addis Abeba und winkten begeistert in die Kamera.

Tonks kannte das Bild gut. Sie selbst hatte die Familie Kingsley schon mehrmals getroffen und war stets sehr gastfreundlich bei ihnen aufgenommen worden.

Sie wandte sich von dem Foto ab und trat hinter Kingsleys Schreibtisch. In den unverschlossenen Schubladen fand sie nur alte Federkiele, Pergament und unwichtige Protokolle und Berichte.

Dann stieß sie auf ein abgeschlossenes Fach. Tonks probierte einige Zauber aus, doch das Schloss ließ sich offenbar nur mit dem richtigen Schlüssel öffnen.

Inständig hoffend, dass Kingsley denselben nicht bei sich trug und auch nicht allzu bald zurückkommen würde, machte sich Tonks auf die Suche danach.

Sie durchwühlte noch einmal die anderen Schubladen, sah auf dem, mit afrikanischen Einlegearbeiten verzierten, Kaminsims nach, griff unter den kostbaren, handgewebten Teppich und studierte sogar die kleine Sammlung von Whiskeygläsern, die in einer hochbeinigen Vitrine ausgestellt waren.

Sie glaubt schon, Kingsley habe den Schlüssel tatsächlich mitgenommen, als sie entdeckte, dass eine der Elefantenskulpturen innen hohl war und einen abschraubbaren Kopf besaß. Eingebettet in schwarzen Samt lag darin ein kleiner goldener Schlüssel, der perfekt zu dem verschlossenen Schreibtischfach passte.

Aufgeregt ging Tonks hinter dem Schreibtisch auf die Knie und griff hinein. Sie ertastete zunächst etwas Hartes, Kaltes und förderte enttäuscht eine halbvolle Flasche Feuerwhiskey zutage. Doch dann fand sie weiter hinten tatsächlich auch, wonach sie eigentlich gesucht hatte: Die Gefangenenakte von Sirius Black.

Staunend blätterte Tonks durch die zahlreichen Dokumente.

Es gab eine Kopie von Sirius' Abschlusszeugnis in Hogwarts – er hatte in beinahe jedem Fach ein Ohnegleichen erhalten, wie Tonks überrascht fstestellte - und ein Hochzeitsfoto von den Potters, auf dem er – der Trauzeuge – in der ersten Reihe stand. Tonks fand einen Stammbaum der Blacks, Fahrzeugpapiere, die Sirius als den Besitzer eines gigantischen fliegenden Motorrads auswiesen, Fotos von einem Hippogreif namens Seidenschnabel und auch eine Karte von England, auf der Sirius' letzte Fluchtspuren eingezeichnet waren. Erleichtert stellte Tonks fest, dass Kingsley seit über einem Monat keine neueren Hinweise gefunden zu haben schien. Laut dem neuesten Stand der Karte befand sich Sirius wohl irgendwo im Norden Großbritanniens, davor war er kurz in den Bergen rund um Hogsmead gewesen.

Doch alles in allem schien das Ministerium bei seiner Aufspürung doch eher im Dunkeln zu tappen, sie wussten nicht einmal, wie es Sirius vor zwei Jahren gelungen war, aus Askaban zu entkommen und in Hogwarts einzudringen.

Was sie wussten, war, dass er danach auf einem Hippogreif namens Seidenschnabel geflohen war und dabei vermutlich Hilfe gehabt hatte. Der Verdacht lag stark auf dem damaligen Lehrer für Verteidigung gegen die dunklen Künste, Professor R. J. Lupin, einem Schulfreund von Sirius.

Tonks blickte überrascht auf. Vermutlich war dies jener Lupin, den sie am vergangenen Nachmittag kennengelernt hatte.

Sie blätterte weiter vor zu Sirius' Verhaftung.

Offenbar war der erste, der ihn nach dem Tod der Potters gesehen hatte, Rubeus Hagrid. Er hatte Sirius noch am Tatort angetroffen, wo der völlig fassungslos in den Trümmern kniete. Bis klar wurde, dass Sirius der Einzige war, der die Potters verraten haben konnte, war er schon auf der Flucht. Laut dem Bericht, hatten die Auroren ihn zusammen mit einem Eliteteam der magischen Polizeibrigade, in einer überfüllten Einkaufsstraßen der Muggel gestellt.

Diesen Teil kannte Tonks bereits. Nun kam das Märchen vom tapfersten Helden der Zaubererwelt, dem Träger des Merlinordens erster Klasse, dem selbstlosen Rächer seiner Freunde: Peter Pettigrew.

Bis gestern hatte Tonks dieses Märchen noch selbst geglaubt. Hatte geglaubt, dass es wahrscheinlicher war, dass von Pettigrew nichts Größeres als sein kleiner Finger übriggeblieben war, als dass er sich diesen einfach nur abgeschnitten hatte, aus Angst, jemand könnte die Wahrheit herausfinden. Die Wahrheit, dass in Wirklichkeit er und nicht Sirius der Geheimniswahrer der Potters und damit ihr Verräter gewesen war.

Was ausgesehen hatte wie ein mutiger Held, der verzweifelt versuchte, den Mord an seinen Freunden zu rächen, war genau das gewesen. Nur, dass Sirius und nicht Pettigrew dieser Mann gewesen war.

Pettigrew hatte seinen Tod meisterhaft inszeniert, hatte mit dem Sprengzauber - den man Sirius' Zauberstab sicher nicht nachweisen konnte - alle Spuren verwischt und es gleichzeitig so aussehen lassen, als sei Sirius ein wahnsinniger Massenmörder.

Wütend las Tonks weiter.

Sirius hatte sich nicht kampflos ergeben und wieder und wieder seine Unschuld beteuert, bis die Auroren ihn schließlich überwältigten und auf obersten Befehl von Bartemius Crouch sr. ohne einen Prozess nach Askaban brachten, wo er zwölf Jahre seines Lebens eingesperrt blieb. Einer Randnotiz entnahm Tonks, dass Sirius' Zauberstab kurz nach seiner Einweisung zerstört worden war. Eine Erklärung dafür stand nicht dabei.

Tonks war fassungslos. Ohne einen Prozess? Zauberstab zerstört?

Wie konnte das sein? Wieso war noch nicht längst jemandem aufgefallen, welche Ungerechtigkeiten diesem Mann widerfahren waren? Wieso hatte niemand Genaueres über seine Beweggründe, seine beiden besten Freunde zu verraten, wissen wollen? Warum war sein Zauberstab nicht eingehend überprüft worden? Wer im Ministerium hatte damals so heftig gepfuscht, geheuchelt, erpresst und bestochen, um Sirius hinter Gitter zu bringen? Und warum?

Sollte es Bartemius Crouch sr. gewesen sein, so erübrigte sich jedes Sinnen auf Rache.

Alastor hatte Tonks von seinem mysteriösem Tod im letzten Sommer erzählt. Einfach ausgelöscht von seinem eigenen Sohn, demselben Wahnsinnigen, der Alastor das ganze letzte Schuljahr auf Hogwarts in seinem Koffer gefangen gehalten hatte.

Doch nach allem, was Tonks über den alten Crouch gehört hatte, war er selbst kaum besser gewesen. Ein fanatischer Jäger schwarzer Zauberer und Todesser, der den Auroren die Befugnis erteilt hatte, im Notfall unverzeihlichen Flüche anzuwenden.

Er hatte offenbar nicht selten Gefangene freigelassen, wenn sie ihm nur genug Namen von anderen Todessern verrieten. Im Kontrast dazu stand, dass es auch Gerüchte über seine kalte Grausamkeit gab, denen zufolge er oft Verdächtige, deren Schuld noch nicht zweifelsfrei erwiesen war, ohne Gerichtsbeschluss nach Askaban geschickt hatte, um nach außen hin den Eindruck zu vermitteln, dass Ministerium hätte alles bestens im Griff und würde sämtliche Todesser festnehmen.

Es stimmte zwar, dass erst Bartemius Crouch sr. die ersten harten Maßnahmen gegen Du-weißt-schon-wen eingeleitet und so die entscheidende Wende im Kampf herbei geführt hatte, aber der Krieg und vor allem die Entlarvung seines eigenen Sohnes als Todesser, hatten etwas in ihm zerbrochen.

Hatten ihn verändert. So wie er auch Alastor, Tonks' Mutter, Sirius und etliche andere verändert hatte.

Tonks schloss die Akte traurig und verstaute sie wieder in dem schmalen Fach in Kingsleys Schreibtisch. Sie wollte es gerade abschließen, als sie Schritte auf dem Korridor vor der Bürotür hörte.

Panik ergriff sie. Wenn sie jemand hier drin fand, wie sie Dokumente aus dem Schreibtisch ihres Ausbilders ohne seine Erlaubnis las …

So schnell sie konnte, hastete sie zu dem Beistelltischchen mit den Elefanten und legte den Schlüssel zurück in sein Versteck. Sie war gerade an der Tür, als diese sich öffnete und Kingsley Shacklebolt den Raum betrat.

Tonks erschrak dermaßen, dass sie spürte, wie ihre Konzentration nachließ und ihre Haut langsam wieder ihren gewohnten hellen Farbton annahm. Sich selbst wieder ähnlicher, sah sie zu ihrem Ausbilder auf, wie eine Maus, zu einer aufgerichteten Schlange.

Kingsley wirkte allerdings nicht ärgerlich, eher milde überrascht.

„Tonks, wie schön, Sie haben meine Nachricht erhalten. Ich hatte nicht erwartet, dass Sie es noch vor mir hierher schaffen würden."

Er setzte sich hinter seinen Schreibtisch und kramte in einer seiner Schubladen. Als Tonks sich nicht rührte, blickte er auf und bedeutete ihr mit der Hand, sich ebenfalls zu setzen.

Mit zitternden Knien ließ Tonks sich auf einem der riesigen thronähnlichen Sessel nieder und beobachtete beklommen, wie Kingsley seine Papiere ordnete, betend, dass er das Chaos – das nicht sein eigenes war – nicht bemerkte.

„Sie sehen ja aus, als wäre Ihnen ein Geist begegnet.", stellte Kingsley mit einem raschen Blick auf ihr ungewöhnlich blasses Gesicht fest.

Tonks ließ ihren Teint augenblicklich etwas rosiger erscheinen und räusperte sich.

„Um was geht es denn?", fragte sie, in der Hoffnung, dass Kingsley eben dies nicht in der Nachricht an sie, die nie angekommen war, erwähnt hatte.

Kingsley füllte gerade ein Formular aus und setzte den Stempel des Ministeriums, sowie seine Unterschrift darunter.

„Ich ...", er schob Tonks das Blatt über den Tisch zu, damit sie es lesen konnte. „Schicke Sie auf eine Mission. Ihre erste Mission."

Tonks überflog das Formular, es war tatsächlich eine amtliche Vollmacht, die allen Auroren, die auf Mission gingen, ausgehändigt wurde, damit sie ihren Nachforschungen ungehindert nachgehen konnten. Diese hier bezog sich gleich auf mehrere Monate.

Konnten das schon die Auswirkungen ihrer Nachricht an Alastor und dessen 'Kontakten im Ministerium' sein?

Tonks nickte erst mal stumm und bemühte sich um einen möglichst überraschten und erfreuten Gesichtsausdruck.

Kingsley fuhr fort: „Es ist nichts Großes. Ich habe aus zuverlässiger Quelle von einer Werwolfsgemeinde bei Cardiff gehört, die unangenehme Tendenzen hegen und Gerüchten zufolge mit Todessern sympathisieren soll. Ihre Aufgabe wird sein, die Situation fürs erste nur zu beobachten und mir Bericht zu erstatten, bevor wir irgendwelche Eingriffe planen oder vornehmen. Wie hört sich das an?"

Tonks überlegte kurz. „Werwölfe?", fragte sie dann vorsichtig.

Sie gehörte zwar nicht zu der Sorte Hexen, die Vorurteile gegenüber anderen magischen Geschöpfen hegten und speziell Werwölfe als untragbare Bürde und Gefahr für das gesellschaftliche Leben ansahen, doch eine 'Werwolfsgemeinde, die unangenehme Tendenzen hegen und mit Todessern sympathisieren soll' klang auch für ihre Ohren nicht besonders verlockend.

Kinsley hob beschwichtigend die Hände. „Keine Sorge, es kann überhaupt nichts schief gehen. Ich würde Ihnen ja gerne einen Partner mitschicken, aber allein sind Sie unauffälliger. Ich dachte, ich nehme jemanden, der sich ganz besonders gut tarnen kann.", schmeichelte er ihr.

Tonks tat so, als würde sie über das Kompliment erröten und unterschrieb dann brav sowohl die Vollmacht, als auch ihren Missionsvertrag.

Alastor würde schon wissen, was er tat.


Kingsley begleitete Tonks nach draußen. Kaum hatte er die Tür für sie geöffnet, schoss ein kleiner blauer Memo herein und begann wild Tonks' Kopf zu umkreisen.

„Was ist denn das? Erwarten Sie eine Nachricht?", fragte Kingsley schmunzelnd.

Das tat Tonks nicht, vielmehr befürchtete sie, dass eben jetzt Kingsleys Botschaft eintraf, die sie angeblich ja schon erhalten hatte. Doch das durfte er auf keinen Fall mitkriegen.

Sie zwang sich zu einem Lachen. „Nicht, dass ich wüsste." Mit der geschickten Hand einer ehemaligen Sucherin, griff Tonks den Papierflieger aus der Luft. Sofort erschlaffte er in ihrer Hand. „Der hat sich bestimmt nur verflogen. Ich werde raus finden, für wen er eigentlich bestimmt war."

„Gut." Kingsley schien mit den Gedanken bereits woanders zu sein. „Ich wünsche Ihnen einen schönen Feierabend, Tonks."

Sie lächelte betont fröhlich. „Ja, ebenso … einen schönen Feierabend und … Danke für den Auftrag!"


Auf der Straße vor ihrem Haus entspannte Tonks sich langsam wieder. Dies war ihr erster Tag als Mitglied des Ordens des Phönix und sie war schon völlig erschöpft vom ständigen Herumschnüffeln, Geheimnisse bewahren und Ausreden erfinden.

Doch bisher war alles glatt gelaufen und sie hatte sich auch noch nicht durch irgendeine Dummheit verraten. Zudem war der vergangene Nachmittag für sie der spannendste seit langem gewesen.

Vielleicht taugte sie ja doch ganz gut zur Geheimagentin.

Tonks grinste und ließ den kleinen Papierflieger in ihrer Hand in Flammen aufgehen.